Donnerstag, 26. Dezember 2013

Das Mädchen vom Strand: Blitz und Donner

Mecklenburg, Juni 2005

Die Luft riecht nach Sommer und es ist schrecklich heiß, den ganzen Tag schon. Die Grenze zwischen dem kaputten, aufgerissenen Asphalt und der Stelle, wo der Boden aufhört und der Himmel beginnt, schimmert verschwommen wie bei einer Straße in der Wüste - glatt so, als würden sich die Bilder an der von Hitze verwaschenen Kante überschneiden. Immer wieder weht die Luft vom benachbarten Pferdestall herüber, als wir, bepackt mit Kabeln, Möbeln und irgendwelchen Bauteilen, über den alten Weg, bis hin zur Lagerhalle gehen. Mit jedem Mal werden die Schritte langsamer und kürzer. Wir labern uns gegenseitig voll und versuchen uns dadurch zu beeindrucken, immer schwerere und unhandlichere Dinge aus den dunklen Winkeln der Lagerräume zu ziehen, um sie anschließend, unter hektischen Atemzügen, in die große Halle zu bringen, an deren Außenfassade, hässliche weiße Farbe abblättert. Es gibt Orte, die sehen nicht einmal richtig schön aus, wenn sie von einer abendlichen Sommersonne beschienen werden; nicht einmal, wenn man einigermaßen betrunken ist - und nicht einmal in der Erinnerung. 

Den ganzen Tag schon mühen wir uns zu zehnt oder so hier in der Hitze ab. Schweiß klebt an uns allen und unsere Gesichter sind rot. Ich hieve gerade einen großen lila Sessel, den jemand vor Jahren oder Jahrzehnten ausrangiert haben musste, auf das Gestell der Bühne, ziehe eine Flasche Bier aus meinem Rucksack und lasse mich in den riesigen hässlichen Sessel sinken, während Wolken von Staub unter meinem Gewicht wie ein letzter Atemstoß aus seinen Poren drängen und in der Luft um mich herum schweben, bevor sie für immer verschwinden. Meine dünnen Arme zittern von der Kraftanstrengung, als ich mit der Ecke meines Feuerzeugs das Bier öffne. Mit einem Mal spüre ich den ganzen Tag in meinen Armen und Beinen. Seit den Morgenstunden haben wir unser Möglichstes versucht, aus der alten Lagerhalle so etwas wie eine Location zu machen. Was für ein beschissenes Wort. Das Gelände gehörte zur Firma der Familie eines Freundes, und ein eigenes Konzert zu organisieren, klang wie eine gute Idee, als wir vor Monaten auf irgendeiner Party zusammensaßen und uns über einen beschissenen Gig auf einer Dorfbühne geärgert hatten. Ja, wir machen selbst alles. "Rock in der Lagerhalle": Zumindest was den Namen betraf, schienen wir all den anderen Konzertveranstaltern in der Gegend keinen beschissenen Millimeter voraus zu sein. Die Flyer waren in Schulen verteilt und klebten an den Bushaltestellen der Überlandbusse, sogar unsere spärlichen Verbindungen zur Regionalpresse hatten sich ausgezahlt, eine Bierzapfanlage (mit ein paar hübschen Kellnerinnen) war aufgebaut und eine Lichtanlage installiert. Das Bühnengestell hatten wir uns von einer Musikschule geliehen, genau wie die Gesangsanlage und das Mischpult. Der Rest war improvisiert. Ein großer, mit Decken verhangener, Bauzaun trennte dazu einen Backstage-Bereich mit Couchen, Tischen und Alkohol ab, der bestimmt ein Viertel der ganzen Fläche einnahm - was wir aber vollkommen angebracht fanden.

Die anderen Jungs arbeiteten weiter, trugen Dinge, fegten den schmutzigen Boden und verkabelten irgendetwas, mir aber wurde langsam klar, dass ich die Lust am Helfen und Kräftemessen endgültig verloren hatte, und von nun an, alles dafür tun würde, hier oben auf der Bühne, in diesem nach Trockenheit stinkenden Sessel, sitzen zu bleiben, zu rauchen und das Geschehen gnädig zu beobachten.
"Die Pause geht aber schon lange, ne? Wat is, Alex, lässt der feine Herr Künstler lieber das Fußvolk schuften?", brüllt der Hausherr grinsend zu mir nach oben, zu mir, meiner Bühne und meinem lila Thron. Das Image der arroganten Schlange habe ich mir so lang aufgebaut, bis ich es nicht mehr loswerden konnte. Das störte mich aber nur manchmal.
"Fick dich! Ich habe ja nun wirklich schon mehr als genug getan", rufe ich zurück, und greife mir, um meine Gleichgültigkeit gegenüber der eigentlich ernst gemeinten Kritik noch zu verstärken, eine Gitarre, die ich unter allerlei Anstrengungen sogar in einen Verstärker gestöpselt bekomme, ohne aufstehen zu müssen. Ich habe so viel geraucht, dass ich kaum noch an der Zigarette ziehe, die schlaff in meinem Mundwinkel hängt, während ich eine kleine Melodie aus wenigen und immer wiederkehrenden hohen Tönen durch die staubige Halle schallen lasse. Feine Kopfschmerzen bohren sich mit jedem Zug in meine Schläfen und immer wieder steigt mir der Qualm in die Augen und lässt sie kurz tränen. Andreas setzt sich neben mich und fragt, von wem die Melodie sei, die ich da spiele. Sie komme ihm bekannt vor. Seine schwarzen Haare kleben an seiner Stirn und wellen sich vom Schweiß der Arbeit. Seine Augen sind müde.
"Keine Ahnung! Denke ich mir gerade aus", antworte ich wahrheitsgemäß, obwohl sie mir nun auch irgendwie bekannt vorkommt, jetzt, wo er es gesagt hat. Ich frage mich, wie oft sich schon irgendwo zwei Menschen dieselben Tonfolgen ausgedacht haben, ohne davon zu wissen, dass sie nicht allein sind, mit dem, was sie schaffen: Es ist keine Kopie, kein Plagiat - und trotzdem weit weniger wert als anderes, so vom Gefühl her. Ist eigentlich Quatsch. Ich kann nicht aufhören, die Melodie zu spielen und sehe immer wieder in das Gesicht des Bassisten, auf der Suche nach irgendeiner Regung, irgendeiner Anerkennung oder Reaktion; irgendetwas, das mir sagt: Lass' uns daraus etwas machen. Ich bin süchtig nach Bestätigung. Doch er ist einfach nur beleidigt, dass ich seinen MP3-Player ausgemacht hatte, um den Verstärker für die Gitarre zu nutzen. Wie ich es wagen konnte, einfach seine Playlist zum Schweigen zu bringen! Manchmal hasse ich ihn, aber das geht ihm genauso mit mir. Er liest meine Gedanken wie ich seine.

