Mittwoch, 27. November 2013

#schockstarre

Ich bin nicht stolz auf mich. Überhaupt nicht stolz. Als ich heute Morgen in den Spiegel gesehen habe, hat mein Kopf gezittert und kurz habe ich an die wertenden Blicke gedacht. Ich konnte mich nicht dazu aufraffen, mich dem zu stellen und jetzt schäme ich mich. Ich will nicht freakig aussehen, ich will cool aussehen und lässig, so als ob mir die ganze Welt egal wäre und ich im Bus immer hinten sitzen würde. Vielleicht bin ich ein bisschen hängen geblieben, aber verfickt noch mal, das ist meine Vorstellung von Coolness. Zigarette im Mundwinkel, hochgezogene Augenbrauen und so. Ich hab schon keine Lederjacke oder ein altes Motorrad. Ich habe nicht einmal ein Fahrrad, weil ich finde, dass ich dämlich beim Fahren aussehe - außerdem habe ich Angst vor dem Verkehr der Großstadt. Großstadt, Kiel, haha. In Wismar musste ich nie auf der Straße fahren. Und damals, vor 1000 Jahren, gab es auch noch keine Verkehrsregeln.

Jazz hat gesagt, dass er jeden verprügelt, der mich auch nur falsch ansieht in der Uni. Und seine Worte sind immer etwas wert. Zumindest ist das ein wenig wie im Film. Gute Freunde sind rar. Aber ich kann nicht gehen, wenn ich zittere. Das ist mir klar, als ich rauchend auf dem Balkon stehe, in den eiskalten Sonnenschein blicke und Jazz anrufe, um zu fragen, ob er mich in die Anwesenheitsliste eintragen kann. Inzwischen beherrscht er meine Unterschrift vermutlich besser als ich selbst. "Was kümmert es dich, was irgendwelche Spastis von dir halten?", hat er gefragt. Dasselbe hatte mich Sophia auch schon gefragt, und meine Antwort bleibt die dieselbe, auch wenn ich mir ihrer maßlosen Unreife bewusst bin: Ich will scheinbar auch von den Spastis cool gefunden werden, so traurig das ist. Meine Fußsohlen kribbeln, was dazu führt, dass es sich anfühlt, als würde sich der Boden bewegen. Geschlagen ziehe ich mich zurück ins Bett, die Kapuze meines Sweatshirts tief ins Gesicht gezogen, und höre das neue Album von Farewell Milwaukee.


Kurz frage ich mich, ob ich die Band nur so exzessiv höre, weil mich die Stimme des Sängers und das Songwriting so unglaublich an Ryan Adams erinnern. Sind Farewell Milwaukee etwa nur meine Musikhure für mich, während ich ewig auf ein neues Album von Adams warten muss? Nein, sie sind wirklich gut. Das Schöne an den Neuen Medien ist, dass sie einem die Möglichkeit geben, diese noch nicht so richtig erfolgreichen Bands einfach mal anzuschleimen, wenn einem danach ist, ohne die Gewissheit zu haben, in Wahrheit mit irgendeinem PR-Arschloch zu kommunizieren. Ich habe FM zu ihrem Album gratuliert und ihnen geschrieben, dass es gut sei. Kurze Zeit später haben sie sich höflich bedankt, mir ihre Liebe versichert und sich gefreut, dass sie Hörer in Deutschland haben - und wenn es nur einer sei.

Alle drei Monate habe ich eine kurze Twitterphase, in der ich mich online über Fußball, Politik und das Fernsehprogramm aufrege - und eben manchmal auch mit der schillernden Welt der Prominenz in Kontakt trete. Das ist eine tolle Chance, die ich beispielsweise dazu genutzt habe, dem dämlichen Boris Becker zu schreiben, dass sein pausenloses Eigenlob in Retweetform (jugendsprachestyle, weil ich der Babo bin) übertrieben bescheuert ist. Und der ist so verflucht selbstverliebt, dass er den ganzen Scheiß wahrscheinlich auch tatsächlich persönlich liest, denn für ein paar Minuten hatte man das Gefühl, er würde tatsächlich sein Maul halten, so Web 2.0 mäßig. Und wenn sich jemand über Selbstverliebtheit beklagen sollte, dann der Junge, der ein(en) Blog schreibt. Aber nach kurzer Zeit langweile ich mich selbst und verlasse Twitter immer wieder. Während meiner letzten Twitterphase habe ich es sogar in die heilige Bild-Zeitung geschafft! Naja, zumindest in einen Artikel auf Bild.de. Ha, wer ist jetzt hier kindisch und unerfolgreich in seinem Leben? (6. Einmal im Leben in der Bild-Zeitung landen) Das nenne ich mal journalistische Integrität: Ein Tweet zum Auszug David Hasselhoffs aus dem Promi-Big-Brother-Haus. Ich habe mich ganz schön erschrocken, als ich plötzlich mein süßes Gesicht unter dem Artikel gesehen habe. Da wird man ja auch nicht einmal gefragt.

