Mittwoch, 11. Dezember 2013

Cortisone Lovesongs

Irgendwie muss ich vor etwa einem Jahr das Karma gefickt haben. Aber so richtig. Nicht nur, dass meine gesundheitliche Talfahrt gerade ihren ersten Geburtstag feiert, es kommt auch immer wieder einfach irgendein neuer Scheiß dazu, als hätte mich irgendjemand verflucht, der Böse Blick einer wütenden, alten Zigeun-pardon-Sinti-und-Roma-Frau oder so. Gestern Morgen wollte ich einfach nur ein beschissenes Rezept für eine Physiotherapie abholen. 

Eine Dreiviertelstunde habe ich gewartet, nur um dann von der Vertretung meiner Hausärztin gesagt zu bekommen, dass das Budget für Krankengymnastik und Physiotherapie dieses Jahr leider erschöpft sei, was ja nicht ihre Schuld (oder die, all der beschissenen, fetten Büroweiber, die zu faul sind, eine Scheißtreppe hochzulaufen, sich aber stattdessen fleißig Massagen verschreiben lassen, für'n Rücken, ich hab ja immer so Rücken, weißte?) wäre, die Verantwortung sei vielmehr bei den Krankenkassen und dem Gesetzgeber zu suchen. Jaha, die da oben. Ich solle es doch noch mal lieber bei meinem Neurologen oder Orthopäden probieren - die hätten da mehr Möglichkeiten. Während ich mich gleichgültig ob dieser herzerweichenden Predigt in dem Doppelnamen auf dem Namensschild, vor mir auf dem Schreibtisch, festgucke, wird mir sogar noch angeboten, dass man mir eine Überweisung ausstelle. "Was soll ich dann damit? Mir die Praxisgebühr sparen, die es nicht mehr gibt?", frage ich. Das ist keine von Nächstenliebe geschwängerte Hilfestellung, sondern einfach nur der Versuch, noch etwas auf den eigenen Abrechnungsbogen zu quetschen. Unser Gesundheitssektor ist eine tückische Hure. Höhnisch bedanke ich mich für ihre Zeit und gehe. Aber mein verficktes Problem hat sich dadurch auch nicht gelöst: Ich brauchte das Rezept am besten schon vor einem Monat, denn so lange läuft die Behandlung schon, und so lange vertröste ich meinen Physiotherapeuten auch jede Woche.

Ich wähle die Nummer meines Neurologen und zünde mir eine Kippe an. Mein letzter Ausweg heißt Charme. Ich habe Glück und erwische eine Sprechstundenhilfe, die sich an mich zu erinnern scheint, als ich mich vorstelle. Ich sage ihr, dass sie mein letzter Ausweg sei und ich sie um einen großen Gefallen würde bitten müssen. Ich weiß, dass mein Arzt gar nicht im Haus ist, aber die Gute versichert mir, dass sie es auch so irgendwie regeln würde und ich am Nachmittag das fertige Rezept mit irgendeiner erfundenen Diagnose würde abholen können. Das ist nicht selbstverständlich, schließlich hat mir der Arzt noch nie so etwas verschrieben und generell bekommt man nur einfach so am Tresen, was einem schon einmal verordnet wurde. Ich sage ihr, dass sie ein Engel sei, und wundere mich sofort, wo ich diese schleimige Formulierung hergeholt habe. 

Ihre Stimme klingt metallern und ich muss die Augen zusammen kneifen. Irgendwie höre ich seit Tagen schlecht auf dem rechten Ohr und hatte vor ein paar Wochen schon einmal Probleme mit dem Trommelfell. Tinnitus, schriller Nachklang hoher Töne. Mir gegenüber ist ein HNO-Arzt. Wohin mit so einem angebrochenen Vormittag und ich habe ja ein Buch dabei. Als ich ihm die Symptome schildere und er meine Krankenakte studiert, überredet er mich zu einem Hörtest. Seit der Musterung habe ich eine trotzige Aversion gegen diese Scheiße - und natürlich werde ich den Verdacht nicht los, dass so etwas inzwischen immer gemacht wird, bei jedem, einfach um doch noch etwas mehr abrechnen zu können. Als ich wieder hineingerufen werde, offenbart mir der Doktor, dass ich einen Hörsturz habe. "Oh, fantastisch", rutscht es mir heraus. So scheiße fühle ich mich nun auch nicht. Er legt zwei Diagramme übereinander und verdeutlicht so den rasanten Abstieg meines rechten Ohres im Vergleich zu einem meiner Hörtests vom letzten Jahr. Ich wusste nicht, das Hörsturz tatsächlich buchstäblich gemeint ist. Er verschreibt mir Kortison, nachdem wir ausführlich den Wechselwirkungskatalog bezogen auf meine anderen Medikamente gewälzt haben. Jetzt bin ich schon bei vier Pillen jeden Morgen. Neuer Highscore. Das Erste, was mir in den Kopf schießt, ist "aufgeschwemmt". Ich will nicht aufgeschwemmt aussehen! Ich erinnere mich daran, dass eine Freundin an Rheuma erkrankte und Kortison nehmen musste. Die sah danach furchtbar aus, ernsthaft. Aber ich bekomme es nur zwölf Tage lang verabreicht, also keine Panik. Ich war dieses Jahr bei mehr Ärzten, als in meinem ganzen Leben zuvor.

