Donnerstag, 21. November 2013

No more Mr. Night Sky

Liebes Tagebuch,
in meinen jüngeren und verwundbareren Jahren gab mein Vater mir einen Rat, der mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. "Wann immer du an jemandem etwas auszusetzen hast", sagte er, "vergiss nicht, dass nicht alle auf dieser Welt einen so leichten Start hatten wie du." Gute Worte, die vor Voreingenommenheit schützen - im Bezug auf alles, nicht nur auf Kohle. Nein, das hat er nicht gesagt. Das war eine Lüge. Das sind nicht die Worte meines Vaters, das sind die Eröffnungssätze von Fitzgeralds großem Gatsby. Der einzige Rat, an den ich mich erinnere, ist: "Alex, weißt du, du musst versuchen, so viele Weiber wie möglich zu bumsen, solange du jung bist." Es ist nicht so, dass er mir sonst keine Ratschläge gegeben hätte, vermutlich waren sogar weit bessere dabei, ich erinnere mich einfach nur am ehesten an diesen Rat, weil die Situation so furchtbar befremdlich war. Wir standen beide auf dem Balkon und sahen in den dichten Nebel. Ein Mädchen aus meiner Klasse läuft die Auffahrt hinunter; sie und ich, wir hatten gerade unsere Hausaufgaben zusammen gemacht. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich, glaube ich, noch überhaupt kein Mädchen gevögelt. Ach, mein Vater.

Es ist schon lange her, dass ich das letzte Mal allein eine Freistunde auf dem Campus verbringen musste, denke ich, als ich mich auf die kalten Treppenstufen eines der Fakultätsgebäude setze und eine Kippe anzünde. Naja, "Freistunde" ist vielleicht das falsche Wort. Ich bin vielmehr einfach im Seminar aufgestanden und gegangen, bevor der Dozent mich entdecken konnte. Und jetzt sitz ich draußen und blase Rauch in den Himmel. Es ist so schrecklich grau hier überall. Ein übermächtiges und erdrückendes Grau, das sich auf die Haut legt, wenn man nicht aufpasst. Hinter mir redet ein kurzhaariges, dickliches Mädchen lautstark mit ihren hässlichen Freundinnen darüber, warum sie Lehrerin werden will. Ich muss fast kotzen. Sie hält ein grandioses Plädoyer mit Sätzen wie "Mit jungen Menschen kann man wenigstens noch normal reden, ne?" oder "Und, selbst wenn es 'ne Herausforderung ist, da sage ich 'Bring it on, immer her damit'". Dass die sich nicht selbst krankmachen.

In meinem Enthusiasmus habe ich mir nicht einmal ein Buch mitgenommen, das ich jetzt lesen könnte. Ich dämlicher Trottel. Nur mein kleines schwarzes Notizbuch habe ich dabei. Ich weiß nicht, wie viele Seiten ich schon mit feuchten und vor Nervosität zitternden Händen vollgekritzelt habe. Gedanken, Fluchtiraden, Romananfänge und Erinnerungen, scheinbar zusammenhangslos aneinandergereiht. Wenn es jemandem in die Hände fiele, er könnte vermutlich nichts mit den Worten darin anfangen; sie müssen zu konfus wirken, obwohl sie es eigentlich nicht sind. Naja, wahrscheinlich wäre es dem Finder aber auch schlicht weg unmöglich, meine hässliche "Handschrift" zu lesen. Das kann man niemandem verübeln; ich kann das selbst nur aus Gewohnheit. Noch immer hallen die Worte meine Grundschullehrerin durch meine Gedanken: "Noch sieht das nicht gut aus, aber spätestens in drei bis vier Jahren hat sich dann Eure eigene Handschrift herausgebildet". Da warte ich heute noch drauf. Genau wie auf meinen Vollbart. Manche Versprechen scheint das Leben einfach nicht erfüllen zu wollen. Ich schreibe wie ein gehetzter Zweitklässler mit mittelmäßigen Noten.

Es wird zu kalt, um draußen zu sitzen. Ich schlendere durch die Korridore und gehe extra langsam, damit die Zeit verstreicht. Nicht einmal mein Handy hält zu mir: Der Akku ist leer. Dann ist das Schicksal endlich mal auf meiner Seite und ich treffe zufällig einen Kumpel, der sich davor drückt, sich auf seine mündliche Prüfung vorzubereiten. Wir rauchen eine, labern Schwachsinn und gehen in den Buchladen. Und wieder 22€. Ich bin ein Idiot. Ich könnte jeden Tag zehn Bücher kaufen, obwohl nicht einmal meinen Kontostand kenne. Aber so winkt wenigstens Beschäftigung. Ich suche mir die Bank, auf der ich mit meinem Kumpel Jazz schon unzählige Stunden des hirnlosen Wartens überstanden habe. Man muss erfinderisch sein ohne Auto. Nach Hause zu gehen würde sich einfach nicht lohnen. Hier kenne ich mich aus: Gewohnte Perspektive und das stetige Brummen des Getränkeautomaten. Dann bin ich wieder allein. Ein Mädchen mit dunklem langen Haar und gutem Körper geht vorbei und lächelt mich an. Sie weiß, dass ich ihr jetzt hinterhersehe. Seit ich das neue Axe habe, bilde ich mir ein, öfter angeflirtet zu werden.

