Montag, 9. Dezember 2013

Champagne Supernova für immer

Der Himmel sieht wunderschön aus, als mein Wecker klingelt. Wenn ich aufwache und noch ein bisschen Zeit brauche, um zu verstehen wo und wer ich bin, gucke ich mich manchmal so lange im Licht, in der Sonne und den Wolken fest, dass ich danach nur schwer wieder in die dunklen Konturen meines Schlafzimmers zurückfinde, so, als sei man nachts mit starkem Blitz fotografiert worden, nur irgendwie langsamer und schöner. Es ist noch nicht einmal zehn und die dämlichen Skandinavier schieben schon wieder körbeweise Schnaps auf den Parkplatz vorm Einkaufszentrum. Es vergeht kein Tag in Kiel, an dem nicht irgendwelche Dänen Alkohol für Zuhause kaufen. Aber wer sollte es ihnen verübeln? In Dänemark ist das alles viel teurer und Kiel hat ja auch sonst nicht besonders viel Sehenswertes, das in Dänemark nicht zu finden wäre. Das Schönste hier ist doch noch immer das Meer. 

Alles drängt sich durch die Gänge. Das heilige Weihnachtsfest wirft seine großen Schatten voraus. Mütter werden mit heulenden Babys in einem improvisierten Fotostand mit kitschig künstlichem Weihnachtsbaum abgelichtet. Das Blitzlicht, der Lärm und die Menschenmengen bringen die Kinder mehr und mehr zum Weinen, doch Mutti will es unbedingt, und die arme Fotografen-Auszubildende beherrscht offenbar noch nicht die große Rassel- und Bespaßungskunst, die die süßen Kleinen zum Lachen statt zum Weinen bringt, wenn auf den Auslöser gedrückt wird. Wahrscheinlich lernt man das erst in irgendeinem krassen Geheimritual am Ende des dritten Lehrjahres; eine düstere Zeremonie mit jeder Menge Totenköpfen, miesen Gags und Handpuppen.

Gelangweilt schiebe ich den Korb in die Obst- und Gemüseabteilung. Sie braucht Mandarinen oder Clementinen (wo ist eigentlich der verfickte Unterschied?) für den Cupcake-Teig. Ich mag keine Cupcakes, und Muffins finde ich auch doof. Ich kann die Begeisterung dafür nicht verstehen. Ich zeige auf die teuerste Sorte Mandarinen, an der extra ein paar grüne Blätter gelassen wurden und sage: "Guck mal, warum haben die nicht auch noch 'frisch' mit 'nem Edding auf die Schale geschrieben, um sicher zu gehen?" Ich ernte nicht einmal ein müdes Lächeln. Mich bringt außerdem zum Schmunzeln, dass die importierten spanischen Avocados den klangvollen Namen "Hass" tragen. Ist das subtile Kleinstrache an der von Deutschland dominierten Sparpolitik Europas? Ich habe keine Ahnung, wie Avocado schmeckt, aber ich mag das Wort irgendwie. Es klingt so elegant und gleichzeitig exotisch. Avocado. Ich mag auch "Advokat". Geht ja in eine ähnliche Richtung. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt schon einmal welche gegessen habe, also Avocados, keine Anwälte. Dinge landen in unserem Korb und reißen mich aus den Gedanken. "Wofür brauchen wir den ganzen Kram noch mal?", frage ich. Ich bekomme keine Antwort. Man kann ja nicht ohne Backwaren bei einer Familienfeier auftauchen.

Es hat angefangen zu regnen und der Himmel ist auch nicht mehr schön. So viele Töne von Grau schieben sich in den dichten Wolken umher. Ich kaufe gebrannte Mandeln für drei Euro, und sie sind kalt. Dann ins Auto. Zwei Stunden und das Wetter wird immer schlechter, doch mir geht es besser. Schon die letzten Tage waren ganz okay - doch je weiter ich mich von Kiel entferne, desto leichter fühlt sich alles an. Keine Kryptonit-Metapher, keine Angst. Doch der Gedanke an Ruhe ist trügerisch, das weiß ich. Es wird meine erste Familienfeier seit Langem - und noch dazu ohne Alkohol. Ich habe ein bisschen Schiss.

