Samstag, 14. Dezember 2013

Friedrichshain Redemption

"Umarmen wir uns morgen?", steht in der Facebooknachricht.
"Ja, aber keine Tränen", schreibe ich zurück.
"Nein, wir sind ja Männer."

Zwei Jahre ist es her, dass Andreas und ich uns zum letzten Mal gesehen haben. Unter ähnlichen Bedingungen. Wir kennen uns seit mehr als einem Jahrzehnt, und früher haben wir uns tatsächlich jeden Tag gesehen. Wir haben im selben Wohngebiet gelebt und gingen auf dieselbe Schule. Ich konnte ihm alles erzählen, und er saß sogar am Heiligen Abend mit meiner Familie und mir am Esstisch, weil ihm das Fest bei sich und seinen Leuten auf den Sack ging. Wir waren immer potenzielle Taufparten und Trauzeugen - auch wenn keiner von uns kirchlich war. Doch die Windungen des Lebens unmittelbar nach dem Abschlussball neigen dazu, Freundschaften auf harte Proben zu stellen. Während ich nach Kiel ging, einfach, weil es am Wasser liegt und nicht unendlich weit von meiner Heimatstadt entfernt ist, verschlug es Andreas, nach einem kurzen erfolglosen Studium, nach Berlin. Er war verliebt und folgte seinem Herzen und seinem Penis in die Hauptstadt. Das Mädchen ist natürlich längst Geschichte, doch er ist noch immer dort und arbeitet in der Finanzabteilung eines hippen Musikunternehmens mit Filialen in Tokyo und Los Angeles.

Berlin war nie meine Welt, genau wie Hamburg. Ich habe die Begeisterung für diese Städte nie verstanden und werde es auch nie. Ich bin nur dort, wenn es etwas zu erledigen oder etwas Wichtiges zu sehen gibt, nie einfach so. Beim letzten Mal Berlin war es eine Exkursion im Rahmen eines Seminars, bei der es darum ging, Museen unter pädagogischen Aspekten zu analysieren. Damals schlief ich bei Andreas, um mir die Übernachtung in irgendeinem billigen Hotel oder Hostel zu sparen und, weil wir einfach sehr gute, wenn nicht sogar die besten Freunde waren. Danach sahen wir uns nicht mehr. Die Welt drehte sich weiter und die Sonne ging auf und unter. So selten gelang es, sich zu schreiben oder auch nur zu telefonieren, und die Verbindungen des Alltags sind nun einmal das Fundament jeder guten Freundschaft. Brechen sie weg, wird alles oberflächlich, künstlich und kühl. Man wird zu Fremden mit einer verwobenen Vergangenheit, und der Mensch, den man so gut kannte, ist nichts weiter als eine Erinnerung an alte Zeiten, ein Foto oder ein Lied, das Bilder von früher hervorruft.     
Vor Wochen erwähnte ich beiläufig in einer Zehn-Zeilen-Unterhaltung auf Facebook, dass ich im Dezember in Berlin sein würde, um mir ein Konzert anzusehen. Das Hotelzimmer war bereits gebucht und eigentlich wollte ich mich überhaupt nicht melden - doch ich bin viel zu sehr in meiner Vergangenheit verwurzelt, als dass ich es über mein Herz bringen würde, eine solche Gelegenheit verstreichen zu lassen, wenn ich schon einmal wieder in der Stadt sein würde. Die Karten waren ein Geschenk. Andreas sagte sofort, dass ich die Zimmerreservierung canceln solle und natürlich bei ihm schlafen könne. Ich zögerte zwar, aber das dämliche Zimmer würde immerhin einhundertdreißig Euro die Nacht kosten, wenn auch mit Frühstück. Also sagte ich zu und nun bin ich tatsächlich auf dem Weg in die Hauptstadt. Und ich bin aufgeregt. Nicht nur, weil es mir so scheiße ging in den letzten Monaten und mich ein ausverkauftes Konzert in einer kleinen, stickigen Halle sicher nervös machen wird, sondern auch, weil ich nach so langer Zeit einen guten Freund wiedersehen werde und man ja nie so genau weiß, wie nahtlos alles ist, ob viel peinliches Schweigen in der Luft liegt, ob man sich zu sehr verändert hat oder ob es sofort wieder so ist, wie es früher war.

