Dienstag, 10. Dezember 2013

Die Wurzeln des Zorns

Diese verdammten Außenbezirke werden immer verfickte weiße Flecken auf meiner Landkarte bleiben. Hier draußen wird Kiel zu Itzehoe, Bad Oldesloe und Bad Segeberg: schleswig-holstein'sche Einöde, die sich partout nicht unterscheiden lässt. Obwohl ich gerade vor zwei Wochen hier war, schien es nahezu unmöglich zu sein, die Adresse ohne das Navi meines Smartphones zu finden. Ich bin fast zu spät, wegen des Feierabendverkehrs und all der Ampeln. Ich habe acht Stunden gemalert. Gott, wie können das andere Leute bloß jeden Tag machen? Also acht Stunden arbeiten. Am Stück! Da ich überall weiße Farbe hatte und wie eine Baustelle gerochen habe, musste ich unbedingt noch in die Badewanne. Duschen ging ja nicht, weil ich nun einmal bade. Das ist der eigentliche Grund, warum die Zeit so knapp geworden ist. Ich hätte mich rasieren sollen. Ich will doch einen guten Eindruck machen. Ja, ich weiß, ich werde nicht bewertet.
"Hol' mich bitte in einer Stunde hier wieder ab", sage ich, während ich aus dem Wagen steige. Meine Haare sind noch nass vom Baden. Ich versuche, sie halbwegs zu einer Frisur zu formen. Durchatmen. Klingeln.

Wir reden über die Vergangenheit. Irgendwie scheint die immer das Wichtigste zu sein. Ich rutsche im Sessel hin und her. Selten habe ich einen Raum erlebt, der so eine unauffällige Kulisse war. Alles scheint verhangen und unwichtig. Die gesamte Konzentration und aller Fokus liegen zwischen den zwei Sesseln, die sich vor den großen Fenstern mit Blick auf den abendlichen, verregneten Garten gegenüber stehen. Es gibt Dinge, die man nur im Dunkeln sehen kann. Ihre Gesichtszüge sind streng, beinahe undurchdringlich. Sie trägt eine Art Umhang aus Strick, keine Ahnung, wie so etwas heißt. Bolero? Ja, vielleicht ist das ein Bolero. Eine Frau wüsste das. Ich weiß nicht, wie alt sie ist, und man sieht nie, was sie denkt. Ich mag das. Normalerweise bin ich gut darin, Menschen zu lesen. Hier ist es umgekehrt.

