Sonntag, 19. Januar 2014

Auf dem Grund des Sees

Mecklenburg, April 2007

Es stellte sich gar nicht mehr die Frage, ob es wirklich eine gute Idee war, denn nun waren wir unterwegs. Die Kneipe hätte jetzt sicherlich sowieso irgendwann geschlossen, was machte es also? Es war dunkel, spät und Jacob war viel zu betrunken, um zu fahren. Wir mussten uns also die Zeit vertreiben, bis der Alkohol nachgelassen hatte - und wir nach Hause konnten. 

Auch wenn "Früher" noch gar nicht so lange her war, hatten wir den ganzen verfickten Abend davon gesprochen, dass es sich ja gerade wieder so anfühlte. Allmählich begann die Phase der Nacht, in der es egal wurde, wie spät es eigentlich war und, ob man sich nun dichter am Abend oder am Morgen befand. Gackernd und unbeholfen waren wir aus der Bar auf das schiefe Kopfsteinpflaster der Straße hinausgestolpert. Kurz zuvor hatte Jacob mich am Tresen als den nächsten großen Rockstar angepriesen. Relativ unbescheiden hatte ich ihm lauthals beigepflichtet - und mich dabei festgehalten. Die Kellnerinnen machten sich über uns lustig, aber das machte uns nichts. Sie hatten sich auch nur so halb lustig gemacht, eigentlich mochten sie uns.
Das Erste, was ich getan hatte, als wir nach draußen kamen, war, mit dem Finger meine Handynummer an die beschlagene Heckscheibe eines Autos, direkt vor der Kneipe, zu schreiben. Das Ganze hatte ich mit einem Herz umrandet und mit einem geschwungenen Alex signiert. Ich habe keine Ahnung, warum ich das tat.
"Ich kann unmöglich fahren jetzt", hatte Jacob gesagt und mich dabei angegrinst.
"Ich auch nicht", antwortete ich.
Wir lachten beide los, als hätte jemand den Stöpsel gezogen oder so. Es war ein ehrliches und gutes Lachen, kein provoziertes oder herausgedrücktes. Ein paar nächtliche Passanten hatten sich nach uns umgedreht, was es nur schlimmer machte. Alles war so schön grundlos. 
"Und nun?", hatte ich gefragt, als wir uns wieder eingekriegt hatten.
"Müssen wir eben erst mal ein wenig spazierengehen, my Lord."

