Montag, 6. Januar 2014

Wir treffen uns am Friedhof der Weihnachtsbäume

Kiel, Januar 2014

Bevor ich hierher zurückgefahren bin, sagte mein Vater, also mein Stiefvater, etwas Merkwürdiges. Ich hatte ihn gefragt, ob er noch Hilfe dabei bräuchte, den restlichen Weihnachtskram auf den Dachboden zu schaffen, bevor ich weg sein würde. Er habe bereits alles oben, das hätte er problemlos auch allein geschafft, antwortete er mir. Schließlich könne er das alles selbst - auch eine Familie versorgen. 
"Oh, vielen Dank, dass du mir noch etwas Komplexförderndes mit auf den Weg gibst", antwortete ich sarkastisch, viel schneller, als ich überhaupt denken konnte.
"So war das nicht gemeint", sagte er sofort. "Außerdem kannst du andere Dinge. Du versorgst uns eben intellektuell; du suchst uns allen tolle Bücher raus und machst Musik, du denkst für uns alle mit. Das ist auch viel wert."
Ich glaube, auf seine Art, war es das Netteste, was er überhaupt jemals zu mir gesagt hatte - auch wenn es maßlos übertrieben war. Das klang nach Anerkennung. Ich sah ihn an, um zu überprüfen, ob das Gesagte ironisch gemeint war, aber eigentlich meinte er fast immer alles so, wie er es sagte, was auch nicht immer gut war. Ich wollte ihn umarmen, ihm sagen, dass ich mir Mühe geben werde, nicht immer so ein zynischer Nervsack zu sein, und allen in der Familie solche Sorgen zu bereiten. Dass ich mich bessern würde in allem. Aber alles, was ich tat, war ihn anzusehen.
"Davon wird man aber nicht satt", sagte ich schließlich und zog effektvoll den Reißverschluss meiner Reisetasche zu.

Heute Morgen wieder in Kiel aufzuwachen war merkwürdig, glatt so, als würde man einen Song hören, den man wirklich lange nicht gehört hatte, aber früher auswendig mitsingen konnte - sogar die Instrumentierung. Die letzte Nacht in Mecklenburg hatte ich bei den Eltern meiner Begleitung in einem kleinen Nachbarort meiner Heimatstadt verbracht. Da alle - außer mir natürlich - bereits wieder arbeiteten, sind gegen elf alle so müde geworden, dass man sich verabschiedete, den Fernseher und das Licht ausknipste, und ins Bett ging. Ich konnte schlecht einschlafen, also las ich noch. In der Wohnung über dem Gästeschlafzimmer wurde bis drei oder vier Uhr Fernsehen geguckt, und immer wieder dröhnten stampfende, schwere Schritte durch die Decke nach unten. Doch niemand störte sich daran, da der Mann, der dort nun allein lebte, vor wenigen Wochen seine Frau verloren hatte. 
Sie war gerade erst Mitte fünfzig. Während einer Operation an ihrem Bein versagten plötzlich ihre Organe und sie starb noch auf dem OP-Tisch. Länger schon wurde gemunkelt, dass sie ein Problem mit dem Trinken gehabt habe, was letztendlich auch ihre Gesundheit ruiniert hätte. 
Ich meine, es gibt für niemanden gute Zeitpunkte, einen Angehörigen zu verlieren, aber so kurz vor Weihnachten ist es besonders scheiße. Ich weiß noch, wie meine Urgroßmutter vor vielen Jahren starb. Das war zwei Wochen vor Weihnachten, und als wir dann alle am Heiligen Abend zusammensaßen, lag spürbar in der Luft, das jemand fehlte. 
Die Kinder sind längst aus dem Haus, und so sitzt der schon immer etwas griesgrämige und mürrische Mann, den alle immer nur "Den Bauer" nennen, allein in der zu großen Wohnung, aus der es nach alten Leuten riecht. Die Stille muss ihn wahnsinnig machen.
Scheiße, ich erinnerte mich plötzlich an ein Silvester irgendwann. Es war schon einige Zeit nach Mitternacht, und wir gingen gerade von der Straße, wo wir das lausige Feuerwerk über den Dächern der Kleinstadt beobachtet hatten, zurück in die Wohnung, als uns der Bauer entgegenkam. Er mühte sich ein "Frohes neues Jahr" zwischen den Zähnen hindurch - jedoch ohne zu lächeln. Unterm Arm trug er eine kleine Box dieser Feuerwerksbatterien, die man nur einmal anzuzünden braucht, damit sie eine kleine Salve von Raketen abfeuerten. Je mehr man bezahlt, desto imposanter wird es. Er hatte nur ein kleines Exemplar gekauft. Oben auf dem Balkon stand seine Frau und beobachtete ihn wortlos. Ich hob meinen Arm, doch sie reagierte nicht. Ihr Blick folgte nur ihrem Mann. Ich ging hinein und sah ihm ebenfalls zu, unauffällig, hinter der Gardine, während die Anderen sich erneut Sekt einschenkten. Behutsam stellte der Alte die Batterie auf den Bürgersteig und zündete sie mit schwerfälligen Bewegungen an. Er sah nicht nach oben zu seiner Frau, richtete kein Wort, kein Lächeln an sie. Seine kurzen, dicklichen Arme vor der Brust verschränkt, stand er dort, allein in der Dunkelheit und sah seinem kleinen Feuerwerk zu. Nach und nach schossen die Lichter müde aus der Papierschachtel, um in etwa fünf Metern höhe kurz zu verpuffen. Als der Zauber vorbei war, zögerte er keine Sekunde; er hob den zerfledderten Papierklumpen vom Boden auf und warf ihn in die Restmülltonne. Noch immer sah er nicht nach oben. Er war sich sicher, dass seine Frau dort stand und gesehen hatte, was er sah. Mehr brauchte es nicht. Dann drehte er sich um und verschwand wieder im Haus. Ich fand' dieses Schauspiel furchtbar traurig.

