Montag, 17. November 2014

In hohen Gebäuden arbeiten


Falls Ihr ihn noch nicht kennt, solltet Ihr dringend damit beginnen, ihn zu mögen: Gregory Alan Isakov. Ich fühle mich gerade ein bisschen wie dieser Song klingt.

A.

Samstag, 15. November 2014

Gravitation und gute Luft

Das neue Ryan Adams-Album ist gar nicht so gut. Die Bücher von Ruiz Zafón werden immer mieser. Und auch der neue Nolan-Film ist irgendwie mittelmäßig. "Interstellar", eine dreistündige Physikstunde. Die Optik ist zwar schön, aber kalt, trocken, und wenn man kurz aufs Klo geht, weil man im Foyer unbedingt eine große Cola kaufen musste, versteht man auf einmal nichts mehr. Ich kann Anne Hathaway und Matthew Conaughey nicht leiden. Selbst Christopher Nolan spricht davon, dass es in seinem Film viele Logikfehler gäbe - die ihm jedoch egal sein. Na wunderbar. Auf nichts ist mehr Verlass. Und gestern im Auto mochte ich aus Versehen sogar kurz ein U2-Lied, als ich noch nicht wusste, von wem es ist. Bono entwertet alles. Vier Leute saßen im Kino. Und der Tiger in der Nähe von Paris, den die Behörden seit einigen Tagen jagten, hat sich als große Katze herausgestellt. Der deutsche Astronaut, der kürzlich aus dem Weltall, von der ISS, zurückgekehrt ist, kommentierte den Umgewöhnungsprozess damit, dass die Schwerkraft ihn runterziehe. Scherzkeks.

Und jetzt bin ich krank und leide, so wie nur Männer leiden, wenn sie krank sind: Die Schonkost schmeckt mir nicht, ich weigere mich, meinen blauen Bademantel auszuziehen, es ist ständig zu heiß oder zu kalt und ich will jeden Abend eine Geschichte aus meinem Lieblingskinderbuch, "Von Sonne, Regen, Schnee und Wind", hören. Meine Ausgabe ist von 1924, weswegen man die vergilbten, brüchigen Seiten nur ganz vorsichtig umblättern kann. Ein Freund von mir wird in den nächsten Tagen Vater. Ich hatte überlegt, seinem Sohn zur Geburt auch eine Ausgabe des Buches zu kaufen. Immerhin werde ich vielleicht sogar Patenonkel. Aber ich schätze, seine Eltern wollen lieber selbst die künftigen Gute-Nacht-Geschichten ihres Kindes aussuchen - und das kann ich auch gut verstehen. Und bei all den schönen, sauberen und feinen Sachen, die dem Jungen vermutlich geschenkt und auf den Lebensweg mitgegeben werden, möchte ich nicht mit einem alten, zerfallenden Buch aus dem Antiquariat auftauchen, dessen altdeutsche Lettern von der schwedischen Mutter des Kleinen nur schwerlich entziffert werden dürften. Das würde die multilinguale Erziehung ja auf die Spitze treiben. Außerdem vergehen vermutlich fast dreißig Jahre, bis er die Geschichten zu schätzen weiß, angetrieben von Nostalgie und Erinnerungen.

Wenn ich die Geschichten höre, sehe ich wieder genau die Bilder vor meinen geschlossenen Augen, die ich schon als Kind gesehen habe, wenn ich krank im Bett lag, und meine Mutter oder meine Großmutter mit ruhiger, behutsamer Stimme vorlasen. Ich sehe die große wilde Wiese und den kleinen Bach, unten im Park. Manchmal, im Sommer, war das Fenster angekippt, sodass man abends die Wölfe im Tierpark dabei hören konnte, wie sie den aufgehenden Mond anheulten. Das hat mir mindestens genauso viel Angst gemacht, wie es mich beruhigt und mir ein Gefühl von Gemütlichkeit vermittelt hat. Die Luft in meinem Kinderzimmer war dann erfüllt von so einem duftenden Öl, dass man in einer Schale mit heißem Wasser auf die Heizung oder das Fensterbrett gestellt hat und dass nach Erkältungsbädern roch. Wir nannten das "Gute Luft".

Alles fühlt sich schwer an.

A.

Freitag, 17. Oktober 2014

Welthungertag

Einige meiner Freunde sind schon Eltern oder auf dem besten Wege, welche zu werden. Sie haben Jobs oder abgeschlossene Studiengänge und verdienen viel Geld, kaufen vorwiegend Biokram, teure Kaffeemaschinen und leben in geräumigen Wohnungen oder Häusern, verstreut über die großen Städte der Republik. Sie planen eine Zukunft, in der sie schon längst leben. Sie tragen Verantwortung für andere und sich selbst - und sie sehen glücklich dabei aus, ohne irgendein Loch im Herzen (Metapher!). Sie haben mehr als einen Anzug, Haustiere, schicke Möbel, gehen gern irgendwo frühstücken - und tragen nichts aus Polyester oder Bangladesch. Sie sind vernünftig und erwachsen.

Und ich war gestern, am Welthungertag, bei einem Cheeseburger-Wettessen zwischen meinem Mitbewohner und einem Kumpel, der als Kind mal Werbung für s.Oliver gemacht und als Jugendlicher mit irgendwelchem Bodybuilderkram, Steroiden oder was auch immer, gedealt hat. Mein Mitbewohner hat gewonnen: Elf Cheeseburger in dreißig Minuten. Die Belegschaft und die Leute im Laden haben ihm anerkennend zugenickt. Wir leben in einer zynischen Welt.
 Ich glaube, heute ist Freitag.

A.

P.S. Anlässlich des heutigen Geburtstages von Oscar Wilde, möchte ich eines meiner absoluten Lieblingszitate hervorholen:

"Die toten Liebhaber der Welt sollen unser Lachen hören und traurig werden. Ich will, dass ein Hauch unserer Leidenschaft ihren Staub wieder zum Bewußtsein ruft und ihre Asche aufweckt zu Schmerzen."
Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Dienstag, 7. Oktober 2014

Diktatur des Lärms

Dieser ganze Lärm ist so bedrückend. Ich liege auf meinem Bett, in meinem Schlafzimmer. Ohne Fernsehen oder Musik ist es trotzdem nicht still. Hinter den Wänden, hinter allen Wänden, dröhnen die dumpfen Geräusche von Fernsehern, fremdem Gerede, fettleibigen Schritten und Toilettenspülungen. Wie soll ich mich denn so auf das Schrillen meiner Ohren konzentrieren? Man wird förmlich gezwungen, seinen eigenen kleinen Lärm zu machen, damit man wenigstens die Anderen nicht mehr hört. 

Ich mache jetzt Musik an und schlafe.

A.

Ich höre sie alle

Seit Tagen werde ich diesen Song nicht los. Sobald ich aufwache, verfolgt mich der Refrain. Vorm Einschlafen summe ich die Strophen. Das hatte ich lang nicht mehr. Verteufelt das Lied nicht als Hillibilly-Redneck-Kram, sondern gebt ihm eine aufrichtige Chance. Oder vielleicht lieber nicht, sonst verfolgt er Euch auch. I hear them all, I hear them all, I hear them all.

A.


Old Crow Medicine Show - I Hear Them All from nettwerkmusic on Vimeo.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Geistertanz


Hunderte von Krähen fliegen über die Förde. Ihr Kreischen ist so durchdringend und endlos, dass es fast schon unbemerkt an die Stelle der sonstigen Geräusche getreten ist, die man hier in der Stadt für Stille hält. Ich bin achtundzwanzig. Seit Sonntag. Nun ist es wohl offiziell: Ich werde nicht als einer größten Rockstars in die Geschichte eingehen - oder mit meinem Ableben eben den "Club 28" begründen, oder den "Club 73", oder, oder, oder. Ach, damit könnte ich auch leben, buchstäblich. Es wird Zeit, dass das Semester beginnt und ein wenig Sinn stiftet. Ich liege die ganze Zeit im Bett und lese Zeug über die Indianerkriege. Ich weiß gar nicht mehr, warum. Ich glaube, es ging damit los, dass ich in den Untiefen meiner Erinnerungen an "Wounded Knee" denken musste und nichts mehr mit dem Begriff anfangen konnte. Diese oberflächlich sinnlosen Endlos-Recherchen fressen meine Zeit. Eine Zeile in irgendeinem Song reicht aus, um mich stundenlang abzulenken. Und dann verliere ich mich in Links und Google-Treffern, in Wikipedia- und Zeitungsartikeln. Wer war der einzige Präsident der Konföderierten Staaten von Amerika? Welche Hymne hatte die Konföderation? Woran starb Sitting Bull? Wie hieß General Custer mit Vornamen und wann wurde er geboren, wann starb er, wieso wurde er zum Mythos des Scheiterns? Was ist der "Geistertanz"? Ist "Ghost Dance" noch immer ein Synonym für den Widerstand? Aus jeder Antwort ergeben sich neue Fragen und Bilder - und ich weiß nicht wirklich, ob mich all das wirklich interessiert, wirklich. 

Ich bilde mir ein, noch immer einen merkwürdigen Geruch wahrzunehmen. Gestern Abend gingen in der Nachbarwohnung plötzlich sämtliche Rauchmelder los. Ich bin immer ein wenig panisch bei solchen Dingen, weil so viele alte Leute in unserem Haus wohnen, denen ich sicherheitstechnisch wirklich nicht vertraue. Raus in den Hausflur. Ich klopfte, und als meine alte Nachbarin die Tür öffnete, fragte ich sie, ob alles in Ordnung sei oder ob sie Hilfe bräuchte. Ihr Blick war ein wenig wirr. Seit ihr Mann gestorben ist, scheint sie schneller zu altern, glatt so, als renne sie irgendwie vor der Zeit davon. Dichter Qualm drang aus ihrer Wohnung und der trocken beißende Geruch alter Menschen hatte sich mit dem Gestank geschmolzenen Plastiks vermischt. Gekrümmt wuselte sie in alledem hin und her und sagte, halb zu mir, halb zu sich, dass sie etwas im Ofen vergessen oder übersehen hätte. Es bedeutet etwas, wenn eine Türschwelle keine Barriere mehr darstellt. Sofort, ohne, dass es uns beide gewundert hätte, betrat ich die Wohnung. Sie hatte Verantwortung abgegeben. Ich hörte ihr kaum zu, sondern machte mich lieber erst einmal daran, die piependen Rauchmelder auszuschalten, was gar nicht so leicht war, da ich offenbar meine Körpergröße überschätzt beziehungsweise die Deckenhöhe unterschätzt hatte.
"Bitte sehen Sie nicht in meine Rumpelkammer. Ich schaffe es nicht mehr so, die Ordnung zu halten", sagte sie mit brechender, aufgeregter Stimme.
"Keine Angst, ich gucke nicht", gab ich zurück. Und ich sah wirklich nicht hin. Manche Dinge bemerkt man in den Augenwinkeln und tut trotzdem sein Bestes, sie nicht zu beachten.
"Ich wollte mir Baguettes machen, wissen Sie", sagte sie und wich meinem Blick aus.
Sie tanzte den Tanz des Alters, bei dem es immer so aussieht, als wollte man irgendetwas holen, das man zuvor vergessen hatte, nur um es sich im nächsten Bruchteil einer Sekunde wieder anders zu überlegen. Das wirkt gedankenlos, ist aber eigentlich das genaue Gegenteil. Der Rauch brannte in meinen Augen. Im unteresten Fach ihres Ofens lag eine helle, vor sich hin köchelnde Masse, geschmolzenen Kunststoffs. Als ich hinsah, erklärte sie mir, wie zur Entschuldigung, dass sie eine dieser Kuchenformen aus Hartgummi übersehen hatte. Der Qualm und der Gestank können ihr erst nach Ewigkeiten aufgefallen sein! Eine Etage darüber lagen die traurigen kleinen Tiefkühlbaguettes. Sie tat mir leid und ich wollte nicht, dass in meinen Augen so etwas zu lesen ist wie "Es geht zuende".
"Machen Sie die Fenster auf, sorgen Sie für Durchzug. Wenn alles abgekühlt ist und die Dämpfe sich ein wenig verzogen haben, können sie das Blech mit dem Plaste herausholen. Wenn noch irgendetwas sein sollen, kommen sie ruhig rüber", sagte ich im Gehen. Inzwischen wirkte sie so alt und hilflos, dass mein belehrender Ton, wenngleich ich mich darum bemühte, immer etwas Tröstendes hineinzulegen, nicht einmal mehr merkwürdig klang. Ich hatte ihr schon oft, Hilfe angeboten, aber weil sie immer so viel quatscht und weinerlich lamentiert, war ich ganz froh, dass sie diese nie in Anspruch nahm. 

