Sonntag, 29. Dezember 2013

Schlangen und Ratten und Fische

Mecklenburg, Dezember 2013

"Alex? Alex? Alex, bist du wach?"
Langsam dringen die einzelnen Töne zu mir vor und setzen sich mit Verzögerung zu einer Stimme zusammen.
"Alex, ich glaube, du musst einen Fisch töten", sagt die Stimme.
"Was muss ich?", frage ich schwerfällig.
"Na guck doch mal, der Orangefarbene dort, der zuckt und ist krank. Die Anderen haben schon seine Schwanzflosse angefressen. Der schwimmt nicht mehr richtig."
"Aber er lebt noch, also töte ich ihn nicht. Das ist Aquariendarwinismus", sage ich und öffne dabei langsam die Augen.
"Aber er quält sich doch. Ist es dir lieber, dass er sich quält?"
"Was meinst du, wie angenehm es ist, im Toilettenwasser zu ersticken? Das könnte ich ethisch nicht verantworten", sage ich, aber eigentlich bin ich einfach zu faul. Zu faul, den Fisch aus dem Becken zu holen. Zu faul, ihn zu töten - womit auch immer. Zu faul, mich zu bewegen. Zu faul, irgendetwas zu tun, zu denken, zu sehen. Vielleicht kommt das von den Pillen.
Eigentlich gehört das Aquarium mir, aber seit ich ausgezogen bin, kümmere ich mich nicht wirklich darum, weswegen mein Vater nicht müde wird zu betonen, dass es nun ihm gehört, schließlich sei es mir ja offensichtlich egal geworden. Nach meinem Abitur stellten mich meine Eltern vor die Wahl: Entweder, ich würde einen Laptop für mein Studium bekommen, oder aber ein Aquarium. Die Zukunft schüchterte mich immer eher ein. Den Laptop kaufte ich mir dann eben später selbst und plünderte dafür meine gesamte Abfindung vom Zivildienst. Es war ein schrecklich heißer Tag, als die Postfrau eine Schubkarre mit all den Kartons meiner Computerbestellung die Auffahrt hochschob. Ihr Gesicht tropfte vor Schweiß und wir boten ihr ein Glas Wasser an, bevor ich dann alles in bar bezahlte. Tausend Euro. Unglaublich, dass ich mal so viel Geld leichtfertig ausgeben konnte. Ich habe das Aquarium trotzdem nicht bereut. Die erste Zeit saß ich jeden Abend vor der Scheibe und sah den Fischen dabei zu, wie sie das stinkende Krümelfutter fraßen, sich gegenseitig durch das Becken jagten (manchmal auch nur ihr eigenes Spiegelbild), oder, wie sie einfach friedlich von einer Glaswand zur anderen schwammen, ohne wirklich zu merken oder zu verstehen, dass einfach alles Grenzen hat.
Im Flur begegne ich meinem Vater, der stehenbleibt und mich anstarrt.
"Na, haben wir auch mal ausgeschlafen? Du siehst beschissen aus. Ich mach' dir jetzt einen Friseurtermin. Ich bezahl' das auch."
"Jo, mach'", antworte ich und schiebe mich an ihm vorbei.

Samstag, 28. Dezember 2013

Sandgeflüster

Mecklenburg, Dezember 2013

"There must be lots of stories about this place, right?", fragt sie, so dass ich es kaum hören kann. "I mean from the time when both of you were younger."
"Yeah", antwortet Andreas, "but I think Alex has much more stories to tell 'bout this city. Long stories, you know?" Er nickt mit dem Kopf in meine Richtung.
"Love stories"?, fahre ich dazwischen, als hätte ich es nicht richtig verstanden. "Lasst uns nicht über die Vergangenheit reden heute. Es ist schließlich Weihnachten."
"Oh, really?", fragt sie Andreas. Beide wirken, als hätte sie mich nicht gehört.
"There was a time when he felt like he was the king of all of this", sagt Andreas und deutet dabei auf den Strand und das Meer, die Bäume und die Dünen. Das sollen wohl die Grenzen meines Königreichs gewesen sein. "To be honest he thought he was the king of everything. And then there was this girl", fährt er fort.
Ich weiß nicht, wo ich hinsehen soll. Ich gehe einfach weiter über die Promenade und lasse Andreas meine kleine Legende erzählen.
"There's always a girl", sagt seine Freundin, während meine Begleitung - ich weiß nicht, ob sie zuhört oder nicht - über den weißen Strand blickt, der so gar nicht nach Winter aussehen will. Ruhig und behutsam schieben sich sanfte Wellen auf den Sand. Niemand redet so richtig laut, als wäre dies hier ein Museum oder ein Friedhof.
"Yeah, but this girl was different. She changed everything."
"You mean she took him back to the ground?", fragt sie.
"Yes, but she destroyed him and she broke his heart."
"Oh", entgegnet sie leise.
Ein bisschen pathetisch, aber es trifft den Kern, denke ich. Auf Englisch klingt all das wie ein verfluchter Song oder der Trailer eines miesen Films.
"So, und jetzt lasst uns über Euch sprechen und nicht mehr über die alten Geschichten", sage ich. Ich bin ein wenig verlegen, wenngleich es mir schmeichelt, dass ich meinen Mythos so lange allen auf die Nase gebunden habe, bis er tatsächlich zu einer Art Sage wurde. Ich habe Big Fish einfach zu ernst genommen.
 "Sie ist nett, oder? Aber warum gehen die so schnell?", fragt mich meine Begleitung, als wir wieder mal eher Andreas und seiner Freundin hinterherlaufen, als dass wir neben ihnen über die Strandpromenade oder die Seebrücke schlendern.
"Ich habe keine Ahnung! Das muss das verfickte Großstadttempo sein."
Ich mache ein Foto von den Beiden und sage spöttisch, dass sie es sich dann auf meinem Blog angucken können. Ich dachte auch, dass das ein Witz sei. Sie nuscheln sich weiterhin Dinge auf Englisch zu - wie schon auf der Fahrt.
"Ey, geht mal nicht so schnell. Wir sind hier nicht auf dem Kurfürstendamm", rufe ich nach vorn.
"Vorsicht", sagt Andreas und sieht mir in die Augen, während ich meine verdrehe.

