Sonntag, 22. Juni 2014

Rasend schnell vergeht die Zeit

Rasend schnell vergeht die Zeit. Tage, Wochen, Monate fegen über mich hinweg, und nun ist tatsächlich schon wieder Sommer. Zweitausendundvierzehn. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich früher in der Schule, am Anfang einer jeden Stunde, das jeweilige Datum auf den oberen Rand der Seite meines Schnellhefters geschrieben habe - und mich dann minutenlang in dieser merkwürdigen Anordnung von Zahlen verlor, glatt so, als würde man ein geschriebenes Wort, also die Reihenfolge der Buchstaben, zu lang anstarren, bis es auf einmal völlig willkürlich und unbekannt wirkt. Ich sehe es noch vor mir: Mein Füllfederhalter kratzt die Zahlen 1-9-9-7 ins linierte oder karrierte Papier. Vier simple Zahlen und doch sagten sie so vieles aus. Ich bin elf Jahre alt. Vor vier Jahren bin ich in die Schule gekommen. Da war ich sechs, aber ich wurde sieben. Vor fast zweitausend Jahren kam irgendjemand irgendwo auf die Idee, dass es ganz praktisch wäre, von nun an zu zählen, wie die Zeit vergeht. Was war davor? Bald ist wieder Silvester, dann heißt das neue Jahr "1998". Ich werde dann 1-9-9-8 auf meine Hefterseite schreiben, und es wird sich völlig normal anfühlen. Irgendwann wird sogar eine fünfte Stelle, also eine neue Zahl, dazu kommen. Ich werde dann tot sein. Alle, die ich kenne, werden dann tot sein. Auch meine Mutter! Ich will nicht, dass meine Mutter stirbt. Ich will nicht, dass ich sterbe. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn alles schwarz ist und man nichts mehr spürt - so sehr ich mich auch anstrenge. Und doch waren es immer nur nichts als Zahlen. Vorher haben die Menschen auch gelebt, haben gegessen, gevögelt, geschlafen und sind gestorben. Sicher, es fiel ihnen vermutlich schwerer, sich dazu zu verabreden - aber, ob sie deshalb unglücklicher waren?

A.