Montag, 4. August 2014

Farben eines anderen Himmels III

Tag 3 & 4 & 5:

"Und Du willst wirklich nicht mitkommen?"
"Nein, wirklich nicht. Ich freue mich, wenn ich meine Ruhe habe. Ich werd' mich einfach auf die Terrasse legen und lesen, bis Ihr wiederkommt. Ich bin doch wegen der Einöde hier, nicht wegen der Städte. Außerdem könnt Ihr, wenn ich nicht mitkomme, mit einem Auto fahren. Sophie will doch auch mit", sage ich mit einem Lächeln - und das ist mein Ernst. Ich war tausende Male dort (einmal sogar nachts) und in nur einer Woche möchte ich doch auf mein Höchstmaß an Abgeschiedenheit kommen. "Macht ein paar Fotos, das reicht mir", rufe ich meiner Familie hinterher, kurz bevor die Autotüren zu knallen. Und dann bin ich allein.

So viele Möglichkeiten. Ich überlege, nach oben zu gehen und meine Gitarre zu holen, aber ich bin zu faul für die Stufen. Ich könnte auch spazieren gehen, versuchen, das W-Lan zum Laufen zu bringen oder irgendetwas schreiben, mir einen runterholen oder fernsehen. Ich entscheide mich dafür, mir eine Decke auf die Wiese zu legen und zu lesen. Von Zeit zu Zeit kreischt eine Möwe über mir oder ein Auto fährt auf der entfernten Straße, ansonsten ist es so still wie in der Nacht. Trotzdem setze ich meine Kopfhörer auf und schalte so lange, bis endlich ein Song von "The National" kommt. "It's a terrible love and I'm walking with spiders", singt Matt Berninger und seine tiefe Stimme mischt sich mit dem Bass. Der Rasen sieht verbrannt aus. Seit meine Eltern ein Haus haben, machen sie sich immer über die Qualität anderer Rasen lustig. Vorher hätten sie das sicher versnobt gefunden. Mit voranschreitender Seitenzahl wird "Der dreizehnte Monat" ein wenig besser. Könnte ich hier leben? Ich meine, mag ich das Leben in der Stadt eigentlich?

Pro-Contra-Liste "Das Leben in der Stadt"

- Landschaft und Natur ist schwindend gering vertreten (und Parks sind scheiße)
+ Geschäfte (Kleidung, Buchläden, Zigaretten, Technikkram) sind vorhanden
- Viele Menschen um mich herum (zählt mindestens vierfach)
+ Öffentliche Verkehrsmittel sind vorhanden
- Öffentliche Verkehrsmittel sind eklig
+ Bars und Restaurants sind vorhanden (nur für den Fall)
- Hektik überall
+ Das Land provoziert manchmal mit seiner ruhigen Ausgeglichenheit
+ Ich brauche kein Auto
+ Anonymität
- Teure Mieten
- Kinder sollten lieber auf dem Land aufwachsen (nur für den Fall)
+ Ich hätte es scheiße gefunden, auf dem Land aufzuwachsen
+ Ich verfüge über keinerlei technische oder praktische Fähigkeiten und stehe nicht auf Tiere (zumindest nicht vom Nahen), bin also in der Stadt in relativer Sicherheit

Es ist wohl noch nicht an der Zeit.


Nach ein paar Seiten werden meine Augen schon wieder schwer, und es setzt das ein, was nur in Norwegen und im Sommer so richtig gelingt: Es ist nicht mehr wichtig, den wievielten Tag ich hier bin oder wann ich wieder fahren muss, meine Armbanduhr habe ich auf dem Nachttisch liegen lassen und Deutschland und alles außerhalb dieser kleinen Halbinsel existiert nicht mehr wirklich  - und ist nicht mehr als eine Erinnerung. Tage und Nächte verschwimmen zu einem zeitlosen Brei. Ich esse, wenn ich hungrig bin, und ich schlafe, wenn ich müde bin. Nichts ist wichtig und ich bin glücklich, lasse einfach alles an mir vorbeiziehen, und so werden aus Minuten ganze Tage, über die man keine Worte verlieren muss, weil sie schön sind.





Wenn ich abends dann die Augen schließe, ist alles gut und ich schlafe.

A.

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