Vor ein paar Monaten, vielleicht war es auch letztes Jahr, gab es eine ähnliche Situation. Damals war es die alte Hausmeisterin aus der Etage über uns. Ich hatte merkwürdige Geräusche aus ihre Wohnung gehört. Sie öffnete mir völlig aufgelöst die Tür, bekam keine Luft, erkannte mich nicht. Ich legte sie ins Bett und wartete gemeinsam mit ihr auf den Krankenwagen. "Es ist nicht schön, wenn man so allein ist", hatte sie gesagt. Das war furchtbar traurig. Ihre Worte hallen noch immer durch meine Gedanken. Inzwischen wohnt sie nicht mehr hier.

Nach einiger Zeit klopfte es an meiner Tür. Ob ich die Baguettes noch essen würde an ihrer Stelle, sie hätte sich doch so gefreut.
"Nein, die sollten sie wirklich nicht mehr essen. Überhaupt sollte der Ofen erst einmal geputzt werden, bevor sie wieder etwas daraus essen", sagte ich. Morgen würde bestimmt ihre rumänische Putzhilfe kommen; die könnte das machen. "Bleiben Sie ruhig, so etwas passiert eben mal", sage ich, aber wir beide wissen, dass ich aus Höflichkeit lüge.
"Vielen Dank. Gute Nacht"
"Keine Ursache, sie können immer rüberkommen. Gute Nacht", gebe ich zurück.

A. 

Sonntag, 14. September 2014

Fick dich, Berlin

Wieder, wieder, wieder habe ich jemanden an Berlin verloren. Irgendwann werde ich vermutlich der letzte sein, der noch hier in Kiel wohnt, während sich jeder, den ich jemals gekannt und gemocht habe, in alle Himmelsrichtungen zerstreut haben wird, weit, weit fort von hier. Und ich? Ich werde hier sein, allein mit dem Wind und dem Meer, meinen letzten Bekannten, und pathetisch in den Nebel und die grauen Wolken starren und mich selbst bemitleiden. Was finden bloß immer alle an diesen verfickten Großstädten? Immer, wenn ich in Berlin oder Hamburg bin, wird mir eines zweifelsfrei klar: Ich selbst möchte dort nicht leben. Ein Besuch ist okay, aber ein Leben? Doch schon wieder verschlägt es jemanden aus meinem Umfeld dorthin. Vielleicht sucht man sich seine Freunde doch nicht aus, weil sie einem ähnlich sind.

A.

Samstag, 13. September 2014

September September

"Now, fear is not a gentle thing although it has no fists.
It crawls down from your thoughts and ties by your skinny wrists.
Death will take your lips from you so that you cannot kiss
but fear will leave you screaming out for all the love you'll miss."
                                                              - Kyla La Grange: The River

Sie haben nicht gelogen, die Leute vom Wetterbericht: Es ist wirklich fantastisches Wetter. Ein letztes Aufbäumen des Sommers, bevor er stirbt, wie die Blätter der Bäume im Park, die langsam aber stetig ihre Farbe und mit ihr all ihre Kraft, sodass sie sich schlussendlich nicht mehr halten können und doch zu Boden fallen - wie jedes Jahr um diese Zeit. Das ist die Mechanik der Natur. Es ist September, zum achtundzwanzigsten Mal in meinem Leben.

Ich bin viel zu warm angezogen, wie immer. Eine schlechte Angewohntheit, denn eigentlich, also könnte ich wählen, ich würde immer lieber frieren als schwitzen. Schon allein, weil Kälte nicht stinkt. Ich mustere mich selbst in den Fenstern der Bushaltestelle. Irgendwann, in vielen Jahren werde ich eine Sonnenbrille finden, die nicht zu groß für meinen komischen Kopf ist. Vom schnellen Gehen steht mir ein wenig Schweiß auf der Stirn, also beruhige ich mein Tempo. Ich liege gut in der Zeit. Noch fünfzehn Minuten, bis der Bus kommt. Jetzt in den Ferien, wo viele meiner Freunde nicht da sind oder keine Zeit haben, mich durch die Gegend zu fahren, muss ich wohl oder übel auf das Nahverkehrsnetz zurückgreifen, um irgendwo hin zu gelangen. Alles, was weiter als eine Dreiviertelstunde Fußweg entfernt liegt, muss mit dem Bus zurückgelegt werden, so lautet mein heiliger Beschluss. Das Ticket ist in den Semestergebühren enthalten, also sollte ich mich wirklich nicht so anstellen. Ich muss ans andere Ende Kiels. Zu Fuß würde es fast zwei Stunden dauern.

Außer mir wartet nur noch jemand an der Haltestelle: ein dünner Typ, etwa in meinem Alter, mit einer Halbglatze. Wie aus Reflex fasse ich in meine Haare, als sich unsere Blicke treffen. Das tut mir leid. Mein Shirt klebt an meinem Rücken. Das ratternde Geräusch von Skateboardrädern auf dem Asphalt nähert sich und ein Typ, der aussieht wie Casper rollt vorbei. Diese beschissenen Longboards mit ihrem Scheißlärm. Ich werde mal ein mürrischer alter Mann. "I'm the new blue blood. I'm the great white hope", singt mein MP3-Player in meine Ohren. Ich schalte ihn aus und verstaue den Player und meine Sonnenbrille in meiner Tasche. Der Busfahrer sieht nicht einmal auf mein Ticket, als ich es ihm, ein wenig ungelenkt und beflissen wie eine Pfadfinderin, zeige. Es riecht wie in den Umkleidekabinen bei H&M an einem drückenden Sommertag. Der Bus nimmt Fahrt auf und ich stolpere in den hinteren Bereich. Es ist ein bisschen wie früher, als ich noch mit dem Bus zur Schule fahren musste - nur war alles viel kleiner; ich, der Bus und die Stadt.

Durch diese Fenster sieht die Stadt völlig anders aus. Eine ungewohnte Nebenstraße, und ich verliere völlig die Orientierung. Zuhause hatten die Busse Buchstaben, weil es einfach so wenige gab. Jetzt sitze ich in 61 - oder war es die 62? Grell fällt das Licht der Sonne in die linke Seite des Busses und lässt das Buch auf meinem Schoß wirken, als hätten seine Seiten unterschiedliche Farben. Vom Candy-Crush-Spielen während der Fahrt ist mir schlecht geworden. In der Reihe hinter mir führen zwei alte Frauen ein furchtbares Gespräch, in dem es nur darum zu gehen scheint, wer ihrer Freunde noch lebt, wer tot ist, wer von Krankheit gezeichnet das Haus nicht mehr verlässt, und um die Wahrscheinlichkeit, dass man sich nochmals sieht. Anstatt ihn hervorzuheben, verharmlost dieses Gerede den Tod fast ein wenig, glatt so, als wäre er nur ein Unwetter, dem man nicht aus dem Weg gehen könnte. In dem schwarzen Gummigelenkbereich zwischen dem vorderen und dem hinteren Bus steht ein Mädchen, deren Alter unmöglich abzuschätzen ist. Gelangweilt starrt sie auf ihr Smartphone und balanciert dabei ihr Gewicht vom einen aufs andere Bein. Sie trägt eine dieser Strumpfhosen, an deren Ende (oder Anfang?) kein Rock oder Hose folgt, sondern sich deutlich der Arsch abzeichnet. Eine solche Mode hätte mich zu Schulzeiten vermutlich den Verstand verlieren lassen. Ich hätte doch nie wieder an die Tafel gesehen. Ich musstere kurz ihren Arsch, aber dann fühle ich mich komisch, weil ich eben nicht weiß, wie alt sie ist.

Wohne ich jetzt sechs Jahre hier? Sind es mittlerweile schon sieben? Der Bus hält an einer Kreuzung und der Fotoladen an der Ecke war früher eine Bar. Ich erinnere mich noch daran, wie ein paar Kommilitonen und ich dort eines Abends saßen, irgendwann im ersten Semester. Man konnte in dem Laden, ich glaube, er hieß "Viva", sogar rauchen. Und jetzt macht dort gerade irgendein Blödmann in einem hellblauen Buisness-Hemd seine Scheißbewerbungsfotos. Mein Nacken krampft vom Versuch, irgendwie entspannt zu sitzen. Klappt super. Es ist, als würde immer und und ununterbrochen Starkstrom durch meinen Körper laufen. Ich wäre so gern entspannt. Ein dicker Mann in einer ausgeblichenen Jeansjacke hat auf dem Sitz hinter mir Platz genommen. Schon beim Vorbeigehen bemerkte ich die Wolke aus Gestank, die er hinter sich herzieht. Auf seinem Platz hinter mir angekommen, hat sie ihn eingeholt; ein Geruch von Schweiß, fremden Wohnzimmern, alter Kleidung und Hoffnungslosigkeit. Es riecht nach Husky-Postern und Dorfkneipe, nach Turnhalle und Getränkemarkt im Hochsommer. Ich drehe mich kurz, um zu überprüfen, ob er irgendwie besonders nah an meinem Nacken sitzt. Tut er nicht. Ich bin einfach eine empfindliche Pussy. Immer wieder bemerkenswert wie ich, ohne Geld und Führerschein und sonst irgendetwas, so eingebildet, versnobt und wählerisch werden konnte. Naserümpfen. Ich gehe mir selbst auf die Nerven.

Am Hauptbahnhof steigt ein Typ ein, der Brösel zum Verwechseln ähnlich sieht. Je dichter er kommt, desto sicherer bin ich, dass es sich wirklich um den "Werner"-Erfinder handelt. Ausgeblichene Jeans, ausgeblichene Jeansjacke und ein Rucksack. Ich meine, mal gehört zu haben, er sei insolvent. Er redet laut in sein Handy, setzt sich mit einer Arschbacke neben eine alte Frau und blockiert dabei so den Durchgang nach hinten, dass sich einige Rentner umständlich an ihm vorbei drücken müssen. Dämliches Arschloch. Soll ich ein Handyfoto zum Beweis machen? Nein. Die Zeit der Fotos und Autogramme wird für ihn vermutlich sowieso zu Ende sein. Naja, es sei denn, er ist auf einem Torfrock-Konzert oder so. Würde die Karriere laufen, würde er wohl kaum an irgendeinem Scheißvormittag in einem Kieler Stadtbus sitzen. Ich weiß gar nicht so sehr, warum, aber das klingt wirklich nicht nach Karriere. Ich starre ihn kurz an, ohne dabei irgendeine Regung zu zeigen, dann sehe ich wieder in mein Buch.

