Sonntag, 14. September 2014

Fick dich, Berlin

Wieder, wieder, wieder habe ich jemanden an Berlin verloren. Irgendwann werde ich vermutlich der letzte sein, der noch hier in Kiel wohnt, während sich jeder, den ich jemals gekannt und gemocht habe, in alle Himmelsrichtungen zerstreut haben wird, weit, weit fort von hier. Und ich? Ich werde hier sein, allein mit dem Wind und dem Meer, meinen letzten Bekannten, und pathetisch in den Nebel und die grauen Wolken starren und mich selbst bemitleiden. Was finden bloß immer alle an diesen verfickten Großstädten? Immer, wenn ich in Berlin oder Hamburg bin, wird mir eines zweifelsfrei klar: Ich selbst möchte dort nicht leben. Ein Besuch ist okay, aber ein Leben? Doch schon wieder verschlägt es jemanden aus meinem Umfeld dorthin. Vielleicht sucht man sich seine Freunde doch nicht aus, weil sie einem ähnlich sind.

A.

Samstag, 13. September 2014

September September

"Now, fear is not a gentle thing although it has no fists.
It crawls down from your thoughts and ties by your skinny wrists.
Death will take your lips from you so that you cannot kiss
but fear will leave you screaming out for all the love you'll miss."
                                                              - Kyla La Grange: The River

Sie haben nicht gelogen, die Leute vom Wetterbericht: Es ist wirklich fantastisches Wetter. Ein letztes Aufbäumen des Sommers, bevor er stirbt, wie die Blätter der Bäume im Park, die langsam aber stetig ihre Farbe und mit ihr all ihre Kraft, sodass sie sich schlussendlich nicht mehr halten können und doch zu Boden fallen - wie jedes Jahr um diese Zeit. Das ist die Mechanik der Natur. Es ist September, zum achtundzwanzigsten Mal in meinem Leben.

Ich bin viel zu warm angezogen, wie immer. Eine schlechte Angewohntheit, denn eigentlich, also könnte ich wählen, ich würde immer lieber frieren als schwitzen. Schon allein, weil Kälte nicht stinkt. Ich mustere mich selbst in den Fenstern der Bushaltestelle. Irgendwann, in vielen Jahren werde ich eine Sonnenbrille finden, die nicht zu groß für meinen komischen Kopf ist. Vom schnellen Gehen steht mir ein wenig Schweiß auf der Stirn, also beruhige ich mein Tempo. Ich liege gut in der Zeit. Noch fünfzehn Minuten, bis der Bus kommt. Jetzt in den Ferien, wo viele meiner Freunde nicht da sind oder keine Zeit haben, mich durch die Gegend zu fahren, muss ich wohl oder übel auf das Nahverkehrsnetz zurückgreifen, um irgendwo hin zu gelangen. Alles, was weiter als eine Dreiviertelstunde Fußweg entfernt liegt, muss mit dem Bus zurückgelegt werden, so lautet mein heiliger Beschluss. Das Ticket ist in den Semestergebühren enthalten, also sollte ich mich wirklich nicht so anstellen. Ich muss ans andere Ende Kiels. Zu Fuß würde es fast zwei Stunden dauern.

Außer mir wartet nur noch jemand an der Haltestelle: ein dünner Typ, etwa in meinem Alter, mit einer Halbglatze. Wie aus Reflex fasse ich in meine Haare, als sich unsere Blicke treffen. Das tut mir leid. Mein Shirt klebt an meinem Rücken. Das ratternde Geräusch von Skateboardrädern auf dem Asphalt nähert sich und ein Typ, der aussieht wie Casper rollt vorbei. Diese beschissenen Longboards mit ihrem Scheißlärm. Ich werde mal ein mürrischer alter Mann. "I'm the new blue blood. I'm the great white hope", singt mein MP3-Player in meine Ohren. Ich schalte ihn aus und verstaue den Player und meine Sonnenbrille in meiner Tasche. Der Busfahrer sieht nicht einmal auf mein Ticket, als ich es ihm, ein wenig ungelenkt und beflissen wie eine Pfadfinderin, zeige. Es riecht wie in den Umkleidekabinen bei H&M an einem drückenden Sommertag. Der Bus nimmt Fahrt auf und ich stolpere in den hinteren Bereich. Es ist ein bisschen wie früher, als ich noch mit dem Bus zur Schule fahren musste - nur war alles viel kleiner; ich, der Bus und die Stadt.