Ich weiß, ich komme aus Mecklenburg, aber verdammt, Brandenburg wirkt irgendwie schlimmer als die größte Einöde meiner Heimat. Vermutlich liegt es auch ein bisschen am Winter, aber ich sehe nur trostlose graue Felder und verfallene Dörfer durch das Beifahrerfenster. Als ich auf einem Verkehrsschild den Namen Potsdams lese, überlege ich für ein paar Sekunden vorzuschlagen, ob meine Begleitung und ich nicht morgen, auf dem Rückweg, dort noch einen Zwischenstopp einlegen sollten. Noch nie hatte ich Schloss Sanssouci gesehen, stattdessen war ich nur einmal mit der Schule im Filmpark Babelsberg. Doch ich halte mein Maul, weil ich sofort fürchte, dass ich morgen gar keinen Bock mehr darauf haben würde. Ich verspreche immer so viel. Je näher man Berlin kommt, desto weniger Schnee häuft sich schmutzig am Rande der Autobahn, bis er schließlich ganz verschwunden scheint, in dem Moment, in dem sich die ersten bröckelnden Mauern, Schornsteine und Gebäude der Stadt ins nebelgraue Nichts des Umlandes hineinfressen.
Seit ich nach der Wende die ersten Male hier war, ist die Stadt immer eine Baustelle, unübersichtlich und grau, Geschichte, Zukunft, Dreck und alter Putz, Ost- wie Westberlin. In meinen ersten Erinnerungen haben Straßenhändler kleine Stände vor den bemalten Überresten der Berliner Mauer aufgebaut, und meine Großmutter kauft mir eine kleine Mundharmonika in F-Dur, und ich bekomme Süßigkeiten in mir unbekannten Farben und Formen auf dem Alexanderplatz und klettere auf steinernen Insekten im Zoo.

Ich weiß nie so richtig, wo ich in Berlin bin. Selbst in Paris habe ich mich besser zurechtgefunden. Friedrichshain: regennasse Straßen, Bars mit bescheuerten Namen, Menschen mit Hunden. Das Frankfurter Tor ist mir beim letzten Mal, vermutlich durch die Dunkelheit, nicht aufgefallen. Eindrucksvoll. Das hier muss früher die Stalinallee gewesen sein. Die beiden Türme sind gigantisch und jetzt im Regen strahlen sie eine unheimliche, ernste Autorität vergangener Zeiten aus. Ich starre sie an durch das Fenster, während der Wagen die Frankfurter Allee kreuzt. Meine Begleitung spricht nicht besonders viel, da sie das Fahren in einer Großstadt nicht gewohnt ist; angespannt klammert sie mit beiden Händen das Lenkrad fest, während ich die Befehle des Navigationsgerätes weitergebe und dabei versuche, eine Spur Beruhigung in meine Stimme zu legen. Ich könnte hier nicht leben. Viel zu unbedeutend würde ich mir in dieser Ameisenfarm von einer Stadt vorkommen, ein Fisch in einem Ozean, während sich Kiel anfühlt, als wäre man ein Wal in einem Regentropfen. Kaum zu glauben, dass Kiel offiziell eine Großstadt ist.
Wir parken direkt in der richtigen Straße, und als ich aus dem Wagen steige, stoße ich mit der Tür fast gegen ein Fahrrad, das direkt neben mir steht, an einen Stromkasten gelehnt. Überall stehen hässliche alte Fahrräder im Regen. Kaum zu glauben, aber wir hatten Proviant für die Tour mit; geschmierte Brötchen, gepulte Mandarinen, Möhren und sowas, sogar Plätzchen von meiner Mutter. Ich erkenne die kleine Straße nicht wieder; weiß nicht, auf welcher Seite das richtige Haus ist, aber meine Begleitung ruft, ehe ich mir eine Zigarette anzünden kann: "Hier, hier ist die Hausnummer eins, hier muss es sein." Mit einem Surren, aber ohne ein Wort, öffnet sich die Tür. Im Hausflur riecht es nach Großstadt und nach altem Muff. Wir fallen uns in die Arme, noch bevor er meine Begleitung begrüßt. Andreas hat abgenommen und einen ziemlich lässigen Dreitagebart, um den ich ihn sofort ein bisschen beneide.
"Hey, du siehst gut aus! Netter Bart, Alter", sage ich und boxe ihm leicht auf die Schulter. Ich meine es ehrlich.
"Danke, du versuchst es offenbar auch immer noch", antwortet er so schnell, dass mir nichts Besseres einfällt, als dumm und falsch zu lachen. Sackgesicht. Empfindliche Schwachpunkte werden nur von engen Freunden getroffen, so dass es wehtut.

