Sonntag, 5. Januar 2014

Bésame mucho

Mecklenburg, Dezember 2013

"Was für eine hässliche Tapete", denke ich und sage es anschließend mit geschlossenem Mund, als ich durch den schmalen Flur vor den Umkleidekabinen in der Unterwäscheabteilung gehe. An der Wand, direkt gegenüber von den einzelnen Kabinen, hängen ein paar Schwarz-Weiß-Fotografien, lieblos und ungeordnet. Die Luft riecht nach Schweiß und Klimaanlagen. Draußen könnte einfach jede Jahreszeit sein, hier drin würde man es kaum bemerken. Die Fotos sehen nach Frankreich aus. Im Zentrum entdecke ich ein bekanntes Bild; einen der berühmtesten Küsse der Geschichte. Die Romantik des Zwanzigsten Jahrhunderts. Wo, wenn nicht in Paris? Mitten auf dem Bürgersteig der Rue de Rivoli, im Schatten des Hôtel de Ville, küsst ein verwegener James-Dean-Typ spontan seine junge Liebe und schafft damit einen Moment des wunderbaren Stillstands, einen Akt romantischer Zeitlosigkeit, während um das junge Paar herum das Leben der geschäftigen Stadt hektisch weiter Richtung Vergänglichkeit eilt. Ein Schnappschuss vom Moment einer jungen und unverfälschten Liebe, aufgenommen, ganz beiläufig, aus einem Straßencafé heraus. Und er ist eine Lüge! Natürlich. Robert Doisneau, der glückliche Fotograf dieser scheinbar zufälligen Begebenheit, inszenierte den berühmten Kuss aus dem Jahre 1950. Aber er ist gut inszeniert, das muss man gestehen.
Es gibt übrigens einen Typ, der inspiriert von dieser Tatsache, Tag und Nacht Google Street View nach tatsächlich zufällig aufgenommenen Küssen durchforstet hat, für einen Bildband, glaube ich.
Der Vorhang öffnet sich ein Stückchen und meine Begleitung ruft meinen Namen. Ich verstaue mein Handy, mit dem ich eben noch einen Schnappschuss vom Schnappschuss gemacht habe, wieder in meiner Tasche, wende mich von Doisneaus Kuss ab und gehe zurück zu der Kabine, vor der ich eigentlich warten sollte.
"Und, was meinst du?", fragt sie und hebt dabei den Sichtschutz so zur Seite, dass ich hineinsehen kann.
Der trägerlose, cremefarbene BH schmiegt sich an ihren zierlichen Körper und drückt ihre Brüste fest zusammen und ein wenig nach oben, als würden sie starr von zwei Händen gehalten.
"Sieht gut aus! Ein bisschen wie Wonder Woman in Spitze und blond und porno." Ich zucke mit den Schultern und sehe weiter auf ihre Titten, die sich mit ihrem Atem auf und ab heben.
Sie lacht. "Ist auch ein Wonderbra. Kannst du eine Verkäuferin holen? Bei dem Preis muss ich sichergehen, dass der absolut passt."
Ich spreche eine dickliche Frau mit Dauerwelle an. Ich kann den Namen auf dem kleinen Schildchen an ihrer Bluse nicht lesen, da sie sich beim Zusammenlegen der Wäsche zu sehr bewegt. Sie folgt mir diskret zu den Kabinen. Am Ziel, verschwindet sie ebenfalls hinter dem Vorhang. Ich schiebe meinen Kopf hinein.
"Und?", frage ich.
Sie ignorieren mich und die Verkäuferin nuschelt irgendetwas und betastet dabei die Brüste meiner Begleitung. Das wäre wesentlich heißer, wäre die Verkäuferin wesentlich heißer, denke ich. Irgendwie sind mir Unterwäscheabteilungen unangenehm. Ich habe immer ein schlechtes Gewissen und leichte Schuldgefühle gegenüber den Frauen und Mädchen, die gerade dort einkaufen. Wenn ich sehe, was sie sich aussuchen, denke ich immer, ich würde irgendwie in ihre Privatsphäre eindringen wie ein Perverser. Das kann ihnen doch nicht gefallen.