Donnerstag, 26. Dezember 2013

Durchsage

Offenbar gab es ein Problem mit Blogspot. Ab jetzt sollte das Kommentieren von Posts wieder möglich sein, also denkt nicht, ich hätte irgendetwas gesperrt oder nicht freigegeben.

Noch einen schönen letzten Weihnachtsfeiertag!

A.

Das Mädchen vom Strand: Blitz und Donner

Mecklenburg, Juni 2005

Die Luft riecht nach Sommer und es ist schrecklich heiß, den ganzen Tag schon. Die Grenze zwischen dem kaputten, aufgerissenen Asphalt und der Stelle, wo der Boden aufhört und der Himmel beginnt, schimmert verschwommen wie bei einer Straße in der Wüste - glatt so, als würden sich die Bilder an der von Hitze verwaschenen Kante überschneiden. Immer wieder weht die Luft vom benachbarten Pferdestall herüber, als wir, bepackt mit Kabeln, Möbeln und irgendwelchen Bauteilen, über den alten Weg, bis hin zur Lagerhalle gehen. Mit jedem Mal werden die Schritte langsamer und kürzer. Wir labern uns gegenseitig voll und versuchen uns dadurch zu beeindrucken, immer schwerere und unhandlichere Dinge aus den dunklen Winkeln der Lagerräume zu ziehen, um sie anschließend, unter hektischen Atemzügen, in die große Halle zu bringen, an deren Außenfassade, hässliche weiße Farbe abblättert. Es gibt Orte, die sehen nicht einmal richtig schön aus, wenn sie von einer abendlichen Sommersonne beschienen werden; nicht einmal, wenn man einigermaßen betrunken ist - und nicht einmal in der Erinnerung. 

Den ganzen Tag schon mühen wir uns zu zehnt oder so hier in der Hitze ab. Schweiß klebt an uns allen und unsere Gesichter sind rot. Ich hieve gerade einen großen lila Sessel, den jemand vor Jahren oder Jahrzehnten ausrangiert haben musste, auf das Gestell der Bühne, ziehe eine Flasche Bier aus meinem Rucksack und lasse mich in den riesigen hässlichen Sessel sinken, während Wolken von Staub unter meinem Gewicht wie ein letzter Atemstoß aus seinen Poren drängen und in der Luft um mich herum schweben, bevor sie für immer verschwinden. Meine dünnen Arme zittern von der Kraftanstrengung, als ich mit der Ecke meines Feuerzeugs das Bier öffne. Mit einem Mal spüre ich den ganzen Tag in meinen Armen und Beinen. Seit den Morgenstunden haben wir unser Möglichstes versucht, aus der alten Lagerhalle so etwas wie eine Location zu machen. Was für ein beschissenes Wort. Das Gelände gehörte zur Firma der Familie eines Freundes, und ein eigenes Konzert zu organisieren, klang wie eine gute Idee, als wir vor Monaten auf irgendeiner Party zusammensaßen und uns über einen beschissenen Gig auf einer Dorfbühne geärgert hatten. Ja, wir machen selbst alles. "Rock in der Lagerhalle": Zumindest was den Namen betraf, schienen wir all den anderen Konzertveranstaltern in der Gegend keinen beschissenen Millimeter voraus zu sein. Die Flyer waren in Schulen verteilt und klebten an den Bushaltestellen der Überlandbusse, sogar unsere spärlichen Verbindungen zur Regionalpresse hatten sich ausgezahlt, eine Bierzapfanlage (mit ein paar hübschen Kellnerinnen) war aufgebaut und eine Lichtanlage installiert. Das Bühnengestell hatten wir uns von einer Musikschule geliehen, genau wie die Gesangsanlage und das Mischpult. Der Rest war improvisiert. Ein großer, mit Decken verhangener, Bauzaun trennte dazu einen Backstage-Bereich mit Couchen, Tischen und Alkohol ab, der bestimmt ein Viertel der ganzen Fläche einnahm - was wir aber vollkommen angebracht fanden.

Die anderen Jungs arbeiteten weiter, trugen Dinge, fegten den schmutzigen Boden und verkabelten irgendetwas, mir aber wurde langsam klar, dass ich die Lust am Helfen und Kräftemessen endgültig verloren hatte, und von nun an, alles dafür tun würde, hier oben auf der Bühne, in diesem nach Trockenheit stinkenden Sessel, sitzen zu bleiben, zu rauchen und das Geschehen gnädig zu beobachten.
"Die Pause geht aber schon lange, ne? Wat is, Alex, lässt der feine Herr Künstler lieber das Fußvolk schuften?", brüllt der Hausherr grinsend zu mir nach oben, zu mir, meiner Bühne und meinem lila Thron. Das Image der arroganten Schlange habe ich mir so lang aufgebaut, bis ich es nicht mehr loswerden konnte. Das störte mich aber nur manchmal.
"Fick dich! Ich habe ja nun wirklich schon mehr als genug getan", rufe ich zurück, und greife mir, um meine Gleichgültigkeit gegenüber der eigentlich ernst gemeinten Kritik noch zu verstärken, eine Gitarre, die ich unter allerlei Anstrengungen sogar in einen Verstärker gestöpselt bekomme, ohne aufstehen zu müssen. Ich habe so viel geraucht, dass ich kaum noch an der Zigarette ziehe, die schlaff in meinem Mundwinkel hängt, während ich eine kleine Melodie aus wenigen und immer wiederkehrenden hohen Tönen durch die staubige Halle schallen lasse. Feine Kopfschmerzen bohren sich mit jedem Zug in meine Schläfen und immer wieder steigt mir der Qualm in die Augen und lässt sie kurz tränen. Andreas setzt sich neben mich und fragt, von wem die Melodie sei, die ich da spiele. Sie komme ihm bekannt vor. Seine schwarzen Haare kleben an seiner Stirn und wellen sich vom Schweiß der Arbeit. Seine Augen sind müde.
"Keine Ahnung! Denke ich mir gerade aus", antworte ich wahrheitsgemäß, obwohl sie mir nun auch irgendwie bekannt vorkommt, jetzt, wo er es gesagt hat. Ich frage mich, wie oft sich schon irgendwo zwei Menschen dieselben Tonfolgen ausgedacht haben, ohne davon zu wissen, dass sie nicht allein sind, mit dem, was sie schaffen: Es ist keine Kopie, kein Plagiat - und trotzdem weit weniger wert als anderes, so vom Gefühl her. Ist eigentlich Quatsch. Ich kann nicht aufhören, die Melodie zu spielen und sehe immer wieder in das Gesicht des Bassisten, auf der Suche nach irgendeiner Regung, irgendeiner Anerkennung oder Reaktion; irgendetwas, das mir sagt: Lass' uns daraus etwas machen. Ich bin süchtig nach Bestätigung. Doch er ist einfach nur beleidigt, dass ich seinen MP3-Player ausgemacht hatte, um den Verstärker für die Gitarre zu nutzen. Wie ich es wagen konnte, einfach seine Playlist zum Schweigen zu bringen! Manchmal hasse ich ihn, aber das geht ihm genauso mit mir. Er liest meine Gedanken wie ich seine.