Als ich vor zwei Jahren hier war, wohnte Andreas noch mit einem Franzosen und einem spanischen DJ/Drogendealer in dieser Wohnung. Jetzt sind es ein Chinese und ein Litauer. Das ist ja so Melting-Pot. In der internen WG-Hierarchie bedeutet dies jedoch nun, dass er, als Dienstältester, das größte Zimmer der Wohnung beziehen durfte. In dem langen und hohen Flur stoße ich fast ein Fahrrad um, vor lauter Aufregung. Andreas ist auch aufgeregt: Er ist ständig in Bewegung und ahmt ironisch eine beklemmende Unterhaltung nach. Ich mache mit. Die Chemie stimmt noch immer, hoffe ich. Die Silhouette des Fernsehturms ist an die Flurtapete gemalt. Niemand scheint mehr zu wissen, seit wann das so ist. Seit Generationen müssen hier die Mieter ein und aus gegangen sein, eine Wohnung als Zwischenstation, weit weniger im Wandel, als es die Menschen in ihr waren. Ich frage mich, ob Berlin jemals nicht eine Karikatur von sich selbst war.
Sein Zimmer ist groß, mit hohen Decken und feinem Stuck, schmucklos, ohne irgendein Bild oder Poster an den Wänden, modern, fast kühl eingerichtet: dunkle, glatte Möbel, frei von Staub und Schnörkeleien. Scheiße, würde hier kein Bett stehen, könnte es auch einfach das Büro irgendeiner beschissenen Medienfirma oder die Praxis eines Schönheitschirurgen sein. Keine Fotos von irgendwem an den Wänden. Auch das Bild, das ich ihm vor ein paar Jahren zu Weihnachten geschickt hatte, muss verschwunden sein. Der Raum mag unpersönlich und zumindest oberflächlich nichtssagend sein, aber er ist stilsicher, das muss man ihm lassen: teure Nike-Laufschuhe in Blau und Rot, sauber und makellos auf ihren Kartons. Alles ist erwachsen und trocken. Der alte Andreas lässt sich nur in dem lieblos liegengelassenen Bargeld auf dem Tisch vermuten: Zusammengeknüllt liegen dort ein Fünfziger und ein paar Münzen. Meine besten Freunde und ich scheinen das gemein zu haben: Wir negieren es nicht, aber wir haben auch keine Achtung vor dem Geld. Es ist nur Papier, auch wenn es uns immer wieder Probleme bereitet und wir uns damit arrangieren müssen. Das ist wie ein Instinkt, der uns verbindet, ohne, dass wir da jemals drüber gesprochen hätten.
"Ich habe extra noch Gardinen angebaut, weil ich wusste, du würdest sonst nicht in dem Bett schlafen", sagt Andreas in meine Richtung. Er hat recht. Ich mag es nicht, wenn man von der Straße ins Fenster gucken kann. Er hat sein Bett frisch bezogen und überlässt uns sein Zimmer für die Nacht. Er sagte, es würde ihn beleidigen, würden wir uns Schlafsäcke mitbringen, also ließen wir sie im Auto. Ich weiß nicht, ob ich so etwas tun würde. Vermutlich schon. Jetzt müsste ich es ja sowieso, um mitzuhalten.
"Wollt ihr was trinken? Ich habe extra Wein gekauft. Ich dachte Bier ist irgendwie scheiße, weil wir uns ja auch so lange nicht gesehen haben", sagt er und holt eine Flasche roten Biowein aus der Küche.
"Biowein, ey? Was ist denn mit dir los, Alter?", sage ich. Ich erkläre ihm, dass ich momentan keinen Alkohol mehr trinken kann. Er nickt verständnisvoll. Ich ärgere mich.  

