Montag, 7. Juli 2014

Patrik Berger hat mich zum Weinen gebracht, damals 1996

Langsam wird es dunkel über Kiel. So friedlich und ruhig meine Tage sind, so düster und aufwühlend sind meine Nächte. Jeder Traum ist Gewalt und Sex und Chaos. Ich wache auf, und alles fühlt sich taub an, mein Shirt ist durchgeschwitzt und mein Körper schmerzt, als hätte ich die ganze Nacht unter Hochspannung gestanden. Vermutlich habe ich das auch. Manche Fragmente bleiben erhalten: überlichtete Strände mit weißem Sand, Leuchttürme, die im Wind verschwimmen und Vergangenheit und Gegenwart geraten durcheinander wie ein Puzzle im Sturm. Als wollte mein Unterbewusstsein mich daran erinnern, dass nie wirklich alles in Ordnung ist, als sollte ich mich besser nicht zu unbesorgt fühlen. Etwas Dunkelheit bleibt immer zurück, ganz tief, vergraben unter all dem Schutt aus Sicherheit, Mut und Lächeln.

Nächste Woche beginnen die Ferien und es endet wieder ein Semester - ich müsste nachrechnen, um sagen zu können, das wievielte es ist. Drei Monate frei. Langsam sollte ich beginnen, für die Klausur nächste Woche zu lernen, aber irgendwie interessiert mich das noch nicht genug - bzw. macht mir zu wenig Angst. Irgendwie wird der Scheiß schon laufen, der Scheiß läuft immer irgendwie. Das sollte ich mir tätowieren lassen.

Ich kann den Fernseher nicht einschalten, weil ich diese unfassbar behinderten Vollidioten, die auf den Fanmeilen und in den Fußgängerzonen interviewt werden, nicht ertrage. Mit den Fanmeilen ist es wie mit Festivals: Ich würde mir lieber einen Finger abbeißen, als mir die Spiele mit all diesen Spastis anzusehen; ihre Gespräche und ihre Scheiße zu hören und ihre dämlichen Gesichter dabei zu sehen. Ich würde außerdem gern verbieten, dass Leute "Schina" oder "Kina" zu China sagen. Und ich mag nicht, wie Claus Kleber "Crystal Meth" sagt (bei ihm klingt es nämlich wie Christel Meff, eine Pommesbudenbesitzerin aus Bitterfeld. Fanmeilen. Das ganze Jahr über haben sie vermutlich kein einziges beschissenes Spiel gesehen, doch nun haben sie Schminke in der Fresse, ein Deutschland-Werbeshirt von Axe oder OBI an und geben Weisheiten von sich wie "Die Jungs packen das, da bin ich ganz sicher. Der Manu macht es". Die Stimmung ist so toll und endlich, ja endlich, kann man mal stolz auf sein Land sein. Und wie zuckersüß integrativ der ganze Käse auch ist, jetzt, wo die Türkei nicht qualifiziert ist. Ach, drauf geschissen. Noch nie hatte ich, während eines Turniers, so ein mieses Gefühl, und doch scheinen die Chancen auf den ersten Titel seit '96 so groß wie lange nicht mehr. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich weinend vor dem Fernseher saß, als Tschechien damals einen Elfmeter zugesprochen bekam und Patrik Berger anschließend die Führung gegen uns, gegen uns, gegen uns, Deutschland, perfekt machte. Scheußlich, auch, wenn es später, durch ein Goldenes Tor (eine abgeschaffte Regel! Ich bin alt.) ein vermeintliches Happy End gab. Ich war ein kleiner Junge. Wird 2014 nun also tatsächlich ein Jahr, von dem ich noch meinen Enkeln erzählen werde, so wie mein Großvater mir von '54 und '74 erzählte? Die Straßen seien damals wie leer gefegt gewesen, weil alle vor ihren Radios hingen. Fernseher hatte ja keiner. Mein Großvater war gerade dreizehn Jahre alt und verbrachte den Sommer bei seinem Onkel und seiner Tante auf dem Dorf, irgendwo im großen Nichts Mecklenburgs, zwischen Seen und Wäldern. "Ein Klo im Haus, das hatten die nicht, nee. Da musstest Du nachts übern Hof und das war nicht ohne, Du - da haste es ganz schön mit der Angst zu tun bekommen." Ich war nie in dem Dorf, von dem er immer erzählt hat, aber ich habe es mir vorgestellt, so als sei ich selbst in den Ferien dort gewesen: die Felder, der Geruch von geräuchertem Schinken, der in der Diele hängt, die alte lila-geblümte Schürze der Tante, Schaukelstühle und Pfeifenqualm, knarrende Dielen, Baden im See und der sachte Wind, der durch einen stillen, dunklen Wald weht, Husten nach heimlichem Rauchen, der Geschmack erster, schüchterner Küsse und der unstillbare Hunger im Herzen, wenn man die ersten Male verliebt ist - und all das im Schatten einer jugendlichen Freiheit, wie sie nur die Weite des Landes und die Abwesenheit steinerner Fassaden bieten können.

Okay, ich höre auf abzulenken und stelle mich (im Liegen) der Nacht.

A.  

 

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