Dienstag, 17. Dezember 2013

Wissenschaftliches Arbeiten

Immer wieder lese ich die gleichen Sätze; stolpere immer wieder über den Begriff "Praeceptor Germaniae", Lehrer Deutschlands. Wahrscheinlich waren es immer Idioten, die sich selbst mit so einem Titel versehen haben - oder die damit versehen wurden. Für jeden König, der stirbt, krönen sie einen neuen. Ich lese nationalistische Pamphlete, politische Forderungen und antisemitische Hetze aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Für meine Abschlussarbeit. Wenn Nationalismus tatsächlich die reine Zuspitzung von Egoismus und Angst ist, wird man seine Keime niemals ausrotten können, denn sie gehören doch zur Seele der Menschheit wie Neid, Zorn, Verlustangst. Zur dunklen Seite sie dich führen werden. 
Das klingt jetzt beschissen schulmeisterlich, aber Scheiße, ich meine es ernst: Vielleicht ist all das Schlechte, all das Böse ein fester Bestandteil unserer Natur, und Fantasie und die Fähigkeit abstrakten Denkens führen uns unwiderruflich zu all den Gräueltaten, all dem Leid und all dem Schrecken, den wir hervorbringen. Wohlmöglich sind es sogar nur eine Handvoll Kardinalsünden, wenn man so will, die einfach jedem Menschen vertraut sind und von jedem empfunden wurden oder empfunden werden können. Egozentrik, die kombiniert mit Furcht dann Fremdenhass ergibt - in immer größeren Dimensionen, bis es gar in Völkermord ausufert. Was ein Sandkastenstreit im Kleinen ist, wird zu einem tobenden Blutrausch im Großen. Es verhält sich wie bei einem gigantischen Projektor, der Bilder und Staubkörner, und seien sie noch so klein, an eine Wand wirft und endlos vergrößert. So trägt jeder Mensch zu jeder Zeit alle Verbrechen und alle Sünden der Menschheit in sich. Ordnung und Gesetz könnten dann nichts weiter als Illusionen sein; gemeinsame Komponenten, geheuchelte Bekenntnisse zur Moral und zur Sitte, tatsächlich gemauert aus der Furcht vor dem Chaos und der Gefahr durch den Stärkeren, aus Feigheit. Demnach wäre es vielleicht doch nur eine Sünde, die übrig bleibt: die Angst. 

Wie ein vernachlässigter Hund, jage ich aufgeregt und dankbar jedem Gedanken hinterher, als böte nahezu alles den Hauch einer Ablenkung von mir selbst und dieser tristen Scheiße.    
Ich habe extra die Heizung im Wohnzimmer ausgelassen, damit es nicht zu bequem ist, Kopfhörer in meinen Ohren, damit ich mich konzentriere, aber ich bin einfach ein verlorener Junge: Wenn es mir keinen Spaß macht, muss ich mir jeden Satz mühevoll aus dem Fleisch schneiden. Sonst fließen die Worte nur so aus mir heraus, als müsste ich nur den Verschluss öffnen, doch dieses blutleere wissenschaftliche Arbeiten quält mich, und ich muss mir jeden prosaischen Schlenker und fast jeden kleinen Kniff verkneifen. Einen Kniff verkneifen, oh Mann. Ich wünschte, ich könnte einfach den ganzen Tag schreiben, was ich will. Je länger ich hier sitze, desto mehr fühlt es sich an, als würden sich meine spitzen Knochen in das Holz des Stuhls bohren - oder umgedreht. Ich verlagere das Gewicht von einer Arschbacke auf die andere.
Ich checke meine Mails, schreibe ein Wort oder eine Zahl, manchmal auch eine ganze Fußnote, checke meine Mails, checke Facebook, höre mir einen Song an, überlege mir coole Albentitel, entwerfe den Plot einer Kurzgeschichte, schreibe ein Wort oder eine Zahl, telefoniere zu lang mit irgendeinem Callcenter-Bimbo, der mir einen neuen Vertrag aufquatschen will und erkläre ihm schlussendlich, dass ich kein Geld habe für weitere Scheiße, ihm aber trotzdem ein frohes Fest wünsche, gehe Pfandflaschen wegbringen, kaufe ein, rauche eine, schenke der Obdachlosen vor dem Supermarkt mein Feuerzeug, beobachte einen Streit auf der anderen Straßenseite, überlege, hinzugehen und zu helfen, stelle meine Getränke auf den Bürgersteig und puste Luft aus meinen Lungen, sehe die Polizeiwagen mit Blaulicht kommen, bin erleichtert, gehe nach Hause, setze mich wieder an den Schreibtisch, schlage das Fachbuch auf, schweife ab, überlege mir den Titel einer Kurzgeschichte, singe "Stand By Me" (auch die Bassline), lese einen Satz, während ich noch immer die Melodie von "Stand By Me" summe, singe wieder "Stand By Me", ohne dabei zu lesen, gehe eine rauchen, checke meine Mails, checke Facebook, checke den Kicker, den Spiegel, die Zeit, die Süddeutsche, die Bild und singe dabei "Stand By Me", bekomme schlechtes Gewissen und öffne wieder das Fenster mit dem Word-Dokument, lese noch einmal die letzten zwei Sätze, lasse meine Fingerknochen knacken, dann meinen Nacken, lese den letzten Satz laut und stelle ihn mir in irgendeinem langweiligen Fachbuch vor, trommele mit meinen Fingern den Rythmus und beginne "Stand By Me" zu singen, sehe auf mein Handy, öffne das Fenster mit einem leeren Blogpost, schäme mich, überlege, einen ganzen Post nur in Form einer Aufzählung zu schreiben.