Während meine Begleitung auf die schwarze Ledercouch gleitet und Shopping Queen guckt, gehe ich mit Andreas ans Fenster, um eine zu rauchen. Die Dunkelheit ergreift langsam Besitz von der kleinen Straße im Herzen Friedrichshains, und auf der anderen Straßenseite lachen Pärchen. Zeitgleich ziehen wir unsere blauen Gauloises-Schachteln aus der Tasche.
"Noch immer Gauloises?", fragt er und sieht mich an.
"Immer", antworte ich ein bisschen wie in einem Werbespot.
"Nach all dem, was in deinem Blog stand, dachte ich eigentlich, dass du beschissener aussiehst", sagt er, und das Lächeln schwindet aus seinem Gesicht. Ich werte das einfach als Kompliment.
"Dankeschön. Du liest meinen Blog? Das freut mich", antworte ich ein wenig zögerlich und gehe damit nicht wirklich auf das ein, was er meinte. Eigentlich ist es ein komisches Gefühl, denn es bedeutet, dass er mich während der letzten zwei Jahre im Blick behalten hat, während ich fast nichts über ihn weiß, also über sein jetziges Leben, außer, dass er mit einer Schwedin in den Dreißigern zusammen ist, Leonore, fast wie bei Edgar Allan Poe. Bei jedem anderen würde ich mich über den Altersunterschied lustig machen und ein paar Milf-Witze von mir geben, weil ich noch immer irgendwie ein Idiot bin, bei ihm jedoch nicht. Und ich habe damals immer gelacht, wenn Andreas besoffen zu mir sagte, dass er sich irgendwann eine scharfe, blonde Schwedin angeln würde. Punkt für ihn. Trotzdem ist es ein komisches Gefühl, wenn mich alte Weggefährten auf den Blog ansprechen. Sie treten damit Steine aus der Mauer.

Höflich tauschen wir drei unsere Informationen aus: "Wie lange dauert das Studium noch?", "Wie läuft es im Job?" oder "Und, wie waren ihre Eltern?", doch für die kurzen Momente, in denen Andreas und ich am Fenster stehen, frieren und rauchen, ist es immer mehr wie früher, als wir durchschüttelt von glücklichen und unglücklichen Liebschaften, von Misserfolgen in der Schule, spektakulären Plänen und tollen Songs, in den Startlöchern eines Lebens standen, von dem wir nicht wussten, was wir erwarten sollten. Es ist so verfickt kalt in diesen bescheuerten Altbauten. Andreas tut, als würde ihm das nichts machen, aber nimmt sich ein zweites Paar dicke Socken aus dem Schrank. Ich bin heilfroh, dass mich niemand dazu nötigt, die Gegend zu erkunden oder irgendeinen beschissenen Weihnachtsmarkt zu besuchen und irgendwelchen Szene-Arschlöchern dabei zuzusehen, wie sie sich in Gutbürgerlichkeit üben, natürlich nur ironisch. Verträumte, zugezogene Landei-Studenten, die mit ihren Freundinnen, ihren neuen Leben und ihren von Kälte geröteten Wangen über Kopfsteinpflaster und kleine Rinnsale aus schmutzigem Regenwasser steigen, immer ein nichtssagendes Grinsen auf dem Gesicht.