Die ganze Altstadt war feucht und nebelverhangen, als wäre sie gerade erst aus einem tiefen See aufgetaucht. Bis auf wenige Ausnahmen war alles menschenleer. Nur das wohlige orangefarbene Licht der Laternen und ein paar Schaufenster beleuchteten den Gehsteig am Boulevard wie in einem alten Film. Wir schlenderten durch die Gassen, sangen ab und an die erste Strophe von irgendetwas, weil wir meist dann die Lust oder den Text verloren, und erzählten uns Geschichten aus vergangenen Tagen. Früher hatten wir fast jeden Tag zusammen verbracht - inzwischen sahen wir uns nur noch ab und an und betranken uns oder feierten zusammen oder beides, vermutlich, weil uns nicht viel mehr einfiel, das uns verband außer der Vergangenheit.
Irgendwann erhob sich dunkel und unheilvoll ein backsteinernes Kirchenschiff vor uns. Die Spitze des Turms ließ sich nur vermuten, so dunkel war der Nachthimmel. Wir blieben stehen und starrten das gewaltige, stille Bauwerk an, das irgendwo dort oben im Nichts endete. Vor Jahrtausenden habe ich mal mit der Schule diese Kirche besichtigt. Ich glaube, es ist die größte hier in der Stadt. Es gibt auch irgendeine Sage, die hier spielt. Aber es gibt auch immer eine beschissene Sage, die irgendwo spielt. Scheiße, ich hasse Sambuca, dachte ich und drehte mich ein Stück weg. Ich mochte Sambuca wirklich nicht, aber ich hatte es unhöflich gefunden, einen ausgegebenen Drink abzulehnen. So oft wurde ich schließlich nicht eingeladen. Doch nun konnte ich den Geschmack nicht mehr los werden. Ich musste an die schreckliche Kaffeebohne denken, die im Glas schwamm - und ich konnte das Bild nicht abschütteln. Es nützte nichts: Ich beugte mich über und kotze auf das Kopfsteinpflaster. 
"Alter!", rief Jacob belustigt.
"Geht gleich wieder", sagte ich mit verzweifelter Stimme, doch schon brach es erneut aus mir heraus. Meine Stimme klang, als würde ich weinen - das gefiel mir nicht.
Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, wie Jacob mit tänzelnden Schritten immer dichter an die dunkelrote Backsteinmauer der Kirche ging, die alten Steine mit der Hand berührte und anschließend breitbeinig seinen Hosenstall öffnete, um zu pinkeln. Normalerweise lässt mich das Adrenalin, das durch das Kotzen ausgeschüttet wird, ein wenig aufklaren, doch ich war noch immer schrecklich besoffen. Mithilfe meines Handrückens wischte ich über meinen Mund und sah in den kalten Himmel, den Kirchturm hinauf, während man leise das rieselnde Geräusch der Pisse an der Mauer hören konnte.
"Hey Gott, wir sind's", brüllte ich. Meine Stimme hallte zurück, klang dabei ungewohnt und wild.
Wir beide lachten laut, doch sonst war alles still.
Ich griff in meine Hosentasche, um auf mein Handy zu sehen. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer: Hey, ich wollte Dich eigentlich schon nach deiner Handynummer fragen. Woher wusstest Du, dass es mein Wagen war? Liebe Grüße, Sandra. Begeistert zeigte ich Jacob die SMS, bevor ich "Wer bist du, Sandra?" zurücksendete. Ich hatte meine Nummer tatsächlich auf das Auto einer der Kellnerinnen geschrieben. Schon jetzt kam mir das bescheuert und absolut unwirklich vor.
"Mir ist schlecht. Und nun, irgendeine Idee, wo wir hingehen könnten?", sagte ich und wühlte eine Zigarette aus der geknickten Schachtel.
"Nee, keine Ahnung. Du wohnst doch hier, Mann!", antwortete Jacob. "Warte, oder wir fragen ihn." Er drehte sich zurück zur Kirche und breitete die Arme aus. "Zeig uns den Weg, großer Meister" Jacob brüllte den Kirchturm an und machte dabei ein paar alberne Bewegungen mit seinen Händen.
Doch niemand antwortete. Dann gingen wir einfach los.

