Freitag, 1. August 2014

Farben eines anderen Himmels II

Tag 2:

Mein eigenes Gebrabbel weckt mich. Der Traum verschwindet vor meinen geöffneten Augen innerhalb weniger Sekunden. Irgendetwas mit einem riesigen Feuer in einem Hochhaus. Ich weiß nicht mehr, ob ich es gelegt hatte oder löschen wollte. Noch immer steht mir Schweiß auf der Stirn. Ich wühle auf dem Nachttisch nach meiner Uhr: Es ist gerade einmal kurz nach sechs. Sophie schläft tief und selig. Sie scheint irgendwie nie schlecht zu träumen. Fast bin ich neidisch darauf: Sie legt sich abends hin, schläft sofort ein und wacht nach acht Stunden heiligem Frieden einfach wieder auf, ohne irgendeine Erinnerung an das, was sie geträumt hat. Manchmal würde ich ihr diese Gabe gern für einige Zeit wegnehmen. Die Sonne muss schon seit Stunden auf das Dach des Holzhauses scheinen; die Luft steht und eigentlich ist es zu warm für Kleidung. Die ersten Schritte zeigen, ob ich mir heute trauen kann oder nicht. Vorsichtig versuche ich mich über die Dielen zu bewegen, die Treppe herunter, Stufe für Stufe zum Klo. Natürlich schaffe ich das nicht geräuschlos. Irgendwer im Haus liegt garantiert gerade wach und hört meine Schritte. Vorsichtig suche ich den Raum nach Spinnen ab, bevor ich mich auf die Klobrille setze. Ich hätte mir etwas an die Füße ziehen sollen. Wer weiß, ob mein Großvater noch im Stehen pinkelt wie früher. Er ist über siebzig, da gehen dann bestimmt ein paar Tropfen daneben. Als ich wieder oben im Zimmer bin, wacht Sophie kurz auf.
"Schlaf' weiter, es ist noch früh", sage ich leise.
"Warum bist Du auf?"
Ich sage ihr, dass ich schlecht geträumt habe, aber noch ehe ich erwähnten könnte, wovon, schläft sie schon wieder.
Normalerweise würde ich jetzt mein Handy mit ins Bett nehmen und ein paar Nachrichten lesen, ehe ich wieder einschlafe. Gewohnheiten sind so mächtig - der W-Lan-Empfang hier ist es jedoch nicht.

"Was wollen wir heute machen? Zum Leuchtturm, an den Strand oder auf den Berg steigen", sagt Sophies Stimme.
Ich habe weder mitbekommen, dass ich wieder eingeschlafen noch, dass ich wach bin. "Heute ist der erste richtige Tag, warum machen wir nicht gleich alles", antworte ich genervt. "Ich fahr' nicht an den Strand, ich bin doch kein Assi", schiebe ich noch hinter her.
"Grummel", sagt sie und pikt mit dem Zeigefinger in meine Seite.

Mein Vater ist längst schon auf See - und die anderen sind bereits in ihre Kriminalromane und Kreuzworträtsel vertieft. Ich esse wortlos mein Rührei und füge mich in mein Schicksal.
      
Ich bin zu warm angezogen, das merke ich nach wenigen Metern. Sophie fordert mich auf, doch meinen Pullover auszuziehen, aber ich entgegne ihr nur, was ich immer sage: "Wenn man sich für ein Outfit entscheidet, muss man es auch durchziehen." Ich bin manchmal echt ein Trottel. Der Staub des Weges legt sich mit jedem Schritt auf meine neuen Turnschuhe. Durch das gute Wetter sieht all das hier eher wie eine Erinnerung aus. Ich erzähle die Geschichten, die ich immer an den gleichen Stellen des Weges erzähle: "All das war früher mal ein Militärflughafen hier", "Weißt Du, ursprünglich begann hier vorne schon der Wald. Das wurde alles gerodet, wegen staatlicher Subventionen. Das Land wollte, dass die Landschaft der Halbinsel wieder ursprünglicher wird, also ohne Wälder, nur wiese, Steine und Weite", "Früher, sind wir hier zu viert auf einem Motorrad langgefahren, die Jungs und ich. Ich bin mit meiner nackten Wade gegen den heißen Auspuff gekommen", "Ungefähr hier war früher ein Bombenkrater aus dem Zweiten Weltkrieg. Und daneben stand damals noch ein Schild mit der Aufschrift 'Bombekrater'".