Die Tonbandstimme (Tonbandstimme? Ich bin ein Kind der Neunziger) sagt den Namen meiner Station. Mit erschreckendem Eifer drücke ich einen der roten Stopp-Knöpfe, damit der Bus auch wirklich hier, mitten im Nichts, hält. Das war schon früher so. Manchmal träume ich davon, dass er einfach weiterfährt.

A. 

Sonntag, 24. August 2014

Lotterie

So langsam neigt sich der Sommer wieder dem Ende und es beginnt die Zeit der Pullover und Jacken, der geschlossenen Fenster und gelblichen Blätter. Graue Wolken des Herbstes ziehen schwerfällig über den Himmel - und auch der Regen kehrt zurück. Allmählich werden wir vergessen, dass es hier jemals einen Sommer gegeben hat. Die Semesterferien lassen mein Zeitgefühl verschwimmen, wie jedes Jahr. Früher, zu Schulzeiten, markierte diese Grenze, bei der das Wetter langsam wieder rauer wird, auch das sich abzeichnende Ende der Sommerferien, aber nun spielt das fast keine Rolle mehr, schließlich beginnt das neue Semester erst Anfang Oktober. Der Wind rauscht über die Dächer durch die Bäume, und die Blätter des Wilden Weines im Hof glänzen vor Feuchtigkeit. Die Waschmaschine scheint unwuchtig zu sein; sie ist lauter als sonst und macht ab und an einen kleinen Sprung, so dass die Bücher auf ihr durcheinander geraten. Ich ignoriere das. Würde ich mich damit beschäftigen, müsste ich sicherlich irgendwann feststellen, dass wir eine neue Waschmaschine brauchen - und das kostet Geld. Geld, das ich lieber für andere Dinge ausgeben würde. Coole Dinge.

Im Hausflur riecht es komisch. Dass alte Menschen immer so prägnant riechen müssen! Auf jeder Etage ein anderer Geruch. Unten sitzt ein behindertes Kleinkind in einem dieser Spezialkinderwagen/rollstühle. Vor ein paar Wochen kam eine Ankündigung von der Vermieterfirma, dass Platz geschaffen werden müsse, für einen Reha-Kinderwagen. Außerdem gibt es jetzt einen Behindertenparkplatz, direkt vor dem Haus. Eigentlich hatte ich gedacht, es würde sich um alte Leute handeln, als ich das sah. Ein Fahrstuhl bietet jede Menge Komfort, wenn man nicht mehr so gut zu Fuß ist. Dann sind sie eingezogen: eine Mutter mit ihrem Kind, wie ich aufgeschnappt hatte. Ich lächele, aber ich fürchte, das Kind ist blind. "Reha-Kinderwagen", das klingt, als würde es irgendwann wieder gesund werden. So wirkt das Mädchen nicht. Sie ist vielleicht zwei Jahre alt, aber ich bin schlecht darin, so etwas einzuschätzen. Die Geburt ist eine verfickte Lotterie: Wenn sich der Vorhang öffnet, bist du entweder reich oder arm, gesund oder krank, hübsch oder hässlich, irgendwo in der Scheiß-Wüste oder in New York City, Westen, Osten, Norden, Süden. Das arme Ding. Nicht, dass die Welt für alle Gesunden nur aus Sonnenschein und Regenbögen bestehen würde, aber das ist doch mal eine beschissene Zukunftsaussicht. Ihre Schultern zucken und ihre Augen drehen sich scheinbar willkürlich. Ihre Gesichtszüge sind fein und zerbrechlich, und ihr Haar dunkel, in der Farbe von altem Holz. Ob Zukunftsmenschen mit all ihren Jetpacks und Laserschwertern noch behinderte Kinder zur Welt bringen werden? Oder ist die pränatale Diagnostik dann so ausgereift, dass diese Menschen voller Überheblichkeit auf unser Jahrhundert zurückblicken, als wäre es eine dunkle, barbarische und unzivilisierte Epoche? "Wie konnten die bloß so leben?", werden sie sagen, als wären wir völlig unfähig, die offenkundigste aller Wahrheiten zu erkennen, selbst wenn wir ihr gegenüberstünden. Wie beim Aderlass oder irgendwelchen absolutistischen, französischen Adligen, die ihre stinkenden Körper immer wieder parfümierten und puderten, statt sich zu waschen.

Auf den Treppenstufen begegne ich der Mutter. Sie ist vielleicht zwei oder drei Jahre älter als ich und ziemlich hübsch. Sie wirkt abgehetzt, aber vielleicht interpretiert das auch nur meine Oberflächlichkeit in sie hinein. Auch, wenn es nicht wirklich einen Grund dazu gibt, bin ich überrascht, dass sie so scharf ist. "Oh, hallo", sage ich und lächele. All meine Gedanken liegen in diesen zwei Worten. Zumindest, wenn "Oh" wirklich ein Wort ist. Sie lächelt nicht, sondern erwidert nur ein leeres "Hallo", als sei sie mit den Gedanken woanders - aber vermutlich ist auch das eher eine oberflächliche Überinterpretation. Wir sehen, was wir sehen wollen. Ich denke "Oh" ist eher ein Laut. Sie scheint mich gar nicht zu sehen, also mache ich ein wenig Platz auf der Treppe und gehe hinaus.

Ich träume noch immer schlecht, fast jede Nacht. Meist verbunden mit einem merkwürdigen Gefühl, das sich über Tage hält, als sei etwas Schlechtes passiert, das mir einfach nicht einfallen will, selbst, wenn ich mich anstrenge.

A.  

Mittwoch, 6. August 2014

Farben eines anderen Himmels IV

Tag 6 & 7:

Doch die guten wie die schlechten Dinge enden, weil alles endet und vergeht, und das unweigerlich. Meistens - und das ist keine Eigenschaft, auf die ich besonders stolz bin - betrauere ich das Enden der Dinge schon, bevor es letztlich so weit ist. Das macht Abschiede nicht leichter. Nostalgische Prophetie oder prophetische Nostalgie, was auch immer, es ist traurig. Sehe ich die Sonne an, dann seh' ich ihren Untergang. Karnevals-Tusch. Ich war auch auf meinem Abschluss-Ball traurig - zumindest, bis ich besoffen war und nichts mehr gefühlt habe.

Als ich meine Großmutter frage am Morgen des letzten Tages in Norwegen frage, wie es ihr geht, antwortet sie, dass sie versuchen würde, alles anzusehen und in sich aufzusaugen, um die Dinge so zu behalten, wie sie waren. Ich könnte ihr sagen, dass ich genau weiß, was sie meint und dass ich es ebenso mache, aber alles, was ich antworte, ist: "Oh, so philosophisch heute Morgen?"

Ich erinnere mich noch daran, dass ich vor ein paar Jahren (eigentlich sind es schon mehr als ein paar Jahre, aber wenn man Momente nicht loslässt, vergeht die Zeit etwas langsamer) auf den Treppenstufen des Hauses meiner damaligen großen Liebe saß und darauf wartete, dass ein Kumpel mit seinem Motorrad kommen würde, um mich mit zur Schule zu nehmen. Ich hatte sie auf die Stirn geküsst und ihre Augen waren kalt. Sie liebte mich nicht mehr und der Abschied lag längst unausgesprochen in der Luft und schwebte wie dunkle Wolken, über allem was wir taten und sagten. Als ich auf der Treppe noch eine rauchte und dem Morgenhimmel über dem weiten Rapsfeld neben ihrem Haus dabei zusah, wie er allmählich heller wurde und aufklarte, musste ich plötzlich daran denken, dass ich all das hier bald sehr wahrscheinlich nicht mehr sehen würde, und dass mir dann letztlich nichts als Erinnerungen an das Feld, die Treppenstufen, das Haus und an sie bleiben würden. Für einen Moment fühlte es sich dann so an, als würde ich bereits auf Erinnerungen blicken, statt auf das hölzerne Treppengeländer und den kleinen gepflasterten Weg, der ums Haus herum führt. Die Wiese, auf der wir an einem Nachmittag mal in der Sonne eingeschlafen waren, die grau verputzte Fassade des Hauses und ihr Fenster, durch das ich niemals wieder sehen werde, all das wird verblassen und in der Vergangenheit verschwinden, dessen war ich mir bewusst, als ich an diesem Morgen auf den Treppenstufen des Hauses saß. Und ich hatte recht: Ich kehrte niemals wieder zurück.

Es ist der letzte Tag und am Horizont gewinnt das richtige Leben langsam wieder an Kontur. Zu Hause lässt sich nichts so leicht ausblenden wie hier, das weiß ich. Obwohl die Wetterapp meiner Mutter seit Tagen anderes behauptet, bleibt es sonnig und heiß. Rot ist zu braun geworden, und auch, wenn ich mich morgens im Bett umher wälze, weil ich früher als Sophie wach bin, brennt es nicht mehr. Meine Träume sind aber noch immer schlecht. Egal, wie ruhig die Welt um mich herum ist, Sex und Gewalt, Feuer und Krieg, wenn ich schlafe.

Montag, 4. August 2014

Farben eines anderen Himmels III

Tag 3 & 4 & 5:

"Und Du willst wirklich nicht mitkommen?"
"Nein, wirklich nicht. Ich freue mich, wenn ich meine Ruhe habe. Ich werd' mich einfach auf die Terrasse legen und lesen, bis Ihr wiederkommt. Ich bin doch wegen der Einöde hier, nicht wegen der Städte. Außerdem könnt Ihr, wenn ich nicht mitkomme, mit einem Auto fahren. Sophie will doch auch mit", sage ich mit einem Lächeln - und das ist mein Ernst. Ich war tausende Male dort (einmal sogar nachts) und in nur einer Woche möchte ich doch auf mein Höchstmaß an Abgeschiedenheit kommen. "Macht ein paar Fotos, das reicht mir", rufe ich meiner Familie hinterher, kurz bevor die Autotüren zu knallen. Und dann bin ich allein.

Freitag, 1. August 2014

Farben eines anderen Himmels II

Tag 2:

Mein eigenes Gebrabbel weckt mich. Der Traum verschwindet vor meinen geöffneten Augen innerhalb weniger Sekunden. Irgendetwas mit einem riesigen Feuer in einem Hochhaus. Ich weiß nicht mehr, ob ich es gelegt hatte oder löschen wollte. Noch immer steht mir Schweiß auf der Stirn. Ich wühle auf dem Nachttisch nach meiner Uhr: Es ist gerade einmal kurz nach sechs. Sophie schläft tief und selig. Sie scheint irgendwie nie schlecht zu träumen. Fast bin ich neidisch darauf: Sie legt sich abends hin, schläft sofort ein und wacht nach acht Stunden heiligem Frieden einfach wieder auf, ohne irgendeine Erinnerung an das, was sie geträumt hat. Manchmal würde ich ihr diese Gabe gern für einige Zeit wegnehmen. Die Sonne muss schon seit Stunden auf das Dach des Holzhauses scheinen; die Luft steht und eigentlich ist es zu warm für Kleidung. Die ersten Schritte zeigen, ob ich mir heute trauen kann oder nicht. Vorsichtig versuche ich mich über die Dielen zu bewegen, die Treppe herunter, Stufe für Stufe zum Klo. Natürlich schaffe ich das nicht geräuschlos. Irgendwer im Haus liegt garantiert gerade wach und hört meine Schritte. Vorsichtig suche ich den Raum nach Spinnen ab, bevor ich mich auf die Klobrille setze. Ich hätte mir etwas an die Füße ziehen sollen. Wer weiß, ob mein Großvater noch im Stehen pinkelt wie früher. Er ist über siebzig, da gehen dann bestimmt ein paar Tropfen daneben. Als ich wieder oben im Zimmer bin, wacht Sophie kurz auf.
"Schlaf' weiter, es ist noch früh", sage ich leise.
"Warum bist Du auf?"
Ich sage ihr, dass ich schlecht geträumt habe, aber noch ehe ich erwähnten könnte, wovon, schläft sie schon wieder.
Normalerweise würde ich jetzt mein Handy mit ins Bett nehmen und ein paar Nachrichten lesen, ehe ich wieder einschlafe. Gewohnheiten sind so mächtig - der W-Lan-Empfang hier ist es jedoch nicht.