Rostock ist Wismars große laute Schwester; ein wenig hässlich und in-die-Jahre-gekommen, aber doch verwandt. Der Schleier eines pragmatischen Sozialismus liegt noch immer über der Architektur der Randbezirke, die man durchfährt, kommt man von der Autobahnabfahrt. Ich verstehe nicht, warum so viele meiner Freunde hier gelandet sind. Vermutlich würden sie aber dasselbe über mich denken, wenn sie nach Kiel kämen. Es ist nirgends so schön wie daheim, nirgends so schön wie daheim.
Mein Rücken schmerzt, meine Augen flirren ein wenig, aber sonst geht es mir erstaunlich gut. Besser als vor Wochen, eigentlich besser als das ganze Jahr über. Schwer zu sagen, ob es an den verschiedenen Pillen, der Krankengymnastik, der sexy Beißschiene aus Silikon, die ich nachts tragen soll, an den Therapiegesprächen oder einfach daran liegt, dass ich nicht in Kiel bin und mir maximal über eine Zukunft Gedanken machen muss, die ein paar Tage entfernt ist. Augenblick, verweile doch, du bist so schön! Ja, ich klopfe ja schon auf Holz. Ich schäme mich fast, diesen Gedanken in Worte zu fassen, als würde all das in Rauch aufgehen, wenn jemand anders ihn lesen oder hören könnte - und mir würde es wieder schlecht gehen; der Boden und mein Magen sich wieder drehen, meine Ohren wieder pfeifen, mein Blick verschwimmen, mein Kreislauf verrückt spielen, Kopf und Hände wieder mehr zittern und alles würde wieder scheiße sein. Gut, dass ich mir immer mein sonniges Gemüt beziehungsweise meinen Zynismus bewahrt habe. Wir halten die andere Wange hin. Mein Januar ist vollgestopft mit Arztterminen, aber das interessiert mich erst, wenn es so weit ist.

