Sonntag, 24. August 2014

Lotterie

So langsam neigt sich der Sommer wieder dem Ende und es beginnt die Zeit der Pullover und Jacken, der geschlossenen Fenster und gelblichen Blätter. Graue Wolken des Herbstes ziehen schwerfällig über den Himmel - und auch der Regen kehrt zurück. Allmählich werden wir vergessen, dass es hier jemals einen Sommer gegeben hat. Die Semesterferien lassen mein Zeitgefühl verschwimmen, wie jedes Jahr. Früher, zu Schulzeiten, markierte diese Grenze, bei der das Wetter langsam wieder rauer wird, auch das sich abzeichnende Ende der Sommerferien, aber nun spielt das fast keine Rolle mehr, schließlich beginnt das neue Semester erst Anfang Oktober. Der Wind rauscht über die Dächer durch die Bäume, und die Blätter des Wilden Weines im Hof glänzen vor Feuchtigkeit. Die Waschmaschine scheint unwuchtig zu sein; sie ist lauter als sonst und macht ab und an einen kleinen Sprung, so dass die Bücher auf ihr durcheinander geraten. Ich ignoriere das. Würde ich mich damit beschäftigen, müsste ich sicherlich irgendwann feststellen, dass wir eine neue Waschmaschine brauchen - und das kostet Geld. Geld, das ich lieber für andere Dinge ausgeben würde. Coole Dinge.

Im Hausflur riecht es komisch. Dass alte Menschen immer so prägnant riechen müssen! Auf jeder Etage ein anderer Geruch. Unten sitzt ein behindertes Kleinkind in einem dieser Spezialkinderwagen/rollstühle. Vor ein paar Wochen kam eine Ankündigung von der Vermieterfirma, dass Platz geschaffen werden müsse, für einen Reha-Kinderwagen. Außerdem gibt es jetzt einen Behindertenparkplatz, direkt vor dem Haus. Eigentlich hatte ich gedacht, es würde sich um alte Leute handeln, als ich das sah. Ein Fahrstuhl bietet jede Menge Komfort, wenn man nicht mehr so gut zu Fuß ist. Dann sind sie eingezogen: eine Mutter mit ihrem Kind, wie ich aufgeschnappt hatte. Ich lächele, aber ich fürchte, das Kind ist blind. "Reha-Kinderwagen", das klingt, als würde es irgendwann wieder gesund werden. So wirkt das Mädchen nicht. Sie ist vielleicht zwei Jahre alt, aber ich bin schlecht darin, so etwas einzuschätzen. Die Geburt ist eine verfickte Lotterie: Wenn sich der Vorhang öffnet, bist du entweder reich oder arm, gesund oder krank, hübsch oder hässlich, irgendwo in der Scheiß-Wüste oder in New York City, Westen, Osten, Norden, Süden. Das arme Ding. Nicht, dass die Welt für alle Gesunden nur aus Sonnenschein und Regenbögen bestehen würde, aber das ist doch mal eine beschissene Zukunftsaussicht. Ihre Schultern zucken und ihre Augen drehen sich scheinbar willkürlich. Ihre Gesichtszüge sind fein und zerbrechlich, und ihr Haar dunkel, in der Farbe von altem Holz. Ob Zukunftsmenschen mit all ihren Jetpacks und Laserschwertern noch behinderte Kinder zur Welt bringen werden? Oder ist die pränatale Diagnostik dann so ausgereift, dass diese Menschen voller Überheblichkeit auf unser Jahrhundert zurückblicken, als wäre es eine dunkle, barbarische und unzivilisierte Epoche? "Wie konnten die bloß so leben?", werden sie sagen, als wären wir völlig unfähig, die offenkundigste aller Wahrheiten zu erkennen, selbst wenn wir ihr gegenüberstünden. Wie beim Aderlass oder irgendwelchen absolutistischen, französischen Adligen, die ihre stinkenden Körper immer wieder parfümierten und puderten, statt sich zu waschen.

Auf den Treppenstufen begegne ich der Mutter. Sie ist vielleicht zwei oder drei Jahre älter als ich und ziemlich hübsch. Sie wirkt abgehetzt, aber vielleicht interpretiert das auch nur meine Oberflächlichkeit in sie hinein. Auch, wenn es nicht wirklich einen Grund dazu gibt, bin ich überrascht, dass sie so scharf ist. "Oh, hallo", sage ich und lächele. All meine Gedanken liegen in diesen zwei Worten. Zumindest, wenn "Oh" wirklich ein Wort ist. Sie lächelt nicht, sondern erwidert nur ein leeres "Hallo", als sei sie mit den Gedanken woanders - aber vermutlich ist auch das eher eine oberflächliche Überinterpretation. Wir sehen, was wir sehen wollen. Ich denke "Oh" ist eher ein Laut. Sie scheint mich gar nicht zu sehen, also mache ich ein wenig Platz auf der Treppe und gehe hinaus.

Ich träume noch immer schlecht, fast jede Nacht. Meist verbunden mit einem merkwürdigen Gefühl, das sich über Tage hält, als sei etwas Schlechtes passiert, das mir einfach nicht einfallen will, selbst, wenn ich mich anstrenge.

A.  

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