Wir sind alle kaputt, und obwohl ich die letzte halbe oder ganze Stunde nur noch rumgesessen habe, fühlt es sich so an, als ob mehr Luft meinen Körper verlassen würde, als ich überhaupt einatmen kann. Durch die teilweise zersplitterten Fenster, knapp unter dem Wellblechdach der alten Lagerhalle, dringt inzwischen kein Licht mehr hinein; der Himmel ist schwarz geworden und jedes einzelne Molekül draußen droht, ob der Hitze des vergangenen Tages, zu explodieren. Alles schreit nach sintflutartigem Regen und nach Erlösung, nach Blitz und Donner. Die letzten Details für morgen werden geklärt. Allen steht ins Gesicht geschrieben, dass der Aufwand doch größer als erwartet ist. Das ist harter Tage Arbeit. Durch das bunte Licht der Anlage sehen wir, hier allein in der großen alten Halle, wie der traurige Bodensatz am Ende eines Schulballs aus, der an der Grenze zwischen Nacht und Morgen endlich eingesehen haben müsste, dass er niemanden mehr abschleppen wird. Wie in einem blöden Highschool-Film.
"Wann ist Soundcheck?", frage ich in die Runde, "Ich muss den anderen Bands schreiben, wann die morgen da sein sollen." Keiner antwortet mir. "Ihr Hoschis, wann ist morgen Soundcheck?", versuche ich es erneut.
"Mann, halt die Fresse, keine Ahnung, nachmittags irgendwann", antwortet der Bassist genervt.
Auf meinem Handy ist eine Nachricht von Anna. Sie schreibt, dass ich heute bei ihr schlafen könne, wenn ich noch wollte - zum ersten Mal. Ich weiß, was das bedeutet. Wie für den Effekt setzt draußen das Gewitter ein, und von einer Sekunde auf die andere trommelt unerbittlich der Regen auf das Dach der Lagerhalle. Andreas kommt völlig durchnässt reingerannt und brüllt "Scheiße". Ob wir alles mit der Kohle richtig durchkalkuliert haben, will er wissen. Keine Ahnung. Niemand scheint ihm antworten zu wollen.
"Deswegen braucht man ein Orga-Team: damit jemand alles koordiniert. Woher wollen wir sonst wissen, ob wir minus machen, Leute?", sagt Andreas vorwurfsvoll in die Runde. Er gibt nicht auf.
"Stress doch mal nicht. Das wird schon klappen", entgegnet ihm der Bassist.
"Ja, das wird schon, irgendwie", sage ich.
"Ihr habt doch überhaupt keinen Plan, was wie viel gekostet hat", blafft er zurück und er hat verfickt recht.
Endlich reagiert der Hausherr und geht mit Andreas noch einmal die bisherigen Ausgaben durch.