"Woher kommt all dieser Zorn?", fragt sie, beugt sich ein Stück vor und sieht mir direkt in die Augen. 
Ich weiß es nicht. "Ich schätze, er kommt tief aus meinem Innereren", sage ich und weiche ihrem Blick aus. Das klingt wie eine Antwort. Mit den Füßen schiebe ich dieses bescheuerte Fußkissen zur Seite. Es entspannt mich wirklich kein Stück, meine Beine auf diesem Scheißstrickkissen zu balancieren, während ich in einem halbbequemen Korbsessel sitze. Wen zur Hölle entspannt das? Wie nennt man diese Scheißdinger überhaupt? Bei der Osteopathin lagen die auch. Dämlicher Esoterikkram. 
"Der Zorn kommt aus Ihrer Jugend, aus Ihrer Kindheit, um genau zu sein", präzisiert sie, "denn Sie haben Grausames erlebt. Darin liegt all Ihre Wut begründet. Wissen Sie, wir vergessen niemals, auch, wenn wir glauben, dass wir es tun." 
Das ist ja fast ein Merksatz, denke ich. 
"Wie fühlen Sie sich dabei, wenn Sie wütend sind, wenn Sie ihrem Zorn seinen freien Lauf lassen?" 
Ich zögere kurz. "Ich fühle mich gut, denke ich, ich genieße es fast sogar ein bisschen", sage ich leise und vorsichtig. Hoppla, wo kam das denn her? Was sage ich da? Vermutlich erzähle ich gleich auch noch, dass ich mit Schlangen sprechen kann. 
"Das ist nur natürlich. Sie erzählen so lapidar von ihrer Vergangenheit, immer mit einem Lächeln auf den Lippen, dabei sehe ich vor mir diesen kleinen Jungen, dem all jene teilweise fürchterlichen Dinge widerfahren sind, der zwischen allen stand und so viele Jahre für die Erwachsenen, von denen er abhängig war, mitdenken musste, und gerade dadurch auch immer allein war. Sie haben sich zurückgehalten, sind sorgsam mit allen anderen und sorglos mit sich selbst gewesen, haben das Spiel so lange mitgespielt, bis es in diesem sozialen Konstrukt zu viel für Sie wurde, bis Ihr Körper schließlich rebellierte, bis Sie elf waren, dann sind Sie geflohen und es ging Ihnen besser, oder? Es ist nur eine Hypothese, aber was, wenn es diese Dinge sind, die sich auch jetzt ihren Weg nach außen suchen und ihren Körper gegen ihren Geist kämpfen lassen? Sie verfügen über viel Zorn, sehr viel Zorn, das kann ich deutlich sehen". 
"Wenn Sie das sagen, klingt das alles irgendwie dramatischer, als es tatsächlich war. Da kann man ja von Glück sagen, dass ich bei alle dem, nicht einen mitbekommen habe", antworte ich.  Oh. Da müssen wir beide kurz schmunzeln.

"Sagt Ihnen die Begrifflichkeit 'Schwarze Pädagogik' etwas?", fragt sie. 
"Nein", gestehe ich. Das ist sicher nichts Gutes. Schwarze Magie, Schwarzer Tod, Schwarzer Donnerstag, mir fallen da nur miese Dinge ein.

