Samstag, 15. November 2014

Gravitation und gute Luft

Das neue Ryan Adams-Album ist gar nicht so gut. Die Bücher von Ruiz Zafón werden immer mieser. Und auch der neue Nolan-Film ist irgendwie mittelmäßig. "Interstellar", eine dreistündige Physikstunde. Die Optik ist zwar schön, aber kalt, trocken, und wenn man kurz aufs Klo geht, weil man im Foyer unbedingt eine große Cola kaufen musste, versteht man auf einmal nichts mehr. Ich kann Anne Hathaway und Matthew Conaughey nicht leiden. Selbst Christopher Nolan spricht davon, dass es in seinem Film viele Logikfehler gäbe - die ihm jedoch egal sein. Na wunderbar. Auf nichts ist mehr Verlass. Und gestern im Auto mochte ich aus Versehen sogar kurz ein U2-Lied, als ich noch nicht wusste, von wem es ist. Bono entwertet alles. Vier Leute saßen im Kino. Und der Tiger in der Nähe von Paris, den die Behörden seit einigen Tagen jagten, hat sich als große Katze herausgestellt. Der deutsche Astronaut, der kürzlich aus dem Weltall, von der ISS, zurückgekehrt ist, kommentierte den Umgewöhnungsprozess damit, dass die Schwerkraft ihn runterziehe. Scherzkeks.

Und jetzt bin ich krank und leide, so wie nur Männer leiden, wenn sie krank sind: Die Schonkost schmeckt mir nicht, ich weigere mich, meinen blauen Bademantel auszuziehen, es ist ständig zu heiß oder zu kalt und ich will jeden Abend eine Geschichte aus meinem Lieblingskinderbuch, "Von Sonne, Regen, Schnee und Wind", hören. Meine Ausgabe ist von 1924, weswegen man die vergilbten, brüchigen Seiten nur ganz vorsichtig umblättern kann. Ein Freund von mir wird in den nächsten Tagen Vater. Ich hatte überlegt, seinem Sohn zur Geburt auch eine Ausgabe des Buches zu kaufen. Immerhin werde ich vielleicht sogar Patenonkel. Aber ich schätze, seine Eltern wollen lieber selbst die künftigen Gute-Nacht-Geschichten ihres Kindes aussuchen - und das kann ich auch gut verstehen. Und bei all den schönen, sauberen und feinen Sachen, die dem Jungen vermutlich geschenkt und auf den Lebensweg mitgegeben werden, möchte ich nicht mit einem alten, zerfallenden Buch aus dem Antiquariat auftauchen, dessen altdeutsche Lettern von der schwedischen Mutter des Kleinen nur schwerlich entziffert werden dürften. Das würde die multilinguale Erziehung ja auf die Spitze treiben. Außerdem vergehen vermutlich fast dreißig Jahre, bis er die Geschichten zu schätzen weiß, angetrieben von Nostalgie und Erinnerungen.

Wenn ich die Geschichten höre, sehe ich wieder genau die Bilder vor meinen geschlossenen Augen, die ich schon als Kind gesehen habe, wenn ich krank im Bett lag, und meine Mutter oder meine Großmutter mit ruhiger, behutsamer Stimme vorlasen. Ich sehe die große wilde Wiese und den kleinen Bach, unten im Park. Manchmal, im Sommer, war das Fenster angekippt, sodass man abends die Wölfe im Tierpark dabei hören konnte, wie sie den aufgehenden Mond anheulten. Das hat mir mindestens genauso viel Angst gemacht, wie es mich beruhigt und mir ein Gefühl von Gemütlichkeit vermittelt hat. Die Luft in meinem Kinderzimmer war dann erfüllt von so einem duftenden Öl, dass man in einer Schale mit heißem Wasser auf die Heizung oder das Fensterbrett gestellt hat und dass nach Erkältungsbädern roch. Wir nannten das "Gute Luft".

Alles fühlt sich schwer an.

A.

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