Der Weg zum Leuchtturm hat sich verändert. Statt über eine Weide zu laufen, und sich den Weg mit den Schafen zu teilen, gibt es jetzt einen relativ sauber angelegten Pfad. Erst, als wir endlich in den Wald kommen, zeigen mir die kryptischen Markierungen, dass ich hier schon einmal war, wenngleich ich noch immer nicht verstehe, was diese Symbole zu bedeuten haben. Ich kann darin keinen Leuchtturm erkennen.

"Erinnerst Du Dich an das letzte Mal, da mussten wir doch sogar über einen Zaun klettern, um irgendwie zum Leuchtturm zu kommen", sagt Sophie.
Ja, ich erinnere mich immer an alles. Wir lächeln uns an. Sophie wühlt in dem Rucksack auf meinem Rücken nach etwas zu trinken, und reicht mir anschließend die kalte Wasserflasche. Wie oft ich wohl schon durch diesen Wald gelaufen bin? Sicher, der Weg hat sich immer wieder geändert, aber der Wald bleibt doch gleich. Auch, wenn inzwischen das 21. Jahrhundert mit seinen eiskalten Stahlschuhen selbst die südnorwegische Pampa zertritt, denn es gibt hier jetzt sogar Hinweisschilder mit QR-Codes.

Die Bäume lichten sich ein Stück und vorbei an ein paar Himbeersträuchern gelangt man zur Wetterstation, die auf einer kleinen, steinernen Landzunge gelegen ist. Wo vor ein paar Jahren noch nach Kies und Kriegsresten gegraben wurde, ist nur noch ein kleiner rostfarbener Tümpel geblieben. Irgendwo hier in der Nähe waren auch die Reste eines alten deutschen Bunkers, in dem wir vor Jahren herumgeturnt sind.

Das letzte Stück des Weges ist immer am Schönsten. Für einen kurzen Moment spürt man nicht einmal mehr die Hitze, man verschwimmt mit dem Bild, das man von diesem Ort hatte. Die Sonnenstrahlen fallen durch die Baumreihen und es riecht Erde und Kindheit. Ich bin oft so lange angespannt, dass ich gar nicht mehr mitbekomme, dass ich es bin. Erst, wenn es dann für einen Moment nachlässt, weiß ich wieder, wie es sich anfühlen könnte. Zu unserer Linken erstreckt sich, gleich hinter der Kante des Waldes, ein großes Feld. Vor ein paar Jahren, vor einer halben Ewigkeit, lag ein anderer Alexander mit einem anderen Mädchen für Stunden in eben diesem Feld. Die Fotos von damals habe ich gelöscht und das andere Mädchen erinnert sich bestimmt nur schemenhaft - also ist es nie passiert, denn was unterscheidet schon die Erinnerungen eines Einzelnen von einer Lüge? Gesprächsfetzen von damals schallen durch meinen Kopf und alte Bilder flammen auf. Ich glaube, ich hab sie sogar auf dem Feld gevögelt. Ich verscheuche die Gedanken mit einer Zigarette, ehe ich mich an zu vieles erinnere. Wenn ich mich ein bisschen anstrenge, kann ich sogar ihre Stimme hören, wie sie meinen Namen sagt. 

"Scheiße ist das heiß, ne?", sagt Sophie, lüftet ihr Top ein wenig und holt mich zurück in die sichere Gegenwart des Jahres zweitausendvierzehn nach Christi Geburt. Je weiter wir aus dem Wald hinaus gehen, desto mehr brennt die Sonne auf uns herunter.
"Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal in die Scheiß-Arktis fahren, jetzt wo hier auch Sommer ist - und es QR-Codes gibt", sage ich und bekomme dafür ein Lächeln.