"Was wollen wir heute machen? Zum Leuchtturm, an den Strand oder auf den Berg steigen", sagt Sophies Stimme.
Ich habe weder mitbekommen, dass ich wieder eingeschlafen noch, dass ich wach bin. "Heute ist der erste richtige Tag, warum machen wir nicht gleich alles", antworte ich genervt. "Ich fahr' nicht an den Strand, ich bin doch kein Assi", schiebe ich noch hinter her.
"Grummel", sagt sie und pikt mit dem Zeigefinger in meine Seite.

Mittwoch, 30. Juli 2014

Farben eines anderen Himmels I

"Zander, Aufwachen!"
Ich höre die Worte, kann sie aber nicht zu etwas Sinnvollem zusammensetzen. Aus der Ferne dringen sie in die Dunkelheit.
"Dein Wecker, Zander, mach' ihn aus, los jetzt." Eine Hand tätschelt meine Schulter. 
Ihre Stimme hätte ich problemlos in meine Träume und den Schlaf mit einbauen können, aber bei Berührungen geht das nicht. Wecker, ich hatte gar keinen gehört. Und "Zander", so nennt mich nur noch ein entfernter Onkel, ansonsten war dieser Spitzname eigentlich ausgestorben, einfach von der Zeit davongewischt. Als ich zu sprechen begann, fiel es mir schwer, meinen Namen zu sagen - das "X" in "Alexander" war nicht leicht - und so sagte ich einfach "Zander" oder vielmehr "Zanner", bis ich es dann besser wusste. Das hat sie irgendwann aufgeschnappt. Vermutlich, als meine Mutter ihr irgendwann - ungefragt - mein Babyalbum gezeigt hatte. Bei dem Wort sehe ich den kleinen, roten und glatzköpfigen Zander freudestrahlend seine Beine und seinen kleinen Pimmel in die Höhe recken.
"Wach jetzt auf. Wir wollen in einer Dreiviertelstunde los. Die Fähre wartet nicht auf uns. Deine Sachen liegen auf'm Stuhl." Die Stimme wird leiser und ich höre eine Tür. Langsam dämmert mir, wo ich bin, wer mit mir spricht und, was heute für ein Tag ist. Ich kehre in mein Utopia zurück - also öffne ich auch meine Augen.

Tag 1:

Die Uhrzeit sieht völlig unrealistisch aus, 5:30 Uhr. Ich erinnere mich partout nicht mehr daran, wann ich zum letzten Mal so früh wach war. Süßes Studentenleben. Langsam, schwerfällig und mühsam, als wäre ich angeschossen worden, schleppe ich mich ins Badezimmer. Mein Gesicht sieht aufgequollen und verlebt aus, als ich mir die Zähne putze. Das kalte Wasser wird schon seine Wirkung tun.

  
Die Sonne geht gerade über der Förde auf, und ich kaue auf einem Stück Brot rum. Ich wünschte sie würde über dem Meer untergehen, dann könnte ich das öfter sehen. Wenn die Sonne im Meer versinkt, sieht man doch für den Bruchteil einer Sekunde den Grünen Blitz -  und dann irrt man niemals wieder in Fragen des Herzens. Zumindest hat Jules Verne das gesagt. Nicht auf leeren Magen rauchen! Vielleicht eines der letzten Prinzipien.
"Fotografierst Du Dich da gerade selbst? Such' Dir lieber die Bücher raus, die Du mitnehmen willst", sagt ihre Stimme hinter mir, und ich erschrecke mich ein bisschen, weil ich mich so ertappt fühle.
"Ja, ich mach' ein süßes Reiseantritts-Selfie. Sowas tun hippe Kids! Scheiße, welche Bücher nehme ich denn mit? Und vor allem: wie viele? Wenn das Wetter scheiße werden sollte, les' ich bestimmt mehr als sonst, aber wenn es gut wird, sitzen wir ja auch viel draußen, ne? Da lesen wir dann ja auch." Halb sage ich die Worte zu mir selbst.
"Die hippen Kids haben dabei aber bestimmt keine Kippen im Mund", entgegnet sie trotzdem, bevor sie damit weitermacht, die restlichen Sachen einzupacken. 
"Pah, Rauchen ist noch immer cool", rufe ich ihr hinterher.

Ich bin nicht wirklich eine große Hilfe bei Reiseplanungen und sämtlichen damit zusammenhängenden praktischen Dingen. Während so ziemlich alles für mich geregelt wird, halte ich mich mit irgendwelchen Kleinigkeiten auf, stehe im Weg und bin lediglich gut darin, andere Leute für bestimmte Reiseziele zu begeistern. So ähnlich war das schon früher, wenn meine Eltern hektisch in der Wohnung umhergeschwirrt sind, während ich fast schwerelos durch die Räume trieb, wie der aufgehende Mond im Zeitraffer. Die Minuten eilen unablässig davon, und ich stehe vor dem Bücherregal im Schlafzimmer und versuche herauszufinden, worauf ich Lust habe bzw. worauf ich Lust haben werde. Ich entscheide mich - widerwillig - für "Der dreizehnte Monat" von David Mitchell und "Wir Ertrunkenen" von Carsten Jensen. Zwei Bücher sollten mehr als genug sein, für immerhin nur sieben Tage. Als ich schon auf dem Rückweg zu meinem Rucksack bin, greife ich noch schnell zu Jules Vernes "Der Grüne Blitz". Sicher ist sicher. 
"Hast Du Deine Pillen eingepackt? Deine Kopfhörer, die Kamera? Bücher hast Du Dir rausgesucht, ja? Dein Handy, die Buchungsbestätigung vom Schiff? Warst Du nochmal auf dem Klo? Hast Du die CD für die Fahrt eingesteckt?" Sie fragt, weil sie mich kennt.
"Ja, eigentlich müsste ich alles haben. Und wir sind ja auch nur 'ne Woche weg", antworte ich und versuche dabei nicht wie ein Versager zu klingen, was mir jedoch nur halb gelingt.
"Das Navi! Hast Du das Navi?"
"Ja, aber selbst wenn nicht, es geht doch immer nur geradeaus. Dänemark ist eine einzige beschissene Autobahn mit Feldern am Rand."

Dienstag, 8. Juli 2014

Die Antwort weht im Wind

Dunkle Wolken ziehen auf, my Darling. Sieht so aus, als würde eine regnerische Nacht bevorstehen. Perfekt fürs Public Viewing. Das Ostufer und das Marine-Ehrenmal von Laboe werden weich gezeichnet vom Nebel. Meine erste WM ohne Panini-Sticker - und es fühlt sich nicht einmal schlimm an. Wesentlich wohlhabender bin ich dadurch trotzdem nicht. Im Gegenteil. Heute spielt Bob Dylan in Flensburg. Ja, ich weiß, das fängt an wie ein mieser Witz. Ich meine, in Flensburg? Warum nicht gleich in Itzehoe oder Bad Segeberg? Jedenfalls würde ich ganz gern hin. Es ließe sich bestimmt sogar bewerkstelligen, das Spiel anschließend in irgendeiner Kneipe in der Nähe zu sehen. Das klingt überhaupt nicht, als hätte ich das gedacht. Aber wie so vieles, löst sich auch diese Angelegenheit von selbst, denn die Karten kosten meinen Kontostand. Pah, und Dylan klingt doch sowieso nicht mehr wie zu der Zeit, aus der seine guten Songs stammen, der alte Penis. Die neuen Sachen klingen, als würde Tom Waits Dylan-Songs nachahmen. Und so werde ich gleich ein heißes Bad nehmen (wie es harte Typen nun einmal so machen) und das Halbfinale bei einem Kumpel sehen, und dabei vermutlich eine Schachtel Kippen wegrauchen vor Aufregung.

Ich habe wieder beschissen geträumt: eine Art Episodengeschichte, die in verschiedenen Jahrzehnten der DDR spielte. Da ich gerade einmal vier Jahre alt war, als die Mauer fiel, beziehe ich mein ganzes Wissen über die DDR aus Erzählungen, Büchern, Filmen und Dokus. Aber auch das erklärt nicht wirklich, warum in meinem Traum Widerständler von mit Schwertern werfenden Stasi-Ninjas niedergemetzelt wurden. Ich war lediglich Beobachter, unfähig, das Unvermeidliche zu verhindern; jemanden zu warnen oder zu retten. Nehmen wir mal an, dass das Unterbewusstsein lediglich versucht, Gefühle zu vermitteln. Zieht man dann den ganzen Schwachsinn ab, bleibt das Gefühl der Machtlosigkeit. Eine weise Freundin von mir hat mal gesagt, dass Gefühle das ausdrücken können, was der Verstand nicht formulieren kann. Wenn es die richtige Person sagt, ist es keine Binsenweisheit. Wenn man denjenigen mag, ist es nicht pathetisch. 

Langsam erhebt sich ein wenig Wind und weht über die Balkonbrüstung in mein Gesicht, was den Rauch der Zigarette in mein Schlafzimmer ziehen lässt. Später werde ich das bereuen. Am Horizont donnert es.

Ich habe mich den ganzen Tag mit Musik abgelenkt, zumindest so lange, bis ich in die Uni und bei ungefähr tausend Grad einer Vorlesung über das Frühmittelalter zuhören musste. Zum Glück ist das Semester vorbei.

Ich gehe jetzt ein Schaumbad nehmen! Kettensägen, Tittenhefte, Panzer.

A. 

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Montag, 7. Juli 2014

Patrik Berger hat mich zum Weinen gebracht, damals 1996

Langsam wird es dunkel über Kiel. So friedlich und ruhig meine Tage sind, so düster und aufwühlend sind meine Nächte. Jeder Traum ist Gewalt und Sex und Chaos. Ich wache auf, und alles fühlt sich taub an, mein Shirt ist durchgeschwitzt und mein Körper schmerzt, als hätte ich die ganze Nacht unter Hochspannung gestanden. Vermutlich habe ich das auch. Manche Fragmente bleiben erhalten: überlichtete Strände mit weißem Sand, Leuchttürme, die im Wind verschwimmen und Vergangenheit und Gegenwart geraten durcheinander wie ein Puzzle im Sturm. Als wollte mein Unterbewusstsein mich daran erinnern, dass nie wirklich alles in Ordnung ist, als sollte ich mich besser nicht zu unbesorgt fühlen. Etwas Dunkelheit bleibt immer zurück, ganz tief, vergraben unter all dem Schutt aus Sicherheit, Mut und Lächeln.

Nächste Woche beginnen die Ferien und es endet wieder ein Semester - ich müsste nachrechnen, um sagen zu können, das wievielte es ist. Drei Monate frei. Langsam sollte ich beginnen, für die Klausur nächste Woche zu lernen, aber irgendwie interessiert mich das noch nicht genug - bzw. macht mir zu wenig Angst. Irgendwie wird der Scheiß schon laufen, der Scheiß läuft immer irgendwie. Das sollte ich mir tätowieren lassen.

