Mittwoch, 7. Mai 2014

Währenddessen auf der Erde

Einhundertfünfzig Euro für einen Globus? In solchen Situationen sagte meine Mutter immer: "Na das macht es doch einfach". Einhundertfünfzig, das ist die Hälfte der Summe, die im Monat auf mein Konto fließt, verdammt. Und eigentlich habe ich sowieso keinen Platz mehr auf meinem Schreibtisch. Und wer hat denn überhaupt einen Globus? Geographielehrer und Diktatoren. Die kitschige Fantasie von einem verrauchten Arbeitszimmer/Herrensalon mit Bibliothek, Chesterfield-Möbeln und Cognac muss auch allmählich beerdigt werden. Es ist kalt geworden. Kaum zu glauben, dass es die ganze Woche so heiß war. Noch während ich mich geschlagen wieder zurück in die riesige Menge der Menschen einreihe, die sich wie eine gewaltige Walze aus Lava ihren Weg durch die Innenstadt Kiels bahnt, beschließe ich, nie wieder auf diesen dämlichen Flohmarkt zu gehen. Ich war nie ein Fan von Menschenmengen, aber das ist es nicht. Diesmal nicht. Mich widert vielmehr diese kalte Souveränität an, mit der hier so viele rempelnd ihre Kinderwagen, Riesenköter und Fettbäuche durch die Straßenzüge schieben, als wäre es noch nicht unangenehm genug, ständig den Atem oder die Berührungen eines Fremden hinter sich zu spüren.
Ich puste den Zigarettenrauch meine Stirn entlang in den Himmel wie ein Spaceshuttle, nur, um nicht unhöflich zu sein. Alles ist voller Idioten, Assis und Idealisten, zu viele Gerüche und beschissene Gesprächsfetzen mischen sich, und irgendwie gibt es auch einfach nichts von Reiz an den Ständen. Studentinnen mit alten Plakaten und irgendwelchem Dekoscheiß kreuzen meinen Weg. Man kann in ihren Augen bereits die Worte "WG-Party" und "Auslandssemester" lesen. Fleischgewordene Holi-Partys und vegane Blogs. Fleischgewordene vegane Blogs. Ich komme nie wieder her. Dafür habe ich mein Bett verlassen? Meinem Gesicht muss man das ansehen können.
"Warum bist du überhaupt mitgekommen. Hast du nicht schon beim letzten Mal rumgeheult, dass alles hier scheiße ist?", sagt sie in meine Richtung, während ich am Würstchengrill anstehe und hoffe, dass sie hier einfach ganz normalen Ketchup haben und nicht wieder diese Curry-Gewürz-Scheiße.
"Hab' ich beim letzten Mal schon gesagt, dass ich nicht wieder mit will?", antworte ich. Das klingt wie eine rhetorische Frage, aber es ist mein Ernst. Ich kann mich nicht erinnern. Zum Glück verlieren die Anderen jedoch auch allmählich die Lust, weswegen ich gar nicht erst rumnerven muss.

Im Moment geht alles, was ich berühre kaputt, verwelkt oder wird krank. Das ist nur zur Hälfte eine Metapher. Sicher, irgendwann wird eine Pechsträhne zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, aber sonst waren mir Zufall und Glück mehr gewogen. Ich bin doch ein Sonntagskind! Alles hatte sich bisher immer irgendwie gefügt, ohne wirkliches Zutun. Jede Serie reißt, oder? Kaputte Handys und Kühlschränke, Dinge, die ich fallen lasse, mangelnde Achtsamkeit und beschissene Nachrichten prasseln nur so auf mich ein, ohne einen wirklichen Moment der Pause - als hätte ich irgendeine alte Zigeunerlady bestohlen, Tiere gequält oder sonst irgendwie dem Karma vor die Füße geschissen. Gott sei Dank gibt es so etwas gar nicht. Also das Karma, Schicksal und den ganzen Kram. Ich hätte im Bett bleiben sollen, schon vor Wochen. Ich sollte wieder mehr schreiben. So hinterlassen die Tage wenigstens irgendetwas - und rasen nicht einfach nur vorbei, während wir älter und hässlicher werden.

A.         

Kommentare:

  1. Meine Strategie ist dann, zu versuchen, mich an all der Hässlichkeit, Mittelmäßigkeit, Ignoranz, Flachheit, Uniformität (im schlimmsten Sinne dieses Wortes), sprich, an dieser ganzen Sch…. zu erfreuen, sie wie etwas Exotisches zu betrachten, von dem man nicht gedacht hätte, dass es auf der Welt existiert. Innerlich kann man sich immer noch mit Grausen abwenden. Schreibe, Du hast es richtig erkannt, schreibe, schreibe, schreibe, - so bleiben wenigstens Gedanken, nicht nur hohle Stunden, Tage, Wochen, ……..

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  2. da war ich auch mal.
    alles is vorbestimmt.
    und ich hab trotzdem einen globus.

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