Allgemein könnte es jedoch schlimmer sein, alles: Es gibt Millionen, denen es weit schlechter geht, und ich reiß' mich jetzt auch zusammen mit dem Gejammere, aber Hölle, wenn es tatsächlich so etwas wie ein Schicksal gibt - und ich bin da eher skeptisch -, dann will ich, dass es weiß, dass ich es nicht leiden kann. Langsam ist das nur noch zum Lachen. Vielleicht rächt sich ja irgendeine kosmische Macht an mir, weil ich jahrelang so ein Wichser war, mich ständig über Gläubige lustig gemacht habe und nie vor irgendetwas Respekt hatte. So wie bei Hiob, nur ohne die Frömmigkeit. Also vielleicht doch eher wie bei Babylon. Aber ich habe jetzt die Schnauze gestrichen voll von all dem Scheiß. Ich weine nicht mehr über irgendetwas. Keine Träne seit fast sieben Jahren, seit sie mein Herz gefressen hatte, verdammt. Wenn mir das Leben beschließt, in die Fresse zu hauen, stehe ich eben wieder auf und halte die andere Wange hin. Hast du das gehört, Jesus? Die andere Wange. Morgen hole ich mir einen Termin für's Weisheitszähneziehen.

Und jetzt Schluss damit,

A.     

Kommentare:

  1. vielleicht lenkst du dich mit deiner wut auch nur von den wahren problemen ab..ich wünschte,ich würd nich auch jedes mal innerlich kochen,wenn ich 15min in einer überheizten und engen postfiliale anstehen muss und dann auch noch bei dieser unglaublich unfreundlichen postangestellten lande.oder wenn im bus ein kind plärrt.oder wenn eine oma einen älteren herrn fast vom rad schubst weil "DAS IS KEIN RADWEG,MANN!".oder wenn der kinderpunsch bei aldi alle is.

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  2. 4 Pillen pro Tag? Und ich reg mich schon über eine auf. Aber gegen dich, bin ich ja ein richtig abschreckendes Beispiel für die Pharmaindustrie :-P.
    Ansonsten bleibt mir nur, eine der weisesten Comicfiguren überhaupt zu zitieren: "Shit happens!".
    Arschbacken zusammenkneifen, Kopf hoch und weitermachen. Alles wird gut. Mit so vielen Happy-Pillen auf jeden Fall =). Schleimer!

    LG
    Anja

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  3. Antworten
    1. Es hat etwa drei Minuten gebraucht, bis ich den Zusammenhang kapiert habe, aber ja, zumindest von Bildern von fliegenden Möwen scheinbar.

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  4. Sich immer zusammenreissen, weil es anderen noch viel schlimmer geht - das kenn ich. Aber ich bin auf einem guten Weg, mir das abzugewöhnen. Natürlich geht es anderen schlechter. Trotzdem hat jeder das gute Recht, sich schlecht zu fühlen und das auch kund zu tun.
    Immer nur stark sein wollen, und sei es nur nach außen hin, macht die Sache, glaube ich nur, noch schlimmer. Und die ganze Anspannung und das ganze Gejammer mal durch ne Runde weinen zu entschärfen - klappt auch. Zumindest bei mir.
    Im Übrigen glaube ich nicht, dass Dein Herz gefressen wurde. Weil ich glaube, da ist sehr viel gutes Herz in Dir. Vermutlich schützt Du es nur viel zu sehr davor, tatsächlich mal gefressen zu werden.

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    1. Ach, ich habe mich auch oft genug gehen lassen. Boys don't cry und das mit dem gefressenen Herzen war keine Image-Prahlerei. "Das Mädchen vom Strand" und so. Trotzdem weiß ich zu schätzen, dass Du so viel Gutes in mir siehst.

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