Sonntag, 29. Dezember 2013

Schlangen und Ratten und Fische

Mecklenburg, Dezember 2013

"Alex? Alex? Alex, bist du wach?"
Langsam dringen die einzelnen Töne zu mir vor und setzen sich mit Verzögerung zu einer Stimme zusammen.
"Alex, ich glaube, du musst einen Fisch töten", sagt die Stimme.
"Was muss ich?", frage ich schwerfällig.
"Na guck doch mal, der Orangefarbene dort, der zuckt und ist krank. Die Anderen haben schon seine Schwanzflosse angefressen. Der schwimmt nicht mehr richtig."
"Aber er lebt noch, also töte ich ihn nicht. Das ist Aquariendarwinismus", sage ich und öffne dabei langsam die Augen.
"Aber er quält sich doch. Ist es dir lieber, dass er sich quält?"
"Was meinst du, wie angenehm es ist, im Toilettenwasser zu ersticken? Das könnte ich ethisch nicht verantworten", sage ich, aber eigentlich bin ich einfach zu faul. Zu faul, den Fisch aus dem Becken zu holen. Zu faul, ihn zu töten - womit auch immer. Zu faul, mich zu bewegen. Zu faul, irgendetwas zu tun, zu denken, zu sehen. Vielleicht kommt das von den Pillen.
Eigentlich gehört das Aquarium mir, aber seit ich ausgezogen bin, kümmere ich mich nicht wirklich darum, weswegen mein Vater nicht müde wird zu betonen, dass es nun ihm gehört, schließlich sei es mir ja offensichtlich egal geworden. Nach meinem Abitur stellten mich meine Eltern vor die Wahl: Entweder, ich würde einen Laptop für mein Studium bekommen, oder aber ein Aquarium. Die Zukunft schüchterte mich immer eher ein. Den Laptop kaufte ich mir dann eben später selbst und plünderte dafür meine gesamte Abfindung vom Zivildienst. Es war ein schrecklich heißer Tag, als die Postfrau eine Schubkarre mit all den Kartons meiner Computerbestellung die Auffahrt hochschob. Ihr Gesicht tropfte vor Schweiß und wir boten ihr ein Glas Wasser an, bevor ich dann alles in bar bezahlte. Tausend Euro. Unglaublich, dass ich mal so viel Geld leichtfertig ausgeben konnte. Ich habe das Aquarium trotzdem nicht bereut. Die erste Zeit saß ich jeden Abend vor der Scheibe und sah den Fischen dabei zu, wie sie das stinkende Krümelfutter fraßen, sich gegenseitig durch das Becken jagten (manchmal auch nur ihr eigenes Spiegelbild), oder, wie sie einfach friedlich von einer Glaswand zur anderen schwammen, ohne wirklich zu merken oder zu verstehen, dass einfach alles Grenzen hat.
Im Flur begegne ich meinem Vater, der stehenbleibt und mich anstarrt.
"Na, haben wir auch mal ausgeschlafen? Du siehst beschissen aus. Ich mach' dir jetzt einen Friseurtermin. Ich bezahl' das auch."
"Jo, mach'", antworte ich und schiebe mich an ihm vorbei.
Ich gehe ins Bad und blicke in den gigantischen Spiegel, der aus vier gläsernen Türen besteht. Er hat recht: Ich sehe scheiße aus. Meine Haare stehen durch den unruhigen Schlaf lockig in alle Richtungen und machen mich jünger, meine Augen sind noch immer erst halb geöffnet, was mich arrogant oder kaputt aussehen lässt. Oder beides. Ich sehe aus wie ein Penner im Haus eines Fremden. Ich klatsche mir kaltes Wasser ins Gesicht, putze die Zähne und bespritze dabei zwei der Spiegeltüren. Das hasst meine Mutter, aber bei mir hält sich ihr Zorn in Grenzen - ich glaube, weil all das sie daran erinnert, dass das Haus voll ist. So haben die geknüllten Handtücher, der Geruch von kaltem Rauch in der Küche, die offenen Klodeckel, die schwarzen Haare am Rand der Badewanne und die Spritzer von Wasser und Zahnpasta auf dem Spiegel etwas Beruhigendes, etwas Heimeliges. Zumindest rede ich mir das ein, wenn ich alles so nachlässig hinterlasse. Als ich auf der Toilette wie auf einem Thron platz nehme, beginnt es unter mir zu blubbern, noch ehe ich angefangen habe zu pinkeln. Ich muss an all die Horrorgeschichten von Ratten und Schlangen denken, die sich aus der Kanalisation durch die Rohre bis in die Toiletten hocharbeiten und das Tageslicht wittern. Skeptisch sehe ich zwischen meinen Beinen hindurch. Wenn ich wegsehe, rechne ich damit, jede Sekunde in den Arsch oder schlimmeres gebissen zu werden. Ich traue dem Ganzen nicht, stehe wieder auf und spüle einmal zur Abschreckung. Das Wasser fließt nicht ab. Wie ein umgekehrter Strudel reicht der Wasserspiegel fast bis an die Brille. Gleichgültig ziehe ich meine Shorts und meine Hose hoch, rufe meinem Vater zu, dass das Klo verstopft ist, und gehe zur Gästetoilette. It's just one of those days.