Die Klimaanlage bläst mir warme Luft ins Gesicht, bevor ich die schweren Türen aufstemme, um hinaus auf die Straße zu gelangen. Ich musste ein wenig an die frische Luft; eine rauchen und wenig Abstand von all dem Wahnsinn im Einkaufszentrum. Das Wort klingt für mich immer noch fremd, wie kurz nach der Wende, als all die "Supermärkte" die "Kaufhallen" verdrängten. Bescheuerte Worte eigentlich, wenn man sie so sieht. Kapitalismus und Kommunismus haben sich auch wirklich aus Prinzip auf allen Gebieten und in allen Namen bekämpft.
Gegenüber, am Straßenrand, steht ein Mann, der irgendwie nach Osteuropa aussieht, und spielt Akkordeon. Ich erkenne die Melodie, aber es dauert ein wenig, bis ich auf den Namen komme: "Bésame mucho". Das spielt der Akkordeon-Mann in Kiel, vor dem Supermarkt in der Nähe meiner Wohnung, auch öfters. Ich freue mich immer so, wenn ich die Lieder erkenne, dass ich es am liebsten dem Spieler mitteilen würde. Ich lege dann so einen Ausdruck des Verstehens in mein Lächeln, wenn ich ihm fünfzig Cent oder einen Euro in die kleine Schale schmeiße, die er vor sich stehen hat. Ich habe ihm so oft Geld gegeben, dass er mich sogar schon grüßt, wenn wir uns so auf der Straße begegnen, ohne, dass der spielt.
Im Buchladen verliere ich mich. Es wird immer schlimmer mit mir. Ich kaufe weit mehr Bücher, als ich jemals werde lesen können. Mein Vater steht verständnislos hinter mir und versucht mir mit Blicken in den Rücken mitzuteilen, dass ich mich doch bitte beeilen soll. Seine Haut beginnt, sich rot zu färben, seine Augenbrauen heben sich hell, fast weißblond ab, als hätte die Sonne des vergangenen Sommers ihnen jede Farbe entzogen. Ihm ist zu warm hier. Alles ist zu voll, zu beengt und die dicken Winterklamotten zwängen ihn ein, behindern ihn bei allem. Man sieht ihm an, wie all das ihn in seiner Freiheit stört, als würde es allmählich einen unaushaltbaren Druck aufbauen. Er ist es zu sehr gewohnt, im Freien zu Arbeiten, eins mit dem Wind, dem Dreck unter ihm und dem Regen von oben. So stelle ich es mir vor: Hunderte Männer mit Schaufeln und Baumaschinen, vom Wetter gegerbt, in knietiefem Matsch, irgendwo auf einer Großbaustelle im Nichts. Sie rammen ihr Werkzeug in den Boden, dass der Dreck nur so spritzt, atmen frische Luft und Teer und sind die letzten Kämpfer unter Sonne und Mond.
"Ich verstehe das nicht. Warum kaufst du Bücher? Ich meine, du liest die einmal und dann stehen sie rum wie Staubfänger und nehmen Platz weg. Das brauch man doch nicht. Spar' dein Geld für etwas Sinnvolles", sagt er, und sein Tonfall verrät, dass kein Argument dagegen zählen würde. Sein Blick sagt vielmehr, als seine wenigen Worte hergeben. Er meint eigentlich, dass ich sein Geld für Bullshit ausgebe.
"Du hast keine Liebe für Bücher, du verstehst das nicht. Stell' dir einfach vor, es wären Filme", antworte ich, aber ich kämpfe gegen Windmühlen.
"Die kann man ja auch mehrfach sehen."
"Bücher kann man auch mehrfach lesen, Mann." Ich sehe ihn an und ziehe meine Augenbrauen hoch, weil ich weiß, dass er das hasst. Er reagiert furchtbar allergisch auf Überheblichkeit mit so einer bildungsbürgerlichen Note.
"Alexander, hör' auf", sagt meine Mutter, um erst gar keinen Streit aufkommen zu lassen.   
Mein Vater geht hinaus und meint, er würde lieber draußen warten, während ich eine Sammlung deutscher Balladen mit dem Titel "Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo" finde.
"John Maynard" war immer eines meiner Lieblingsgedichte. Meine Mutter hatte es mir schon als Kind beigebracht, aber an dem Tag, als wir es in der Schule aufsagen mussten, schlotterten mir trotzdem die Knie, als hätte ich die Zeilen nie zuvor gehört. Vers für Vers ratterte ich es in rekordverdächtiger Geschwindigkeit herunter, während ich, mit dem Rücken an die Tafel gelehnt, in die ausdruckslosen Gesichter meiner Mitschüler sah. "John Maynard war unser Steuermann, aushielt er, bis er das Ufer gewann. Er hat uns gerettet, er trägt die Kron', er starb für uns, unsere Liebe sein Lohn." Ich höre meine Kinderstimme fast, wenn ich diese Zeilen lese. Und der "Erlkönig" war auch gut, weil es so gruselig war. Trotzdem verstehe ich noch immer nicht, was es bringen soll, Gedichte auswendig zu lernen, sie vorzutragen und anschließend zu vergessen. An viele erinnere ich mich jedenfalls nicht.
Begeistert zeige ich den Gedichtband meiner Mutter. Sie lächelt kurz, nur, um dann auch zu sagen, dass ich mein Geld lieber sparen solle. Ich schmeiße das Buch zurück auf den Stapel. Über die Feiertage scheinen wir uns alle zu verjüngen. Ich komme mir wieder vor wie mit siebzehn, wenn ich so lang zu Hause bin. Und ich werde auch so behandelt. Ich suche den Blick meine Begleitung; sie sieht ebenfalls gelangweilt aus. Ich gebe auf.