Ich deprimiere mich, und all das dumme Gequatsche kann mich davon nicht ablenken - da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Wer Brauchen ohne "zu" gebraucht, brauch' Brauchen überhaupt nicht zu gebrauchen. Ich sollte irgendwie mal wieder Musik machen, aber 1/3 meiner Band weilen noch immer in Paris und genießen das Leben in der bezauberndsten Stadt der Welt - und ein prolliges Semester an der ehrwürdigen Sorbonne. Ich wäre auch gern mal wieder in Paris oder in Brügge oder in Norwegen oder in der Toskana - nur irgendwie nicht in Kiel. Kiel ist doof. "Ist irgendetwas? Deine Augen sehen traurig aus", sagt sie, als sie ins Schlafzimmer kommt. "Meine Augen sehen traurig aus? Nee, alles okay. Das Übliche eben", antworte ich. Als sie draußen ist, fotografiere ich mein Gesicht, um das zu checken. Diese verdammten blau-grauen Verräter, sie waren mir nie gewogen. In meinen Augen sieht man immer, was ich denke: Sie sehen gemein aus, wenn ich jemanden verabscheue und sie sind schuldbewusst, wenn ich lüge. Außerdem sollte ich mich wirklich rasieren gehen. Dabei freue ich mich doch so über jedes Bisschen Bartwuchs. Aber nur ich freue mich.

Ich lösche die Einladung zum traditionellen Glühweintrinken im Seminar aus meinem E-Mail-Postfach, ohne sie zu lesen. So verfahre ich auch mit Vortragseinladungen, dem Universitätsball, Workshops, Infotagen und all dem sonstigen Scheiß ohne Anwesenheitspflicht. Gegen Abend wird es immer ein wenig schlechter, wenn ich keinen Weg finde, mich abzulenken. Die Ideen, die mich in Bewegung halten, verschwinden im Verlauf des Tages langsam, als wanderten sie mit der Sonne um mich herum, bevor sie im Ozean versinken. Ich schleppe mich auf den Balkon und die Kälte zieht von meinen nackten Füßen hoch durch meinen ganzen Körper. Ich weiß nicht, wie spät es ist, aber es ist bereits dunkel. Meine Ohren klirren wegen der Stille im Innenhof. Nach zehn Liegestützen knackt alles. Die Knochen in meinem Brustkorb klingen, als seien sie aus altem Holz. Meine Oberschenkel zittern ein wenig. Nach zwanzig Liegestützen weiß ich nicht, wie ich jemals mehr schaffen konnte. Ich sacke kurz auf den Bauch und rieche alten Zigarettenrauch im Teppich. Nach dreißig Liegestützen bin ich mir ganz sicher, dass ich gleich sterbe. Ich halte die Luft an und schreie die Zahlen in Gedanken. Hitze steigt unter meinen Klamotten auf. Nach vierzig Liegestützen ist wirklich Schluss.

Ich pumpe, als wäre ich einen verschissenen Marathon gelaufen. Ich muss die Sachen im Dunkeln auf dem Balkon machen, da ich für die Wirbelsäulenübungen meinen Arsch merkwürdig in die Höhe rekeln muss und der Rest auch schon so bescheuert aussieht. Ich will nicht, dass die Anderen in der WG mich sehen. Außerdem ist es irgendwie cool, allein in der Kälte für eine Dreiviertelstunde solchen Fitnesskram zu machen, da ich mir dabei immer vorkomme, als würde ich mich auf einen krassen Kampf um die Ehre, das WM-Finale oder den Kalten Krieg vorbereiten. Nur mein hektischer Atem und ich in der Dunkelheit. Und es ist der einzige Sport, den ich mache, wenn Zufußgehen, Haarewaschen, Sex oder Masturbation nicht zählen.

Nachdem ich mich rasiert habe, liege ich Jahrhunderte in der heißen Wanne und versuche, ab und an ein paar Seiten zu lesen, wenn ich nicht einfach nur die Fliesen anstarre und dieses verfluchte Lied aus "Game of Thrones" vor mich her singe. Der Muskelkater setzt bereits ein, das merke ich deutlich, als ich mich hochstütze. Das Wasser rinnt an mir hinunter und ich fühle mich besser.

A.       

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