Ich kann den Fernseher nicht einschalten, weil ich diese unfassbar behinderten Vollidioten, die auf den Fanmeilen und in den Fußgängerzonen interviewt werden, nicht ertrage. Mit den Fanmeilen ist es wie mit Festivals: Ich würde mir lieber einen Finger abbeißen, als mir die Spiele mit all diesen Spastis anzusehen; ihre Gespräche und ihre Scheiße zu hören und ihre dämlichen Gesichter dabei zu sehen. Ich würde außerdem gern verbieten, dass Leute "Schina" oder "Kina" zu China sagen. Und ich mag nicht, wie Claus Kleber "Crystal Meth" sagt (bei ihm klingt es nämlich wie Christel Meff, eine Pommesbudenbesitzerin aus Bitterfeld. Fanmeilen. Das ganze Jahr über haben sie vermutlich kein einziges beschissenes Spiel gesehen, doch nun haben sie Schminke in der Fresse, ein Deutschland-Werbeshirt von Axe oder OBI an und geben Weisheiten von sich wie "Die Jungs packen das, da bin ich ganz sicher. Der Manu macht es". Die Stimmung ist so toll und endlich, ja endlich, kann man mal stolz auf sein Land sein. Und wie zuckersüß integrativ der ganze Käse auch ist, jetzt, wo die Türkei nicht qualifiziert ist. Ach, drauf geschissen. Noch nie hatte ich, während eines Turniers, so ein mieses Gefühl, und doch scheinen die Chancen auf den ersten Titel seit '96 so groß wie lange nicht mehr. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich weinend vor dem Fernseher saß, als Tschechien damals einen Elfmeter zugesprochen bekam und Patrik Berger anschließend die Führung gegen uns, gegen uns, gegen uns, Deutschland, perfekt machte. Scheußlich, auch, wenn es später, durch ein Goldenes Tor (eine abgeschaffte Regel! Ich bin alt.) ein vermeintliches Happy End gab. Ich war ein kleiner Junge. Wird 2014 nun also tatsächlich ein Jahr, von dem ich noch meinen Enkeln erzählen werde, so wie mein Großvater mir von '54 und '74 erzählte? Die Straßen seien damals wie leer gefegt gewesen, weil alle vor ihren Radios hingen. Fernseher hatte ja keiner. Mein Großvater war gerade dreizehn Jahre alt und verbrachte den Sommer bei seinem Onkel und seiner Tante auf dem Dorf, irgendwo im großen Nichts Mecklenburgs, zwischen Seen und Wäldern. "Ein Klo im Haus, das hatten die nicht, nee. Da musstest Du nachts übern Hof und das war nicht ohne, Du - da haste es ganz schön mit der Angst zu tun bekommen." Ich war nie in dem Dorf, von dem er immer erzählt hat, aber ich habe es mir vorgestellt, so als sei ich selbst in den Ferien dort gewesen: die Felder, der Geruch von geräuchertem Schinken, der in der Diele hängt, die alte lila-geblümte Schürze der Tante, Schaukelstühle und Pfeifenqualm, knarrende Dielen, Baden im See und der sachte Wind, der durch einen stillen, dunklen Wald weht, Husten nach heimlichem Rauchen, der Geschmack erster, schüchterner Küsse und der unstillbare Hunger im Herzen, wenn man die ersten Male verliebt ist - und all das im Schatten einer jugendlichen Freiheit, wie sie nur die Weite des Landes und die Abwesenheit steinerner Fassaden bieten können.

Okay, ich höre auf abzulenken und stelle mich (im Liegen) der Nacht.

A.  

 

Sonntag, 6. Juli 2014

Fingerspitzengefühle

Es ist schwül draußen, drückend warm und trotzdem feucht. Es wird gewittern - haben sie zumindest in den Nachrichten gesagt. Durch das offene Badezimmerfenster höre ich meinen Mitbewohner "Hurt" unter der Dusche singen. Irgendwo im Hof weint ein Baby, ein paar Möwen kreischen in die Leere und der laberige Typ, der mit seiner Freundin eine Etage höher wohnt, liegt auf der Wiese und streicht mit einem Marker irgendwelche Sätze in seinen Unterlagen an. Seine Freundin hat einen unaussprechlichen Namen und trägt immer diese vollgeprinteten Leggings. Aber sie hatte einen guten Arsch, glaube ich. Deswegen ist das auch nicht so schlimm. Unangenehm ist, wenn fette Frauen sich in diese Hosen zwängen, so, dass der verfickte Print einer Karte von ganz Mittelerde auf eine Arschbacke passt.

Auf tausend Meter lässt sich erahnen, dass er kein Geisteswissenschaftler ist - der stinkt nach Wirtschaftswissenschaften oder irgendwelchem anderen Quatsch, ohne Fantasie, dafür aber mit Zahlen und beruflicher Perspektive. Ich hoffe man hört der Formulierung keine bitteren Minderwertigkeitskomplexe an. "My sweetest friend...", dröhnt es aus dem Bad, dumpf und unmelodiös. Merkwürdige Songauswahl fürs Duschen. Im Haus gegenüber steht eine junge Frau am Fenster und raucht. Hier oben vergisst man leicht, dass die Anderen einen ebenfalls sehen können. Alles ist friedlich, alles ist gut.

Die Hornhaut auf meinen Fingerkuppen kehrt zurück, das merke ich, als ich mit dem Daumen über sie gleite. In all den Monaten, in denen ich meine Gitarre nicht einmal mehr aus ihrem Koffer geholt hatte, hat sich die Hornhaut auf den Fingerspitzen, die vom jahrelangen Greifen der Saiten entstanden ist, und gegen jeglichen Schmerz geschützt hat, allmählich zurückgebildet und ist fast komplett verschwunden. Nach den ersten Tagen hat es sich wieder so angefühlt wie damals in der siebten Klasse, als ich angefangen habe zu spielen, aber nun scheint alles wieder wie zuvor. Scheiße, das ist fünfzehn Jahre her. Ich weiß noch, wie eingebildet und stolz ich war, als ich zum ersten Mal mit meiner Gitarren auf dem Rücken in die Schule marschiert bin. Ein paar Freunde haben mich genervt, dass es doch gut wäre, wieder Musik zu machen, zu spielen, zu singen, wieder Songs zu schreiben und vielleicht etwas aufzunehmen. Und jetzt verstehe ich nicht, wie ich all das so lang und schleichend vernachlässigen konnte. Jede Minute schießen irgendwelche potenziellen Albentitel und Songfragmente durch meinen Kopf, ich sehe mich nach neuen Gitarren um (ich bräuchte nur noch 2000€), und ich schreibe, ich schreibe wieder. Schreibe, schreibe, schreibe. Ich finde solche Wiederholungen furchtbar, wenn ich sie lese, aber ich kann nicht anders. Ich hätte Rockstar werden sollen. Also statt gar nichts. Es fühlt sich so gut an. Beim Musikmachen in meiner wilden Jugend ging es also nie nur darum, Mädchen zu vögeln. Da ist auch eine emotionale Komponente, irgendetwas, das mich zutiefst glücklich werden lässt. Das sollte ich nicht vergessen, sondern es festhalten. Notiz an mich selbst.

Letzte Woche konnte ich meine Urkunde und mein Zeugnis abholen. Feierlich rang sich die Sachbearbeiterin im Prüfungsamt ein "Herzlichen Glückwunsch" ab, bevor sie mir meine Papiere in die Hand drückte und mich mit einer Geste aufforderte zu gehen. Kein Talar, kein scheiß Mützen-in-den-Himmel-Gewerfe. Nichts außer einem gebrummten "Herzlichen Glückwunsch" einer unfreundlichen Schlampe mit asiatischen Schriftzeichen auf den schwabbeligen Oberarmen. In dem Schreiben steht, dass man mir den akademischen Grad eines Bachelors verliehen habe. Ich ignoriere, was ich in den letzten Wochen alles Schlechtes über das mangelnde Ansehen von Uni-Absolventen nach der Bologna-Reform gelesen habe - und freue mich tatsächlich. Ja, ich freue mich. Okay, ich habe ewig gebraucht, es hat mir nie wirklich gefallen und jetzt geht der ganze Scheiß im Master auch noch dazu wieder von vorn los, aber endlich mal etwas Neues für den Lebenslauf! Wenn ich nur wüsste, wo ich meinen dämlichen Lebenslauf gespeichert habe.

Ich möchte gerne Longboards verbieten. Und Revolverheld. Und Helene Fischer. Und Tanktops mit geometrischen Figuren. Und Cro! Und Fanmeilen.

Ich melde mich wieder öfter, liebes Tagebuch.

A.

Sonntag, 22. Juni 2014

Rasend schnell vergeht die Zeit

Rasend schnell vergeht die Zeit. Tage, Wochen, Monate fegen über mich hinweg, und nun ist tatsächlich schon wieder Sommer. Zweitausendundvierzehn. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich früher in der Schule, am Anfang einer jeden Stunde, das jeweilige Datum auf den oberen Rand der Seite meines Schnellhefters geschrieben habe - und mich dann minutenlang in dieser merkwürdigen Anordnung von Zahlen verlor, glatt so, als würde man ein geschriebenes Wort, also die Reihenfolge der Buchstaben, zu lang anstarren, bis es auf einmal völlig willkürlich und unbekannt wirkt. Ich sehe es noch vor mir: Mein Füllfederhalter kratzt die Zahlen 1-9-9-7 ins linierte oder karrierte Papier. Vier simple Zahlen und doch sagten sie so vieles aus. Ich bin elf Jahre alt. Vor vier Jahren bin ich in die Schule gekommen. Da war ich sechs, aber ich wurde sieben. Vor fast zweitausend Jahren kam irgendjemand irgendwo auf die Idee, dass es ganz praktisch wäre, von nun an zu zählen, wie die Zeit vergeht. Was war davor? Bald ist wieder Silvester, dann heißt das neue Jahr "1998". Ich werde dann 1-9-9-8 auf meine Hefterseite schreiben, und es wird sich völlig normal anfühlen. Irgendwann wird sogar eine fünfte Stelle, also eine neue Zahl, dazu kommen. Ich werde dann tot sein. Alle, die ich kenne, werden dann tot sein. Auch meine Mutter! Ich will nicht, dass meine Mutter stirbt. Ich will nicht, dass ich sterbe. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn alles schwarz ist und man nichts mehr spürt - so sehr ich mich auch anstrenge. Und doch waren es immer nur nichts als Zahlen. Vorher haben die Menschen auch gelebt, haben gegessen, gevögelt, geschlafen und sind gestorben. Sicher, es fiel ihnen vermutlich schwerer, sich dazu zu verabreden - aber, ob sie deshalb unglücklicher waren?

A.