Der alte Leuchtturm scheint - bis auf die Tatsache, dass man nun Tickets kaufen soll, um ihn zu besteigen - kaum verändert. Ein paar Touristen stehen auch hier oben, in der Sonne und im Wind. Sophie legt sich auf eine kleine Bank und zieht ihr Shirt so hoch, dass sie hofft, die Sonne würde ihren Bauch bräunen. Urlaubsbräune ist eine Währung, gerade, wenn ihre Freundinnen sich unter Norwegen verschneite Berge und Bären vorstellen. Ich reiße mir den Pullover herunter und krempele auch die Ärmel meines Shirts hoch. Schweiß steht auf meiner Stirn. Am Horizont sieht man einen Frachter langsam durch das glänzende Meer ziehen. Leuchttürme verlieren nie ihre Faszination für mich. Gab es nicht mal irgendeine Maggi-Werbung oder so, in der man einen einsamen Leuchtturm zeigte, gegen dessen Mauern die stürmische See schlug? Der Leuchtturmwärter kam durchnässt vom Regen und der Gischt hinein und machte sich erst einmal eine wärmende Suppe von Maggi oder Knorr oder was auch immer. Das war gemütlich. Vielleicht spielt mir die Fanrasie da jedoch auch einen Streich. 

Der Rückweg vergeht so schnell, dass wir kaum verstehen können, wie wir so lang für die Strecke zum Leuchtturm brauchen konnten. Es wird immer heißer. In all den Jahren kann ich mich an keinen Tag erinnern, an dem es hier so warm war. Zurück beim Haus sitzt mein Großvater mit freiem Oberkörper auf der Terrasse. Sein Körper glänzt vor Schweiß in der Sonne. Obwohl er inzwischen über siebzig ist, hat er noch immer eine gewaltige Erscheinung. Er ist ein Riese, und trotz seines Bauches, lässt er erahnen, in welcher Form er einst war. Er hatte einen riesigen Berg angeschwemmtes Strandholz unten am Wasser gesammelt und den ganzen Weg zum Haus geschleppt. Aufgetürmt zu einem Stapel warten die verwitterten alten Balken nun darauf, von meinem Vater begutachtet und anschließend, in Deutschland, dann für was auch immer verbaut zu werden.
"Na Großer, was sagt der Leuchtturm?", fragt mein Opa, als wir die Terrasse betreten. Sophie geht sofort ins Haus, um sich umzuziehen und Getränke zu holen.
"Ach, alles wie immer, aber es ist so unendlich heiß", sage ich.
"Wem sagst Du das? Siehst Du den Stapel. Das war ganz schön anstrengend. Ich glaub' ja Omi und ich werden dieses Jahr nicht zum Leuchtturm - zumindest nicht, wenn es so heiß ist." Wenn meine Großeltern solche Sachen sagen, schwingt immer so etwas Endliches mit. Schon vor zehn Jahren, als wir hier waren, sagten sie am Ende, dass sie nie wieder mitkommen würden und dass es das letzte Mal war. Damals war das ein Bluff, aber Jahr um Jahr wird ihr Blick melancholischer (Gott, ich hasse das Wort), wenn sie Sachen wie diese sagen. Sicher, inzwischen sind viele ihrer Freunde gestorben - das prägt einen vermutlich. Nur wenige Dinge machen mich trauriger, als mir vorzustellen, dass einer von ihnen stirbt. Ich bin bei ihnen aufgewachsen. Wenn man sich nah ist, überraschen einen Spuren des Alters irgendwann. Veränderungen werden erst mit Abstand deutlich. Deswegen erschrickt man auch bei alten Fotos manchmal.
"Geh' aus der Sonne, du verbrennst Dich noch", sage ich und nehme einen großen Schluck kalte Cola.

