Samstag, 28. Dezember 2013

Sandgeflüster

Mecklenburg, Dezember 2013

"There must be lots of stories about this place, right?", fragt sie, so dass ich es kaum hören kann. "I mean from the time when both of you were younger."
"Yeah", antwortet Andreas, "but I think Alex has much more stories to tell 'bout this city. Long stories, you know?" Er nickt mit dem Kopf in meine Richtung.
"Love stories"?, fahre ich dazwischen, als hätte ich es nicht richtig verstanden. "Lasst uns nicht über die Vergangenheit reden heute. Es ist schließlich Weihnachten."
"Oh, really?", fragt sie Andreas. Beide wirken, als hätte sie mich nicht gehört.
"There was a time when he felt like he was the king of all of this", sagt Andreas und deutet dabei auf den Strand und das Meer, die Bäume und die Dünen. Das sollen wohl die Grenzen meines Königreichs gewesen sein. "To be honest he thought he was the king of everything. And then there was this girl", fährt er fort.
Ich weiß nicht, wo ich hinsehen soll. Ich gehe einfach weiter über die Promenade und lasse Andreas meine kleine Legende erzählen.
"There's always a girl", sagt seine Freundin, während meine Begleitung - ich weiß nicht, ob sie zuhört oder nicht - über den weißen Strand blickt, der so gar nicht nach Winter aussehen will. Ruhig und behutsam schieben sich sanfte Wellen auf den Sand. Niemand redet so richtig laut, als wäre dies hier ein Museum oder ein Friedhof.
"Yeah, but this girl was different. She changed everything."
"You mean she took him back to the ground?", fragt sie.
"Yes, but she destroyed him and she broke his heart."
"Oh", entgegnet sie leise.
Ein bisschen pathetisch, aber es trifft den Kern, denke ich. Auf Englisch klingt all das wie ein verfluchter Song oder der Trailer eines miesen Films.
"So, und jetzt lasst uns über Euch sprechen und nicht mehr über die alten Geschichten", sage ich. Ich bin ein wenig verlegen, wenngleich es mir schmeichelt, dass ich meinen Mythos so lange allen auf die Nase gebunden habe, bis er tatsächlich zu einer Art Sage wurde. Ich habe Big Fish einfach zu ernst genommen.
 "Sie ist nett, oder? Aber warum gehen die so schnell?", fragt mich meine Begleitung, als wir wieder mal eher Andreas und seiner Freundin hinterherlaufen, als dass wir neben ihnen über die Strandpromenade oder die Seebrücke schlendern.
"Ich habe keine Ahnung! Das muss das verfickte Großstadttempo sein."
Ich mache ein Foto von den Beiden und sage spöttisch, dass sie es sich dann auf meinem Blog angucken können. Ich dachte auch, dass das ein Witz sei. Sie nuscheln sich weiterhin Dinge auf Englisch zu - wie schon auf der Fahrt.
"Ey, geht mal nicht so schnell. Wir sind hier nicht auf dem Kurfürstendamm", rufe ich nach vorn.
"Vorsicht", sagt Andreas und sieht mir in die Augen, während ich meine verdrehe.