"Was sind das für Dinge, die Sie wütend machen, die Sie in Rage geraten lassen?", fragt sie mich.
"Och, da bin ich ganz flexibel. Ich kann mich, wenn ich mich leiten lasse, zum Beispiel unglaublich über das Vormittagsprogramm im Fernsehen aufregen oder aber über ..." 
"Sehen Sie oft vormittags schon fern?", unterbricht sie mich. 
"Eigentlich nicht, aber das Programm ist ja auch den ganzen Tag über scheiße. Es sind oft Unwichtigkeiten; Schiedsrichterentscheidungen beim Fußball, beschissene Musik, Politik, Menschen oder die Ticketpreise von Chris de Burgh. Also nicht, dass ich da hingewollt hätte, ich fand' es einfach furchtbar ausverschämt, dass der in irgendwelchen Dorfkirchen in kleinen Käffern spielt und dafür neunzig Euro nimmt, weil die Alten es ja bezahlen. Neunzig Euro und dafür setzen die sich zu 'Lady in red' auf Schulstühle in irgendeiner kleinen kalten Kirche! Scheiße, so etwas regt mich auf. Also ich schlage jetzt niemanden oder so, wenn ich wütend bin. Ich kanalisiere die Wut in Worten. Ich bin vielleicht etwas schnell mit Worten, also ich bin gut darin, Schwachstellen auszumachen und schnell verletzende Dinge zu sagen, ziemlich treffsicher. Ich knalle vielleicht auch manchmal mit Türen oder trete irgendetwas um oder so, wenn ich Playstation spiele." Okay, das kam bestimmt nicht bescheuert rüber. 
"Hassen Sie diesen Zorn an sich? Ich meine, bereuen Sie ihn und würden ihn gerne abstellen?", fragt sie, und ich zögere erneut. 
"Naja, wir wollen ja ehrlich bleiben, oder? In gewisser Weise kokettiere ich auch mit dem Zorn, verstehen Sie? Ich habe ihn zu einem Teil meiner Persönlichkeit gemacht, zu einer Eigenschaft, durch die ich mich teilweise sogar zu profilieren versuche. So verfahre ich öfters mit Schwächen oder Ängsten: Ich versuche, sie mir zu eigen zu machen, indem ich sie wie Stärken zum eigenen Nutzen verwende. Ich schärfe mich selbst, wenn man so will. Aus einer schmerzhaften Trennung mache ich eine Geschichte, mit der ich dann Mädchen abschleppen kann, und aus meiner Wut mache ich eine Art Triebfeder meiner Persönlichkeit. Naja, ab und an schieße ich jedoch über das Ziel hinaus." 
"Aber die Wut wird nie enden, wenn Sie so weiter machen wie bisher. Es wird bis an Ihr Lebensende so weiter gehen und das ist nicht wünschenswert." 
"Greifen wir noch einmal diesen Ventilgedanken, bezogen auf Probleme mit der Verarbeitung meiner Kindheit, auf, würde es dann nicht etwas Gutes bedeuten, dass ich meinen Zorn nun, vielleicht ein wenig besser dosiert, hinauslassen kann?", werfe ich ein und wundere mich kurz darüber, woher ich diese Formulierung geholt habe.
"Naja, so funktioniert das nicht, das ist nicht wie bei ...", sagt sie und sucht nach dem richtigen Vergleich.
"Wie bei einer Wanne, in der man den Stöpsel zieht?", versuche ich zu helfen.
"Genau, schönes Bild! Nur, dass es eben eher ein See ist, der niemals versiegt, egal, wie viel sie ablassen", sagt sie und beobachtet mit ihren scharfen Augen jede Regung, jede potenzielle Reaktion meines Gesichts.
"Okay, also wie nutzen wir dann diese Wut für etwas Gutes? Wie lösen wir das Problem", frage ich. Wer ist jetzt hier kein Teamplayer?
"Das ist erst die übernächste Frage. Zu erst einmal gilt es, Ihrem Zorn noch weiter auf den Grund zu gehen, aber für heute ist unsere Zeit leider um, so leid es mir tut", entgegnet sie geschickt. Verdammt, und ich dachte, wir befänden uns längst auf dem Grund von all dem Scheiß. Wir erheben uns gleichzeitig, geben uns die Hand, verabschieden uns höflich, dann streife ich meinen Mantel über, binde meinen Schal und gehe hinaus, zurück in den Regen.

Mein Mund ist trocken, überhaupt fühle ich mich ausgetrocknet von all dem Gerede. Der nächste Patient kommt mir auf der Einfahrt entgegen: ein Mann um die vierzig mit schütterem Haar, aber souveränem Auftreten. Wir sehen gekonnt in die Blumenrabatten, deren Farbe die Dunkelheit nicht einmal erahnen lässt. Kein Grüßen, nicht einmal ein Kopfnicken. Gelebtes Stigma. Ich stelle mich an die Straße und warte darauf, dass ich abgeholt werde. Erst beim vierten oder fünften Versuch entspringt meinem Feuerzeug eine schwächliche Flamme, die jedoch ausreicht, um die Spitze meiner Zigarette in Glut zu versetzen. Ich weiß nicht, wovon ich so geschafft bin, von dem Gerede über früher oder vom Malern. Als das Auto hält, lasse ich den Rest meiner Kippe fallen und steige ein.

"Weißt du eigentlich, dass man dich im Dunkeln überhaupt nicht sieht. Du musst dich nicht wundern, wenn du irgendwann überfahren wirst, Alex! Und, was sagt sie?", fragt die bekannte Stimme vom Fahrersitz.
"Offenbar war meine Kindheit etwas schwierig", antworte ich, während sich die Räder des Wagens wieder in Bewegung setzen.

A.  

Kommentare:

  1. Die Dame mit den strengen Gesichtszügen scheint eine gute zu sein. Jetzt heißt es wohl, immer schön dran bleiben!

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