Meine Gedanken wandern längst über Annas braun gebrannten schlanken Körper, ihr pechschwarzes Haar, ihre langen Beine und ihre traumhaften Titten. Sie war so unglaublich heiß, dass es mich fast wahnsinnig machte, sie noch nicht gevögelt zu haben. Ich kannte sie nun ein paar Wochen; wir hatten uns regelmäßig getroffen, erste Höflichkeiten, Liebeslieder und Küsse mit geschlossenen Augen ausgetauscht. Doch natürlich wollte ich mehr. Ich konnte kaum glauben, dass sie noch Jungfrau war, als sie es mir vor Kurzem gestanden hatte, als sei es eine Krankheit, um zu begründen, warum sie sich so zierte, wenn es darum ging, ob ich nicht einfach bei ihr schlafen könnte. Immerhin war ihr Heimatort satte fünfundzwanzig Kilometer entfernt. Eine unüberwindbare Distanz, wenn es um nächtliche Heimlichkeiten ging. Sie war einfach viel zu scharf, als dass sich noch niemand an ihr versucht haben dürfte.
"Dack?", frage ich einen meiner Freunde, der ein paar Jahre älter ist als der Rest von uns. "Würdest du mir einen Gefallen tun?"
Bevor er mir antwortet, leert er seine Bierflasche - ich weiß nicht, die wievielte. Ich sehe ihn weiterhin an.
"Och nee, wohin denn?", antwortet er endlich, aber schon sein Tonfall lässt vermuten, dass er mich fahren wird. Er fährt immer, selbst, wenn er meistens mehr gesoffen hat als die Schnapsleichen in seinem Wagen. Ich weiß nicht, wie oft ich schon betrunken im Beifahrersitz seines Autos hing und nächtliche Passanten durch das offene Fenster angepöbelt oder mit Bierflaschen in die Dunkelheit geworfen habe. Ich weiß nicht, wie oft ich ihn mitten in der Nacht anrief und ihn bat, mich von irgendwo abzuholen. Wir dachten uns gehört alles. Auf Dack war Verlass, auch wenn er einer dieser Freunde war, die man immer nur mit ihrem Nachnamen anspricht.
"Einmal nach Boltenhagen, bitte. Liegt doch fast auf dem Weg", sage ich. Tut es nicht. Es ist scheißeweit weg.
"Nur wegen irgend'ner Tussi, ey?", fragt er, aber natürlich kennt er die Antwort. "Aber nicht bei dem Wetter. Hast du mal rausgeguckt? Wenn der Regen nachgelassen hat, meinetwegen."
"Du hast was gut bei mir", sage ich, muss aber dabei grinsen. Wie viel der schon gut hat bei mir.
"Wenn du willst, dass ich komme, komme ich", tippe ich in mein Handy und freue mich selbst darüber, was ich für ein Schwachkopf bin, dass ich nicht einmal diesen - ihr bestimmt so verfickt wichtigen - Moment ernst nehmen kann. Dann ein kurzer Anflug von Bitterkeit und Scham. Dann geht's wieder.

Wir stellen uns an das offene Tor der Lagerhalle und sehen hinaus: Es regnet so stark, dass man meinen könnte, das Wasser schieße in beide Richtungen; nach unten und nach oben. Es riecht schön. Gewitter sind schrecklich gemütlich, vor allem im Sommer. Der Donner hämmert so laut durch den alten Beton, dass der Boden fast aufzubrechen und der Putz von den Wänden zu fallen scheint, und immer wieder rasen weiß-lila Blitze über den Himmel, so gewaltig, dass wir mit ein bisschen Andacht und Kinderaugen in die düsteren Wolken starren. Wir sind glücklich wie auf einem Foto. Ich sehe mich um, blicke in die Gesichter der anderen Jungs, meiner neuen Freunde, und es fühlt sich an, als wären wir schon und ewig zusammen und würden es auch für immer sein.
"Wenn du 'ne Tussi entjungferst, ist das, als würdest du die erste Seite eines Buches beginnen", sagt der Bassist, als ich ihm erzähle, wo ich heute noch hinfahren würde.
"Die erste Seite eines Buches? Du bist so ein Idiot, Alter!", antworte ich und lache.
"Nein, im Ernst. Das wird sie nie vergessen. Das ist eine verfickte Verantwortung. Du bist immerhin der Erste, von dem sie gebumst wird - und das wirst du immer bleiben." Er beharrt darauf und sieht mich böse an, lacht aber sofort wieder, kurz darauf. Sein Ernst ist das trotzdem, das sehe ich in seinen Augen.
"Bin ich denn nicht sogar der Autor des ganzen Buches?", frage ich, aber die Metapher verliert bereits ihre Form; ihr Kern verschwimmt und sie vergeht in einem Rülpsen und dem Klicken eines Feuerzeugs, das eine Kippe entzündet.

