Montag, 17. März 2014

Das Tagwerk des Imperialisten

"Vergessen Sie das mit den 30'ern! Sie werden einfach nicht an die nötigen Quellen aus dem Auswärtigen Amt herankommen. Das müssen Sie endlich begreifen. So wie ich jedoch Ihren Interessenschwerpunkt sehe, sind Sie von nun an einfach der Mann fürs Kaiserreich und die Rechtsaußen des Imperialismus. Da sollte das Hauptaugenmerk Ihrer Arbeit liegen", sagte er und sah mich prüfend an. Vermutlich wartete er auf ein Nicken oder so, irgendeine Bestätigung von mir.
Ich mag das Wort "Imperialismus". Ich mochte es schon immer. So wie "Rochade", "konspirativ" oder "Immanenz". Der Klang der Worte ist irgendwie schön; so elegant und scharfkantig. Ich bin der Imperialist. Ich bin der Imperator. Das hier ist mein Imperium. Ich sagte die Sätze in Gedanken, bis ich merkte, dass er mich prüfend ansah. Wohl, weil meine Augen meine Abwesenheit verrieten.
"Sie meinen also, ich solle mir nicht einmal die NS-Diktatur als Hintertürchen lassen, falls ich zu wenig Seiten haben sollte, weil irgendwie..."
"Nein, denn dann würden sie doch nur eine Zusammenfassung der Sekundärliteratur schreiben", unterbrach er mich genervt. Die Züge seines Gesichts sehen immer irgendwie aus, als müsste er seine Nase rümpfen, wodurch er ständig die obere Reihe seiner Zähne zeigt. Als wäre er einfach zu jeder Zeit ein kleines bisschen angeekelt von allem hier. "Was die Publizistik und die Ideengeschichte betrifft, stehen ihre Chancen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs deutlich besser. Und die Quelle, von der Sie mir erzählt haben, diese Sammlung, rücken Sie die ruhig in den Vordergrund ihrer Arbeit. Das ist nur legitim." Er strich sich mit den Fingern durch seinen Seitenscheitel.
Während er weiterredete, sah ich kurz auf meine Armbanduhr: Seit einer guten Dreiviertelstunde saß ich hier und rutschte auf dem Stuhl hin und her, während die Worte des Professors auf mich einprasselten. Eigentlich war ich nur wegen einer Unterschrift gekommen, doch nun stand scheinbar das ganze verfickte Thema meiner Abschlussarbeit zur Disposition - und das, obwohl ich schon angefangen hatte zu schreiben. Der eiskalte Wind drückte gegen die schmutzigen Fenster des überheizten Büros und ließ sie knacken und pfeifen. Es war alles so drückend grau draußen. Überall nur Dreck, schmutziger Schnee und blattlose Bäume, die sich, zu sterbenden Grimassen erstarrt, in den verhangenen Winterhimmel reckten. 
"Ja, na gut, dann machen wir das eben so. Vergessen wir das Dritte Reich", antwortete ich in einer Tonlage, die verriet, dass ich längst das Büro verlassen haben wollte.
Dann unterschrieb er, gab mir im Sitzen die Hand und wünschte mir anschließend viel Erfolg bei der Arbeit. Sollte es noch Fragen geben, könnte ich mich Ende des nächsten Monats hier wieder mit ihm treffen - oder aber versuchen, ihn einfach via E-Mail zu erreichen. "Schicken Sie gleich den Nächsten rein, ja?", sagte er, als ihm den Rücken zu drehte, meinen Schal und meine Jacke zurechtrückte und ging.

Erschöpft blickten mich die leeren Augen der wartenden Studenten an, die, dem Büro gegenüber, an der Wand standen und vermutlich seit Jahrhunderten die Türklinke in der Hoffnung angestarrt hatten, dass sie sich doch endlich würde bewegen mögen. Draußen zündete ich mir eine Zigarette an, noch ehe ich drei Atemzüge frischer Luft in meinen Lungen hatte. Es war kalt. Als ich mich so umsah, kam mir der Sommer wie eine weit entfernte Erinnerung vor. Ich konnte mir gar nicht mehr vorstellen, wie es war, im warmen Sonnenlicht zwischen den Fakultätsgebäuden umherzulaufen. Die Studenten mit Decken auf den Wiesen, das Geräusch von Fahrradklingeln und das Gelächter, das mit dem warmen Wind durch die Bäume und Mauern weht. Fremd wie ein alter Witz, dessen Pointe auf einmal nicht mehr lustig ist.

Seit diesem Tag sind einige Wochen oder Monate vergangen und der restliche Schnee des Winters schmolz eben so schnell dahin wie die Zeit, die mir noch bis zum tatsächlichen Abgabetermin bleibt. Doch nach Ewigkeiten des Aufschiebens und des Desinteresses, nach zahllosen angefangenen Romanen, verschlafenen Tagen und endlosen Partien Fifa 14 ist etwas mit mir passiert: Auf einmal macht es mir Spaß, mich im wissenschaftlichen Arbeiten zu vergraben. Noch nie war ich so engagiert wie jetzt gerade. Jeder Gedanke scheint sich um mögliche Quellen, Fußnoten und Hypothesen zukünftiger Kapitel zu drehen. Ich bin sogar extra in die Universitätsbibliothek nach Hamburg gefahren, um Mikrofilme alter Zeitungen zu studieren und anschließend zu digitalisieren, habe mir ein seltenes antisemitisches Buch für 86 € im Ausland bestellt, um nicht auf eine wichtige Quelle verzichten zu müssen, oder habe gestern bis spät in die Nacht einen französischen Aufsatz gelesen - und mein Französisch geht eigentlich nicht über ein paar Schweinereien und das Bestellen von Bier und Zigaretten hinaus. Warum konnte es nicht immer so sein? Bin ich jetzt in Akademikerland angekommen, erwachsen oder will ich einfach nur dem Leben nicht ins Gesicht sehen, wie Ruiz Zafón es geschrieben hat? Keine Zeit für solche Fragen. Doch ich wünschte, all dies hätte nicht erst drei Wochen vor der Abgabe eingesetzt.

A.

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