A.  

Sonntag, 15. Dezember 2013

Der Schatten grünen Kupfers

Sonntag. Das Erste, was ich merke, als ich aufwache, ist, dass die Fingerkuppen an meiner linken Hand schmerzen und ein wenig taub sind. Das ist ein vertrautes Gefühl - ich hatte es nur lange nicht mehr. Es ist noch nicht einmal acht Uhr, warum bin ich also schon wach? Draußen weht Regen gegen die Scheibe und noch ist es dunkel. Obwohl ich kaum etwas erkenne, bilde ich mir ein, den grünlichen Schatten zu erkennen, der sich über Nacht in die Konturen meiner Fingerspitzen hineingefressen hat, als hätte er eine Art Beweis zurücklassen wollen; einen Fingerabdruck auf dem Fingerabdruck. Ich kenne dieses Grün, denn ich habe es tausende Male gesehen. Auch meine ich, den Geruch von Metall wahrnehmen zu können; dieser kalte, unappetitliche - und vertraute - Duft von Säure und Rost, Schweiß und Stahl, nur alles irgendwie in einem. Ich habe wieder Gitarre gespielt - und zwar länger, vielleicht für Stunden, so richtig mit Singen und allem und Weihnachtsliedern und meinen Freunden. Eigentlich wollte ich nicht, aber das Mädchen mit der Gitarre zierte sich so und wir wollten doch Weihnachtslieder singen - und irgendwann überkam es mich. Es war nur für mich eine spirituelle Erfahrung, während die anderen Glühwein tranken und die Geschenke vor sich bewunderten. Nach kurzer Zeit ließ das Zittern meiner Hände nach und alles war wieder da. 
Das Kupfer in den Saiten also vielmehr die Kupferbestandteile der Legierung in der rauen Ummantelung der Westerngitarrensaiten oxidierten durch den Schweiß meiner Finger und färbten daraufhin grün ab. Genau wie früher. Ein bisschen eklig. Ich glaube, das ist einer der wenigen chemischen Prozesse, die ich jemals tatsächlich begriffen habe. Chemie ist scheiße. Wer will denn schon wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält - wenn es keine Gefühle sind?
In all den Monaten des untätigen Herumliegens hat sich die Hornhaut auf den Fingerkuppen meiner linken Hand ein Stück weit zurückgebildet, weswegen es nun ein wenig schmerzt, aber nicht doll - nur so sehr, dass man sich erinnert, und das ist ja etwas Gutes. Die Haut wird wieder dicker werden, bis nicht einmal Nadelspitzen sie noch verletzen können - und das ist keine verfickte Metapher.

A.   

Samstag, 14. Dezember 2013

Friedrichshain Redemption

"Umarmen wir uns morgen?", steht in der Facebooknachricht.
"Ja, aber keine Tränen", schreibe ich zurück.
"Nein, wir sind ja Männer."

Zwei Jahre ist es her, dass Andreas und ich uns zum letzten Mal gesehen haben. Unter ähnlichen Bedingungen. Wir kennen uns seit mehr als einem Jahrzehnt, und früher haben wir uns tatsächlich jeden Tag gesehen. Wir haben im selben Wohngebiet gelebt und gingen auf dieselbe Schule. Ich konnte ihm alles erzählen, und er saß sogar am Heiligen Abend mit meiner Familie und mir am Esstisch, weil ihm das Fest bei sich und seinen Leuten auf den Sack ging. Wir waren immer potenzielle Taufparten und Trauzeugen - auch wenn keiner von uns kirchlich war. Doch die Windungen des Lebens unmittelbar nach dem Abschlussball neigen dazu, Freundschaften auf harte Proben zu stellen. Während ich nach Kiel ging, einfach, weil es am Wasser liegt und nicht unendlich weit von meiner Heimatstadt entfernt ist, verschlug es Andreas, nach einem kurzen erfolglosen Studium, nach Berlin. Er war verliebt und folgte seinem Herzen und seinem Penis in die Hauptstadt. Das Mädchen ist natürlich längst Geschichte, doch er ist noch immer dort und arbeitet in der Finanzabteilung eines hippen Musikunternehmens mit Filialen in Tokyo und Los Angeles.

Berlin war nie meine Welt, genau wie Hamburg. Ich habe die Begeisterung für diese Städte nie verstanden und werde es auch nie. Ich bin nur dort, wenn es etwas zu erledigen oder etwas Wichtiges zu sehen gibt, nie einfach so. Beim letzten Mal Berlin war es eine Exkursion im Rahmen eines Seminars, bei der es darum ging, Museen unter pädagogischen Aspekten zu analysieren. Damals schlief ich bei Andreas, um mir die Übernachtung in irgendeinem billigen Hotel oder Hostel zu sparen und, weil wir einfach sehr gute, wenn nicht sogar die besten Freunde waren. Danach sahen wir uns nicht mehr. Die Welt drehte sich weiter und die Sonne ging auf und unter. So selten gelang es, sich zu schreiben oder auch nur zu telefonieren, und die Verbindungen des Alltags sind nun einmal das Fundament jeder guten Freundschaft. Brechen sie weg, wird alles oberflächlich, künstlich und kühl. Man wird zu Fremden mit einer verwobenen Vergangenheit, und der Mensch, den man so gut kannte, ist nichts weiter als eine Erinnerung an alte Zeiten, ein Foto oder ein Lied, das Bilder von früher hervorruft.     
Vor Wochen erwähnte ich beiläufig in einer Zehn-Zeilen-Unterhaltung auf Facebook, dass ich im Dezember in Berlin sein würde, um mir ein Konzert anzusehen. Das Hotelzimmer war bereits gebucht und eigentlich wollte ich mich überhaupt nicht melden - doch ich bin viel zu sehr in meiner Vergangenheit verwurzelt, als dass ich es über mein Herz bringen würde, eine solche Gelegenheit verstreichen zu lassen, wenn ich schon einmal wieder in der Stadt sein würde. Die Karten waren ein Geschenk. Andreas sagte sofort, dass ich die Zimmerreservierung canceln solle und natürlich bei ihm schlafen könne. Ich zögerte zwar, aber das dämliche Zimmer würde immerhin einhundertdreißig Euro die Nacht kosten, wenn auch mit Frühstück. Also sagte ich zu und nun bin ich tatsächlich auf dem Weg in die Hauptstadt. Und ich bin aufgeregt. Nicht nur, weil es mir so scheiße ging in den letzten Monaten und mich ein ausverkauftes Konzert in einer kleinen, stickigen Halle sicher nervös machen wird, sondern auch, weil ich nach so langer Zeit einen guten Freund wiedersehen werde und man ja nie so genau weiß, wie nahtlos alles ist, ob viel peinliches Schweigen in der Luft liegt, ob man sich zu sehr verändert hat oder ob es sofort wieder so ist, wie es früher war.