Wir hatten einen abscheulichen Umweg genommen, um uns noch etwas zu trinken an der Tankstelle zu kaufen. Zwar wussten wir beide, dass uns das nicht unbedingt nüchterner machen würde, wir sagten jedoch nichts. Ich weiß nicht, warum. Irgendwie fühlte ich mich nicht wohl. Da war so eine merkwürdige innere Unruhe, als wenn irgendetwas unter meiner Haut kribbelte und nach außen wollte. Jacob dachte vermutlich, wir gingen einfach so umher, aber wir hatten längst ein Ziel.
"Ich weiß, wen wir besuchen könnten", sagte ich schließlich, auch wenn es für mich bereits beschlossen war.
Jacob nickte bloß und starrte irgendwelchen Autos nach, als würde er zum ersten Mal welche sehen.
Unsere Schritte waren unsicherer geworden. In Diagonalen arbeiteten wir uns von einem Bordstein zum nächsten vor. Wir waren besoffener als beim Verlassen der Kneipe. Ich kramte nach meinem Handy, was durch die schlechter werdende Koordination ewig dauerte. Die Kellnerin hatte mir geantwortet, doch ich ignorierte es und suchte nach einer Nummer. Ganz in der Nähe wohnte Katja, eine Exfreundin.
"Hey, noch wach?", sagte ich in mein Handy.
"Jetzt schon. Was gibt es, Alex?, antwortet die Stimme am anderen Ende unsicher.
"Ich bin gerade zufällig in der Gegend, mit 'nem Kumpel. Zieh' dir was an, ich klingel dich an, wenn du runter kommen sollst", sagte ich lallend. Dann legte ich einfach auf, obwohl ich hörte, dass sie noch irgendetwas sagte. Ich kam mir so cool vor.
"Meinst du, dass das eine gute Idee ist?", fragte Jacob, nachdem ich das Handy wieder in meiner Hosentasche verstaut hatte.
"Klar!", brüllte ich viel zu laut und nahm einen großen Schluck aus der Flasche. Lautstärke tötet jegliche Ironie.
Wir waren sowieso schon fast da. Ich fühlte mich so kalt und wollte einfach nur unterhalten werden - außerdem war mir wirklich scheiß egal, was sie von mir dachte.
Sie lächelte nicht einmal zur Begrüßung, aber das konnte man ihr auch nicht verdenken. Ich an ihrer Stelle wäre gar nicht erst rausgekommen. Ich hätte nicht einmal den Anruf angenommen. Sie hatte sich ihre dicke weiße Winterjacke mit dem Pelzkragen übergeworfen - darunter schien sie jedoch ihre Schlafklamotten zu tragen. Ich stellte ihr Jacob vor, und während sie ihm gleichgültig ihre zierliche Hand reichte, rätselte ich, ob sie sich extra geschminkt hatte oder aber, ob sie einfach immer so ins Bett ging, falls mal ein besoffener Typ nachts anrufen sollte.
"Und, wie ist es dir so ergangen in den letzten Wochen?", fragte ich, ohne zu verbergen, dass ich etwas zu viel getrunken hatte. Meine Worte klangen wie die eines Fremden.
"Du meinst, seit du schlussgemacht hast? Ganz gut. Ich kann nicht klagen." Mit verschränkten Armen setzte sie sich auf die kleine Mauer neben ihrer Haustür. Vermutlich wollte sie dadurch abwesend aussehen, aber es wirkte eher, als ob sie einfach nur fror.
Ich beobachtete ihr Gesicht; ihre kalten Züge und die dumpfen, gleichgültigen Augen. Sie zwinkerte irgendwie zu häufig - und nach jedem Mal, schien sie in eine andere Richtung zu sehen wie eine Cartoon-Katze. Das hatte irgendetwas Unnatürliches. Wenn man es genau nahm, war ihr Gesicht eigentlich nicht wirklich schön. Sie hatte so einen Mund, der immer irgendwie unfreundlich und nichtssagend aussah, und sie schminkte sich immer ein wenig zu sehr, aber ihr Körper war ziemlich heiß, und sie war relativ versaut - was mich kurzzeitig alles andere vergessen ließ.
Ich musste an die Worte von Andreas denken: Er hatte mich ganz zu Anfang gefragt, ob ich wirklich glaubte, dass das mit ihr irgendeine Zukunft hätte und, ob ich tatsächlich dachte, dass mich das irgendwie glücklich machen würde. Ich verwischte seine Zweifel, aber er hatte damals nur ausgesprochen, was ich schon längst dachte. Die Wahrheit war: Bereits nach kurzer Zeit ließ mich Katja völlig kalt. Sie konnte nicht im Ansatz die Lücke füllen, die Anna hinterlassen hatte - sie fiel eher hindurch und verschwand völlig im Dunkel. Ich ignorierte diese Tatsache so lang ich konnte, aber irgendwann - eigentlich schon nach ein paar Wochen - nervte sie mich nur noch, auch wenn ich mich deswegen schämte. Ihr Exfreund hatte sie schlecht behandelt, betrogen und fallen gelassen. Ich wollte ihr zeigen, dass es auch anders ging; dass ich besser war - aber es klappte nicht. Ich war nicht besser. Vielleicht war ich sogar schlimmer. Aber sie war so verfickt langweilig - und ich war viel zu durcheinander, wegen allem, was passiert war. Es machte mich wütend, wie sie mich ansah, wie sie auf so gequälte, beiläufige Art und Weise sprach, wie sie lachte (wenn sie mal lachte) und wie sie dachte. Sie hatte nie etwas zu erzählen, nichts war für sie wirklich spannend, als hätte sie überhaupt keine Identität und keine Begeisterung für irgendetwas. Ich wollte nicht so jemand sein, der so empfand. Ich wollte nicht auf sie herabsehen, wollte kein Scheißkerl sein. Ich wollte mich auf sie einlassen und versuchen ihr Leben zu verstehen, aber ich scheiterte schon an mir selbst. Die wenigen Dinge, die sie mochte, waren scheiße, ihre paar Freunde waren Vollidioten, und Träume hatte sie keine, während ich nur aus Träumen zu bestehen schien - was auch nichts Gutes war. Ich hatte gehofft, ich könnte das ändern oder mich zumindest anpassen, sie mögen, wie sie war, aber irgendwann vögelte ich sie nur noch, bis zur Bedeutungslosigkeit, und verschwand vor dem Frühstück, um keine Stille entstehen zu lassen oder ihren merkwürdigen Eltern begegnen zu müssen. Eigentlich sah ich sie nur im Dunkeln. Hätte ich bloß gleich auf Andreas gehört. Ich musste sie verlassen, um ihr nicht noch mehr Schaden zuzufügen. Sie war nicht die Richtige für mich - und Scheiße, ich war garantiert auch nicht der Richtige für sie. Solche Dinge passieren eben. Leider hatte sie das nicht ganz so gesehen. Als ich ihr vor ein paar Wochen gesagt hatte, dass das mit uns, nun ja, keine Zukunft hätte, sie aber wirklich toll sei, wirklich, wirklich toll, bot sie mir völlig verzweifelt sogar eine offene Beziehung an - natürlich per SMS; von Angesicht zu Angesicht kam ihr die Idee nicht. Der Gedanke, sie weiterhin zu ficken, war irgendwie befremdlich und reizlos. Ich lehnte ab. Und ignorierte sie fortan.