"Und, freust du dich auf das Konzert? Wie fühlst du dich überhaupt?", fragt Andreas, als meine Begleitung auf der Toilette ist. Ich merke, dass er die Lumineers für eine Mädchenband hält und damit darauf anspielen will, dass da hauptsächlich Idioten sein werden.
"Ich weiß nicht, geht so. Ehrlich gesagt, ich würde auch einfach hier bleiben und fernsehen. Sie freut sich richtig auf das Konzert, und ich will auch nicht immer alles versauen - außerdem ist es doch ganz cool, dass wir beide uns dadurch auch mal wieder sehen", antworte ich ehrlich.
"Wenn du willst, kannst du alle zwei Wochen vorbeikommen", sagt er. Nett, dass er das sagt.
"Du hättest aber nicht extra woanders pennen müssen, ernsthaft. Das ist doch viel zu umständlich."
"Zu dritt in einem Zimmer, nee. Das ist schon alles gut so. Wir sind doch keine sechzehn mehr", antwortet Andreas.
"Wir wollen ja nicht unsere Schwerter kreuzen, Mann", sage ich, "und mit 'Schwertern' meine ich Penisse." Darüber muss ich selbst lachen. "Geht es dir gut, ich meine, bist du glücklich mit ihr?", frage ich ihn.
"Ja, auf jeden Fall", sagt er, ohne zu zögern. "Jetzt habe ich mein '+1' für alle Hochzeiten. Das ist diese Zukunft, von der wir immer geredet haben".
"Oh Gott, ist heute etwa inzwischen morgen geworden?", frage ich erstaunt. Das ist die Zukunft? Biowein, Reiseproviant, frischbezogene Gästebettwäsche. Aber vielleicht hat er recht.
"Geht das mit dem Bett so, also auch, wenn es nur eine Decke ist?", fragt er höflich.
Ich zwinkere ihm zu und lächele schief. "Na sicher", antworte ich.
"Wenn du das machst, wichse ich dir morgen auf dein Brötchen!", sagt er, und wir müssen beide lachen. Aber offenbar ist es nicht mehr cool, in den Betten seiner Freunde zu bumsen. Früher gab so etwas noch ein anerkennendes Nicken - heute macht man so etwas nicht mehr, und von der Couch aus wirft mir meine zurückgekehrte Begleitung einen Blick zu, der mir sagen soll, dass ich peinlich bin.

Wir bestellen uns Asia-Kram. Ich erinnere mich daran, wie Andreas und ich oft die Mittage in der Stadt verbrachten, bevor wir in den Proberaum gingen. Das Essen im Asia-Imbiss war billig und heiß, und wir setzten uns immer extra so hin, dass wir durch das große Schaufenster auf die Straße sehen und die Menschen beobachten konnten. Jetzt fühlt es sich, als sei das alles Jahrtausende her. Wir sprachen uns dann immer mit Kirk und James an, Leadgitarrist und Sänger, dabei war ich nie ein großer Metallica-Fan.
Meine Begleitung hat ein paar Gläser Wein getrunken, weswegen wir nicht mit dem Auto nach Tempelhof können. Liegt Tempelhof in Kreuzberg oder ist das schon wieder ein eigenes Viertel? Jedenfalls fahre ich ungern mit der U-Bahn im Dunkeln in Bezirke, die ich aus Rapsongs kenne. Ich werde ein immer schlimmerer Kleinstädter, hier, so weit weg vom Meer. Andreas liest mir die U-Bahn-Verbindungen vor, doch mein Verstand schreit schon "Taxi, Taxi".