Freitag, 13. Dezember 2013

Mixtape: Christmas

Freunde, 

in zwei Wochen ist wieder alles vorbei und wir alle warten, gelangweilt und fettgefressen auf den bescheuerten Jahreswechsel, um uns immer schneller einem Jahrzehnt zu nähern, dem wir endlich wieder einen Namen geben können. Ja, dann sind es noch sechs Jahre, bis die goldenen Zwanziger beginnen und wir alle alt sind. Aber Schluss mit Tristesse, es ist Weihnachten, das Fest der Nähe, der Liebe und der Geschenke! 

Hier im Exil, abseits der Familie, setzt die Festtagstimmung irgendwie später ein. Zuhause wird all das ernster genommen: Meine Mutter ist eine glühende Verfechterin jeglichen Weihnachtskults, und wenn es nach ihr ginge, würde all dies hier bereits im Oktober einsetzen, sofern die letzten wärmenden Sonnenstrahlen durch den Garten geschienen sind und es langsam zu kalt wird, um sich mit einem Buch auf die Terrasse zu setzen und sich über kläffende Köter und den Lärm zu ärgern, den all die in die Jahre gekommenen Jack-Wolfskin-Träger machen, während sie ihre passgenauen Rasenflächen in der Eigenheimsiedlung mähen, an dessen Rande auch das Haus meiner Eltern steht. Die amerikanische Familie, so nennen die Nachbarn, zu denen meine Eltern keinen Kontakt pflegen, uns, wenn sie im Winter mit ein wenig Hohn und Lästereien auf der Zunge zu dem geschmückten und mit Lichterketten behangenen Haus am Ende der Stichstraße blicken, in dessen Fenstern immer ab dem ersten Dezember Schwibbogen stehen. Das Haus ist nicht geschmacklos oder irgendwie kitschig geschmückt. Sicher, ein bisschen idealisiere ich das Ganze, weil mich der Nebel der Familie vor objektiven Urteilen schützt, aber es gibt keine bunten oder flackernden Lichter oder Gartenzwerge in Santa-Claus-Kostümen, sondern schlichte weiß-gelb leuchtende Lichterketten an Terasse, Dachgiebel und Carport, zwei geschmückte Tannenbäume im Garten und den Geruch von Plätzchen und Vanille aus der Küche, in der nun pausenlos Licht zu brennen scheint. Die amerikanische Familie. Von so einem Schmähnamen hatte meine Mutter ihr Leben lang geträumt in den Zeiten, in denen es uns noch schlechter ging. Sie war ganz begeistert, als sie mir davon erzählte, dass sie gehört hätte, dass einige der Nachbarn sie so nennen. Und auch ich bin ihr Sohn: Bereits vor über einer Woche habe ich einen Tannenbaum besorgt, der geschmückt im Wohnzimmer steht, den Schwibbogen vom Dachboden geholt und Morgen für Morgen öffne ich das kleine Türchen in meinem dekadent teuren Niederegger-Weihnachtskalender.

Ja, ich weiß, viele von Euch werden diesen ganzen Weihnachtskram ziemlich bescheuert finden oder zynisch gegenüberstehen, weil sie damit irgendetwas Schlechtes assoziieren: Einsamkeit, erdrückende Nähe oder das Gefühl, in all diesem besinnlichen Lebensreflexionskosmos der freien Tage, den Erwartungen an das eigene Leben hinterherzuhängen, das ist doch normal, aber nichtsdestotrotz ist es irgendwie eine andere, eine nostalgische und eine so herrlich beruhigte Zeit im Jahr - mit tollem Essen, das muss man sich immer vor Augen und im Gedächtnis halten. Weihnachten ist, was Ihr daraus macht. Wenn Euch das beschissene Fernsehprogramm auf den Sack geht, lest ein gutes Buch. Wenn die Geschäfte und die Paare in den Einkaufszentren nerven, unterstützt die ehrbaren Internetversandhäuser. Wenn Ihr Weihnachtsmärkte so sehr hasst wie ich, scheißt auf sie und macht Euch über die Leute lustig, die sie mögen. Keine Zwänge, alles ist gut.

Um hier meinen kleinen Beitrag zum Fest zu leisten, habe ich ein Mixtape vorbereitet mit nur einundsiebzig Weihnachtssongs im Indie/Singer-Songwriter-Gewand (Ich weiß selbst, dass Bing Crosby kein verdammter Indieguy ist, das ist nur das Intro, wegen der Stimmung und so), weil ich ein ganz normaler Junge mit ganz gewöhnlichen Hobbys bin. Den Player findet ihr wie gewohnt auf der rechten Seite oder aber direkt unter dem Beitrag, vorausgesetzt, ihr habt Eure Seele bereits an Spotify verkauft (Anmeldung schnell und kostenlos). Ich hoffe sie gefallen Euch. Keine Panik, in zwei Wochen ist alles wieder vorbei.

In diesem Sinne wünsche Euch allen ein gesegnetes Fest, ruhige Tage, die Euch die Scheiße des Jahres vergessen lassen, schöne Geschenke und dass Ihr einfach glücklich und gesund seid.

A.
   