Jeder gerannte Schritt ist wie ein Klatschen auf dem nassen Asphalt. Wir lachen und schreien wild durcheinander, und das Wasser spritzt auf unsere Gesichter und unsere Klamotten. Der Regen hat nicht aufgehört, aber wir haben die Geduld verloren. Wir brüllen uns Abschiedsformeln zu, ohne uns anzusehen, aber das ist auch nicht nötig. Morgen sehen sich doch sowieso alle wieder. Dack kichert, als wäre sein Lachen gerade einer jahrhundertelangen Geiselhaft entflohen, und sein Rennen sieht, wegen seines kurzen und dicklichen Körpers, mehr wie ein unbeholfenes Watscheln aus. Ich bin eher bei seinem Auto als er - und trete nun im strömenden Regen, vor der Beifahrertür wartend, von einem Fuß auf den anderen.
Die Stille im Wagen wirkt befremdlich nach all dem Lärm draußen - das scheint Dack auch zu merken: Sofort, bevor er überhaupt den Schlüssel in der Zündung dreht, kramt er nach irgendeiner CD. Aus irgendeinem merkwürdigen Prinzip heraus, scheint er nur deutschsprachige Musik zu hören. Das ist belastend, gerade zu der Zeit, in der wir anderen, aus irgendeinem merkwürdigen Prinzip heraus, so ziemlich alles an deutschsprachiger Musik beschissen finden. Die Ärzte, Wizo, die dämlichen Onkelz, man hält es kaum aus, aber Dack fährt immer und auf ihn ist Verlass. Außerdem war er Mitglied der Jungen Union und der Freiwilligen Feuerwehr. Ja, das ist auch bescheuert, aber wie gesagt, auf Dack war Verlass: Er fuhr mich immer und überall hin, ohne mich jemals für irgendetwas, das ich tat, zu verurteilen. Aber ich nutzte das nicht einfach nur aus, ich hatte auch irgendwie eine Schwäche für Außenseiter und man spürte einfach, dass Dack Freunde brauchte. Aber die Musik in seinem Auto war beschissen!
"Ich habe ein bisschen einen sitzen, das muss ich schon zugeben", sage ich, auch in der Hoffnung, dass ein Gespräch dazu führen könnte, dass das Autoradio ein wenig leiser gedreht wird.
"Jor, ne? Nüchtern bin ich auch nicht", antwortet er und dreht den Schlüssel, um loszufahren. Ich spüre, wie mir das Sorgen machen sollte, aber mein Gewissen hatte ich schon vor Ewigkeiten so tief in mir vergraben, dass ich es kaum noch hören konnte, geschweige denn verstand, was es mir versuchte zu sagen. Der Motor des kraftvollen roten Kleinwagens heulte auf, während der Regen auf das Blech und das Glas pladderte und die Onkelz irgendeinen Unterschichten-Scheiß über ein ehrliches Leben in Ehre oder so sangen. Scheiße, eigentlich sollte ich mich unsicher fühlen, aber ich tue es nicht. Mecklenburgs Alleen werden jede Nacht zu Gräbern für Idioten wie uns, so gefährlich sind die starken Bäume am Straßenrand, auch ohne Nacht, Alkohol und Unwetter.
"Empfindest du etwas für sie?", fragt Dack plötzlich.
"'Empfinden' ist ein großes Wort, vielleicht ein zu großes", versuche ich mich aus der Affäre zu ziehen, buchstäblich.
"Naja, aber du hast doch nicht vor, ihr wehzutun, oder? Sie ist doch ein gutes Mädchen, naja, zumindest hat sie auf mich einen guten Eindruck gemacht. Kennen tue ich sie natürlich nicht so richtig."
Du Trottel, denke ich.
"Du Romantiker", sage ich.
"Außerdem könntest du dich diesmal ja auch ein bisschen zusammenreißen, gerade nach der Sache, die du mit Melanie abgezogen hast."
"Ja, ich gebe mir Mühe, okay? Mach' dich jetzt locker, Mann!", antworte ich ihm ein wenig genervt. Keine Ahnung, woher diese Predigt kam, aber scheinbar waren wir uns beide nicht sicher, ob wir gerade das Richtige taten.
Noch immer gewitterte es, doch so sehr ich mich anstrengte, außer den Bäumen am Straßenrand, die immer wieder von den Scheinwerfern des Wagens angestrahlt wurden, ließ sich nur wenig von den ewigen Feldern Mecklenburgs erkennen, die irgendwo dahinter im Dunkeln lagen. Etwa auf halber Strecke fährt man direkt an einem kleinen Strandabschnitt vorbei, an dem man, von der Straße aus, tagsüber durch die Büsche das Meer sehen kann; die Wellen, wie sie langsam und behebig auf den matten Sand gleiten - ein Kommen und Gehen, bis die ganze verdammte Welt in die Luft fliegt und sich in Nichts und wieder Nichts auflöst. Ich beginne, nervös zu werden. Mein Selbstbewusstsein ist nur zur Hälfte echt, dessen bin ich mir bewusst. Was, wenn ich es verkacke? Jetzt kommt mir die Scheißrede des Bassisten wieder in den Sinn: die erste verfickte Seite des Buches. Ich höre seine Worte in meinem Kopf.
"Ich kann dich aber nicht abholen morgen, ne?", sagt Dack plötzlich.
Ich nicke, auch wenn ich nicht darauf achte, ob er überhaupt zu mir herüber sieht. "Ich finde schon irgendwie nach Hause", schiebe ich hinterher.

Der Regen hat noch immer nicht nachgelassen. Ich zeige auf die kleine Einfahrt, kurz vom Ortseingangsschild. Im Dunkeln kenne ich die Strecke auch nicht, aber doch meine ich, sicher zu sein. Dack biegt ab und hält schließlich vor dem letzten Haus der Straße. Ich bin aufgeregt. Kein Licht brennt mehr in einem der Fenster, und ich frage mich, ob ich nicht lieber hätte schreiben sollen, dass es ganz schön dauern kann, bis ich da bin.
"Mach' keinen Scheiß, hörst du?", sagt er, als ich die Autotür öffne und die Nacht hereinweht.
"Nein, Dad", antworte ich. "Danke, dass du mich gefahren hast. Ich melde mich, okay?"
Ich sehe den Rücklichtern dabei zu, wie sie langsam im Regen und der Dunkelheit verschwinden. Tropfen sammeln sich auf meinem Handydisplay. Sie drückt mich weg. Scheiße, was soll das heißen? Okay, bleib' cool. Ich stecke mir eine Zigarette in den Mund, doch als die Flamme vom Feuerzeug anspringt, sehe ich im Schein des kurzen orangefarbenen Lichts, dass dicke Regentropfen bereits das weiße Papier, welches die Kippe ummantelt, durchtränkt und unentzündlich gemacht haben. Ich werfe die Zigarette auf den Boden und gehe langsam um das Haus, in der Hoffnung irgendein Zeichen zu entdecken, das mir sagt, ob ich warten oder lieber Dack zurückpfeifen soll.
"Alex?" Sie ruft mit flüsternder Stimme. Ich erkenne den Schein eines anderen Handys, ein paar Meter entfernt auf der steinernen Treppe, über die man zur Haustür gelangt. "Du musst leise sein, hörst du?", schiebt sie hinterher.
Ohne irgendetwas zu sagen, stapfe ich auf die Stimme zu. Meine Turnschuhe machen ein schlürfendes Geräusch, so durchzogen sind sie inzwischen mit Regenwasser. Ich bin durchnässt bis auf die Knochen und habe das Bedürfnis zu lachen.
"Entschuldige, dass ich so spät bin, aber weißt du, die anderen Jungs..." Unsicher fahre ich mir dabei durch die nassen Haare.
"Kein Ding, Hauptsache ist, du bist da", schneidet sie mir das Wort ab. Noch immer flüstert sie, aber irgendwie auf eine laute Art und Weise.
Auch wenn die Aufregung irgendwann immer den Kampf gegen den Alkohol gewinnt (oder umgekehrt), bin ich noch immer so angeschossen, dass ich ein paar Probleme habe, auf der dunklen Treppe in den zweiten Stock das Gleichgewicht zu halten. Das Haus riecht so, wie fremde Häuser eben riechen: nach unbekannten Schicksalen und Idylle. Sie deutet auf eine verschlossene Tür oben auf dem Korridor und legt sich den Finger auf die Lippen. Scheiße, was soll das heißen? Sie sieht das Unverständnis auf meinem Gesicht. Sie formt das Wort "Eltern" mit ihren Lippen. Ich kapiere es aber erst, als sie es auch noch dazu flüstert. Das hätte einfach alles heißen können.
"Das hätte einfach alles heißen können", flüstere ich laut.
"Pst", entfährt es ihr fast eine Spur zu bösartig.