Kiel ist grau und nass, aber kalt ist es nicht. Irgendeine Zeitung fragte kürzlich: "Fällt der Winter dieses Jahr aus?" Ich würde es überleben, wenn es so wäre. Jeder Stein draußen wurde vom Regenwasser in ein anderes Grau getaucht, und der Himmel besteht nur aus schweren Wolken. Der Straße vor meinem Haus merkt man den Sonntag immer ein wenig an; sie wirkt fast gemächlich, auch wenn sie eine der Hauptschlagadern der Stadt ist - selbst, wenn es nicht mehr ganz so früh am Tag ist. Ich hatte so lange geschlafen, bis mein Handy mich dazu aufforderte, meine Pillen zu nehmen. Und ich gehorchte.
Sachte fällt der Regen in mein Gesicht, und seine Tropfen zeichnen ihre Umrisse auf das Papier meiner Zigarette. Weil ich noch nicht aufgeraucht habe, muss ich vor der offenen Tür des Bäckers warten. Sonst endet hier immer erst die Schlange. Ein Großvater mit zittrigen Händen lässt sich jedes einzelne Stück Kuchen erklären; jede verdammte Zutat. Ich sehe der Verkäuferin dabei zu, wie sie bedächtig auf alles antwortet. Ihre Stimme klingt nicht einmal eine Spur genervt. Ich bestelle das Übliche: zwei normale, ein Körner- und ein Sesambrötchen. Als Zugabe wähle ich einen Erdbeerberliner. Hoffentlich liegt er nicht schon seit Silvester dort.
Auf der Rasenfläche neben der Apotheke haben die Leute ihre entsorgten Tannenbäume zu einem riesigen Berg aufgetürmt; einem großen, regennassen Friedhof der Weihnachtsbäume. Das klingt schön. "Wir treffen uns am Friedhof der Weihnachtsbäume", sage ich zu mir selbst und gehe durch den Regen zurück nach Hause.

A. 

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