Dienstag, 25. März 2014

Die Schwalbe fliegt über den Eriesee

Ich bleibe dabei: Ich finde es makaber und auch irgendwie verletzend, im Wartezimmer einer psychatrisch-psychotherapeutischen Praxis Werbung für Filmvorführungsabende unter dem Titel "irre gute Filme" auszuhängen. So sehr ich mich auch anstrenge, ich kann auf die Entfernung einfach nicht lesen, was dort gezeigt wird. Aufstehen und Nachsehen kommen nicht infrage, denn jede Bewegung, jeder Riss im Stillleben Wartezimmer ist peinlich und schreit nach Aufmerksamkeit. Vielleicht sind es ja themenbezogene Filme. Fight Club? Stay? Memento? Das geheime Fenster? Silver Linings? Ich kann es nicht lesen. Silver Linings war eigentlich ziemlich okay, obwohl ich ihn vielleicht nicht unbedingt mit meinen Eltern hätte gucken müssen, da sie permanent versuchten, Parallelen zwischen mir und Bradley Coopers Charakter zu ziehen. Gott, ich tippe wie versessen diese Zeilen, weil die Frau auf dem Stuhl neben mir andauernd mit der Luft redet - und ihrem unsichtbaren Gesprächspartner Bilder aus der bescheuerten Gartenzeitschrift auf ihrem Schoß zeigt. Ich gewöhne mich nicht daran. Überall sind nur noch Wohn- und Gartenzeitschriften. Interessiert sich denn die Zielgruppe nicht mehr für Sex? Statt Lust nur noch Landlust. Ich habe nur einen Kontrolltermin. Würde eigentlich nur zehn Minuten dauern. Nur kurz: Ja, muss ja, ne? Nee, keine Nebenwirkungen. Dosis beibehalten? Ja, wegen Stress und so, wäre einfach ein mieser Zeitpunkt, aber das wär's ja immer, ne? Falsches Lachen. Und nach einem weichen Händedruck wäre ich wieder in Freiheit. Alles halb so schlimm. Wäre es. Müsste ich nur nicht Ewigkeiten in diesem verdammten Wartezimmer sitzen - und mich mit den anderen Verrückten assoziieren. Es sind erst zwölf Minuten vergangen - und ich habe schon all diese Zeilen geschrieben? Wo soll das hinführen? Säße ich zwei Stunden hier, ich würde vermutlich einen ganzen beschissenen Echtzeit-Roman schreiben. Es gibt keine Sachbücher, wenn man über sich selbst schreibt. Wäre ich ein Superheld, ich würde sagen, meine Superkraft sei der Konjunktiv. Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Bullshit.

Montag, 17. März 2014

Das Tagwerk des Imperialisten

"Vergessen Sie das mit den 30'ern! Sie werden einfach nicht an die nötigen Quellen aus dem Auswärtigen Amt herankommen. Das müssen Sie endlich begreifen. So wie ich jedoch Ihren Interessenschwerpunkt sehe, sind Sie von nun an einfach der Mann fürs Kaiserreich und die Rechtsaußen des Imperialismus. Da sollte das Hauptaugenmerk Ihrer Arbeit liegen", sagte er und sah mich prüfend an. Vermutlich wartete er auf ein Nicken oder so, irgendeine Bestätigung von mir.
Ich mag das Wort "Imperialismus". Ich mochte es schon immer. So wie "Rochade", "konspirativ" oder "Immanenz". Der Klang der Worte ist irgendwie schön; so elegant und scharfkantig. Ich bin der Imperialist. Ich bin der Imperator. Das hier ist mein Imperium. Ich sagte die Sätze in Gedanken, bis ich merkte, dass er mich prüfend ansah. Wohl, weil meine Augen meine Abwesenheit verrieten.
"Sie meinen also, ich solle mir nicht einmal die NS-Diktatur als Hintertürchen lassen, falls ich zu wenig Seiten haben sollte, weil irgendwie..."
"Nein, denn dann würden sie doch nur eine Zusammenfassung der Sekundärliteratur schreiben", unterbrach er mich genervt. Die Züge seines Gesichts sehen immer irgendwie aus, als müsste er seine Nase rümpfen, wodurch er ständig die obere Reihe seiner Zähne zeigt. Als wäre er einfach zu jeder Zeit ein kleines bisschen angeekelt von allem hier. "Was die Publizistik und die Ideengeschichte betrifft, stehen ihre Chancen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs deutlich besser. Und die Quelle, von der Sie mir erzählt haben, diese Sammlung, rücken Sie die ruhig in den Vordergrund ihrer Arbeit. Das ist nur legitim." Er strich sich mit den Fingern durch seinen Seitenscheitel.
Während er weiterredete, sah ich kurz auf meine Armbanduhr: Seit einer guten Dreiviertelstunde saß ich hier und rutschte auf dem Stuhl hin und her, während die Worte des Professors auf mich einprasselten. Eigentlich war ich nur wegen einer Unterschrift gekommen, doch nun stand scheinbar das ganze verfickte Thema meiner Abschlussarbeit zur Disposition - und das, obwohl ich schon angefangen hatte zu schreiben. Der eiskalte Wind drückte gegen die schmutzigen Fenster des überheizten Büros und ließ sie knacken und pfeifen. Es war alles so drückend grau draußen. Überall nur Dreck, schmutziger Schnee und blattlose Bäume, die sich, zu sterbenden Grimassen erstarrt, in den verhangenen Winterhimmel reckten. 
"Ja, na gut, dann machen wir das eben so. Vergessen wir das Dritte Reich", antwortete ich in einer Tonlage, die verriet, dass ich längst das Büro verlassen haben wollte.
Dann unterschrieb er, gab mir im Sitzen die Hand und wünschte mir anschließend viel Erfolg bei der Arbeit. Sollte es noch Fragen geben, könnte ich mich Ende des nächsten Monats hier wieder mit ihm treffen - oder aber versuchen, ihn einfach via E-Mail zu erreichen. "Schicken Sie gleich den Nächsten rein, ja?", sagte er, als ihm den Rücken zu drehte, meinen Schal und meine Jacke zurechtrückte und ging.