Mittwoch, 7. Mai 2014

Währenddessen auf der Erde

Einhundertfünfzig Euro für einen Globus? In solchen Situationen sagte meine Mutter immer: "Na das macht es doch einfach". Einhundertfünfzig, das ist die Hälfte der Summe, die im Monat auf mein Konto fließt, verdammt. Und eigentlich habe ich sowieso keinen Platz mehr auf meinem Schreibtisch. Und wer hat denn überhaupt einen Globus? Geographielehrer und Diktatoren. Die kitschige Fantasie von einem verrauchten Arbeitszimmer/Herrensalon mit Bibliothek, Chesterfield-Möbeln und Cognac muss auch allmählich beerdigt werden. Es ist kalt geworden. Kaum zu glauben, dass es die ganze Woche so heiß war. Noch während ich mich geschlagen wieder zurück in die riesige Menge der Menschen einreihe, die sich wie eine gewaltige Walze aus Lava ihren Weg durch die Innenstadt Kiels bahnt, beschließe ich, nie wieder auf diesen dämlichen Flohmarkt zu gehen. Ich war nie ein Fan von Menschenmengen, aber das ist es nicht. Diesmal nicht. Mich widert vielmehr diese kalte Souveränität an, mit der hier so viele rempelnd ihre Kinderwagen, Riesenköter und Fettbäuche durch die Straßenzüge schieben, als wäre es noch nicht unangenehm genug, ständig den Atem oder die Berührungen eines Fremden hinter sich zu spüren.
Ich puste den Zigarettenrauch meine Stirn entlang in den Himmel wie ein Spaceshuttle, nur, um nicht unhöflich zu sein. Alles ist voller Idioten, Assis und Idealisten, zu viele Gerüche und beschissene Gesprächsfetzen mischen sich, und irgendwie gibt es auch einfach nichts von Reiz an den Ständen. Studentinnen mit alten Plakaten und irgendwelchem Dekoscheiß kreuzen meinen Weg. Man kann in ihren Augen bereits die Worte "WG-Party" und "Auslandssemester" lesen. Fleischgewordene Holi-Partys und vegane Blogs. Fleischgewordene vegane Blogs. Ich komme nie wieder her. Dafür habe ich mein Bett verlassen? Meinem Gesicht muss man das ansehen können.
"Warum bist du überhaupt mitgekommen. Hast du nicht schon beim letzten Mal rumgeheult, dass alles hier scheiße ist?", sagt sie in meine Richtung, während ich am Würstchengrill anstehe und hoffe, dass sie hier einfach ganz normalen Ketchup haben und nicht wieder diese Curry-Gewürz-Scheiße.
"Hab' ich beim letzten Mal schon gesagt, dass ich nicht wieder mit will?", antworte ich. Das klingt wie eine rhetorische Frage, aber es ist mein Ernst. Ich kann mich nicht erinnern. Zum Glück verlieren die Anderen jedoch auch allmählich die Lust, weswegen ich gar nicht erst rumnerven muss.

Im Moment geht alles, was ich berühre kaputt, verwelkt oder wird krank. Das ist nur zur Hälfte eine Metapher. Sicher, irgendwann wird eine Pechsträhne zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, aber sonst waren mir Zufall und Glück mehr gewogen. Ich bin doch ein Sonntagskind! Alles hatte sich bisher immer irgendwie gefügt, ohne wirkliches Zutun. Jede Serie reißt, oder? Kaputte Handys und Kühlschränke, Dinge, die ich fallen lasse, mangelnde Achtsamkeit und beschissene Nachrichten prasseln nur so auf mich ein, ohne einen wirklichen Moment der Pause - als hätte ich irgendeine alte Zigeunerlady bestohlen, Tiere gequält oder sonst irgendwie dem Karma vor die Füße geschissen. Gott sei Dank gibt es so etwas gar nicht. Also das Karma, Schicksal und den ganzen Kram. Ich hätte im Bett bleiben sollen, schon vor Wochen. Ich sollte wieder mehr schreiben. So hinterlassen die Tage wenigstens irgendetwas - und rasen nicht einfach nur vorbei, während wir älter und hässlicher werden.

A.         

Samstag, 26. April 2014

Die Guten, die Schlechten und die Hässlichen



"Drink up baby, look at the stars
I'll kiss you again between the bars
Where I'm seeing you there with your hands in the air
Waiting to finally be caught
Drink up one more time and I'll make you mine
Keep you apart, deep in my heart
Seperate from the rest where I like you the best
And keep the things you forgot"
                                - Elliot Smith: Between the Bars

Ich habe unzählige Posts begonnen und keinen davon zu Ende gebracht. Vielleicht wird auch dieser wieder nur ein Anfang, in dessen Verlauf ich bereits nach einigen Zeilen die Lust verliere, von mir selbst und meinem Gesülze genervt bin, müde werde oder einfach nur aufs Klo muss oder so. Prioritäten sind nicht meine Sache. Die Zeit überrollt mich. Auch der April ist schon fast wieder vorbei. Gerade erst war noch Silvester, Weihnachten, Abiball, erster Sex, Sonne und Sommerwind, Kindergeburtstage im Kino oder auf der Bowlingbahn mit anschließendem Essen von McDonald's oder vom Pizza-Service - und jetzt ist schon fast wieder das beschissene 2014 am Ende. Naja, fast. Ich denke, Du weißt trotzdem, was ich meine. Scheiße, es gibt nicht einmal mehr wirklich MP3-Player! Die wenigen, die es noch gibt, sind teuer und unpraktisch. Diese Entwicklung, also, dass die wilden WhatsApp-Kids nur noch ihre Smartphones zum Musikhören benutzen, ist völlig an mir vorbeigegangen. Diese Player waren doch praktisch, verdammt!

Ich glaube, dass jeder Mensch Themen hat. Also, so wie Künstler eben bestimmte Motive haben, die sie einfach nicht abschütteln können, so sehr und so hartnäckig sie sich auch bemühen, hat jeder von uns seine speziellen Themen, die sich durch sein ganzes Denken, durch jede Handlung und jeden Schritt ziehen, weil Künstler eben auch nur Menschen sind, die vögeln wollen und kacken müssen. Ich wollte gar nicht so oft "Künstler" schreiben. Das klingt so prätentiös. Genau wie "prätentiös" übrigens. Wenn ich jedoch damit richtigliege, was ich jetzt einfach mal so annehmen würde, was sind dann meine Themen? Rhetorische Frage. Meine Themen sind dann Vergänglichkeit, Liebe und Tod - was irgendwie alles dasselbe ist. Weißt Du, ich bin mir nicht sicher, ob das eine so gute Wahl war. Und ich bin mir nicht sicher, ob man da überhaupt eine Wahl hat oder hatte. Worauf ich damit eigentlich hinaus will: Ich habe Angst. Angst davor, bereits in der Gegenwart die verfluchten Wolken der Vergangenheit zu sehen. Zukunft bedeutet, dass die Zeit abläuft. Und das ist scheiße. Was, wenn ich dadurch irgendwann die Konzentration auf alles verliere und bereits Momente betrauere, die noch andauern - und sie dadurch beschädige? Sind denn Momente nicht viel kostbarer als alles andere? Kein Geld, keine Zeugnisse, keine Auslandspraktika oder Bausparverträge sind etwas wert, wenn man zum letzten Mal die Augen aufschlägt und einatmet. Und der Tag wird kommen, denn wir alle befinden uns im Angesicht des sicheren Todes, wir alle werden sterben, die Guten, die Schlechten und die Hässlichen. Wir sterben und gleiten hinüber ins Nichts.

Ich bin ein Labersack. Ich hätte Lust, mich anständig zu betrinken und irgendeinen Unbeteiligten vollzuquatschen. Die Zukunft wirkt auf mich manchmal so verfickt unrealistisch und befremdlich, dass da nur so ein idealistisches Gequatsche herauskommen kann. Ich sehe mich noch nicht als strahlender Familienvater mit anständigem Broterwerb und einem Kombi unterm Carport. Noch immer beginnen viel zu viele Sätze mit "Ich". Und das macht mir Angst. Und man soll doch nicht so viele Sätze mit Konjunktionen beginnen.

Ich geh' lieber schlafen.

A.     

Dienstag, 25. März 2014

Die Schwalbe fliegt über den Eriesee

Ich bleibe dabei: Ich finde es makaber und auch irgendwie verletzend, im Wartezimmer einer psychatrisch-psychotherapeutischen Praxis Werbung für Filmvorführungsabende unter dem Titel "irre gute Filme" auszuhängen. So sehr ich mich auch anstrenge, ich kann auf die Entfernung einfach nicht lesen, was dort gezeigt wird. Aufstehen und Nachsehen kommen nicht infrage, denn jede Bewegung, jeder Riss im Stillleben Wartezimmer ist peinlich und schreit nach Aufmerksamkeit. Vielleicht sind es ja themenbezogene Filme. Fight Club? Stay? Memento? Das geheime Fenster? Silver Linings? Ich kann es nicht lesen. Silver Linings war eigentlich ziemlich okay, obwohl ich ihn vielleicht nicht unbedingt mit meinen Eltern hätte gucken müssen, da sie permanent versuchten, Parallelen zwischen mir und Bradley Coopers Charakter zu ziehen. Gott, ich tippe wie versessen diese Zeilen, weil die Frau auf dem Stuhl neben mir andauernd mit der Luft redet - und ihrem unsichtbaren Gesprächspartner Bilder aus der bescheuerten Gartenzeitschrift auf ihrem Schoß zeigt. Ich gewöhne mich nicht daran. Überall sind nur noch Wohn- und Gartenzeitschriften. Interessiert sich denn die Zielgruppe nicht mehr für Sex? Statt Lust nur noch Landlust. Ich habe nur einen Kontrolltermin. Würde eigentlich nur zehn Minuten dauern. Nur kurz: Ja, muss ja, ne? Nee, keine Nebenwirkungen. Dosis beibehalten? Ja, wegen Stress und so, wäre einfach ein mieser Zeitpunkt, aber das wär's ja immer, ne? Falsches Lachen. Und nach einem weichen Händedruck wäre ich wieder in Freiheit. Alles halb so schlimm. Wäre es. Müsste ich nur nicht Ewigkeiten in diesem verdammten Wartezimmer sitzen - und mich mit den anderen Verrückten assoziieren. Es sind erst zwölf Minuten vergangen - und ich habe schon all diese Zeilen geschrieben? Wo soll das hinführen? Säße ich zwei Stunden hier, ich würde vermutlich einen ganzen beschissenen Echtzeit-Roman schreiben. Es gibt keine Sachbücher, wenn man über sich selbst schreibt. Wäre ich ein Superheld, ich würde sagen, meine Superkraft sei der Konjunktiv. Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Bullshit.