Draußen hat sich der Regen in Schnee verwandelt und eine beißende Kälte weht mit dem leichten Wind unter die Kleidung und setzt sich in meiner Jacke fest. Als wäre uns der Winter hierher gefolgt! Ich bewege meine Zehen in den Stiefeln, damit meine Füße nicht so kalt werden und beobachte, wie sich das braune Leder an der Spitze wölbt. Ich fühle mich kurz verloren, trete von einem Bein auf das andere und zünde mir eine Zigarette an - das hilft. Andreas verabschiedet sich und fährt mit dem Fahrrad Richtung Kino, wo er mit seiner Schwedin einen Film sehen möchte, auf Englisch, denn Deutsch versteht sie nicht so gut. Ich hätte immer Angst, dass meine Freundin nicht verstehen würde, was genau ich meine. Sicher, es reicht, um sich zu unterhalten, aber genügt es wirklich um zu reden? Also alles genauso rüberzubringen? Naja, man denkt sich schnell ins Englische hinein, wenn man es eine Weile spricht. Trotzdem, und egal, wie gut man es beherrscht; ein Restzweifel würde bleiben, dass irgendetwas sein Ziel nicht erreicht. Schneller als ich dachte verschwimmt die Silhouette meines Freundes - wir sind Freunde - im flimmernden organge-schwarzen Licht der Stadt an einem Winterabend. Taxi nach Taxi fährt an uns vorbei. Da, wo wir herkommen, ist meist das erste Taxi, das man sieht, auch jenes, welches man sich gerufen hatte. Hier offenbar nicht. Irgendwann bremst eines scharf auf der feucht verschneiten Straßenecke vor uns. Der Fahrer lässt die Scheibe herunter und brüllt mir irgendetwas entgegen: Ich verstehe nur "Columbia" - und steige ein.
Es fühlt sich merkwürdig an, im Taxi durch die dunklen, verschneiten Straßen einer geschäftigen Großstadt zu fahren. Ein irgendwie unechtes und falsches Gefühl, als wäre ich ein Schauspieler. So habe ich mich auch gefühlt, als wir mit einer kleinen Maschine in Paris gelandet sind, und ich mit Sonnenbrille im Gesicht in einer Reihe von Anzugtypen die Treppe aus dem Flugzeug hinuntergestiegen bin. Kurze Momente eines anderen Lebens. Gedämpft spielt türkische Musik aus dem Radio und der Fahrer unternimmt gar nicht erst den Versuch, irgendein blödes Gespräch anzufangen. Ich starre gegen das Fenster und immer wieder sehen mich die strengen Augen meines eigenen Spiegelbildes an. Draußen erkenne ich kaum etwas wieder, eigentlich gar nichts. Ich denke über das nach, was Andreas gesagt hatte: Ist heute inzwischen schon morgen - oder umgekehrt?
"Oh, viele Leute", sagt der Taxifahrer. Seine Stimme klingt, als hätte er sie seit Jahren nicht benutzt.
Ein Euro Trinkgeld und hinaus in den Winter. Ein paar der Wartenden sehen zu uns herüber. Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, mich auf nichts zu konzentrieren. Eine halbe Stunde bis zum Einlass. Feiner Schnee legt sich auf unsere Haare, nur, um anschließend sofort zu schmelzen. Ich ziehe mir meine Kapuze tief ins Gesicht, streife meine schwarzen Lederhandschuhe über und zünde mir die tausendste Zigarette an. Gauloises? Immer. Heute ist morgen: Mit dem Taxi zum Konzert fahren. Vor uns stehen ein paar aufgeregte Vierziger und plappern laut durcheinander. Die Lumineers haben sich wohl eine Schneise durch die Generationen gespielt: Verliebte Paare, Kinder, alte, abgehalfterte Spinner mit Zöpfen aus dünnem Haar, dicke Weiber in engen Lederhosen mit ihren Hauptschultöchtern, Leute, die aussehen wie wir, alle sind hier.  

Die Luft in der Halle ist schon scheiße, als wir reinkommen. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf die Band gestoßen bin, aber es ist schon weit über ein Jahr her. Ich bin ja so cool: Ich kannte sie schon, bevor die ganzen Spacken "Ho Hey" in ihren Kleinwagen auf dem Weg zur Berufsschule mitgesungen haben, bevor es im Radio lief, bevor die Lumineers bei TV Total waren und bevor es zur "Rock Night" in den schlimmsten Provinzdiscos gespielt wurde, aber das glaubt einem ja jetzt keiner mehr. Es muss anstrengend sein, immer konsequent indie und real zu bleiben - und verräterisch.
Ich kann die Texte nicht mitsingen, aber ich nicke anerkennend mit dem Kopf. Ich trockne innerlich aus, aber wegen einer beschissenen Cola stelle ich mich nicht in die Schlange vor der einzigen Bar auf dem Balkon. "Ho Hey" ist bereits der dritte Song oder so, schnörkellos ohne Erwähnung. Scheint als wäre die Band bereits nach einem Album von ihrem größten Hit (und vermutlich auch dem Hauptgrund, warum die meisten heute hier sind) genervt. Kurz vor dem ersten Refrain bricht der Sänger ab und fordert die Leute im Publikum auf, ihre Smartphones herunter zu nehmen und mit dem Filmen aufzuhören. Dieselben Idioten, die eben noch ihr Handy in der Hand hatten, klatschen plötzlich anerkennend Beifall - wegen der Message. 

Die Songs sind schön, wenngleich der Sound ein bisschen dröhnt. Cello und Bass sind zu laut, was den ganzen Abend nicht korrigiert wird. Vermutlich ist der Tontechniker Bassist. Meiner Begleitung gefällt es; sie tanzt und singt aus vollem Hals. Meine Füße kribbeln und es scheint immer heißer zu werden. Übernehme ich mich mit alldem hier? Ich versuche mich wieder darauf zu konzentrieren, mich nicht auf mich selbst, meinen Nacken, mein Gleichgewicht und meine Atmung zu konzentrieren. Wenn das Licht in der Halle aufleuchtet, sehe ich in die Gesichter der anderen Leute; wie sie tanzen, mitsingen oder dusselig aussehen und starren.    