Erschöpft blickten mich die leeren Augen der wartenden Studenten an, die, dem Büro gegenüber, an der Wand standen und vermutlich seit Jahrhunderten die Türklinke in der Hoffnung angestarrt hatten, dass sie sich doch endlich würde bewegen mögen. Draußen zündete ich mir eine Zigarette an, noch ehe ich drei Atemzüge frischer Luft in meinen Lungen hatte. Es war kalt. Als ich mich so umsah, kam mir der Sommer wie eine weit entfernte Erinnerung vor. Ich konnte mir gar nicht mehr vorstellen, wie es war, im warmen Sonnenlicht zwischen den Fakultätsgebäuden umherzulaufen. Die Studenten mit Decken auf den Wiesen, das Geräusch von Fahrradklingeln und das Gelächter, das mit dem warmen Wind durch die Bäume und Mauern weht. Fremd wie ein alter Witz, dessen Pointe auf einmal nicht mehr lustig ist.

Seit diesem Tag sind einige Wochen oder Monate vergangen und der restliche Schnee des Winters schmolz eben so schnell dahin wie die Zeit, die mir noch bis zum tatsächlichen Abgabetermin bleibt. Doch nach Ewigkeiten des Aufschiebens und des Desinteresses, nach zahllosen angefangenen Romanen, verschlafenen Tagen und endlosen Partien Fifa 14 ist etwas mit mir passiert: Auf einmal macht es mir Spaß, mich im wissenschaftlichen Arbeiten zu vergraben. Noch nie war ich so engagiert wie jetzt gerade. Jeder Gedanke scheint sich um mögliche Quellen, Fußnoten und Hypothesen zukünftiger Kapitel zu drehen. Ich bin sogar extra in die Universitätsbibliothek nach Hamburg gefahren, um Mikrofilme alter Zeitungen zu studieren und anschließend zu digitalisieren, habe mir ein seltenes antisemitisches Buch für 86 € im Ausland bestellt, um nicht auf eine wichtige Quelle verzichten zu müssen, oder habe gestern bis spät in die Nacht einen französischen Aufsatz gelesen - und mein Französisch geht eigentlich nicht über ein paar Schweinereien und das Bestellen von Bier und Zigaretten hinaus. Warum konnte es nicht immer so sein? Bin ich jetzt in Akademikerland angekommen, erwachsen oder will ich einfach nur dem Leben nicht ins Gesicht sehen, wie Ruiz Zafón es geschrieben hat? Keine Zeit für solche Fragen. Doch ich wünschte, all dies hätte nicht erst drei Wochen vor der Abgabe eingesetzt.

A.

Dienstag, 11. März 2014

Das grüne Licht

Vor ein paar Tagen hat die Luft noch nach Sommer gerochen, alles war warm und lieblich und die Idioten draußen haben schon wieder damit begonnen, Skateboard zu fahren und in kurzen Hosen und Flip-Flops herumzurennen, ihre bunten Sonnenbrillen auf der Nase. Es war schön. Ich mag es, wenn die Sonne mich blendet und ich warme Luft einatme, wenn ich aus dem Hausflur hinaus ins Freie komme. Ein wenig übermotiviert habe ich diese kleinen Pflanzensamentütchen im Supermarkt gekauft. Dill, Petersilie, Basilikum, Schnittlauch und ein paar Blumen, deren Farben schön waren. Die Namen habe ich vergessen. Es hat ewig gedauert, bis ich alles in den Töpfen auf dem Balkon verstaut hatte. Naja, eigentlich habe ich die Blumenerde nicht einmal berührt. Vielmehr habe ich danebengestanden und geraucht, während sie alles eingesät hat. 

Jetzt ist die Luft wieder kalt und kein Wind weht mehr. Die Lichter von Laboe, dem Ort auf dem Ufer gegenüber, zeichnen sich deutlich auf dem Wasser ab. Es war den ganzen Tag kalt, auch wenn die Sonne genauso hell geschienen hat wie gestern und an dem Tag davor. Das ist keine Metapher, auch wenn es so klingt. Ich blase Zigarettenrauch vom Balkon in die Dunkelheit. Wenn es kühl ist, und man im Dunkeln Rauch ausatmet, sieht es immer aus, als könnte man fast Feuer speien, so viel kommt da. Drüben, auf der anderen Seite des Wassers scheint ein neues Leuchtfeuer errichtet worden zu sein: ein grünes Licht. Wie im Gatsby. Ich bilde mir das doch nicht ein! Immer wieder legt sich das grüne Licht auf das dunkle, ruhige Wasser in meine Richtung, verschwindet blitzartig und kommt wieder.

Ja, ich weiß, ich habe mich eine ganze Weile nicht gemeldet, liebes Tagebuch. Weißt Du, ich hatte mir doch vorgenommen, niemals mit der leeren Seite zu kämpfen. Außerdem ging ich mir irgendwie selbst auf den Geist. Da habe ich es dann einfach vorgezogen, ein wenig die Fresse zu halten, also im übertragenen Sinne. Das war vielleicht ein wenig selbstsüchtig und nicht ganz fair Dir gegenüber, aber so liegen die Dinge eben. Nicht nur hier. Es mag Dir jetzt wie Hohn vorkommen, aber Du hast mir gefehlt und ich musste wirklich oft an Dich denken. Aber jetzt bin ich zurück.

A.