Dienstag, 3. Dezember 2013

Was Sie wirklich unbedingt über meine Haare wissen sollten

Ich wollte immer schwarze, glatte Haare haben wie ein Zeichentrickfilm-Bösewicht. So ein verwegener, mysteriöser Typ mit wehender dunkler Kleidung, der nie lächelt oder lacht. Doch ich habe Locken. Keine unglaublich fiesen Locken, die sich bereits bei kurzen Haaren zeigen und einen auf ewig kindlich oder wie Art Garfunkel aussehen lassen, dennoch: Je länger meine Haare werden, desto dicker und welliger sind sie auch. Mit sechzehn war das eine schmerzhafte Erkenntnis. Ich war gerade in meiner Teenage-Riot-Epoche angekommen; hatte neue Freunde, lernte mehr Mädchen kennen, die Jeans wurden wieder enger und niemand verstand wirklich irgendetwas. Eine merkwürdige Zeit: Alles war ununterbrochen in Bewegung und irgendwie schien es immer zu regnen. Ich wusste nicht, wohin. Alle suchten sich Jobs und die meisten hatten schon irgendetwas gefunden. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ich mich jetzt für etwas würde entscheiden müssen, das ich dann für Rest meines Lebens machen soll. Wie kann man so endgültige Entscheidungen treffen?

Nachdem das Reisebüro meine Bewerbung abgelehnt hatte, beschloss ich, dann eben einfach weiter zur Schule zu gehen und mein Abitur nachzuholen. Alles veränderte sich, also schien es mir nur natürlich zu sein, dass auch ich es tat - wenn schon nicht beruflich, dann zumindest persönlich. Ich verbrannte die Vergangenheit. Und ich ging auf Partys, fing an zu rauchen und verhedderte mich in den nach Schnaps schmeckenden Zungen süßer, brünetter Mädchen im Mondlicht. Hach. So viele neue Gedanken, so viele Eindrücke. Ich kaufte mir ein T-Shirt mit einer blutenden Amerikaflagge und besorgte mir die Che-Biografie. Die war wirklich zu langweilig, um sie zu lesen, weswegen ich sie stattdessen einfach dekorativ in meinem Regal platzierte. Viva la Revolution! Zu dieser Zeit las ich sowieso nur, was mir durch die Schule auferlegt wurde, und außer dem Schimmelreiter, hasste ich alles. Effi Briest, Das Fräulein von Scuderi, Woyzeck, Antigone, alles Scheiße. Und Der Tod in Venedig erst! Günter Grass hat mich auch nicht so umgehauen. Erst der Steppenwolf und Macbeth änderten meine Meinung und brachten mich dazu, mich in die Literatur zu verlieben. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte, die viel später ihren Lauf nahm.

Ich war sechzehn und auf einmal traf ich Mädchen, die Dinge sagten wie "Aber Alex, ich kann nun einmal einfach nicht dabei zusehen, wie Ungerechtigkeiten in dieser Welt geschehen. Ich muss mich einfach engagieren, auf Demos gehen und kämpfen". Alles, was mir immer dazu einfiel, war "Oh Mann". Habe ich schon mal erzählt, wie ich zufällig betrunken und scharf auf eine Tussi in eine Wochenendveranstaltung der SPD geschlittert bin? Irgendwo geistert noch immer ein Video herum, auf dem ich lallend, mit einer Gitarre in der Hand, ein Interview zu Reformen gebe, von denen ich nicht die geringste Ahnung hatte. Scheiße, war ich irritiert, als ich am nächsten Morgen aufwachte und nur in Boxershorts auf der Suche nach einem Klo in irgendein dämliches Politikseminar schlenderte. Ich wünschte so ein Schwachsinn wäre mir wenigstens nur einmal passiert, aber ich spiele auch eine Rolle im Patientenbegrüßungsvideo des Krankenhauses meiner Heimatstadt: Ich schiebe, dumm grinsend, in meinem weißen Kittel, einen Kranken im Rollstuhl von der Notaufnahme auf irgendeine Station. Egal.

Von einer Sekunde auf die andere hatte sich mein ganzes Leben verändert. Eben noch hatte ich jedes Wochenende damit zugebracht, die Bundesliga im Radio zu verfolgen und Playstation zu spielen, doch nun erlebte ich endlich Abenteuer; schlief in fremden, versifften Wohnungen, baute pausenlos Scheiße, trieb mich nachts betrunken und bekifft auf den Straßen der Städte herum, verliebte mich jeden Monat neu und saugte einfach alles in mich auf, kostete jeden Regentropfen und atmete jeden Hauch des Windes. So schuldig sich diese Zeiten anfühlten, so unschuldig waren sie in Wahrheit. Irgendwann war es eine logische Konsequenz, dass ich mir endlich meine Haare wachsen ließ. I ain't cuttin' my hair till the good lord comes. Scheiße, immerhin spielte ich Gitarre und nun konnte ich auch einfach endlich so aussehen wie Dave Grohl. Aber am Arsch! Nach der sowieso schon hässlichen ersten Phase, in der meine bübische Hochstyle-Frisur rauswuchs, wurde mein Haar immer lockiger, bis es irgendwann gar nicht mehr zu wachsen, sondern nur noch dicker zu werden schien. Kurz vor meinen Schultern hatte es angehalten. Ich wollte es nicht wahrhaben, aber ich erkannte, dass ich niemals so aussehen würde, wie ich es immer wollte. Um meine Haare wenigstens ein wenig in ihrer Form zu halten - und weil Glätteisen schwul sind - trug ich immer eine schwarze Wollmütze. Auch im Sommer. Auch am Strand. Ach ja. Und ich dachte, ich sei ein Freigeist mit meinen spleenigen Eitelkeiten. Ein paar Jahre hielt ich das durch. An irgendeinem bedeutungslosen Tag ging ich dann auf dem Heimweg von der Schule einfach beim Friseur vorbei und ließ meine Haare abschneiden, ohne vorher jemandem davon zu erzählen.

2004

Gott, das ist über ein Jahrzehnt her. Wie verfickt schnell die Zeit vergeht! Wie feiner, trockener Sand, den man versucht aufzuheben, um ihn näher zu betrachten: Je mehr man greift, desto mehr davon rinnt einem auch durch die Finger und geht verloren. Nachdem ich nun schon ein paar Monate nicht mehr beim Friseur war und meine Haare wieder länger wurden, dachte ich tatsächlich, meine Locken seien plötzlich verschwunden. Durch meine Scheitelfrisur sah ich eher aus wie ein draufgängerischer Hitler ohne Bärtchen. Aber heute Morgen nach dem Haarewaschen, da waren sie wieder da, die Wellen - und ich habe mich darüber gefreut, denn es bedeutete, dass diese ganze Zeit der Leichtigkeit, der Abenteuer, die Zeit von Regen und Wind noch immer in mir steckt, egal, was ich dachte.

A.   

Kommentare:

  1. Schön geschrieben. Schöne Haare. Schönes Ende.

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  2. Ich kann nicht glauben, dass die erste Jobwahl die Endgültige sein muss. Richtungsweisung würde ich ihr eventuell zutrauen.
    Die Haare und die Entwicklung find ich gut. Den beschriebenen Buchgeschmack unstreitbar.
    Wunderschöner Gedanke, dass Zeiten von Regen und Wind noch in dir stecken...

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