Mein Vater kommt mit wenig Fisch heim. Es ist ein notgedrungenes Ritual, dass die ganze Familie sich vor seinem Kofferraum versammelt und den von der Wärme stinkenden Fisch gebührend bewundert. Dieses Mindestmaß an Aufmerksamkeit ist wichtig, damit die Stimmung nicht kippt. Das Meer sei zu warm, sagt er, deswegen würde man kaum etwas fangen. Die Fische, die er ins Boot gezogen habe, seien meistens zu klein gewesen, also habe er sie wieder ins Wasser geworfen. Die, die er mitgebracht hat, sind eigentlich auch zu klein, aber ich sage nichts. Meine Bemerkung, dass vielleicht auch hier allmählich alles überfischt wäre, übergeht er einfach und kneift seine Augen. Sein T-Shirt liegt durchgeschwitzt und zusammengeknüllt neben dem Bottich mit Fisch. Buschig und blond stehen seine Augenbrauen ab. Die Sonne bleicht ihn aus, weil er so viel draußen arbeitet.
"Erinnerst Du Dich noch an Nicklas aus Sachsen? Mit dem hast Du als Kind hier gespielt, 2000 oder so. Der kommt nachher mal lang, er will Dich nämlich unbedingt wieder sehen, bevor er und seine Verlobte morgen abreisen", berichtet mein Vater.
"Es ist so ätzend, dass immer alle angeschissen kommen müssen! Das man hier nie seine Ruhe haben kann", sagt meine Mutter, noch bevor ich irgendwie reagieren kann. "Und morgen sitzen dann seine dämlichen Eltern bei uns und wollen grillen." Nein, besonders gesellig ist meine Mutter wirklich nicht. War sie nie, aber mit den Jahren gibt sie sich auch keine Mühe mehr, so zu tun, als wäre sie es.
Sophie sieht mich an und zieht die Augenbrauen hoch, als wollte sie sagen: Tja, daher hast Du das also. Tatsächlich überbieten ich und meine Mutter uns gern in zornigen Anfeindungen irgendwelcher aufdringlichen Idioten - und große Feiern sind auch nicht unser Ding. Aber manchmal erschreckt sie mich mit ihrem Zorn, weil er so plötzlich und unvermittelt kommt. Von einem Moment auf den anderen wird sie scharfzüngig und bösartig.
"Mutti hat recht. Nur weil man sich vor vierzehn Jahren einmal über den Weg gelaufen ist, muss man sich hier doch nicht verbrüdern. Das sind verfickte Fremde. Hast Du die eingeladen?", frage ich höhnisch.
"Was seid Ihr bloß alle für negative Menschen. Er will doch bloß kurz vorbeischauen", versucht mein Vater zu beschwichtigen, aber weiß, dass er auf verlorenem Posten kämpft.
"Das kommt davon, dass Du immer jeden vollquatschen und angrinsen musst", sage ich in seine Richtung.


Danach versinke ich in den Worten David Mitchells. "Der Wolkenatlas" scheint also doch kein One-Hit-Wonder gewesen zu sein. Ich mag Coming-Of-Romane, auch wenn sie sich oft gleich anfühlen, aber ich bin auch ein wenig hängengeblieben.

"Alex, Alex", ruft meine Mutter nach oben, "Alex, Du kriegst Besuch." Sie grinst mich höhnisch an, als sie mir auf der Treppe entgegenkommt, mit einem Buch unter ihrem Arm. "Ich tue mir das nicht an. Viel Spaß. Übrigens solltest Du beim nächsten Mal Sonnencreme nehmen, Du bist glühend rot."


Dieser grässliche Akzent. Vogtland, Erzgebirge, Sachsen, furchtbar.

Aktuelle Hitlist beschissener Akzente:
1. Österreichisch (wenn es von Frauen gesprochen wird, geht es einigermaßen)
2. Sächsisch
3. Hessisch
4. Bayrisch
5. Berlinerisch

"Na, Alexander, kennst mich noch?" Und es klingt, als wäre seine Zunge gerollt und seine Lippen aus Hartgummi. Jedes Wort klingt nach einem "O", als würden die pausenlos über irgendetwas staunen. Er gibt mir die Hand, sieht zu seinem Mädchen und sagt: "Hier, der Alexander hat uns damals alle Bunker in der Gegend gezeigt."
Seine Verlobte lächelt und scheint das tatsächlich ernst zu meinen.
Natürlich erinnere ich mich an ihn. Er war ein Spacko, hatte noch zwei Freunde mit - und ich war allein in dem Jahr, drei Wochen lang. Er und seine Freunde stellten mich norwegischen Bekannten von ihnen vor. Eine Familie aus den Bergen mit einer wunderschönen, weiß-blonden Tochter, in die ich bestimmt zwei Wochen unsterblich gewesen bin, damals vor vierzehn Jahren. Ich biete den beiden nicht an, sich zu setzen.
Nicklas trägt leuchtend grüne Victory-Schuhe, von denen sich mein Blick nur schwer lösen kann. Ein angedeuteter, blond gefärbter Iro zieht sich durch seine Haare. Oh Gott, Sachsen. Wenn die beiden sich untereinander unterhalten ist es, als würden sie eine andere Sprache sprechen. Im Prinzip tun sie es ja auch. Ohne die den Rest meiner Familie, wäre das Gespräch bereits jetzt ins Stocken geraten. Man fragt nach Berufen, Beziehungen und Anzahl der Aufenthalte hier.