Durch diese Fenster sieht die Stadt völlig anders aus. Eine ungewohnte Nebenstraße, und ich verliere völlig die Orientierung. Zuhause hatten die Busse Buchstaben, weil es einfach so wenige gab. Jetzt sitze ich in 61 - oder war es die 62? Grell fällt das Licht der Sonne in die linke Seite des Busses und lässt das Buch auf meinem Schoß wirken, als hätten seine Seiten unterschiedliche Farben. Vom Candy-Crush-Spielen während der Fahrt ist mir schlecht geworden. In der Reihe hinter mir führen zwei alte Frauen ein furchtbares Gespräch, in dem es nur darum zu gehen scheint, wer ihrer Freunde noch lebt, wer tot ist, wer von Krankheit gezeichnet das Haus nicht mehr verlässt, und um die Wahrscheinlichkeit, dass man sich nochmals sieht. Anstatt ihn hervorzuheben, verharmlost dieses Gerede den Tod fast ein wenig, glatt so, als wäre er nur ein Unwetter, dem man nicht aus dem Weg gehen könnte. In dem schwarzen Gummigelenkbereich zwischen dem vorderen und dem hinteren Bus steht ein Mädchen, deren Alter unmöglich abzuschätzen ist. Gelangweilt starrt sie auf ihr Smartphone und balanciert dabei ihr Gewicht vom einen aufs andere Bein. Sie trägt eine dieser Strumpfhosen, an deren Ende (oder Anfang?) kein Rock oder Hose folgt, sondern sich deutlich der Arsch abzeichnet. Eine solche Mode hätte mich zu Schulzeiten vermutlich den Verstand verlieren lassen. Ich hätte doch nie wieder an die Tafel gesehen. Ich musstere kurz ihren Arsch, aber dann fühle ich mich komisch, weil ich eben nicht weiß, wie alt sie ist.

Wohne ich jetzt sechs Jahre hier? Sind es mittlerweile schon sieben? Der Bus hält an einer Kreuzung und der Fotoladen an der Ecke war früher eine Bar. Ich erinnere mich noch daran, wie ein paar Kommilitonen und ich dort eines Abends saßen, irgendwann im ersten Semester. Man konnte in dem Laden, ich glaube, er hieß "Viva", sogar rauchen. Und jetzt macht dort gerade irgendein Blödmann in einem hellblauen Buisness-Hemd seine Scheißbewerbungsfotos. Mein Nacken krampft vom Versuch, irgendwie entspannt zu sitzen. Klappt super. Es ist, als würde immer und und ununterbrochen Starkstrom durch meinen Körper laufen. Ich wäre so gern entspannt. Ein dicker Mann in einer ausgeblichenen Jeansjacke hat auf dem Sitz hinter mir Platz genommen. Schon beim Vorbeigehen bemerkte ich die Wolke aus Gestank, die er hinter sich herzieht. Auf seinem Platz hinter mir angekommen, hat sie ihn eingeholt; ein Geruch von Schweiß, fremden Wohnzimmern, alter Kleidung und Hoffnungslosigkeit. Es riecht nach Husky-Postern und Dorfkneipe, nach Turnhalle und Getränkemarkt im Hochsommer. Ich drehe mich kurz, um zu überprüfen, ob er irgendwie besonders nah an meinem Nacken sitzt. Tut er nicht. Ich bin einfach eine empfindliche Pussy. Immer wieder bemerkenswert wie ich, ohne Geld und Führerschein und sonst irgendetwas, so eingebildet, versnobt und wählerisch werden konnte. Naserümpfen. Ich gehe mir selbst auf die Nerven.

Am Hauptbahnhof steigt ein Typ ein, der Brösel zum Verwechseln ähnlich sieht. Je dichter er kommt, desto sicherer bin ich, dass es sich wirklich um den "Werner"-Erfinder handelt. Ausgeblichene Jeans, ausgeblichene Jeansjacke und ein Rucksack. Ich meine, mal gehört zu haben, er sei insolvent. Er redet laut in sein Handy, setzt sich mit einer Arschbacke neben eine alte Frau und blockiert dabei so den Durchgang nach hinten, dass sich einige Rentner umständlich an ihm vorbei drücken müssen. Dämliches Arschloch. Soll ich ein Handyfoto zum Beweis machen? Nein. Die Zeit der Fotos und Autogramme wird für ihn vermutlich sowieso zu Ende sein. Naja, es sei denn, er ist auf einem Torfrock-Konzert oder so. Würde die Karriere laufen, würde er wohl kaum an irgendeinem Scheißvormittag in einem Kieler Stadtbus sitzen. Ich weiß gar nicht so sehr, warum, aber das klingt wirklich nicht nach Karriere. Ich starre ihn kurz an, ohne dabei irgendeine Regung zu zeigen, dann sehe ich wieder in mein Buch.

Die Tonbandstimme (Tonbandstimme? Ich bin ein Kind der Neunziger) sagt den Namen meiner Station. Mit erschreckendem Eifer drücke ich einen der roten Stopp-Knöpfe, damit der Bus auch wirklich hier, mitten im Nichts, hält. Das war schon früher so. Manchmal träume ich davon, dass er einfach weiterfährt.

A.