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Cortisone Lovesongs

Irgendwie muss ich vor etwa einem Jahr das Karma gefickt haben. Aber so richtig. Nicht nur, dass meine gesundheitliche Talfahrt gerade ihren ersten Geburtstag feiert, es kommt auch immer wieder einfach irgendein neuer Scheiß dazu, als hätte mich irgendjemand verflucht, der Böse Blick einer wütenden, alten Zigeun-pardon-Sinti-und-Roma-Frau oder so. Gestern Morgen wollte ich einfach nur ein beschissenes Rezept für eine Physiotherapie abholen. 

Eine Dreiviertelstunde habe ich gewartet, nur um dann von der Vertretung meiner Hausärztin gesagt zu bekommen, dass das Budget für Krankengymnastik und Physiotherapie dieses Jahr leider erschöpft sei, was ja nicht ihre Schuld (oder die, all der beschissenen, fetten Büroweiber, die zu faul sind, eine Scheißtreppe hochzulaufen, sich aber stattdessen fleißig Massagen verschreiben lassen, für'n Rücken, ich hab ja immer so Rücken, weißte?) wäre, die Verantwortung sei vielmehr bei den Krankenkassen und dem Gesetzgeber zu suchen. Jaha, die da oben. Ich solle es doch noch mal lieber bei meinem Neurologen oder Orthopäden probieren - die hätten da mehr Möglichkeiten. Während ich mich gleichgültig ob dieser herzerweichenden Predigt in dem Doppelnamen auf dem Namensschild, vor mir auf dem Schreibtisch, festgucke, wird mir sogar noch angeboten, dass man mir eine Überweisung ausstelle. "Was soll ich dann damit? Mir die Praxisgebühr sparen, die es nicht mehr gibt?", frage ich. Das ist keine von Nächstenliebe geschwängerte Hilfestellung, sondern einfach nur der Versuch, noch etwas auf den eigenen Abrechnungsbogen zu quetschen. Unser Gesundheitssektor ist eine tückische Hure. Höhnisch bedanke ich mich für ihre Zeit und gehe. Aber mein verficktes Problem hat sich dadurch auch nicht gelöst: Ich brauchte das Rezept am besten schon vor einem Monat, denn so lange läuft die Behandlung schon, und so lange vertröste ich meinen Physiotherapeuten auch jede Woche.

Ich wähle die Nummer meines Neurologen und zünde mir eine Kippe an. Mein letzter Ausweg heißt Charme. Ich habe Glück und erwische eine Sprechstundenhilfe, die sich an mich zu erinnern scheint, als ich mich vorstelle. Ich sage ihr, dass sie mein letzter Ausweg sei und ich sie um einen großen Gefallen würde bitten müssen. Ich weiß, dass mein Arzt gar nicht im Haus ist, aber die Gute versichert mir, dass sie es auch so irgendwie regeln würde und ich am Nachmittag das fertige Rezept mit irgendeiner erfundenen Diagnose würde abholen können. Das ist nicht selbstverständlich, schließlich hat mir der Arzt noch nie so etwas verschrieben und generell bekommt man nur einfach so am Tresen, was einem schon einmal verordnet wurde. Ich sage ihr, dass sie ein Engel sei, und wundere mich sofort, wo ich diese schleimige Formulierung hergeholt habe. 

Ihre Stimme klingt metallern und ich muss die Augen zusammen kneifen. Irgendwie höre ich seit Tagen schlecht auf dem rechten Ohr und hatte vor ein paar Wochen schon einmal Probleme mit dem Trommelfell. Tinnitus, schriller Nachklang hoher Töne. Mir gegenüber ist ein HNO-Arzt. Wohin mit so einem angebrochenen Vormittag und ich habe ja ein Buch dabei. Als ich ihm die Symptome schildere und er meine Krankenakte studiert, überredet er mich zu einem Hörtest. Seit der Musterung habe ich eine trotzige Aversion gegen diese Scheiße - und natürlich werde ich den Verdacht nicht los, dass so etwas inzwischen immer gemacht wird, bei jedem, einfach um doch noch etwas mehr abrechnen zu können. Als ich wieder hineingerufen werde, offenbart mir der Doktor, dass ich einen Hörsturz habe. "Oh, fantastisch", rutscht es mir heraus. So scheiße fühle ich mich nun auch nicht. Er legt zwei Diagramme übereinander und verdeutlicht so den rasanten Abstieg meines rechten Ohres im Vergleich zu einem meiner Hörtests vom letzten Jahr. Ich wusste nicht, das Hörsturz tatsächlich buchstäblich gemeint ist. Er verschreibt mir Kortison, nachdem wir ausführlich den Wechselwirkungskatalog bezogen auf meine anderen Medikamente gewälzt haben. Jetzt bin ich schon bei vier Pillen jeden Morgen. Neuer Highscore. Das Erste, was mir in den Kopf schießt, ist "aufgeschwemmt". Ich will nicht aufgeschwemmt aussehen! Ich erinnere mich daran, dass eine Freundin an Rheuma erkrankte und Kortison nehmen musste. Die sah danach furchtbar aus, ernsthaft. Aber ich bekomme es nur zwölf Tage lang verabreicht, also keine Panik. Ich war dieses Jahr bei mehr Ärzten, als in meinem ganzen Leben zuvor.

Allgemein könnte es jedoch schlimmer sein, alles: Es gibt Millionen, denen es weit schlechter geht, und ich reiß' mich jetzt auch zusammen mit dem Gejammere, aber Hölle, wenn es tatsächlich so etwas wie ein Schicksal gibt - und ich bin da eher skeptisch -, dann will ich, dass es weiß, dass ich es nicht leiden kann. Langsam ist das nur noch zum Lachen. Vielleicht rächt sich ja irgendeine kosmische Macht an mir, weil ich jahrelang so ein Wichser war, mich ständig über Gläubige lustig gemacht habe und nie vor irgendetwas Respekt hatte. So wie bei Hiob, nur ohne die Frömmigkeit. Also vielleicht doch eher wie bei Babylon. Aber ich habe jetzt die Schnauze gestrichen voll von all dem Scheiß. Ich weine nicht mehr über irgendetwas. Keine Träne seit fast sieben Jahren, seit sie mein Herz gefressen hatte, verdammt. Wenn mir das Leben beschließt, in die Fresse zu hauen, stehe ich eben wieder auf und halte die andere Wange hin. Hast du das gehört, Jesus? Die andere Wange. Morgen hole ich mir einen Termin für's Weisheitszähneziehen.