"Du kannst dich sofort anziehen und losgehen. Man hat dich dazwischen geschoben." Mein Vater ist so laut.
Zwei Pillen für mich, ein Kuss für meine Begleitung, ein Kuss für Mutti, ein Kopfnicken für meinen Vater, dann gehe ich hinaus in den Wind und stecke mir eine Kippe an. Ich bin froh, dass mich hier draußen niemand damit volllabert, dass ich zu viel rauche. Meine Haare wehen im Wind. Sie winken zum Abschied. Die Nachbarn fahren gerade mit ihrem alten Mercedes los, und als sie mich sehen, fragen sie mich mit Handzeichen und ungesprochenen Worten, ob ich irgendwohin mitwolle. Ich schüttele lächelnd den Kopf und blase eine Wolke Rauch und Tod aus meinen Lungenflügeln.

"Oh, das ist aber ordentlich lang", sagt die Friseurin zur Begrüßung.
Ich verkneife mir ein dummes "ja, das höre ich öfters.". Stattdessen lege ich Schal und Jacke ab. Der ganze Salon ist leer und nur eine Friseurin arbeitet. Der Rubel rollt.
"Und, wie hättest Sie es denn gern?", fragt sie. Gott, hört die sich selbst zu? 
Sie ist Mitte dreißig, schlank, aber irgendwie verbraucht. Ihre Frisur sieht reichlich dämlich aus. Zahnärzte und Optiker müssen immer tolle Zähne und Brillen haben, aber Friseure sehen immer kacke um die Haare aus. Wie missglückte Experimente oder hängengebliebene besoffene Büroweiber am Ende einer Après-Ski-Party. Also Après-Après-Ski. Warum bloß?
"Ach, ich war seit ein paar Monaten nicht mehr beim Friseur. Der Scheitel kann bleiben, aber alles kürzer. Die Ohren sollen wieder frei sein. Ich will am Ende nur nicht aussehen wie ein Nationalspieler", sage ich.
"Wie ein Nationalspieler?", fragt sie ungläubig und sieht mir über das Spiegelbild ins Gesicht.
"Naja, wie Marco Reus oder so. An den Seiten alles kurz und oben irgendeine bescheuerte Föhnwelle."
"Marco Reus sagt mir jetzt gar nichts. Aber ich habe ja noch ein paar Monate bis zur WM."
Ich lass' das heute mit den Witzen. 
Sie ist erstaunlich sympathisch. Wir unterhalten uns über unsere Silvesterpläne (ich boykottiere dieses Jahr alles; esse gut und werde mir Breakfast at Tiffany's ansehen), die Lohnunterschiede zwischen Ost und West, Tarifverträge, Mindestlohn, Locken im Regen, den Geburtenknick, die Tatsache, dass die Welt östlich von Rostock ein dunkler Ort ist, Förderklassen, Grundschulen und Gymnasien. Sie ist nicht aufdringlich und wirklich nicht bescheuert. Ich wünschte, ich würde das nicht so formulieren, als wäre es eine Überraschung, aber sonst labern die mich immer mit unfassbarer Scheiße zu. Ich gebe zwei Euro und fünfzig Cent Trinkgeld, aber die Kohle gehört ja nicht mir, und dann wünscht sie mir viel Spaß in der Heimat. Ihre Worte hallen durch meinen Kopf. Heimat. Regen fällt in mein Gesicht.
Selfie-Selfie
Als ich wieder am Haus meiner Eltern ankomme, sind alle einkaufen gefahren. Auch meine Begleitung. All das Zusammengesitze im Kreise von Familien hat mich geschafft, und ich freue mich fast darüber, ein wenig allein zu sein. Was heißt "fast"? Ich freue mich. Das Haus ist still, aber noch immer hängt der Geruch des ganzen Essens in der Luft wie ein unsichtbarer Nebel. Mein Zimmer sieht fremd aus und irgendwie leer. Die Beatles kleben zwischen zwei Gitarren. Ich suche nach mir selbst im Raum und finde nichts. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass ich hier gelebt habe. Aber der Gedanke an Kiel ist auch merkwürdig und fremd wie eine böse Vorahnung. 

Ich warte auf den Tag, an dem ich endlich ein verdammtes Schild mit dem Wort "Zuhause" in eine ganze Welt aus Exilen stoßen kann.

A.

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