Sonntag, 15. Dezember 2013

Der Schatten grünen Kupfers

Sonntag. Das Erste, was ich merke, als ich aufwache, ist, dass die Fingerkuppen an meiner linken Hand schmerzen und ein wenig taub sind. Das ist ein vertrautes Gefühl - ich hatte es nur lange nicht mehr. Es ist noch nicht einmal acht Uhr, warum bin ich also schon wach? Draußen weht Regen gegen die Scheibe und noch ist es dunkel. Obwohl ich kaum etwas erkenne, bilde ich mir ein, den grünlichen Schatten zu erkennen, der sich über Nacht in die Konturen meiner Fingerspitzen hineingefressen hat, als hätte er eine Art Beweis zurücklassen wollen; einen Fingerabdruck auf dem Fingerabdruck. Ich kenne dieses Grün, denn ich habe es tausende Male gesehen. Auch meine ich, den Geruch von Metall wahrnehmen zu können; dieser kalte, unappetitliche - und vertraute - Duft von Säure und Rost, Schweiß und Stahl, nur alles irgendwie in einem. Ich habe wieder Gitarre gespielt - und zwar länger, vielleicht für Stunden, so richtig mit Singen und allem und Weihnachtsliedern und meinen Freunden. Eigentlich wollte ich nicht, aber das Mädchen mit der Gitarre zierte sich so und wir wollten doch Weihnachtslieder singen - und irgendwann überkam es mich. Es war nur für mich eine spirituelle Erfahrung, während die anderen Glühwein tranken und die Geschenke vor sich bewunderten. Nach kurzer Zeit ließ das Zittern meiner Hände nach und alles war wieder da. 
Das Kupfer in den Saiten also vielmehr die Kupferbestandteile der Legierung in der rauen Ummantelung der Westerngitarrensaiten oxidierten durch den Schweiß meiner Finger und färbten daraufhin grün ab. Genau wie früher. Ein bisschen eklig. Ich glaube, das ist einer der wenigen chemischen Prozesse, die ich jemals tatsächlich begriffen habe. Chemie ist scheiße. Wer will denn schon wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält - wenn es keine Gefühle sind?
In all den Monaten des untätigen Herumliegens hat sich die Hornhaut auf den Fingerkuppen meiner linken Hand ein Stück weit zurückgebildet, weswegen es nun ein wenig schmerzt, aber nicht doll - nur so sehr, dass man sich erinnert, und das ist ja etwas Gutes. Die Haut wird wieder dicker werden, bis nicht einmal Nadelspitzen sie noch verletzen können - und das ist keine verfickte Metapher.

A.   

1 Kommentar:

  1. Das freut mich ganz außerordentlich für Dich!
    Wenn Du kein Diabetiker bist und Dich regelmäßig in den Finger pieksen musst, hilft Dir die Hornhaut la leider auch nicht weiter. Aus anderen Gründen piekst man sich ja nicht. Es sei denn, man ist ein bisschen verrückt...

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