Sonntag, 6. Juli 2014

Fingerspitzengefühle

Es ist schwül draußen, drückend warm und trotzdem feucht. Es wird gewittern - haben sie zumindest in den Nachrichten gesagt. Durch das offene Badezimmerfenster höre ich meinen Mitbewohner "Hurt" unter der Dusche singen. Irgendwo im Hof weint ein Baby, ein paar Möwen kreischen in die Leere und der laberige Typ, der mit seiner Freundin eine Etage höher wohnt, liegt auf der Wiese und streicht mit einem Marker irgendwelche Sätze in seinen Unterlagen an. Seine Freundin hat einen unaussprechlichen Namen und trägt immer diese vollgeprinteten Leggings. Aber sie hatte einen guten Arsch, glaube ich. Deswegen ist das auch nicht so schlimm. Unangenehm ist, wenn fette Frauen sich in diese Hosen zwängen, so, dass der verfickte Print einer Karte von ganz Mittelerde auf eine Arschbacke passt.

Auf tausend Meter lässt sich erahnen, dass er kein Geisteswissenschaftler ist - der stinkt nach Wirtschaftswissenschaften oder irgendwelchem anderen Quatsch, ohne Fantasie, dafür aber mit Zahlen und beruflicher Perspektive. Ich hoffe man hört der Formulierung keine bitteren Minderwertigkeitskomplexe an. "My sweetest friend...", dröhnt es aus dem Bad, dumpf und unmelodiös. Merkwürdige Songauswahl fürs Duschen. Im Haus gegenüber steht eine junge Frau am Fenster und raucht. Hier oben vergisst man leicht, dass die Anderen einen ebenfalls sehen können. Alles ist friedlich, alles ist gut.

Die Hornhaut auf meinen Fingerkuppen kehrt zurück, das merke ich, als ich mit dem Daumen über sie gleite. In all den Monaten, in denen ich meine Gitarre nicht einmal mehr aus ihrem Koffer geholt hatte, hat sich die Hornhaut auf den Fingerspitzen, die vom jahrelangen Greifen der Saiten entstanden ist, und gegen jeglichen Schmerz geschützt hat, allmählich zurückgebildet und ist fast komplett verschwunden. Nach den ersten Tagen hat es sich wieder so angefühlt wie damals in der siebten Klasse, als ich angefangen habe zu spielen, aber nun scheint alles wieder wie zuvor. Scheiße, das ist fünfzehn Jahre her. Ich weiß noch, wie eingebildet und stolz ich war, als ich zum ersten Mal mit meiner Gitarren auf dem Rücken in die Schule marschiert bin. Ein paar Freunde haben mich genervt, dass es doch gut wäre, wieder Musik zu machen, zu spielen, zu singen, wieder Songs zu schreiben und vielleicht etwas aufzunehmen. Und jetzt verstehe ich nicht, wie ich all das so lang und schleichend vernachlässigen konnte. Jede Minute schießen irgendwelche potenziellen Albentitel und Songfragmente durch meinen Kopf, ich sehe mich nach neuen Gitarren um (ich bräuchte nur noch 2000€), und ich schreibe, ich schreibe wieder. Schreibe, schreibe, schreibe. Ich finde solche Wiederholungen furchtbar, wenn ich sie lese, aber ich kann nicht anders. Ich hätte Rockstar werden sollen. Also statt gar nichts. Es fühlt sich so gut an. Beim Musikmachen in meiner wilden Jugend ging es also nie nur darum, Mädchen zu vögeln. Da ist auch eine emotionale Komponente, irgendetwas, das mich zutiefst glücklich werden lässt. Das sollte ich nicht vergessen, sondern es festhalten. Notiz an mich selbst.

Letzte Woche konnte ich meine Urkunde und mein Zeugnis abholen. Feierlich rang sich die Sachbearbeiterin im Prüfungsamt ein "Herzlichen Glückwunsch" ab, bevor sie mir meine Papiere in die Hand drückte und mich mit einer Geste aufforderte zu gehen. Kein Talar, kein scheiß Mützen-in-den-Himmel-Gewerfe. Nichts außer einem gebrummten "Herzlichen Glückwunsch" einer unfreundlichen Schlampe mit asiatischen Schriftzeichen auf den schwabbeligen Oberarmen. In dem Schreiben steht, dass man mir den akademischen Grad eines Bachelors verliehen habe. Ich ignoriere, was ich in den letzten Wochen alles Schlechtes über das mangelnde Ansehen von Uni-Absolventen nach der Bologna-Reform gelesen habe - und freue mich tatsächlich. Ja, ich freue mich. Okay, ich habe ewig gebraucht, es hat mir nie wirklich gefallen und jetzt geht der ganze Scheiß im Master auch noch dazu wieder von vorn los, aber endlich mal etwas Neues für den Lebenslauf! Wenn ich nur wüsste, wo ich meinen dämlichen Lebenslauf gespeichert habe.

Ich möchte gerne Longboards verbieten. Und Revolverheld. Und Helene Fischer. Und Tanktops mit geometrischen Figuren. Und Cro! Und Fanmeilen.

Ich melde mich wieder öfter, liebes Tagebuch.

A.

1 Kommentar:

  1. Ist Helene Fischer nicht schon verboten? Und ich liebe lakonische Beschreibungen der unmittelbaren Umwelt, der Nachbarschaft. Und nichts gegen uns Geisteswissenschaftler;
    wir erklären die Welt, an der die BWLer scheitern.

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