"Der Grund, warum ich hier bin, ist, dass ich dir sagen wollte, dass es mir leid tut. Schrecklich leid." Sie blickte auf mit ihren komischen Augen.
"Aha, gut zu wissen."
"'Aha, gut zu wissen." Ich äffte sie nach. "Zynismus steht dir nicht." Verflucht! Ich sollte nicht gemein sein, wenn ich schon versuchte, mich zu entschuldigen. Im Hintergrund hörte ich Jacob kichern. Bis dahin hatte ich ihn völlig ausgeblendet. "Entschuldige. Weißt du, ich wollte nicht, dass es dir schlecht geht, aber es war vermutlich das Beste so. Also nicht, dass es dir schlecht geht, sondern, dass wir es beendet haben. Das fühlte sich doch nicht richtig an, oder?" Ich hätte mir vorher überlegen sollen, was ich sage. Die Silben stolperten aus meinem Mund. Ich wusste nicht mehr, warum ich überhaupt hergekommen war.
Sie nickte. Ihre gelangweilte und abweisende Fassade wurde schon dadurch so lächerlich, dass sie überhaupt rausgekommen war: Wenn ihr das alles so verfickt egal war, warum war sie dann hier? Am liebsten hätte ich ihr das gesagt, aber es war ja egal.
"Naja, jetzt weißt du es."
Sie antwortete nicht, sondern starrte nur weiter unbeirrt ins Leere.
Meine Ohren begannen zu pfeifen. Es war dieser Ton, den man auch hört, wenn man lange in einem Club oder einem Proberaum oder auf einem Konzert gewesen ist, und dann besoffen ins Freie kommt, wo es nicht mehr so laut und stressig zugeht. Ich bereute, dass ich hergekommen war. Mit tänzelnden Schritten lief ich auf der obersten Treppenstufe auf und ab, von einem Ende zum anderen, wie ein Tier im Käfig. Jacob hielt sich im Hintergrund. Niemand sagte etwas. Es fühlte sich an, als ob Stunden vergingen, während wir einfach weiter schwiegen.  
Plötzlich und unvermittelt stand sie auf und blickte uns mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Und, war es das jetzt? Kann ich gehen?" Sie sah Jacob an. "Hat mich gefreut", sagte sie ausdruckslos. Dann drehte sie sich weg und ließ ihren Schlüssel ins Schloss gleiten. Sie war so feindselig. Ich fühlte mich angegriffen und in die Ecke gedrängt, was natürlich bescheuert war. Irgendwie wusste ich das. 
"Ich habe nie etwas für dich empfunden." Ich sagte das, und überraschte mich damit selbst. Ich wollte ihre Augen sehen, um zu wissen, was meine Worte auslösten. Ich hatte ihr wehtun wollen, doch ich schämte mich dessen schon, sobald der Satz meinen Mund verlassen hatte und unterwegs zu ihr war.
"Alex, es wird, glaube ich, Zeit, dass wir gehen. Du bist dabei, eine Szene zu machen." Jacob war noch da. Ich erkannte das Lächeln, das durch seine gut gemeinten Worte schimmerte.
"Halt die Fresse!", fuhr ich ihn an. "Ich mache keine Szene. Hat sie etwa kein Recht auf die Wahrheit? Und die verschissene Wahrheit ist, dass ich sie nicht geliebt habe - nicht einmal ein wenig. Doch das tut mir leid, und deswegen bin ich hier. Um zu sagen, dass es mir leid tut." Ich machte affektierte Bewegungen mit meinen Armen, übertriebene Gesten.
Ich hatte keine Ahnung, wie ich in diese Geschichte hinein geraten war - und jetzt fand ich es auch nicht mehr witzig alles. Ich wünschte mir, jemand würde mich von oben aus der Szenerie ziehen. So wie damals, als ich ein kleiner Junge war und im Urlaub einen Seestern im Hafenbecken entdeckte. Ich zog meine Schuhe und meine Socken aus, krempelte meine Hosenbeine hoch und trat mit tapsigen Schritten ins Wasser. Vorsichtig bewegten sich meine schneeweißen Füße über die glitschigen dunklen Steine. Als ich den Seestern greifen konnte und aus dem Wasser hob, stellte ich mit Erschrecken fest, dass sich von allen Seiten düstere Krabben näherten, vermutlich angelockt durch das weiße Fleisch meiner Beine. Ich schrie und weinte. So etwas hatte ich noch nie gesehen oder erlebt. Die Zeit geriet völlig aus den Fugen und mein kleines Herz raste vor Angst. Es gab nur noch die Krabben mit ihren Scheren und mich mit meiner Angst. Bis mein Vater mich plötzlich packte und aus dem Wasser hob. Und schon war alles irreal und nur noch zum Lachen - Eine Anekdote, die meine Mutter gern an Kaffeetischen erzählt. So etwas passierte jedoch nicht mehr, wenn man erwachsen wurde. 
Katja zögerte kurz, als müsse sie sich sammeln, zuckte dann jedoch einfach mit den Schultern. "Ich weiß, ich habe es die ganze Zeit gewusst: Du bist noch längst nicht über Anna hinweg. So hieß doch deine Ex, oder? Muss schlimm sein."
"Weißt du was? Fick dich", antwortete ich voller Verachtung und Geringschätzung, dann nickte Jacob zu. "Jetzt ist es Zeit, zu gehen." Ich drehte mich weg und ging zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Ich sah nicht mehr, wie sie reagierte. Ich schämte mich. Es gibt kaum etwas, dass so ernüchternd ist, wie selbst zu merken, dass man kein besonders guter Mensch ist.