Anna hat überall in ihrem Zimmer Kerzen angezündet. An der hölzernen Dachschräge hängen Avril Lavigne und Jon Bon Jovi im offenen Hemd. Meine Fresse. Darüber muss ich mit ihr reden, sollten wir uns wiedersehen, aber nicht jetzt, denn das wäre unklug. Auf dem Fensterbrett steht ein kleines Stövchen, in dem ein Teelicht irgendein duftendes Öl erhitzt. Ich kann den Geruch nicht zuordnen. Anna ist wunderschön. Vermutlich hat sie schon im Bett gelegen, aber ihre Kleidung soll diesen Eindruck wohl zerstreuen: Sie trägt eine enge Jeans und ein Kapuzensweatshirt, das jedoch so gut anliegt, dass sich deutlich die Form ihrer Brüste erkennen lässt. Es regnet bereits so lange, dass ich das stetige Trippeln der Tropfen kaum noch wahrnehme.
"Du bist ja völlig durchnässt", sagt sie.
"Halb so wild."
Ich beginne, meine Klamotten ausziehen, als wären wir bereits seit Jahrhunderten ein Ehepaar und Schatz wäre gerade von der Arbeit heimgekommen. Die nassen Sachen lasse ich einfach auf den Boden fallen, doch sie stört sich nicht daran. Vermutlich konzentriert sie sich auch viel zu sehr darauf, dass alles stimmig wirkt. Das Radio läuft und ich wünschte, die Moderatoren würden ihr Maul halten. Warum hatte sie keine CD eingelegt? Moment, wenn ich mir die Poster so ansehe, bin ich eigentlich froh, dass sie keine CD eingelegt hat. Sie erkundigt sich höflich und bemüht beiläufig, wie wir wohl mit den Vorbereitungen für das Konzert morgen vorangekommen seien. Als ich nur noch meine Boxershorts trage, setze ich mich neben sie auf die Bettkante.
"Du siehst hübsch aus. Alles okay?", frage ich. Der Alkohol scheint ganz aus meinem Blutkreislauf verschwunden, aber ich bin kaputt und habe einen Geschmack im Mund, als hätte ich Zigaretten gegessen, statt sie zu rauchen.
Schmallippig antwortet sie, dass alles gut sei, nur etwas aufregend vielleicht.
"Mach dir keinen Sorgen. Ich bin auch ein wenig nervös. Du musst einfach über alles reden, das ist der Trick. Wenn du Schiss hast, hab Schiss und gib es ruhig zu. Ist doch keine verdammte Schande! Wenn du nicht willst, willst du nicht. Wir haben doch Zeit, und Scheiße, es eilt doch wirklich nicht, oder? Mach' dir keinen Stress. Sag immer, was du denkst, dann wird nichts beklemmend. Keine Angst, okay?"
"Nein, natürlich nicht, aber trotzdem..." Sie lächelt und kneift dabei die Augen fest zusammen.
"Kann ich hier drin rauchen?", frage ich, krame mir dabei jedoch schon meine Kippenschachtel hervor. Okay, es ist doch aufregend.
"Ja, naja, eigentlich nicht. Als Ausnahme vielleicht. Und nur am Fenster. Okay, rauch' eine."