Im H&M stinkt es nach verbrauchter Luft und Enge. Je tiefer man im Laden versinkt, desto mehr Gerüche mischen sich dazu. Es riecht nach allem - nur nicht nach Kleidung, zumindest nicht nach sauberer. Hunderte Mädchen und Jungen, deren Alter unmöglich einzuschätzen ist, drängen sich durch die Gänge. Mehr als einmal sehe ich irgendwelchen Tussis auf den Arsch und erschrecke mich, sobald ich dann das dazugehörige junge Gesicht aus geringerer Entfernung bemerke. Während ich am Ende eines Gangs warte und mit meinen Fingern eine glitzernde Strickjacke berühre, tuschelt neben mir eine Traube von Mädchen. Als ich mich umdrehe, weiß ich, warum: eine der Finalistinnen der letzten Germany's-Next-Topmodel-Staffel. Mit halb geöffneten Augen stolziert sie gleichgültig durch den großen Hauptgang des Ladens, glatt so, als würde sie tatsächlich etwas hier kaufen - oder es zumindest in Erwägung ziehen. Ich weiß nicht, was befremdlicher ist; dass ich sie sofort erkenne (noch vor meiner Begleitung und meiner Mutter) oder, dass sie schon die zweite Finalistin aus der letzten Staffel ist, der ich zufällig beim Einkaufen in Mecklenburg begegne. Was sie wohl dazu bewog, am ersten verkaufsoffenen Tag nach Weihnachten in einen rammelvollen H&M zu spazieren - noch dazu in ihrer Heimatstadt? Mir fiele wirklich kein besserer Ort ein, wenn ich dringend von der Zielgruppe würde erkannt werden wollen. Daran denke ich, als sie nur wenige Zentimeter an mir vorbeiläuft. Ich versuche, sie dabei nicht so penetrant anzuglotzen, aber es fällt mir schwer. Ich kaufe einen dunkelblauen Strickpullover, der aussieht wie all meine anderen Sachen, um mich abzulenken und die Langeweile zu vertreiben.

Auf dem Heimweg bin ich müde und sehe permanent durch das Beifahrerfenster. Auf dem Rücksitz labern meine Begleitung und meine Mutter irgendetwas über Schuhe. Mein Vater sieht einfach nur auf die Straße. Ich wünschte, sie würden die Musik ein wenig lauter drehen. Am Rande der Autobahn wechseln sich immer wieder Felder und kleine Waldstücke ab. Auf einem kleinen Kiesweg sieht man eine Gruppe junger Mädchen auf Pferden reiten. Zumindest glaube ich, dass es Mädchen sind. Ich frage mich, ob es irgendwo, zu irgendeiner Zeit, mal einen chauvinistischen Denker gab, der einen Zusammenhang zwischen der Passion heranwachsender Mädchen für Pferde und Penisneid gesehen hat. Das wäre witzig. Ich meine, er könnte dann gesagt haben, dass sich diese Mädchen einfach auch nach einem schwer zu zähmenden, wilden Biest zwischen ihren Beinen sehnten, das ab und an mal  ausbrach - und am Ende eines Tages immer irgendwie ein gefährliches Tier blieb, egal wie vertraut die Beziehung zu ihm auch sein mag. Man glaubt zwar, die Zügel in der Hand zu halten, aber eigentlich ist es das Tier, das vorangeht. Der Antrieb. Alles wird langsam dunkel und über diesen beknackten Gedanken an eine Pferde-Penis-Allegorie schlafe ich ein.
"Ey, DJ, nicht einpennen", höre ich die Stimme meines Vaters rufen. Dann klatscht seine Hand auf mein Bein und er schnippt vor meinem Gesicht hin und her.
"Gott, ich bin wach, du Knallkopf! Was stimmt nicht mit dir?", fahre ich ihn an. "Warum darf ich nicht schlafen?"
"Wir sind gleich da, du Chillbruder."
Ich hasse es, wenn er mich so nennt. Ich bin doch kein kiffendes Reggae-Arschloch oder so. Zumindest muss ich bei dem Wort "Chillbruder" daran denken, weil ich glaube, dass er sich so etwas darunter vorstellt. Er hat auch mal gedacht, dass ich Heroin nehme, weil ich immer so verkatert und blass aussah, als ich jünger war. Aber ich war einfach nur verkatert und blass - ganz ohne H. Ich zeigte ihm meine Armbeugen, aber er misstraute mir trotzdem.
In meinem alten Kinderzimmer angekommen, falle ich einfach nur auf mein Bett. Stimmen aus dem Wohnzimmer rufen nach mir; fragen mich, auf welchen Film ich Lust hätte. Auf gar keinen. Dieses ganze Gequatsche und ewige Zusammensein auf so engem Raum ist ungewohnt und macht mich müde - auch, wenn es alle so gut meinen. Das Alleinsein fehlt mir ein wenig, aber Kiel, 2014, das Ende der Feiertage, die Uni, der Ernst des Lebens und all der Scheiß rücken schon wieder unaufhaltsam näher, dass ich kaum schlafen möchte, um die Zeit ein wenig am Vergehen zu hindern.

A.         

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