Wer hätte gedacht, dass wir uns tatsächlich so schnell wiedersehen würden, nachdem wir Andreas erst vor wenigen Wochen in Berlin besuchten? Die Beiden sind nur für zwei Tage hier, bevor sie dann nach Schweden zu ihrer Familie fliegen. Das klingt so international, so verflucht erwachsen. Es war nicht meine Idee herzufahren, aber Andreas scheint genau wie ich einen Hang dafür zu haben, der Vergangenheit ins Gesicht zu sehen - außerdem hatte er bestimmt auch das Bedürfnis, seiner neuen Liebe zu zeigen, dass Mecklenburg nicht überall grau, trist und flach ist, dass nicht alles verfallen, verschlafen und provinziell ist, dass nicht alles aus Backsteinkirchtürmen, Grauputzbauten und Kopfsteinpflaster besteht. Sie ist zum ersten Mal hier oben. Es gibt auch Glanz. Boltenhagen ist anders als alles im Umland. Vermutlich ist das auch der Grund, warum wir einst herkamen - auch wenn wir es damals noch nicht wissen konnten.
Es ist viel zu gutes Wetter für einen ersten Weihnachtsfeiertag. Ich nehme meine Mütze ab, noch bevor der Wagen hält. Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal hier gewesen bin, aber so richtig scheint sich nie etwas zu verändern. Noch immer schieben sich Rentner und Familien über die Promenade auf die Seebrücke zu, noch immer wirkt der Sand hier ein wenig heller als an all den anderen Stränden im Umkreis, und noch immer mischt sich eine Spur von Angst zu dem Gefühl, sich in einem der alten Fotos zu bewegen; die Angst, jemandem zu begegnen, dem man nicht begegnen will. Ihr. Angst ist vielleicht das falsche Wort, aber, wenn man zu den Feiertagen in eine Kleinstadt zurückkehrt, kommt es immer wieder zu diesen schrecklichen Small-Talk-Begegnungen mit alten Weggefährten, Alkoholbekanntschaften und Schulfreunden, die ebenfalls zu Besuch bei ihren Eltern sind. Meistens ist der Kontakt ja nicht grundlos eingeschlafen. Und mit denjenigen, die man wirklich gern wiedersehen würde, gelingt es irgendwie kaum, sich zu verabreden - zwischen all den Kaffeetafeln, Großmüttern und Essenseinladungen. Umso besser, dass wir, Andreas und ich, es geschafft haben.
"Scheiße, es musste tatsächlich zehn Jahre dauern, bis wir zu viert an diesem Strand sind", sage ich. Den Satz hatte ich mir schon den ganzen Tag zurechtgelegt. Es sollte ein Schulterklopfen sein, ein Ich-Freue-Mich-Für-Dich.
"Naja, es lag nicht an mir", antwortet Andreas.
"Nein, an wem dann? An mir lag es sicher nicht", sage ich. Scheiße, an mir lag es wirklich nicht. Ich wurde doch immer wahnsinnig, wenn ich nur zwei Tage allein war. Egal, wie merkwürdig das jeweilige Mädchen war, nichts ist schlimmer, als das Gefühl, das niemand einen gerade liebt. Familien zählen nicht. Mich hat das immer verrückt gemacht. Komische Erkenntnis, aber jetzt, wo ich so darüber nachdenke, war ich seit über zehn Jahren nie länger als eine Woche, ohne ein Mädchen, dem ich etwas bedeutet habe, um es mal höflich zu formulieren. Was sagt das über mich aus? Nein, antworte nicht. Und zehn Jahre sind eine Scheißewigkeit, wenn man jung ist.
Direkt am Strand liegt ein kleines Restaurant, an dem ich schon milliardenmal vorbei gelaufen bin. Wir setzen uns in den Wintergarten. Drei Cappuccino und ein Pfefferminztee. Früher hätte ich sowasvon ein Bier bestellt. Früher vor einem Jahr. Andreas' schwedische Freundin ist hübsch, nett und aufmerksam, auch wenn es mir schwerfällt, irgendetwas zu ihr zu sagen. Nüchtern habe ich nur in der Schule Englisch gesprochen. Wir sprechen Deutsch mit ihr, sie antwortet in einem amerikanisch klingenden Englisch. Sie sagt, sie verstehe uns gut - auch unsere Körpersprache. Ich sage, dass meine Body Language toll und ich wie Shakira sei, doch nur ich lache darüber.
"Du hast noch nie Ente gegessen?", fragt meine Begleitung ungläubig.
"Wir essen jedes Jahr Ente - ungefähr zehnmal", schiebe ich hinterher, um es ein wenig zu erklären.
Ihre Familie isst immer Hirsch zum Fest. Pfui. Ich erzähle von meinem Prinzip, keine Tiere des Waldes zu essen. Eigentlich esse ich auch keine Tiere, die richtig fliegen können oder einmal Protagonist in einem Disney-Film waren. Nein, also auch keine Löwen oder Menschen.
"Ihr müsst uns im Frühjahr in Kiel besuchen! Dann könnne wir Ente essen", sage ich begeistert.
Sie lächeln verhalten.
"Man isst keine Enten im Frühjahr", sagt meine Begleitung in meine Richtung.
"Wer sagt das, die Entenpolizei? Ist doch scheißegal, wann man die isst."
  
Danach schlendern wir noch ein wenig über den Strand. Ein paar Kinder spielen sogar im Sand; bauen Burgen und albern mit ihren bunten kleinen Schaufeln herum - und das mitten im Winter. Man hat am Ende der Seebrücke einen Tannenbaum aufgestellt, der jedoch ziemlich beschissen aussieht und verkümmert im leichten Wind schwankt.
"Wir müssen noch unser Viererbild machen", sage ich, aber niemand antwortet mir. "Soll ich irgendwen anlabern, der uns fotografiert?", frage ich erneut. Okay, dann eben nicht.
Überall sind Stimmen, aber leise und vorsichtig. Fast könnte man meinen, der Sand flüstert verhalten, und all die Menschen, die auf ihm gehen, Hand in Hand, zusammen und allein, sind diejenigen, die eigentlich still sind und nichts zu sagen haben.
Ich greife mein Handy, wähle die Nummer meiner Eltern und drücke meiner Begleitung das Telefon in die Hand. Ihre Augen sind noch immer ein wenig leer.
"Sag meinen Eltern, dass wir gleich losfahren und in etwa dreißig Minuten da sind."
Durch das milde Wetter wirkt die Weihnachtsdeko am Haus meiner Eltern irgendwie deplatziert. Als wir auf die Einfahrt einbiegen, schnell mein Vater mit offenem Mund aus einer Blumenrabatte hoch wie aufgescheuchtes Häschen. Sie begrüßen Andreas wie den verlorenen Sohn, der er irgendwie auch tatsächlich ist. Ich schüttel seiner Freundin die Hand und sage: "It was a pleassure to meet you". Eigentlich will ich ihr noch sagen, dass es sich schön anfühlt, also zu wissen, dass Andreas in guten Händen ist, doch ich bringe es nicht über die Lippen und sage stattdessen "God Jul" und hebe die Faust. Meine paar Brocken skandinavischer Sprachen beschränken sich auf Grußformeln, Danksagungen, Dingen, die mit Essen zu tun haben, und einer ziemlich uncharmanten Aufforderung zum Geschlechtsverkehr. Aber ich könnte alte Urkunden aus dem Dänischen der letzten Jahrhunderte übersetzen. Zumindest steht das auf einem Zertifikat, das auf meinen Namen ausgestellt wurde.
Dann umarme ich Andreas. Es war schön, ihn wiederzusehen; zu sehen, wie glücklich er ist, ist ein gutes Gefühl.

Die ganze Wohnung riecht nach Essen. Trotzdem ist dieses Weihnachten merwürdig distanziert. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht bin ich es - und nicht Weihnachten.

A.

Kommentare:

  1. Das hört sich nicht gut an. Traurig. Und das, wo Du Weihnachten doch so magst...

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  2. "zu sehen, wie glücklich er ist, ist ein gutes Gefühl"
    Stimmungsvoll - man kann die Meeresluft fast atmen. Beklemmende Unfreiheit und doch auf eine schwer greifbare Art zufrieden ;) vielleicht ist es das was man bekommt. Als würde man nicht immer höher streben. Oder nach Enten.

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