Es ist dämlich, aber die ganzen Stammurlauber (zumindest die deutschen) scheinen eine interne Hierarchie zu haben: Oben ist, wer öfter und länger hier war. Alle bilden sich ein, das beste und besonderste Verhältnis zu den Vermietern zu haben - und am Ende kritzeln sie bescheuerte Gedichte mit zwei norwegischen Vokabeln (vorzugsweise "Danke"-"Takk" oder "Grüße"-"Hilsen") in die Gästebücher der Ferienhäuser. Der Matthis fing' 'nen dicken Dorsch, der Wind war manchmal ziemlich forsch. Ich hatte irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich hier war, aber über zwanzig Male bin ich mit Sicherheit hier gewesen. Pah, ich erinnere mich noch an Zeiten, als hier nur ein Ferienhaus stand, ihr verdammten Greenhornes. Am Ende ist jeder Ort der Welt ein Campingplatz mit beschissenen Gartenzwergen.

Mein Vater und Nicklas unterhalten sich über die Fische, die besten Fangplätze (sagt man vielleicht eher "Fanggründe"? Nee, das klingt so indianermäßig) und anderen Kram. Nicklas gibt sich dabei als unsympathischer Profi und belehrt uns immer wieder, aber vielleicht kommt mir das auch durch den Akzent so vor. Könnte ja auch so ein regionales Sprach-Mentalitäts-Ding sein - so wie die Berliner Schnauze, wo auf die Mentalität geschoben wird, dass man unhöflich und respektlos ist. Nicklas' Verlobte (ich hatte ihren Namen nicht verstanden, wollte aber auch nicht nachfragen) starrt interessiert und mischt sich immer wieder in die Unterhaltungen ein. Offenbar findet sie Angeln auch so spitze. Das sieht man. Ihr Körper geht in Ordnung, aber ihr Gesicht ist kacke. Ich wette, sie hatte schon viele richtig gute "Kumpels" in ihrer Jugend, weil sie mit "Tussis" nie etwas anfangen konnte. Ich höre es fast aus ihrem Mund, wenn ich mich darauf konzentriere. Überhaupt sind die beiden garantiert in irgendeinem bescheuerten Verein, Zuhause in der Pampa, Freiwillige Feuerwehr in Fickenhagen, THW oder so ein Blödsinn. Ich zünde mir noch eine Zigarette an und lasse mich in den Hintergrund fallen. Die halten mich garantiert auch für einen Idioten. Seht mich an, ich bin fast achtundzwanzig, verdiene keinen Pfennig, aber studiere Philosophie und habe einen Seitenscheitel, schon im Herbst trage ich gerne Schals, benutze Worte wie "partout", schreibe traurige Songs auf meiner teuren Gitarre und ich fühle mich allen überlegen - und trotzdem zittern meine Hände. Ich würde mich auch nicht mögen. Aber vielleicht sind sie nicht so. Vielleicht freuen sie sich einfach, einen Jugendfreund (-bekannten, -fremden) wiederzusehen und interessieren sich ernsthaft für meine ganze Scheiße.
"Naja, wir werden dann mal wieder. Hoffentlich sieht man sich beim nächsten Mal eher wieder, was, Alexander?", sagt Nicklas und lacht doof.
"Genau, bis in vierzehn Jahren", antworte ich, während ich seine Hand drücke und schief lächele. "Gute Heimreise".
Dann steigen beide auf ihre Fahrräder und verschwinden im Sonnenutergang.
"Ich dachte, die gehen nie", hört man die Stimme meiner Mutter aus dem Haus.

Nachts, nachdem ich noch Ewigkeiten gelesen hatte, liege ich wach auf dem Rücken. Alles brennt und die Luft bewegt sich nicht. Es ist so still. Nur Sophies Atmen ist zu hören. Zu dieser Jahreszeit wird die Nacht nie ganz schwarz und so lassen sich auch um diese Zeit noch die Maserungen in der hölzernen Decke erkennen.

A.          

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