Ich stehe am Fenster und sie beginnt, den Gürtel ihrer Jeans zu lockern und langsam aus der Hose zu steigen. Sie dreht sich nicht weg. Im Licht der Kerzen sieht sie fast noch braungebrannter aus, und ihre Beine sind fantastisch. Mühevoll versuche ich durch das angekippte Fenster zu aschen, ohne dass etwas auf das Fensterbrett rieselt. Das gelingt mir nur halb. Ihr String fällt zu Boden und liegt neben meinen nassen Sachen. Dann streift sie sich ihren Pullover über den Kopf, ihr Shirt, und dann fällt ihr BH.
"Hey, hey", sage ich lang gezogen, um meine eigene Unsicherheit zu kaschieren. Verflucht, ist sie scharf!
Sie lächelt bloß, kommt ein paar Schritte auf mich zu und küsst mich auf die Wange. Meine Shorts wölben sich. Ich versuche, mein Becken ein wenig nach hinten zu beugen und mich leicht ins Dunkle zu drehen, damit sie es nicht bemerkt, aber es ist schon zu spät: Sie streicht mit ihrer linken Hand über meinen Rücken und gleitet, unterbrochen von einer paar Küssen auf meine Rippen, hinunter auf ihre Knie, zieht meine Shorts nach unten und dreht mich zu sich. Ich atme eine dichte Rauchwolke aus, und diesmal achte ich nicht darauf, in welche Richtung sie geht. Etwas zaghaft beginnt sie damit, meinen Schwanz in den Mund zu nehmen. So viel Offensive hatte ich nicht erwartet, verdammt. Ich bin überrascht und weiß nicht, wohin mit meinen Händen, also fahre ich mit den Fingern meiner linken Hand durch ihr schwarzes langes Haar, streichele ihren Kopf und führe ihn in den Rhythmus, ganz sanft, ohne wirklich Druck auszuüben. Ich habe Probleme, meine Gedanken abzuschalten. Was das für eine Überwindung für sie gewesen sein musste! Ich spüre ihre Zunge auf meiner Haut. Die Situation ist merkwürdig, und kurz fühlt es sich so an, als könnte ich all das von außen beobachten wie eine Filmszene. Ich werfe meine Zigarette durch den schmalen Fensterspalt und gleite dabei aus ihrem Mund. Sie richtet sich auf, ist dicht vor mir. Bitte küss' mich nicht. Sie küsst mich.
"Kann ich mich kurz waschen gehen? Ich habe einen ekligen Geschmack von Bier und Kippen im Mund." Und ich habe gerade meinen Schwanz geküsst.
Ich greife mir meine Shorts vom Boden, während sie sich einen gemusterten Pyjama aus dem Schrank holt und überzieht. Scheint, als hätte ich die Ordnung und den Ablauf durcheinandergebracht. Sie wirkt nervös jetzt.
Die Badezimmerbeleuchtung schmeichelt ihr noch mehr als das Kerzenlicht. Selbst in diesem Schlafanzug! Sie reicht mir eine Zahnbürste und beobachtet mich mit verschränkten Armen. Ich wasche mein Gesicht und streiche meine Haare mit ein wenig Wasser nach hinten. Es ist merkwürdig, so etwas unter Beobachtung zu tun; es schafft eine intime Vertrautheit, die uns noch längst nicht zusteht. Dieses Übereilte merkt man in der Luft, als ob man mit einem Fremden im Fahrstuhl stecken bleibt. Mein Schwanz ist noch immer hart, und während sie ihre Zähne putzt, drücke ich mein Becken gegen ihren Arsch, so, dass sie es spürt. Sie schließt ihre Augen und atmet tief aus. Sofort, nachdem sie sich ihr Gesicht gewaschen und ihren Mund ausgespült hat, dreht sie sich um und küsst mich. Ihre Zunge schießt in meinen Mund, noch ehe sich unsere Lippen zu einem Raum geschlossen haben. Ich fahre mit meinen Händen fest über ihren Rücken, bis runter zu ihrem Arsch und drücke sie an mich. Ihre Unsicherheit beruhigt mich.
"Lass uns ins Bett gehen", sage ich, als sie kurz von mir ablässt.
Sie nickt.