Allmählich schienen die ersten Vögel zu erwachen, doch der Morgen dämmerte noch nicht, keine hellen Farben am Horizont, und auch der neblige Nachthimmel klebte noch immer an den Straßen, Häusern und Bäumen wie ein Film aus Spucke.
"Weißt du, wär' ich nicht dein Freund, ich könnte dich glatt für ein ziemliches Arschloch halten", sagte Jacob, ein wenig außer Atem. Er hatte wieder zu mir aufgeschlossen. Ich torkelte noch immer.
"Dann ist es ja gut, dass du mein Freund bist", antwortete ich und versuchte zu lächeln.

A.            

Kommentare:

  1. Auch einer der Gründe, warum ich Betrunkene nicht mag - sie sagen Dinge, die besser ungesagt geblieben wären...

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  2. Nun ja, wenn man es von der anderen Seite betrachtet, ist es so, dass viele Betrunkene ihr Innerstes offenbaren und die Wahrheit sagen. Die Frage ist, ob man es bevorzugt in einer Welt zu leben, wo Dinge ungesagt bleiben, wo man sie nur erahnen kann ohne jedoch zu wissen, dass sie auch richtig sind was man erahnt, also reine Spekulation.. oder will man lieber in einer Welt leben, wo einem die Realität ohne "Make-Up" serviert wird?

    Natürlich gibt es wesentliche Unterschiede, was in einem Suff erzählt wird. Geheimnisse beispielsweise sollten natürlich nicht einfach so rausrutschen nur weil man redseliger geworden ist. Bei Empfindungen gegenüber einem Menschen verhält es sich, zumindest für mich, anders, denn da will man doch keine Zeit damit verschwenden, dass man Dinge in eine Beziehung reininterpretiert, die womöglich gar nicht existieren. Irgendwie ist das doch ein gegenseitiger Betrug, oder?

    Die Wahrheit in einer Beziehung (muss jetzt nicht eine Partnerschaft sein, sondern allg.), kann weh tun. Ich denke sie tut mehr weh, als wenn man sich alles "schön lügt" (wobei hier die ganze Illusion schlagartig platzen könnte wie eine Seifenblase), aber sie verhilft zur Klarheit. Eine solche "Konfrontation" trägt meiner Meinung nach auch eventuell dazu bei, dass sich die Personen in der Partnerschaft/etc. weiterentwickeln.

    Lg

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