Dienstag, 21. Januar 2014

Die letzten Tage Kaliforniens

Von Zeit zu Zeit, wenn ich mal auf ein besonders gutes oder aber auf ein besonders mieses Buch gestoßen bin, kann ich nicht anders, als allen, die mir nahestehen, damit auf den Sack zu gehen; ständig darüber zu reden, es in den Himmel zu loben oder eben alle, die es mögen, als Vollidioten zu verdammen. Es ist eine nervige Angewohnheit.
Kürzlich bin ich wieder auf eines dieser Bücher gestoßen. Es lässt mich einfach nicht los. Und auch wenn ich es schon für die Buchpiraten rezensiert habe, möchte ich es Euch noch einmal hier ans Herz legen. Weil es sich wirklich lohnt.


Genre: Gegenwartsliteratur, Coming-of-Age
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Metrolit
Erscheinungsdatum: September 2013
ISBN: 978-3-8493-0311-2

Schreibt man in den USA einen Roman über das Erwachsenwerden und die damit verbundenen Schwierigkeiten, so scheint es unumgänglich zu sein, nicht mit dem vermeintlichen Heiligen Gral der Coming-of-Age-Literatur, Salingers "Der Fänger im Roggen", verglichen zu werden - was in den meisten Fällen nicht nur unfair, sondern auch schwachsinnig ist. Doch diesem scheinbaren Naturgesetz entsprechend schreien es die Spatzen der Literaturszene bereits von den Dächern der Verlagshäuser und Medienanstalten: Mary Miller sei es nicht nur gelungen, einen weiblichen Holden Caulfield auferstehen, sondern ihn auch erneut die Wirren des Heranwachsens erleben zu lassen - in einem neuen, einem aktuellen Amerika, zwischen Wirtschaftskrise, gekränktem Stolz und religiösem Fundamentalismus. Millers Debütroman, "Süßer König Jesus", der im Amerikanischen übrigens den fantastischen Titel "The Last Days of California" tragen wird, ist jedoch wesentlich mehr als eine bloße Reminiszenz an einen altehrwürdigen Klassiker des zwanzigsten Jahrhunderts.

Wie viele gute Geschichten beginnt auch "Süßer König Jesus" auf dem Rücksitz eines Wagens; dort sitzen die fünfzehnjährige Jess und ihre zwei Jahre ältere Schwester Elise. Gemeinsam mit ihren Eltern befinden sich die beiden Mädchen auf dem Weg von Alabama nach Kalifornien - wo ließe es sich auch besser auf den Weltuntergang warten? In sieben Tagen würde alles im Feuer der Apokalypse vergehen, der Erlöser würde zurückkehren und diejenigen, die wahren Glaubens sind, würden mit ihm ins Paradies gehen - so hatte es zumindest Marshall, der Prophet der christlich-fundamentalistischen Sekte, der auch Familie Metcalf angehört, vorhergesagt. Doch während ihr sturer Vater mit missionarischem Eifer am Steuer des alten Fords sitzt, und sich Kleinkriege mit der rebellischen und vor allem heimlich-schwangeren Elise liefert, weiß die Titelheldin, Jess, langsam überhaupt nicht mehr, woran sie noch glauben und woran sie sich halten soll. Verzweifelt ist Jess hin-und-hergerissen zwischen Religion und der Wirklichkeit der Pubertät, zwischen sich selbst und der Familie, zwischen der Zuneigung zu ihren Eltern, und der zu ihrer zynischen Schwester Elise - aber auch dem Neid und der latenten Eifersucht auf deren gutes Aussehen. Und währenddessen rast an den Fensterscheiben des, mit christlichen Flyern vollgestopften, Wagens unentwegt das vermeintlich wahre Amerika vorbei, und der missionarische Roadtrip führt die Familie über staubige Highways und Interstates von Kaff zu Kaff, von Tankstelle zu Tankstelle und von Motel zu Motel, immer dem vermeintlichen Weltuntergang entgegen.

Zwischen Fast Food, Selbstzweifeln und Dankgebeten erzählt Mary Miller in wunderbar schonungslosen und dennoch nahezu poetischen Worten vom komplizierten Innenleben einer amerikanischen Familie aus dem Bible Belt - und ganz nebenbei von den Wirrungen und Sehnsüchten des Teenager-Daseins und der Konfrontation mit den Paradoxen der Welt der Erwachsenen. Mit ihrem unglaublich scharfen Blick für Details, Stimmungen und Emotionen ist es Miller gelungen, einen wirklich fantastischen und klugen Roman der Gegenwartsliteratur zu schreiben, der für mich nicht nur zu dem Besten gehört, was ich seit Jahren gelesen habe, sondern auch gleichzeitig Erwartungen und Vorfreude auf mehr Romane aus der Feder der - für mich - brillanten Texanerin weckt.

Lest "Süßer König Jesus" von Mary Miller, erschienen in der hervorragenden Übersetzung von Alissa Walser - andernfalls würde Euch wirklich etwas Seltenes und Großartiges entgehen.

A.

Kommentare:

  1. Ich habe noch nie ein Buch gelesen in dem so viel gegessen wurde. Auch wenn ich das Gefühl hatte ständig feinen Sand im Gesicht und zwischen den Zähnen zu haben und ich erst spät ein klares Bild zu den Hauptfiguren hatte, hat mir das Buches unheimlich gut gefallen.

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