Wir versinken für Stunden in Küssen, Geflüster und Berührungen. Die Kerzen brennen langsam herunter und die Moderatoren im Radio sind einfach dazu übergegangen, ihre Songs in die Nacht zu blasen, ohne ihr Gequatsche dazwischen zu streuen. Irgendwann dreht sie sich auf den Rücken und starrt gegen die Decke. Sie sieht ein wenig verloren aus.
"Wäre es okay für dich, wenn wir noch warten, also, ich meine, wärst du doll sauer, wenn wir heute nicht miteinander schlafen?", fragt sie, und scheint mit keinem der gesagten Worte zufrieden zu sein.
"Nein, kein Ding. Wir müssen nichts erzwingen, hörst du? Ich will, dass du es willst. Alles ist gut."
"Ich glaube, ich bin doch noch nicht so richtig bereit."
Ich küsse sie auf die Stirn und lege mich neben sie. Ich habe tatsächlich kein Problem damit. Diese ganze Verantwortungsscheiße schüchtert mich ein. Sie wird sich ihr ganzes Leben an diesen Moment erinnern, und die Gegenwart von so etwas Ewigem behagt mir ganz und gar nicht - ich weiß nicht, wieso. Natürlich will ich sie ficken, aber es nicht zu tun, ist auf einmal überhaupt kein Problem mehr. Weil ich mich vor Verantwortung fürchte und ein Feigling bin. Weil ich ein Feigling bin.
"Weißt du, ich habe mich gefragt, ob wir jetzt nun zusammen sind oder nicht. Verstehe mich nicht falsch, ich will dir da keinen Druck machen, aber ich meine, sind wir ein Paar?", fragt sie brüchig, aber sichtlich beruhigter.
"Willst du, dass wir zusammen sind? Also so richtig? Ich mag dich, ich sehe keinen Grund, warum wir es nicht sein sollten."
"Ja, also ich würde es gut finden.", sagt sie.
"Na dann ist es offiziell: Anna und Alex sind ein Paar. Was für ein Datum haben wir? Das ist wichtig, schließlich wird das unser Jahrestag", witzel ich. Scheiße, was rede ich da? Diese Sätze stolpern einfach aus mir heraus wie Besoffene aus einer Kneipe in das Licht des Morgens. Ich glaube, ich hatte das Gefühl, das sagen zu müssen. Ein Preis, den ich zahlen musste. Aber Scheiße, wollte ich das wirklich? Ich bin ein Idiot.
Sie lächelt und sieht dabei so schön und rein aus, dass ich mich schäme. Unglaublich, vor ein paar Jahren lag ich allein in meinem Bett, habe an die Wand gestarrt und von Momenten wie diesem hier geträumt. Es läuft gut: Sonnenseite und so. Ich muss kurz an Dack denken, der allein und angesoffen durch den Regen nach Hause gefahren ist, sich vermutlich noch einen Porno im Internet angesehen, sich einen runtergeholt und sich dann anschließend allein und einsam in irgendein hässliches Fichtenholzbett gelegt hat. Das ist jetzt mein Leben, aber warum komme ich mir noch immer wie ein Dieb vor? 'Dieb' ist vielleicht das falsche Wort, aber es fühlt sich nicht an, als wäre all das hier echt. Ein Gefühl, als würde ich dieses neue Leben nur für irgendwen warmhalten, für denjenigen, dem es eigentlich gehört.
"Ich bin echt glücklich, wenn ich mit dir zusammen bin", sagt sie und lächelt zufrieden.
Ich beuge mich über sie und küsse ihre halb geöffneten Lippen, dann ihren Hals, die Stelle, wo ihr Schlüsselbein, von zarter braungebrannter Haut überzogen, zusammenläuft, ihre Brüste, ihren Bauch. Sie greift mir in die Haare, vermutlich, weil sie nicht weiß, was sie mit ihren Händen anfangen soll oder aber, weil sie glaubt, man müsse sich genau so in dieser Situation verhalten. Die Gedanken weichen mehr und mehr aus meinem Hirn. Ich küsse die Innenseite ihrer Schenkel und arbeite mich langsam in die Mitte vor. An ihrer Atmung hört man, dass ihr Brustkorb zittert, als meine Zunge ihre Muschi das erste Mal berührt. Meine Hände streichen von außen über ihre Beine, ihre Oberschenkel und ihr Becken, das sie inzwischen vorsichtig und langsam kreisend bewegt. Irgendwann wandern meine Hände bis hoch zu ihren Titten und massieren sie, während ich Anna immer weiter lecke. Ich werde schneller, übe mehr Druck mit meiner Zunge aus, und aus dem zaghaften Atmen ist inzwischen ein Stöhnen geworden. Ich setze kurz ab und sehe nach oben. Anna öffnet ihre Augen und leitet mich zurück, hoch zu hier. Ihre Hand tastet nach meinem Schwanz und führt ihn zwischen ihre Schenkel.
"Hoppla, hast du deine Meinung geändert?", frage ich und habe meine Sicherheit zurück.
Sie lächelt.
Offenbar verzichten wir auf ein Kondom, aber sie nimmt ja die Pille und ist Jungfrau. Diese sorglose Jugend! Jeder klare Gedanke hat zusammen mit allem Blut meinen Kopf verlassen. Draußen bewegen sich die letzten Ausläufer einer Baumkrone bedrohlich vor dem Fenster: Wind und Regen lassen die dürren Äste wie gierige Finger aus Schatten aussehen. Noch immer wehen Tropfen an die Fensterscheibe und das Holz der Wände scheint zu ächzen. Vorsichtig rücke ich Stück für Stück in sie herein und muss mich dabei dazu zwingen, behutsam zu sein. Sie kneift ihre Augen zusammen, sieht dabei jedoch immer noch unglaublich aus.
"Hey, es tut nur am Anfang ein wenig weh", mutmaße ich. "Wir können sofort aufhören, wenn es dir zu sehr schmerzt." Mein Mund spricht automatisch. Keine Ahnung, wessen Worte das da sind. Eigentlich will ich sie einfach hart ficken. Einfach ficken.
"Nein, es geht schon. Fühlt sich nur ungewohnt an."
Die erste Seite des Buches. Ich reiße mich zusammen; bin vorsichtig, auch wenn es sich manchmal anfühlt, als würden wir stillstehen. Ihr fantastischer Körper wölbt sich unter mir. Durch das Kerzenlicht werfen ihre Brüste und ihre Nippel Schatten. Sie hält die meiste Zeit ihre Augen geschlossen, aber ich muss einfach hinsehen, muss alles in mich aufsaugen, jeden Eindruck stehlen für später. Der Sprecher im Radio meldet sich zu Wort und kündigt die Premiere eines neuen Foo-Fighters-Songs mit dem Titel "Best of You" an. Bisher hatte ich nicht einmal bemerkt, dass immer noch Musik lief. Sie öffnet ihre Augen und lächelt mich an. Nichts könnte mich daran hindern, zurückzulächeln. Langsam bewege ich meinen Schwanz tiefer in ihr, beschleunige das Tempo und beobachte die Regungen ihres Körpers, die Züge ihres Gesichts und die Vibrationen ihrer Titten. Sie stöhnt, und es klingt nicht mehr nach Schmerz.
Ihre Zunge gleitet nach einer Weile an meiner Brust und meinem Hals hoch. Sie bewegt sich auf mir, hütet sich jedoch davor, dass mein Schwanz ganz in ihr verschwindet.
"Bring' es zu Ende", flüstert Anna in mein Ohr. Sie klingt erschöpft.
Ich drehe sie auf den Rücken, indem ich sie mit einem Arm festhalte. Ich mag diese Bewegung; sie erinnert mich immer an einen Tanz. Wie die erste Seite eines Buches. Mit gespreitzten Beinen liegt sie vor mir und sieht mich erwartend an. Ich stoße zu, diesmal ohne besonders viel Rücksicht, bis zu dem Moment, an dem sich alles auflöst; unser Stöhnen, das inzwischen zu einem Geräusch geworden ist, und meine Gedanken, die dumpf und taub durch das Nichts rasen, wie über eine gewaltige Eiswüste. Unser Atmen taktet sich ein, als wir wortlos aufeinander liegen und nichts tun, außer nach Luft zu schnappen und zu schwitzen.
"Das war gut", sagt sie, aber vermutlich war es eher merkwürdig für sie. Ich mache mir da keine Illusionen.
"Hast du Taschentücher hier?", frage ich. Meine Gedanken sind von einer Sekunde auf die andere wieder klar und jeder Trieb und alles Wilde ist wieder fremd und weit weg. Ich fühle mich kalt.
"Taschentücher?", fragt sie irritiert.
Scheiße, sie scheint nicht mit dem Prozedere vertraut zu sein. Hat sie keine Freundinnen? Sie deutet auf den kleinen Tisch neben dem Bett. Plötzlich wirken die Kerzen und der Regen am Fenster kitschig. Alles ist so einfach und abgekühlt und glanzlos.
"Glaub' mir, du brauchst auch ein Taschentuch", sage ich, doch im selben Moment springt Anna schon auf und läuft ins Badezimmer, ohne ein einziges Wort an mich zu richten. Ich packe meinen Schwanz in ein ausgebreitetes Tempo und lasse mich wieder aufs Bett sinken. Ich tippe "Nussknacker" in mein Handy und schicke die SMS an den Bassisten. Als ich meinen Schwanz abwische, das Taschentuch löse, um es wegzuwerfen, bemerke ich im Lichtschein des Telefons das Blut. Fuck! Ich zucke zusammen. Was für eine martialische Scheiße! Ich knülle es zu einem kleinen weißroten Ball und schmeiße es in den Papierkorb neben ihrem Schreibtisch. Ich untersuche prüfend meinen Penis, aber im Dämmerlicht des Handys und der Kerzen scheint er sauber zu sein. Gott, ich hasse Blut! Jon Bon Jovi und Avril Lavigne lächeln mich selbstverliebt an, als wollten sie sagen: "Was hast du erwartet, Cowboy? Pfirsichnektar?"