Gegen Mitte des Konzerts bahnen sich ein paar der Bandmitglieder einen Weg durch das Publikum, um drei Songs direkt im Innenraum zu spielen. Man sieht richtig, wie sich die Gesichter der Mädchen verändern, die direkt zu Füßen der Musiker stehen. Ein dunkelhaariges Mädchen heftet ihren Blick fest an den Akkordeonspieler und fixiert ihn so hart, dass es mir von Weitem für beide unangenehm ist. Immer wenn jemand versucht ein tolles Bild von sich selbst mit dem Sänger der Band im Hintergrund zu schießen, dreht sich der Sänger weg. Ein bisschen zickig.
Während sie wieder auf die Bühne zurückgehen, denke ich kurz an das Lampenfieber, das mich vor jedem Auftritt heimgesucht hat. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es jemals mochte, vor Publikum zu singen und zu spielen. Irgendwann sollte ich das wieder testen, aber erst einmal setze ich einen Schritt vor den anderen.

Irgendwann gehen den Lumineers dies Songs aus. Der Fluch einer Ein-Album-Tournee. Die Anzahl an neuen Stücken lässt erahnen, dass es noch dauern wird bis zum Nachfolgewerk. Aber das Konzert war gut; ich bin zufrieden mit der Band und mit mir, dass ich mir keine Ausreden gesucht habe, um zu Hause zu bleiben. Die Kälte fühlt sich gut an vor der Tür. Ich krame das Feuerzeug aus meiner Tasche, kämpfe immer wieder um das letzte bisschen Gas und Flamme, und als ich die Kippe endlich an habe, hat meine Begleitung bereits an Taxi mit einer Handbewegung zum Halten gebracht, als wären wir in einem amerikanischen Film. Ich lasse schnell die Zigarette auf den Boden fallen, setze mich auf den Beifahrer sitz und versuche so beiläufig es nur geht "Glatzerstraße-Ecke-Boxhagener" zu sagen. Ich bilde mir immer ein, dass alle Taxifahrer mich verarschen, wenn sie mich für einen Ortsunkundigen halten.
"Das ist ziemlich am Anfang, oder?", fragt der Taxifahrer und sieht mich freundlich an.
"Naja, oder am Ende", antworte ich. Verflucht, da geht mein Pokerface.
Ich erkenne nichts vom Hinweg wieder, aber das heißt ja nichts. Wir fahren nach Navi und die Fahrt wird sogar billiger als die Hintour. Kurz bevor wir am Ziel sind, fragt der Fahrer, wie mir Berlin gefällt.
"Naja, irgendwie bin ich immer nur im Winter und im Dunkeln hier. Da wäre ein Urteil nicht gerecht, oder?", antworte ich diplomatisch. Er antwortet nicht. Dreiunddreißig Euro für beide Touren, und Scheiße, das kann man ruhig mal machen.

Die kleine Straße liegt still und friedlich vor uns. Nur ein junges Mädchen auf High Heels geht mit dem Staccato ihrer Absätze über den Bürgersteig und redet dabei unablässig in ihr Handy - vermutlich, um sich die Zeit zu vertreiben und zur eigenen Beruhigung. Ihre Geräusche verschwimmen mehr im ruhigen Brei der Stadt bei Nacht, je weiter sie sich entfernt, wie ein Lied, das langsam ausfaded.
Die Wohnung ist dunkel, aber Licht fällt unter den Türen der anderen Bewohner in den langen Flur. Die Dielen knarren und ich komme mir vor, als hätte ich etwas zu verbergen.
In fremden Betten schlafen ist immer komisch, doch es ist bequem hier und ruhig. Meine Begleitung schläft sofort, während ich verzweifelnd feststelle, dass ich keinen Empfang habe und deswegen nun tatsächlich ohne die Hilfe meines Handys, eines Buches oder des Fernsehers in den Schlaf würde finden müssen, doch es klappt. Zu aufregend war der Tag nach all dem Herumgeliege der letzten Monate. Ich tippe eine SMS in mein Handy, ohne zu wissen, wann und ob sie versandt wird: "Wir leben. Konzert war gut. Danke noch mal! Bis morgen früh."