Und jetzt Schluss damit,

A.     

Dienstag, 10. Dezember 2013

Die Wurzeln des Zorns

Diese verdammten Außenbezirke werden immer verfickte weiße Flecken auf meiner Landkarte bleiben. Hier draußen wird Kiel zu Itzehoe, Bad Oldesloe und Bad Segeberg: schleswig-holstein'sche Einöde, die sich partout nicht unterscheiden lässt. Obwohl ich gerade vor zwei Wochen hier war, schien es nahezu unmöglich zu sein, die Adresse ohne das Navi meines Smartphones zu finden. Ich bin fast zu spät, wegen des Feierabendverkehrs und all der Ampeln. Ich habe acht Stunden gemalert. Gott, wie können das andere Leute bloß jeden Tag machen? Also acht Stunden arbeiten. Am Stück! Da ich überall weiße Farbe hatte und wie eine Baustelle gerochen habe, musste ich unbedingt noch in die Badewanne. Duschen ging ja nicht, weil ich nun einmal bade. Das ist der eigentliche Grund, warum die Zeit so knapp geworden ist. Ich hätte mich rasieren sollen. Ich will doch einen guten Eindruck machen. Ja, ich weiß, ich werde nicht bewertet.
"Hol' mich bitte in einer Stunde hier wieder ab", sage ich, während ich aus dem Wagen steige. Meine Haare sind noch nass vom Baden. Ich versuche, sie halbwegs zu einer Frisur zu formen. Durchatmen. Klingeln.

Wir reden über die Vergangenheit. Irgendwie scheint die immer das Wichtigste zu sein. Ich rutsche im Sessel hin und her. Selten habe ich einen Raum erlebt, der so eine unauffällige Kulisse war. Alles scheint verhangen und unwichtig. Die gesamte Konzentration und aller Fokus liegen zwischen den zwei Sesseln, die sich vor den großen Fenstern mit Blick auf den abendlichen, verregneten Garten gegenüber stehen. Es gibt Dinge, die man nur im Dunkeln sehen kann. Ihre Gesichtszüge sind streng, beinahe undurchdringlich. Sie trägt eine Art Umhang aus Strick, keine Ahnung, wie so etwas heißt. Bolero? Ja, vielleicht ist das ein Bolero. Eine Frau wüsste das. Ich weiß nicht, wie alt sie ist, und man sieht nie, was sie denkt. Ich mag das. Normalerweise bin ich gut darin, Menschen zu lesen. Hier ist es umgekehrt.

"Woher kommt all dieser Zorn?", fragt sie, beugt sich ein Stück vor und sieht mir direkt in die Augen. 
Ich weiß es nicht. "Ich schätze, er kommt tief aus meinem Innereren", sage ich und weiche ihrem Blick aus. Das klingt wie eine Antwort. Mit den Füßen schiebe ich dieses bescheuerte Fußkissen zur Seite. Es entspannt mich wirklich kein Stück, meine Beine auf diesem Scheißstrickkissen zu balancieren, während ich in einem halbbequemen Korbsessel sitze. Wen zur Hölle entspannt das? Wie nennt man diese Scheißdinger überhaupt? Bei der Osteopathin lagen die auch. Dämlicher Esoterikkram. 
"Der Zorn kommt aus Ihrer Jugend, aus Ihrer Kindheit, um genau zu sein", präzisiert sie, "denn Sie haben Grausames erlebt. Darin liegt all Ihre Wut begründet. Wissen Sie, wir vergessen niemals, auch, wenn wir glauben, dass wir es tun." 
Das ist ja fast ein Merksatz, denke ich. 
"Wie fühlen Sie sich dabei, wenn Sie wütend sind, wenn Sie ihrem Zorn seinen freien Lauf lassen?" 
Ich zögere kurz. "Ich fühle mich gut, denke ich, ich genieße es fast sogar ein bisschen", sage ich leise und vorsichtig. Hoppla, wo kam das denn her? Was sage ich da? Vermutlich erzähle ich gleich auch noch, dass ich mit Schlangen sprechen kann. 
"Das ist nur natürlich. Sie erzählen so lapidar von ihrer Vergangenheit, immer mit einem Lächeln auf den Lippen, dabei sehe ich vor mir diesen kleinen Jungen, dem all jene teilweise fürchterlichen Dinge widerfahren sind, der zwischen allen stand und so viele Jahre für die Erwachsenen, von denen er abhängig war, mitdenken musste, und gerade dadurch auch immer allein war. Sie haben sich zurückgehalten, sind sorgsam mit allen anderen und sorglos mit sich selbst gewesen, haben das Spiel so lange mitgespielt, bis es in diesem sozialen Konstrukt zu viel für Sie wurde, bis Ihr Körper schließlich rebellierte, bis Sie elf waren, dann sind Sie geflohen und es ging Ihnen besser, oder? Es ist nur eine Hypothese, aber was, wenn es diese Dinge sind, die sich auch jetzt ihren Weg nach außen suchen und ihren Körper gegen ihren Geist kämpfen lassen? Sie verfügen über viel Zorn, sehr viel Zorn, das kann ich deutlich sehen". 
"Wenn Sie das sagen, klingt das alles irgendwie dramatischer, als es tatsächlich war. Da kann man ja von Glück sagen, dass ich bei alle dem, nicht einen mitbekommen habe", antworte ich.  Oh. Da müssen wir beide kurz schmunzeln.

"Sagt Ihnen die Begrifflichkeit 'Schwarze Pädagogik' etwas?", fragt sie. 
"Nein", gestehe ich. Das ist sicher nichts Gutes. Schwarze Magie, Schwarzer Tod, Schwarzer Donnerstag, mir fallen da nur miese Dinge ein.