Montag, 17. März 2014

Das Tagwerk des Imperialisten

"Vergessen Sie das mit den 30'ern! Sie werden einfach nicht an die nötigen Quellen aus dem Auswärtigen Amt herankommen. Das müssen Sie endlich begreifen. So wie ich jedoch Ihren Interessenschwerpunkt sehe, sind Sie von nun an einfach der Mann fürs Kaiserreich und die Rechtsaußen des Imperialismus. Da sollte das Hauptaugenmerk Ihrer Arbeit liegen", sagte er und sah mich prüfend an. Vermutlich wartete er auf ein Nicken oder so, irgendeine Bestätigung von mir.
Ich mag das Wort "Imperialismus". Ich mochte es schon immer. So wie "Rochade", "konspirativ" oder "Immanenz". Der Klang der Worte ist irgendwie schön; so elegant und scharfkantig. Ich bin der Imperialist. Ich bin der Imperator. Das hier ist mein Imperium. Ich sagte die Sätze in Gedanken, bis ich merkte, dass er mich prüfend ansah. Wohl, weil meine Augen meine Abwesenheit verrieten.
"Sie meinen also, ich solle mir nicht einmal die NS-Diktatur als Hintertürchen lassen, falls ich zu wenig Seiten haben sollte, weil irgendwie..."
"Nein, denn dann würden sie doch nur eine Zusammenfassung der Sekundärliteratur schreiben", unterbrach er mich genervt. Die Züge seines Gesichts sehen immer irgendwie aus, als müsste er seine Nase rümpfen, wodurch er ständig die obere Reihe seiner Zähne zeigt. Als wäre er einfach zu jeder Zeit ein kleines bisschen angeekelt von allem hier. "Was die Publizistik und die Ideengeschichte betrifft, stehen ihre Chancen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs deutlich besser. Und die Quelle, von der Sie mir erzählt haben, diese Sammlung, rücken Sie die ruhig in den Vordergrund ihrer Arbeit. Das ist nur legitim." Er strich sich mit den Fingern durch seinen Seitenscheitel.
Während er weiterredete, sah ich kurz auf meine Armbanduhr: Seit einer guten Dreiviertelstunde saß ich hier und rutschte auf dem Stuhl hin und her, während die Worte des Professors auf mich einprasselten. Eigentlich war ich nur wegen einer Unterschrift gekommen, doch nun stand scheinbar das ganze verfickte Thema meiner Abschlussarbeit zur Disposition - und das, obwohl ich schon angefangen hatte zu schreiben. Der eiskalte Wind drückte gegen die schmutzigen Fenster des überheizten Büros und ließ sie knacken und pfeifen. Es war alles so drückend grau draußen. Überall nur Dreck, schmutziger Schnee und blattlose Bäume, die sich, zu sterbenden Grimassen erstarrt, in den verhangenen Winterhimmel reckten. 
"Ja, na gut, dann machen wir das eben so. Vergessen wir das Dritte Reich", antwortete ich in einer Tonlage, die verriet, dass ich längst das Büro verlassen haben wollte.
Dann unterschrieb er, gab mir im Sitzen die Hand und wünschte mir anschließend viel Erfolg bei der Arbeit. Sollte es noch Fragen geben, könnte ich mich Ende des nächsten Monats hier wieder mit ihm treffen - oder aber versuchen, ihn einfach via E-Mail zu erreichen. "Schicken Sie gleich den Nächsten rein, ja?", sagte er, als ihm den Rücken zu drehte, meinen Schal und meine Jacke zurechtrückte und ging.

Erschöpft blickten mich die leeren Augen der wartenden Studenten an, die, dem Büro gegenüber, an der Wand standen und vermutlich seit Jahrhunderten die Türklinke in der Hoffnung angestarrt hatten, dass sie sich doch endlich würde bewegen mögen. Draußen zündete ich mir eine Zigarette an, noch ehe ich drei Atemzüge frischer Luft in meinen Lungen hatte. Es war kalt. Als ich mich so umsah, kam mir der Sommer wie eine weit entfernte Erinnerung vor. Ich konnte mir gar nicht mehr vorstellen, wie es war, im warmen Sonnenlicht zwischen den Fakultätsgebäuden umherzulaufen. Die Studenten mit Decken auf den Wiesen, das Geräusch von Fahrradklingeln und das Gelächter, das mit dem warmen Wind durch die Bäume und Mauern weht. Fremd wie ein alter Witz, dessen Pointe auf einmal nicht mehr lustig ist.

Seit diesem Tag sind einige Wochen oder Monate vergangen und der restliche Schnee des Winters schmolz eben so schnell dahin wie die Zeit, die mir noch bis zum tatsächlichen Abgabetermin bleibt. Doch nach Ewigkeiten des Aufschiebens und des Desinteresses, nach zahllosen angefangenen Romanen, verschlafenen Tagen und endlosen Partien Fifa 14 ist etwas mit mir passiert: Auf einmal macht es mir Spaß, mich im wissenschaftlichen Arbeiten zu vergraben. Noch nie war ich so engagiert wie jetzt gerade. Jeder Gedanke scheint sich um mögliche Quellen, Fußnoten und Hypothesen zukünftiger Kapitel zu drehen. Ich bin sogar extra in die Universitätsbibliothek nach Hamburg gefahren, um Mikrofilme alter Zeitungen zu studieren und anschließend zu digitalisieren, habe mir ein seltenes antisemitisches Buch für 86 € im Ausland bestellt, um nicht auf eine wichtige Quelle verzichten zu müssen, oder habe gestern bis spät in die Nacht einen französischen Aufsatz gelesen - und mein Französisch geht eigentlich nicht über ein paar Schweinereien und das Bestellen von Bier und Zigaretten hinaus. Warum konnte es nicht immer so sein? Bin ich jetzt in Akademikerland angekommen, erwachsen oder will ich einfach nur dem Leben nicht ins Gesicht sehen, wie Ruiz Zafón es geschrieben hat? Keine Zeit für solche Fragen. Doch ich wünschte, all dies hätte nicht erst drei Wochen vor der Abgabe eingesetzt.

A.

Dienstag, 11. März 2014

Das grüne Licht

Vor ein paar Tagen hat die Luft noch nach Sommer gerochen, alles war warm und lieblich und die Idioten draußen haben schon wieder damit begonnen, Skateboard zu fahren und in kurzen Hosen und Flip-Flops herumzurennen, ihre bunten Sonnenbrillen auf der Nase. Es war schön. Ich mag es, wenn die Sonne mich blendet und ich warme Luft einatme, wenn ich aus dem Hausflur hinaus ins Freie komme. Ein wenig übermotiviert habe ich diese kleinen Pflanzensamentütchen im Supermarkt gekauft. Dill, Petersilie, Basilikum, Schnittlauch und ein paar Blumen, deren Farben schön waren. Die Namen habe ich vergessen. Es hat ewig gedauert, bis ich alles in den Töpfen auf dem Balkon verstaut hatte. Naja, eigentlich habe ich die Blumenerde nicht einmal berührt. Vielmehr habe ich danebengestanden und geraucht, während sie alles eingesät hat. 

Jetzt ist die Luft wieder kalt und kein Wind weht mehr. Die Lichter von Laboe, dem Ort auf dem Ufer gegenüber, zeichnen sich deutlich auf dem Wasser ab. Es war den ganzen Tag kalt, auch wenn die Sonne genauso hell geschienen hat wie gestern und an dem Tag davor. Das ist keine Metapher, auch wenn es so klingt. Ich blase Zigarettenrauch vom Balkon in die Dunkelheit. Wenn es kühl ist, und man im Dunkeln Rauch ausatmet, sieht es immer aus, als könnte man fast Feuer speien, so viel kommt da. Drüben, auf der anderen Seite des Wassers scheint ein neues Leuchtfeuer errichtet worden zu sein: ein grünes Licht. Wie im Gatsby. Ich bilde mir das doch nicht ein! Immer wieder legt sich das grüne Licht auf das dunkle, ruhige Wasser in meine Richtung, verschwindet blitzartig und kommt wieder.

Ja, ich weiß, ich habe mich eine ganze Weile nicht gemeldet, liebes Tagebuch. Weißt Du, ich hatte mir doch vorgenommen, niemals mit der leeren Seite zu kämpfen. Außerdem ging ich mir irgendwie selbst auf den Geist. Da habe ich es dann einfach vorgezogen, ein wenig die Fresse zu halten, also im übertragenen Sinne. Das war vielleicht ein wenig selbstsüchtig und nicht ganz fair Dir gegenüber, aber so liegen die Dinge eben. Nicht nur hier. Es mag Dir jetzt wie Hohn vorkommen, aber Du hast mir gefehlt und ich musste wirklich oft an Dich denken. Aber jetzt bin ich zurück.

A.    

Donnerstag, 23. Januar 2014

Sicherheiten brechen wie Lattenroste

Ah, fick dich, Ikea, du verschissener Haufen schwedische Sperrholzscheiße! Ich kaufe niemals wieder ein verdammtes Bett im Möbelhaus-McDonald's! Niemals wieder. Billige Klobürsten, Dekoartikel, Küchenscheiß, na gut, meinetwegen, aber niemals wieder ein Bett. Niemals wieder. Und meine blöde Memoryschaum-Martratze kann ich auch nicht leiden - konnt' ich noch nie, konnt' ich noch nie, konnt' ich noch nie. Wer will schon überall eine Kuhle hinterlassen oder in ein beschissenes Loch zurücksacken, nachdem man nachts pissen war? Niemand, niemand. 
Ich hasse Überraschungen und ich es hasse es, mich zu erschrecken! Und eben zum zweiten Mal  - innerhalb von einem Monat - völlig aus dem Nichts mutterseelenallein und bewegungslos mit meinem Scheißbett zusammenzubrechen, fand' ich sowohl überraschend als auch erschreckend. Ich wiege keine achtzig Kilo, und der feine Turnus meiner Atmung wird wohl kaum so viel Bewegungsenergie freigesetzt haben, dass so ein dramatisches Zusammenbrechen in irgendeiner Weise gerechtfertigt wäre. Ich habe fast einen Herzimpfakt bekommen, verfickt noch mal!
Ich hatte dem Bett ja verziehen, dass die Scharniere nervige Quietschgeräusche gemacht hatten, wenn man sich umdrehte oder vögelte. Das ließ sich mit Schaumstoff und Gaffatape aus der Welt schaffen. Ich hatte dem Bett verziehen, dass die untere Leiste des Lattenrosts einfach so ohne Grund gebrochen war. Das ließ sich mit einigen Holzlatten vom Dachboden meiner Eltern und ein paar Schrauben aus der Welt schaffen. Ich hatte dem Bett verziehen, dass ich mir gefühlte vierhundert Mal die Schienbeine an seinen scharfen Ecken gestoßen hatte. Aber langsam reicht es!
Als ich eben die Matratze hochhob und die Holzsplitter auf dem Boden sah, hätte ich am liebsten das ganze beschissene Ding kurz und klein geschlagen, und die Überreste anschließend über die Balkonbrüstung geworfen. Ich wartete einen Augenblick und stellte mir vor, wie all das Holz zersplittern und Zack de la Rocha dazu immer wieder All hell can't stop us now schreien würde. Explosionen und so. Dann atmete ich durch - und es ging wieder.

A.

Dienstag, 21. Januar 2014

Die letzten Tage Kaliforniens

Von Zeit zu Zeit, wenn ich mal auf ein besonders gutes oder aber auf ein besonders mieses Buch gestoßen bin, kann ich nicht anders, als allen, die mir nahestehen, damit auf den Sack zu gehen; ständig darüber zu reden, es in den Himmel zu loben oder eben alle, die es mögen, als Vollidioten zu verdammen. Es ist eine nervige Angewohnheit.
Kürzlich bin ich wieder auf eines dieser Bücher gestoßen. Es lässt mich einfach nicht los. Und auch wenn ich es schon für die Buchpiraten rezensiert habe, möchte ich es Euch noch einmal hier ans Herz legen. Weil es sich wirklich lohnt.


Genre: Gegenwartsliteratur, Coming-of-Age
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Metrolit
Erscheinungsdatum: September 2013
ISBN: 978-3-8493-0311-2

Schreibt man in den USA einen Roman über das Erwachsenwerden und die damit verbundenen Schwierigkeiten, so scheint es unumgänglich zu sein, nicht mit dem vermeintlichen Heiligen Gral der Coming-of-Age-Literatur, Salingers "Der Fänger im Roggen", verglichen zu werden - was in den meisten Fällen nicht nur unfair, sondern auch schwachsinnig ist. Doch diesem scheinbaren Naturgesetz entsprechend schreien es die Spatzen der Literaturszene bereits von den Dächern der Verlagshäuser und Medienanstalten: Mary Miller sei es nicht nur gelungen, einen weiblichen Holden Caulfield auferstehen, sondern ihn auch erneut die Wirren des Heranwachsens erleben zu lassen - in einem neuen, einem aktuellen Amerika, zwischen Wirtschaftskrise, gekränktem Stolz und religiösem Fundamentalismus. Millers Debütroman, "Süßer König Jesus", der im Amerikanischen übrigens den fantastischen Titel "The Last Days of California" tragen wird, ist jedoch wesentlich mehr als eine bloße Reminiszenz an einen altehrwürdigen Klassiker des zwanzigsten Jahrhunderts.