Seit fast sechs Monaten habe ich keinen Tropfen getrunken. Das ist die abstinenteste Epoche, seit ich dreizehn war, schätze ich. Das klingt, als hätte ich ein Problem mit dem Trinken gehabt, aber so ist das nicht. Im Gegenteil: Der Alkohol war fast immer gut zu mir; er stellte mich jeder Menge Mädchen und Freunden vor, ließ mich rasante Abenteuer erleben, gab mir Mut und Charme, und irgendwie machte er mich auch zu dem, der ich heute bin, schließlich ist sein Anteil an meiner Wochenendfreizeitgestaltung der prägenden Jahre wirklich nicht von der Hand zu weisen. Sicher, oft genug hing ich auch meine Seele aus dem Leib kotzend über irgendwelchen Kloschüsseln, Badewannen oder Büschen, und manchmal habe ich auch Dinge getan, auf die ich im Nachhinein dann nicht mehr so stolz war - oder ich habe mich betrunken, um Dinge zu tun, auf die man eigentlich nicht stolz sein sollte, also, um eine Entschuldigung für die Dummheiten zu haben, nach denen ich mich im Geheimen doch sehnte. Naja, man redet nicht schlecht über alte Freunde. Scheiße, ich glaube, ich wäre niemals auf irgendeine Bühne oder Tanzfläche gegangen ohne Alkohol. Auch mein erstes Mal hätte ohne Alkohol nicht so stattgefunden. Ich frage mich gerade, ob ich überhaupt je ein Mädchen abgeschleppt habe, ohne dass zumindest bei mir Alkohol im Spiel war. Ich erinnere mich nicht genau - was wohl eher dafür spricht.

Es ist keine Entscheidung aus freien Stücken: Ich darf erst einmal nicht mehr trinken, da die Wechselwirkungen mit den Medikamenten, die ich seit ein paar Monaten nehme, nicht cool wären. Die unterschiedlichen Pillen vertragen sich alle jeweils nicht mit Schnaps. Naja, eigentlich ist das alles gar nicht so schlimm. Ich habe nie wirklich regelmäßig getrunken. Meine Hände zittern deswegen nicht mehr als sonst, aber es fehlt mir in bestimmten Situationen. Ich fluche nicht mehr so viel beim Fußball, Barbesuche haben ein erhebliches Element ihres Zaubers eingebüßt und Familienfeiern sind scheußlich, nun, wo man alles mitbekommt. Ich kannte immer Leute, die gar nichts trinken - verstanden habe ich das jedoch nie. Jetzt auch nicht. Goodbye, alter Freund.

Überall sind langsam die Windkrafträder Mecklenburgs zu sehen. Die Mühlen der Heimat, unaufhörlich schneiden sie mit ihren riesigen Rotorblättern die graue Luft, ohne ein Geräusch zu machen, und sehen von Weitem doch so fein und zerbrechlich aus. Der Himmel wird immer dunkler und als wir die Stadt erreichen, möchte man fast meinen, es sei bereits Nacht. Nass vom Regen flattert die schwarz-weiß-rote Flagge der NPD über ihrer Parteizentrale hinter Stacheldraht. Das sieht selbst im Vorbeifahren bedrohlich aus.

Am nächsten Morgen werde ich durch ein festes Klopfen an die Zimmertür geweckt. Frühstück. Ich hasse es, geweckt zu werden, egal um welche Uhrzeit. Langsam öffne ich meine Augen und liege allein im Bett. "Steh' auch auf, komm, Alex, es ist immerhin Papas Geburtstag", sagt eine Stimme vorwurfsvoll. Der Geburtstag ihres Vaters. Ich weiß immer erst, wie es mir geht, wenn ich einen Fuß auf den Boden setze: mittelmäßig. Ich bin nervös. Der Tag läuft an mir vorbei, aber bereits am frühen Nachmittag finde ich mich auch schon an einer Kaffeetafel wieder. Smalltalk Inferno. Ich halte meine ausgestreckte Hand so unter den Tisch, dass nur ich sie sehen kann, um zu überprüfen, wie stark sie zittert. "Es ist nur natürlich, dass Sie Situationen meiden, von denen Sie glauben, dass sie Ihre Symptome verschlimmern könnten. Doch Sie müssen dem entgegenwirken, sonst schaffen Sie sich Ihr eigenes Gefängnis. Und die Mauern werden immer enger. Das Gehirn merkt sich alle Ihre Vermeidungsstrategien, nimmt sie in sich auf und zieht das Netz anschließend immer weiter zusammen, wenn Sie den Kampf nicht annehmen." Mein Gewissen spricht in der Stimmlage meiner Ärztin. Ihre Worten hallen als Echo zwischen meinen Ohren hin und her.

