Dienstag, 17. Dezember 2013

Wissenschaftliches Arbeiten

Immer wieder lese ich die gleichen Sätze; stolpere immer wieder über den Begriff "Praeceptor Germaniae", Lehrer Deutschlands. Wahrscheinlich waren es immer Idioten, die sich selbst mit so einem Titel versehen haben - oder die damit versehen wurden. Für jeden König, der stirbt, krönen sie einen neuen. Ich lese nationalistische Pamphlete, politische Forderungen und antisemitische Hetze aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Für meine Abschlussarbeit. Wenn Nationalismus tatsächlich die reine Zuspitzung von Egoismus und Angst ist, wird man seine Keime niemals ausrotten können, denn sie gehören doch zur Seele der Menschheit wie Neid, Zorn, Verlustangst. Zur dunklen Seite sie dich führen werden. 
Das klingt jetzt beschissen schulmeisterlich, aber Scheiße, ich meine es ernst: Vielleicht ist all das Schlechte, all das Böse ein fester Bestandteil unserer Natur, und Fantasie und die Fähigkeit abstrakten Denkens führen uns unwiderruflich zu all den Gräueltaten, all dem Leid und all dem Schrecken, den wir hervorbringen. Wohlmöglich sind es sogar nur eine Handvoll Kardinalsünden, wenn man so will, die einfach jedem Menschen vertraut sind und von jedem empfunden wurden oder empfunden werden können. Egozentrik, die kombiniert mit Furcht dann Fremdenhass ergibt - in immer größeren Dimensionen, bis es gar in Völkermord ausufert. Was ein Sandkastenstreit im Kleinen ist, wird zu einem tobenden Blutrausch im Großen. Es verhält sich wie bei einem gigantischen Projektor, der Bilder und Staubkörner, und seien sie noch so klein, an eine Wand wirft und endlos vergrößert. So trägt jeder Mensch zu jeder Zeit alle Verbrechen und alle Sünden der Menschheit in sich. Ordnung und Gesetz könnten dann nichts weiter als Illusionen sein; gemeinsame Komponenten, geheuchelte Bekenntnisse zur Moral und zur Sitte, tatsächlich gemauert aus der Furcht vor dem Chaos und der Gefahr durch den Stärkeren, aus Feigheit. Demnach wäre es vielleicht doch nur eine Sünde, die übrig bleibt: die Angst. 

Wie ein vernachlässigter Hund, jage ich aufgeregt und dankbar jedem Gedanken hinterher, als böte nahezu alles den Hauch einer Ablenkung von mir selbst und dieser tristen Scheiße.    
Ich habe extra die Heizung im Wohnzimmer ausgelassen, damit es nicht zu bequem ist, Kopfhörer in meinen Ohren, damit ich mich konzentriere, aber ich bin einfach ein verlorener Junge: Wenn es mir keinen Spaß macht, muss ich mir jeden Satz mühevoll aus dem Fleisch schneiden. Sonst fließen die Worte nur so aus mir heraus, als müsste ich nur den Verschluss öffnen, doch dieses blutleere wissenschaftliche Arbeiten quält mich, und ich muss mir jeden prosaischen Schlenker und fast jeden kleinen Kniff verkneifen. Einen Kniff verkneifen, oh Mann. Ich wünschte, ich könnte einfach den ganzen Tag schreiben, was ich will. Je länger ich hier sitze, desto mehr fühlt es sich an, als würden sich meine spitzen Knochen in das Holz des Stuhls bohren - oder umgedreht. Ich verlagere das Gewicht von einer Arschbacke auf die andere.
Ich checke meine Mails, schreibe ein Wort oder eine Zahl, manchmal auch eine ganze Fußnote, checke meine Mails, checke Facebook, höre mir einen Song an, überlege mir coole Albentitel, entwerfe den Plot einer Kurzgeschichte, schreibe ein Wort oder eine Zahl, telefoniere zu lang mit irgendeinem Callcenter-Bimbo, der mir einen neuen Vertrag aufquatschen will und erkläre ihm schlussendlich, dass ich kein Geld habe für weitere Scheiße, ihm aber trotzdem ein frohes Fest wünsche, gehe Pfandflaschen wegbringen, kaufe ein, rauche eine, schenke der Obdachlosen vor dem Supermarkt mein Feuerzeug, beobachte einen Streit auf der anderen Straßenseite, überlege, hinzugehen und zu helfen, stelle meine Getränke auf den Bürgersteig und puste Luft aus meinen Lungen, sehe die Polizeiwagen mit Blaulicht kommen, bin erleichtert, gehe nach Hause, setze mich wieder an den Schreibtisch, schlage das Fachbuch auf, schweife ab, überlege mir den Titel einer Kurzgeschichte, singe "Stand By Me" (auch die Bassline), lese einen Satz, während ich noch immer die Melodie von "Stand By Me" summe, singe wieder "Stand By Me", ohne dabei zu lesen, gehe eine rauchen, checke meine Mails, checke Facebook, checke den Kicker, den Spiegel, die Zeit, die Süddeutsche, die Bild und singe dabei "Stand By Me", bekomme schlechtes Gewissen und öffne wieder das Fenster mit dem Word-Dokument, lese noch einmal die letzten zwei Sätze, lasse meine Fingerknochen knacken, dann meinen Nacken, lese den letzten Satz laut und stelle ihn mir in irgendeinem langweiligen Fachbuch vor, trommele mit meinen Fingern den Rythmus und beginne "Stand By Me" zu singen, sehe auf mein Handy, öffne das Fenster mit einem leeren Blogpost, schäme mich, überlege, einen ganzen Post nur in Form einer Aufzählung zu schreiben.

A.  

Kommentare:

  1. So schwer sie auch lastet, die Erbsünde und Schuldigkeit. So oft sie wiederkehrt und so sehr erschüttert, dass alle verwundert ihre Köpfe schütteln - wie konnte so etwas bloß geschehn! - genauso wird sie sich wiederholen in der verzweifelten Hoffnung auf diejenigen stützen, die sich ihrer erinnern und nicht wieder die Augen verschließen.
    -
    Kekse backen sich gut mit der Playlist. Approved.

    AntwortenLöschen
  2. Im weiteren Verlauf des Artikels suchte ich vergeblich nach dem Bezug zum anfangs monierten Begriff "Praeceptor Germaniae". Es gibt nur fünf Menschen, denen dieser Titel zugedacht wurde: Zwei Theologen aus dem 8./9. bzw. 16. Jahrhundert (Maurus und Melanchthon), zwei Rechtsgelehrte aus dem 18./19. Jahrhundert (Thibaut und Windscheid), sowie ein Schachspieler (warum auch immer) aus dem 19./20. Jahrhundert. Und keiner von ihnen hat diesen Titel je für sich beansprucht. Also, was war der Grund dafür, diesen Begriff zu verdammen. Ich werde nicht ganz schlau aus dem Artikel. Aber vielleicht bin ich heute auch nur schwer von Begriff.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das sind die, die bei Wikipedia aufgelistet werden, oder? Ich spielte damit auf Paul de Lagarde (1827-1891) an, einen preußischen Gelehrten und Antisemiten, der sich gern selbst in dieser Rolle ("Praeceptor Germaniae") sah und welcher aus einem gewissen christlichen Fundamentalismus heraus beispielsweise die "Abschaffung" der europäischen Juden und die Ausrottung einiger slawischer Völker - zur Lebensraumerweiterung des Reiches - vorsah.

      Löschen