Ich mag den Geruch neuer Bücher. Ich schlage die erste Seite auf und beginne gerade damit, den mir stets so wichtigen ersten Satz zu lesen, da schallt schon von Weitem das dämliche Geschnatter irgendeiner aufgebrachten Juristenschlampe durch den Flur. Ich versuche weiter den Satz zu lesen, merke jedoch schon, wie sich meine Augenbrauen hochziehen. Neugier kann zum Feind werden. Ich kann nicht weghören. "Weißt du, zuerst waren da nur ich und Nicole. Wir waren hier immer zusammen an der Uni und so. Dann kam erst Nathalie und wir haben sie quasi zum Klub dazugehören lassen. Und jetzt denk' ich mir schon: Hallo, willst du dich jetzt dazwischen drängeln. Ich mein', was geht ab, ey? Das kann's doch nicht sein", echauffiert sie sich. Neben ihr geht ein stiller und unscheinbarer Typ, der immer wieder beflissen nickt, um der dämlichen Kuh zu zeigen, dass er fein zuhören kann. Seine Augen und seine Haltung verraten, dass er sie eigentlich bumsen will. Vielleicht fragt er sich aber auch inzwischen, ob es das wirklich wert ist, also sich diese ganze Scheiße dafür anzuhören, und denkt sich, dass es am Ende wahrscheinlich ja sowieso wieder nicht klappt. Er sieht traurig aus, aber das wäre ich auch nach all den Wortsalven, die aus dieser unansehnlichen Pute in ihrer zu engen Jeans strömen. Nichts gegen enge Jeans. Wirklich nicht. Die Hose ist jedoch ihr zu eng. Okay, ich lese den ersten Satz noch einmal. Doch sie hält einfach nicht die Fresse. "Und dann bekommst du mit, dass die hinter deinem Rücken dann voll über dich ablästern. Da dachte ich mir dann auch: Alles klar, schönen Dank, ey", sagt sie. Ich werfe beiden einen wütenden Blick zu. Interessiert sie gar nicht. Fickt euch, ich gehe eine rauchen und such' mir danach eine neue Bank. Dämliche Fickfressen.

Vor der Tür steht ein dicklicher Junge, der Pfeife raucht und dabei selbstgefällig mit einem Typen redet, der sich sein Hemd in die Hose gesteckt hat. Ich mochte den Geruch noch nie. Okay, ich gehe eine Runde um den Block. Andere Seminargebäude haben auch schöne Aschenbecher. Ich kann nicht ohne Vorverurteilungen und das ärgert mich. Am Ende sitze ich im Kellergeschoss in einer Ecke, schlage mein Buch erneut auf und merke, dass ich keine Zeit mehr habe und weiter muss. Ich klappe das Buch zu. Ich war nicht immer so. Nicht immer so griesgrämig.

Während ich im Gang stehe und warte, kommt ein blondes Mädchen auf mich zu. Vielleicht ein paar Jahre älter als ich. Sie ist hübsch und sie lächelt. Ich lächele auch kurz, sehe dann aber schnell nach unten. "Hallo", sagt sie, "Du siehst so verloren aus, suchst du etwas, kann ich dir irgendwie helfen?" Was? "Nein, ich brauche keine Hilfe, danke", sage ich mit meinem schiefsten Lächeln. Das verrückte neue Axe. Als die Massen an Studenten aus dem verbrauchten Seminarraum strömen und eine Wolke verschiedener Gerüche vor sich her treiben, sieht mir noch ein Mädchen direkt in die Augen und lächelt. Dritter Punkt für mich heute. Ich schwöre es! Axe! Irgendwo tief in mir regt sich mein Ego und erinnert mich an alte Tage. Mit einem Lächeln trete ich den Heimweg an - ein kurzes vielleicht, aber trotzdem ein Lächeln. Nächster guter Vorsatz: Nicht mehr so ein verfickter Miesmacher sein. Und toleranter sein. Und nachts besser schlafen. Und nicht mehr wütend auf dem Balkon stehen, in den dunklen Himmel starren und sich überlegen fühlen, wenn man es nicht ist. Und endlich verinnerlichen, dass Zigaretten und Arroganz keine Stilelemente sind.

Der schönste Satz aus dem Gatsby ist übrigens der Schlusssatz des Romans.

"So kämpfen wir uns voran wie Schiffe gegen die Strömung, unaufhörlich zurück ins Vergangene getrieben."
Nachti Nachti,

A.

Kommentare:

  1. Ein sehr sehr weißer satz

    Außerdem würde ich mich rieeeßig freuen wenn du hier (hier kliicken) für Janine voten würdest :)

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  2. Ich habe dein(en! - Ich finde den Artikel "das" sehr befremdlich) Blog eigentlich schon seit langer Zeit abonniert, aber wirklich lesen tu ich ihn seit ca. einem Monat.

    Abgesehen von deinen Gedanken und Alltagsgeschichten, welche wirklich lesenswert sind, finde ich deinen Schreibstil wirklich herausragend. Es sind nämlich keine 0815-Floskeln die man sonst auf diversen Blogs liest, und das ist in unserer heutigen Zeit selten, da momentan scheinbar jeder irgendwie ein Stück vom "medialen Aufmerksamkeitskuchen" haben will.

    Die Texte sind sehr lebendig, sodass man nach einigen gelesen Zeilen nicht auf den Gedanken kommt, das Browserfenster zu schließen. Bevor jetzt überflüssige Adjektive wie "toll" oder "gut" kommen, würde ich sagen, dass ich meinem Kommentar nichts mehr weiteres beizufügen habe.

    Lg

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