Als ich aufwache, weiß ich nicht, wo ich bin, aber alles findet sich schnell, so wenig Ablenkungen, wie hier im Zimmer sind. Es ist wie in einem Hotel. Ich versuche leise zu sein, aber als ich die Fenster öffne, um frische Luft ins Zimmer und Qualm in meine Lungen zu lassen, knarren die alten Fenster so laut, dass man Tote mit ihnen hätte wecken können. Die Dinger müssen so verfickt alt sein, die haben wahrscheinlich schon Nazis mit Fackeln durch die Straßen ziehen sehen. Aller Schnee ist geschmolzen. Es ist grau und es regnet ein bisschen.
Andreas verspätet sich um eine halbe Stunde, aber ich bin ihm nicht böse: Das ist wie früher. Er klingelt - und kümmert sich einen Dreck darum, ob er seine Mitbewohner weckt. Bei sich trägt er riesige Tüten vom Bäcker: Laugenbrötchen, Kürbiskernirgendwas, Schokoladen-Croissants und auch ganz normales Zeug. Er hat spanische Salami und Nutella, verschiedene Fruchtsäfte und aufwendigen, handgemahlenen Kaffee. Er fährt richtig was auf. Der Wunsch, den anderen beiden ihre Schoko-Croissants wegzuessen, keimt in mir auf, aber ich reiße mich zusammen. Heute ist Morgen und so.  
Alles ist wieder normal: kein Schatten, der über den Unterhaltungen schwebt. Wir lachen, machen uns lustig und erzählen dummes Zeug. Wie früher  - und ich genieße es. Ein bisschen wünsche ich mir, wir hätten am Montag einfach wieder Schule und Andreas würde mich wie sonst auch morgens an der Bushaltestelle abholen, wie ein Irrer zur Schule fahren, und vor Müdigkeit und Wut darüber, dass er so früh aufstehen musste, keinen Satz herausbringen. Doch dieses Leben gibt es nicht mehr. Es existiert nur noch auf alten Fotos und in alten Songs, die zu der Zeit in seinem Autoradio liefen. Aber: "Trage dein Herz nicht wie einen Grabstein mit dir herum".
Wir umarmen uns, verabreden uns lose für das Frühjahr, ich lade ihn nach Kiel ein, auch wenn dort wahrscheinlich nie irgendein Konzert sein wird, dass er unbedingt sehen müsste.
"Gute Heimfahrt", sagt er in den Hausflur und hebt die Hand.
"Bis bald, hoffentlich nicht erst in zwei Jahren", sage ich. Dann gehen wir.
Während das Navigationssystem die Route lädt, sehe ich aus dem Beifahrerfenster, an dem sanfte Regentropfen mühsam und behebig abwärts wandern, auf den Stromkasten direkt neben mir: Jesus wurde das Gesicht zerrissen. Wir sind nicht die Elenden, wir haben Glück. Heute ist gestern und morgen. Trage dein Herz nicht wie einen Grabstein mit dir herum. Ich versuche den Moment festzuhalten, aber bekomme nur ein hässliches Foto in schlechter Auflösung und versinke im Sitz. Den Song, der im Radio läuft, kenne ich nicht, obwohl ich die CD selbst gebrannt habe.

Es geht weiter,

A.   

Kommentare:

  1. Andere Menschen, die wir mögen und die einen mögen, sind der Schlüssel zu vielem. Zu schade, dass man das nicht jeden Tag verinnerlicht und etwas dafür tut.
    Keine zwei Jahre ist ein sehr guter Plan!

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  2. Ich liebe es, wie du schreibst! Es ist, als würde man eine Erzählung oder so lesen. Schon mal drüber nachedacht, Schriftsteller zu werden? ;)

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    1. Danke für die netten Worte! Schön, dass es Dir gefällt.

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  3. Ein Text, als wäre man direkt dabei gewesen.
    Musst du denn unbedingt "indie" und "real" sein? Ist doch auch okay, Musik erst dann kennenzulernen und zu mögen, wenn sie bekannt geworden ist. Mich freut Bekanntheit immer für die Musiker, da brauch ich kein "ich kannte die, als die unbekannt waren".

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