Montag, 9. Dezember 2013

Champagne Supernova für immer

Der Himmel sieht wunderschön aus, als mein Wecker klingelt. Wenn ich aufwache und noch ein bisschen Zeit brauche, um zu verstehen wo und wer ich bin, gucke ich mich manchmal so lange im Licht, in der Sonne und den Wolken fest, dass ich danach nur schwer wieder in die dunklen Konturen meines Schlafzimmers zurückfinde, so, als sei man nachts mit starkem Blitz fotografiert worden, nur irgendwie langsamer und schöner. Es ist noch nicht einmal zehn und die dämlichen Skandinavier schieben schon wieder körbeweise Schnaps auf den Parkplatz vorm Einkaufszentrum. Es vergeht kein Tag in Kiel, an dem nicht irgendwelche Dänen Alkohol für Zuhause kaufen. Aber wer sollte es ihnen verübeln? In Dänemark ist das alles viel teurer und Kiel hat ja auch sonst nicht besonders viel Sehenswertes, das in Dänemark nicht zu finden wäre. Das Schönste hier ist doch noch immer das Meer. 

Alles drängt sich durch die Gänge. Das heilige Weihnachtsfest wirft seine großen Schatten voraus. Mütter werden mit heulenden Babys in einem improvisierten Fotostand mit kitschig künstlichem Weihnachtsbaum abgelichtet. Das Blitzlicht, der Lärm und die Menschenmengen bringen die Kinder mehr und mehr zum Weinen, doch Mutti will es unbedingt, und die arme Fotografen-Auszubildende beherrscht offenbar noch nicht die große Rassel- und Bespaßungskunst, die die süßen Kleinen zum Lachen statt zum Weinen bringt, wenn auf den Auslöser gedrückt wird. Wahrscheinlich lernt man das erst in irgendeinem krassen Geheimritual am Ende des dritten Lehrjahres; eine düstere Zeremonie mit jeder Menge Totenköpfen, miesen Gags und Handpuppen.

Gelangweilt schiebe ich den Korb in die Obst- und Gemüseabteilung. Sie braucht Mandarinen oder Clementinen (wo ist eigentlich der verfickte Unterschied?) für den Cupcake-Teig. Ich mag keine Cupcakes, und Muffins finde ich auch doof. Ich kann die Begeisterung dafür nicht verstehen. Ich zeige auf die teuerste Sorte Mandarinen, an der extra ein paar grüne Blätter gelassen wurden und sage: "Guck mal, warum haben die nicht auch noch 'frisch' mit 'nem Edding auf die Schale geschrieben, um sicher zu gehen?" Ich ernte nicht einmal ein müdes Lächeln. Mich bringt außerdem zum Schmunzeln, dass die importierten spanischen Avocados den klangvollen Namen "Hass" tragen. Ist das subtile Kleinstrache an der von Deutschland dominierten Sparpolitik Europas? Ich habe keine Ahnung, wie Avocado schmeckt, aber ich mag das Wort irgendwie. Es klingt so elegant und gleichzeitig exotisch. Avocado. Ich mag auch "Advokat". Geht ja in eine ähnliche Richtung. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt schon einmal welche gegessen habe, also Avocados, keine Anwälte. Dinge landen in unserem Korb und reißen mich aus den Gedanken. "Wofür brauchen wir den ganzen Kram noch mal?", frage ich. Ich bekomme keine Antwort. Man kann ja nicht ohne Backwaren bei einer Familienfeier auftauchen.

Dienstag, 3. Dezember 2013

Was Sie wirklich unbedingt über meine Haare wissen sollten

Ich wollte immer schwarze, glatte Haare haben wie ein Zeichentrickfilm-Bösewicht. So ein verwegener, mysteriöser Typ mit wehender dunkler Kleidung, der nie lächelt oder lacht. Doch ich habe Locken. Keine unglaublich fiesen Locken, die sich bereits bei kurzen Haaren zeigen und einen auf ewig kindlich oder wie Art Garfunkel aussehen lassen, dennoch: Je länger meine Haare werden, desto dicker und welliger sind sie auch. Mit sechzehn war das eine schmerzhafte Erkenntnis. Ich war gerade in meiner Teenage-Riot-Epoche angekommen; hatte neue Freunde, lernte mehr Mädchen kennen, die Jeans wurden wieder enger und niemand verstand wirklich irgendetwas. Eine merkwürdige Zeit: Alles war ununterbrochen in Bewegung und irgendwie schien es immer zu regnen. Ich wusste nicht, wohin. Alle suchten sich Jobs und die meisten hatten schon irgendetwas gefunden. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ich mich jetzt für etwas würde entscheiden müssen, das ich dann für Rest meines Lebens machen soll. Wie kann man so endgültige Entscheidungen treffen?

Nachdem das Reisebüro meine Bewerbung abgelehnt hatte, beschloss ich, dann eben einfach weiter zur Schule zu gehen und mein Abitur nachzuholen. Alles veränderte sich, also schien es mir nur natürlich zu sein, dass auch ich es tat - wenn schon nicht beruflich, dann zumindest persönlich. Ich verbrannte die Vergangenheit. Und ich ging auf Partys, fing an zu rauchen und verhedderte mich in den nach Schnaps schmeckenden Zungen süßer, brünetter Mädchen im Mondlicht. Hach. So viele neue Gedanken, so viele Eindrücke. Ich kaufte mir ein T-Shirt mit einer blutenden Amerikaflagge und besorgte mir die Che-Biografie. Die war wirklich zu langweilig, um sie zu lesen, weswegen ich sie stattdessen einfach dekorativ in meinem Regal platzierte. Viva la Revolution! Zu dieser Zeit las ich sowieso nur, was mir durch die Schule auferlegt wurde, und außer dem Schimmelreiter, hasste ich alles. Effi Briest, Das Fräulein von Scuderi, Woyzeck, Antigone, alles Scheiße. Und Der Tod in Venedig erst! Günter Grass hat mich auch nicht so umgehauen. Erst der Steppenwolf und Macbeth änderten meine Meinung und brachten mich dazu, mich in die Literatur zu verlieben. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte, die viel später ihren Lauf nahm.

FVCK THE HYPE

Jetzt mal ernsthaft: Das CHVRCHES-Album ist wirklich gut und ich glaube, ich habe mich ein wenig in die Sängerin verliebt.

A.


Sonntag, 1. Dezember 2013

Mixtape: Dezember

Brüder und Schwestern,
es hat ein wenig gedauert, aber nun ist das neue Mixtape online. Ja, genau. Die Playlist ist voll mit Bands, die zu meinen kleinen Lieblingen gehören: Ryan Adams, Joshua James, Libertines, Gaslight Anthem und andere. 

Viel Spaß beim Hören und noch einen schönen ersten Advent.

A.