Die restlichen Gäste treffen ein und es wird kurz schlimmer: mir wird heiß, das Zittern wird stärker, ein kurzes Gefühl von Schwerelosigkeit in den Beinen, doch ich reiße mich zusammen und nehme den Kampf an wie Rocky. Ich schüttele viertausend Hände. Niemand merkt irgendetwas. Ich versuche an etwas zu denken, das meine Konzentration von mir selbst ablenkt. Egozentrik hat tatsächliche ihre Schattenseiten: Mir fällt nichts ein. Ich scheine in all meinen Gedanken die verfickte Hauptrolle zu spielen. Mein Nacken beginnt, von der Anspannung zu schmerzen. Ich antworte auf Standardfragen, schlage Einladungen aus und gebe ab und an ein paar zynische Kommentare von mir, für die ich teilweise ein Lachen, teilweise jedoch auch einen Blick bekomme, der mir zeigt, dass man sich, auch, wenn ich lächeln sollte, bei mir offenbar nie so richtig sicher ist, ob ich das gerade Gesagte vielleicht nicht doch ernst meinte - aber das bin ich mir auch nie.

Stunden vergehen, in denen ich mich nur zum Rauchen von meinem Stuhl erhebe. Die Leute werden immer betrunkener, und da ich wohl die Stimmung ein wenig herunterziehe, redet kaum jemand mit mir. Ab und an ein "Na, Alex, was macht das Studium?" oder ein "Alex, ohne Trinken ist sowas scheiße, ne?" aber sonst gucke ich meistens in die lodernden Flammen im Ofen oder auf die Uhr. "Na, willst du nicht wenigstens auch 'nen Kräuter? Stell' dich doch nicht so an", sagt die Dame links von mir. Ich lehne ab und helfe ihr stattdessen dabei, sich das Glas erneut zu füllen. Selbst gelingt ihr das nämlich nicht mehr. Die Männer haben sich alle an die Stehtische verzogen. Ich bin der letzte an einer langen Tafel voller gackernder betrunkener Weiber, die mit jeder Minute lauter zu werden scheinen, wie bei einer Uhr, auf deren Ticken man sich konzentriert, bis es wirkt, als erfülle es den ganzen Raum und die ganze Welt mit dem monotonen Lärm des Sekundenzeigers.  Die Gesichter verzerren sich, je betrunkener sie werden. So muss ich auch immer ausgesehen haben. Ich frage mich, ob ich wohl in Norwegen auf einer Farm arbeiten könnte. Leider kann ich einfach gar nichts, was man dort können müsste. Ich flüchte mich in mein Smartphone und zoome im Navigationssystem auf die südwestliche Küste Norwegens.

Nach süßen sieben Stunden habe ich es geschafft: Einige Gäste sind bereits gegangen, und somit kann ich guten Gewissens ebenfalls gehen. Ich bin wieder im Spiel. Nachdem ich einen Großteil der letzten Monate vornehmlich im Bett oder in Wartezimmern zugebracht habe, scheint die Formkurve langsam ein wenig nach oben zu zeigen. Ich bin nicht umgefallen und alles war auszuhalten. Ich bin stolz auf mich. Aufrecht gehe ich durch den Regen zurück - und mache einen Umweg, um nicht einer Gruppe herumlungernder Jugendlicher am Rande des Parks in die Arme zu laufen. Man muss es ja nicht übertreiben. Sie sehen schließlich aus wie ein Rudel Wölfe im schimmernden Licht der Straßenlaternen. Ich vergesse in solchen Momenten, dass ich nicht mehr vierzehn bin.

A.

Kommentare:

  1. Hach. Ein Traum solche Familienfeiern...ohne Alkohol auch für mich dieses Jahr. Dich fragen sie zumindest nur nach dem Studium und nicht ob du schwanger bist.
    Schön bist du. Und ernsthaft.
    Avocados schmecken fürchterlich.

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  2. Wird mal Zeit, dass du ein Mädel abschleppst, ohne betrunken zu sein, hm? Avocados schmecken in Form von Guacamole herrlich. Am besten zu Tacos.

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    1. Vielleicht würde ich das ja nüchtern gar nicht hinbekommen.

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    2. Vielleicht ist scheiße. Wer nicht wagt der nicht gewinnt!;D

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  3. Die Dänen... Hier in Flensburg reißen sie sich nicht nur sämtliche Alkoholvorräte unter den Nagel, sondern beglücken einen - ganz besonders in der Weihnachtszeit - durch dekoratives Im-Weg-Stehen in den Geschäften. Und dann kommt der Wikinger in ihnen durch, wenn man mal ganz höflich fragt, ob man auch mal vorbeidürfe. Avocados hab ich mir mal gekauft, aber ich hab mich nicht getraut, sie zu essen.

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    1. Verständlich! Merkwürdige Früchte. Ihr seid da ja noch dichter an der Grenze. Das muss die Hölle sein ;-)

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    2. Es IST die Hölle! :) Ich hab schon überlegt, Dänisch zu lernen, damit ich sie in ihrer Muttersprache fragen kann, ob sie mich mal durchlassen. Vielleicht sind sie dann nicht ganz so beleidigt :)

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