Es vergeht fast eine Stunde. Naja, genau weiß ich das nicht, ich habe nicht auf die Uhr gesehen, sondern an die Decke gestarrt und der Scheiße im Radio zugehört, aber es scheint viel Zeit vergangen zu sein, denn draußen beginnt ein neuer Morgen damit zu dämmern. Der Regen hat aufgehört und erste Vögel fangen an zu zwitschern. Ich bekomme immer den Anflug eines schlechten Gewissens, wenn ich wach bin, bis man die ersten Vögel hört. Als Anna zurückkehrt, sieht sie fertig aus, gar nicht mehr so makellos.
"Na, Engel", sagt sie schwach.
"Oh Gott, nenn mich bitte niemals so." Ernsthaft, Engel?
"Tut mir leid", sagt sie und grinst dabei. "Das ist aus meinem Lieblingsfilm. Kennst du 'Engel & Joe' mit Robert Stadlober?"
"Ein deutscher Film. Ist das nicht der Spasti aus 'Crazy'?"
"Ja, genau. Für den habe ich früher geschwärmt. Das ist ein total toller Film. Den haben wir in der Schule gesehen." Na das kann ja 'was werden. Hoffentlich hat sie ihn nicht auf DVD.
"Alles okay? Tut es weh?", frage ich.
"Ein wenig, aber das vergeht - mit jedem Mal, schätze ich."

 
Zufall und Zeit bringen manchmal die schönsten Pointen hervor, und so kam es, dass aus dem Bassisten, der beleidigt war, dass ich seine Playlist abschaltete, später ein DJ wurde. Andreas, der sich über unser mangelndes Organisationstalent und über unsere Gleichgültigkeit gegenüber den Ausgaben und Einnahmen des geplanten Konzerts beklagte, ist inzwischen, fast neun Jahre nach diesem Tag, Buchhalter in einer Musikfirma in Berlin, und Dack, der treue und bedenkenlose Fahrer mit der Schwäche für Uniformen und Zugehörigkeit, ist nach einem verpatzten Studium Busfahrer geworden.
Was mich betrifft, so bleibt zu sagen, dass das Mädchen, von dem ich dachte, ich würde über kurz oder lang mit Sicherheit ihr zartes Herz brechen, egal, was ich tue, am Ende meines brach, auf dass es niemals wieder richtig ganz werden konnte.

A.               

Kommentare:

  1. deine texte erinnern mich immer an meine eigene jugend.all die sexy musiker-jungs..

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