Sonntag, 19. Januar 2014

Auf dem Grund des Sees

Mecklenburg, April 2007

Es stellte sich gar nicht mehr die Frage, ob es wirklich eine gute Idee war, denn nun waren wir unterwegs. Die Kneipe hätte jetzt sicherlich sowieso irgendwann geschlossen, was machte es also? Es war dunkel, spät und Jacob war viel zu betrunken, um zu fahren. Wir mussten uns also die Zeit vertreiben, bis der Alkohol nachgelassen hatte - und wir nach Hause konnten. 

Auch wenn "Früher" noch gar nicht so lange her war, hatten wir den ganzen verfickten Abend davon gesprochen, dass es sich ja gerade wieder so anfühlte. Allmählich begann die Phase der Nacht, in der es egal wurde, wie spät es eigentlich war und, ob man sich nun dichter am Abend oder am Morgen befand. Gackernd und unbeholfen waren wir aus der Bar auf das schiefe Kopfsteinpflaster der Straße hinausgestolpert. Kurz zuvor hatte Jacob mich am Tresen als den nächsten großen Rockstar angepriesen. Relativ unbescheiden hatte ich ihm lauthals beigepflichtet - und mich dabei festgehalten. Die Kellnerinnen machten sich über uns lustig, aber das machte uns nichts. Sie hatten sich auch nur so halb lustig gemacht, eigentlich mochten sie uns.
Das Erste, was ich getan hatte, als wir nach draußen kamen, war, mit dem Finger meine Handynummer an die beschlagene Heckscheibe eines Autos, direkt vor der Kneipe, zu schreiben. Das Ganze hatte ich mit einem Herz umrandet und mit einem geschwungenen Alex signiert. Ich habe keine Ahnung, warum ich das tat.
"Ich kann unmöglich fahren jetzt", hatte Jacob gesagt und mich dabei angegrinst.
"Ich auch nicht", antwortete ich.
Wir lachten beide los, als hätte jemand den Stöpsel gezogen oder so. Es war ein ehrliches und gutes Lachen, kein provoziertes oder herausgedrücktes. Ein paar nächtliche Passanten hatten sich nach uns umgedreht, was es nur schlimmer machte. Alles war so schön grundlos. 
"Und nun?", hatte ich gefragt, als wir uns wieder eingekriegt hatten.
"Müssen wir eben erst mal ein wenig spazierengehen, my Lord."

Mittwoch, 15. Januar 2014

Mixtape Revolution

Okay, ich habe es mir überlegt: Keine monatlichen Mixtapes mehr! Das nervt mich. Am liebsten würde ich nämlich jeden Tag zwei neue machen. Vielleicht hätte ich das ja bei meiner Jobwahl irgendwie miteinbeziehen sollen. Mal mehr auf die eigenen Gelüste hören und so. Naja, wenn es danach ginge, hätte ich mich um einen Ausbildungsplatz als Bundesliga-Rockstar-Indie-DJ-Gegenwartsliteratur-Sex-Schriftsteller (im Fachbereich Zigaretten) in der Zweigstelle Norwegen bewerben müssen. Ich habe zwar kein peinliches Xing-Profil, aber wenn jemand von Euch diesen (oder einen sehr ähnlichen) Job zu vergeben hat, schmeiße ich jederzeit bereitwillig mein zauberhaftes Studium. Nur für den Fall. Astronaut oder Rennfaher wollte ich nie werden. Nur kurz einmal Walschützer, nachdem ich Free Willy gesehen hatte. Inzwischen sind mir Wale ziemlich egal. Eigentlich sind mit die meisten Säugetiere egal. Wusstet ihr, dass Igel Eier legen? WTF? 

Wie auch immer, keine Mixtapes mehr. Also keine monatlichen! Dafür gibt es jetzt eine riesige Playlist, die sich immer verändern wird. Ha! Ansonsten bleibt alles gleich. Also nicht.

Ich liebe Euch von Herzen,

A.

Freitag, 10. Januar 2014

Heavy Stone

Ich bin gerade wieder sehr verliebt in Kyla La Grange.

Schönes Wochenende,

A.


Kyla La Grange - 'Heavy Stone' for Wonderland Magazine. from Greg Barnes on Vimeo.

Dienstag, 7. Januar 2014

Hide & Seek


Imogen Heap: Hide and Seek from PopTech on Vimeo.

Ein Klassiker.

Schlaft gut,

A.

Montag, 6. Januar 2014

Wir treffen uns am Friedhof der Weihnachtsbäume

Kiel, Januar 2014

Bevor ich hierher zurückgefahren bin, sagte mein Vater, also mein Stiefvater, etwas Merkwürdiges. Ich hatte ihn gefragt, ob er noch Hilfe dabei bräuchte, den restlichen Weihnachtskram auf den Dachboden zu schaffen, bevor ich weg sein würde. Er habe bereits alles oben, das hätte er problemlos auch allein geschafft, antwortete er mir. Schließlich könne er das alles selbst - auch eine Familie versorgen. 
"Oh, vielen Dank, dass du mir noch etwas Komplexförderndes mit auf den Weg gibst", antwortete ich sarkastisch, viel schneller, als ich überhaupt denken konnte.
"So war das nicht gemeint", sagte er sofort. "Außerdem kannst du andere Dinge. Du versorgst uns eben intellektuell; du suchst uns allen tolle Bücher raus und machst Musik, du denkst für uns alle mit. Das ist auch viel wert."
Ich glaube, auf seine Art, war es das Netteste, was er überhaupt jemals zu mir gesagt hatte - auch wenn es maßlos übertrieben war. Das klang nach Anerkennung. Ich sah ihn an, um zu überprüfen, ob das Gesagte ironisch gemeint war, aber eigentlich meinte er fast immer alles so, wie er es sagte, was auch nicht immer gut war. Ich wollte ihn umarmen, ihm sagen, dass ich mir Mühe geben werde, nicht immer so ein zynischer Nervsack zu sein, und allen in der Familie solche Sorgen zu bereiten. Dass ich mich bessern würde in allem. Aber alles, was ich tat, war ihn anzusehen.
"Davon wird man aber nicht satt", sagte ich schließlich und zog effektvoll den Reißverschluss meiner Reisetasche zu.

Sonntag, 5. Januar 2014

Bésame mucho

Mecklenburg, Dezember 2013

"Was für eine hässliche Tapete", denke ich und sage es anschließend mit geschlossenem Mund, als ich durch den schmalen Flur vor den Umkleidekabinen in der Unterwäscheabteilung gehe. An der Wand, direkt gegenüber von den einzelnen Kabinen, hängen ein paar Schwarz-Weiß-Fotografien, lieblos und ungeordnet. Die Luft riecht nach Schweiß und Klimaanlagen. Draußen könnte einfach jede Jahreszeit sein, hier drin würde man es kaum bemerken. Die Fotos sehen nach Frankreich aus. Im Zentrum entdecke ich ein bekanntes Bild; einen der berühmtesten Küsse der Geschichte. Die Romantik des Zwanzigsten Jahrhunderts. Wo, wenn nicht in Paris? Mitten auf dem Bürgersteig der Rue de Rivoli, im Schatten des Hôtel de Ville, küsst ein verwegener James-Dean-Typ spontan seine junge Liebe und schafft damit einen Moment des wunderbaren Stillstands, einen Akt romantischer Zeitlosigkeit, während um das junge Paar herum das Leben der geschäftigen Stadt hektisch weiter Richtung Vergänglichkeit eilt. Ein Schnappschuss vom Moment einer jungen und unverfälschten Liebe, aufgenommen, ganz beiläufig, aus einem Straßencafé heraus. Und er ist eine Lüge! Natürlich. Robert Doisneau, der glückliche Fotograf dieser scheinbar zufälligen Begebenheit, inszenierte den berühmten Kuss aus dem Jahre 1950. Aber er ist gut inszeniert, das muss man gestehen.
Es gibt übrigens einen Typ, der inspiriert von dieser Tatsache, Tag und Nacht Google Street View nach tatsächlich zufällig aufgenommenen Küssen durchforstet hat, für einen Bildband, glaube ich.
Der Vorhang öffnet sich ein Stückchen und meine Begleitung ruft meinen Namen. Ich verstaue mein Handy, mit dem ich eben noch einen Schnappschuss vom Schnappschuss gemacht habe, wieder in meiner Tasche, wende mich von Doisneaus Kuss ab und gehe zurück zu der Kabine, vor der ich eigentlich warten sollte.
"Und, was meinst du?", fragt sie und hebt dabei den Sichtschutz so zur Seite, dass ich hineinsehen kann.
Der trägerlose, cremefarbene BH schmiegt sich an ihren zierlichen Körper und drückt ihre Brüste fest zusammen und ein wenig nach oben, als würden sie starr von zwei Händen gehalten.
"Sieht gut aus! Ein bisschen wie Wonder Woman in Spitze und blond und porno." Ich zucke mit den Schultern und sehe weiter auf ihre Titten, die sich mit ihrem Atem auf und ab heben.
Sie lacht. "Ist auch ein Wonderbra. Kannst du eine Verkäuferin holen? Bei dem Preis muss ich sichergehen, dass der absolut passt."
Ich spreche eine dickliche Frau mit Dauerwelle an. Ich kann den Namen auf dem kleinen Schildchen an ihrer Bluse nicht lesen, da sie sich beim Zusammenlegen der Wäsche zu sehr bewegt. Sie folgt mir diskret zu den Kabinen. Am Ziel, verschwindet sie ebenfalls hinter dem Vorhang. Ich schiebe meinen Kopf hinein.
"Und?", frage ich.
Sie ignorieren mich und die Verkäuferin nuschelt irgendetwas und betastet dabei die Brüste meiner Begleitung. Das wäre wesentlich heißer, wäre die Verkäuferin wesentlich heißer, denke ich. Irgendwie sind mir Unterwäscheabteilungen unangenehm. Ich habe immer ein schlechtes Gewissen und leichte Schuldgefühle gegenüber den Frauen und Mädchen, die gerade dort einkaufen. Wenn ich sehe, was sie sich aussuchen, denke ich immer, ich würde irgendwie in ihre Privatsphäre eindringen wie ein Perverser. Das kann ihnen doch nicht gefallen.

Mittwoch, 1. Januar 2014

Mixtape: Januar

Mecklenburg, Januar 2014

Unglaublich, wie viel Kohle ausgegeben wird, um mit Feuerwerk die Geister des vergangenen Jahres zu verscheuchen - und die Nachbarn zu beeindrucken. Um 0:05 Uhr stand ich schweigend in der Kälte der Nacht, und sah der bunten und lauten Materialschlacht über den Eigenheimdächern zu - und es war schön, das muss man ihnen lassen. Es ist angenehm, wenn alle schweigen müssen, wegen dem Lärm und der angemessenen Bewunderung. Mich zieht Silvester immer ein wenig runter. Ich mag keine Abschiede. Nicht einmal von Jahren, die eigentlich scheiße waren. Dennoch: Kein Platz für den Blues. Aber das war also 2013 n. Chr.? Ich habe keine Vorsätze. Ich hör' sowieso nicht mit dem Rauchen auf.
Euch allen jedoch, wünsche ich ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2014. Macht das Beste aus allem.

Pünktlich ist auch das neue Mixtape da! 

Schlaft Euch aus, kotzt Euch die Seele aus dem Leib, genießt den letzten freien Tag, bevor sich die Erde ab morgen wieder weiterdreht.

A.