Mittwoch, 7. Oktober 2015

Ach übrigens #2

Ellie Gouldings Musik ist in keinster Weise schön oder erträglich. Ellie Goulding ist auch nicht so hübsch, wie behauptet wird. Ellie Goulding ist scheiße!

Samstag, 26. September 2015

News

Ich schreibe einen Reisebericht. Ich habe Sonnenbrand und Mückenstiche.

A.

Freitag, 11. September 2015

Ach übrigens #1

Wusstet Ihr, dass es offensichtlich ein gesellschaftliches Tabu ist, ungeborene Kinder als "geschlechtslose Zellklumpen" zu bezeichnen? Kommt jedenfalls nicht gut an.

A.

Mittwoch, 9. September 2015

Ratschläge

Ich habe vor kurzem einen Artikel über die TV-Debatte der potenziellen republikanischen Präsidentschaftskandidaten gelesen, in dem von einem Ratschlag berichtet wurde, den Jeb Bush im Vorfeld in Bezug auf eine mögliche Konfrontation mit Donald Trump erhalten haben soll: "Ringe nie mit einem Schwein. Du wirst schmutzig und außerdem gefällt es dem Schwein." Das ist ein guter, ein wichtiger Rat. Ich habe immer große Probleme damit, nicht in den Gegenwind zu pinkeln, aber ich stehe auch nicht in der Öffentlichkeit.

Es gibt so viele zu guten Sprichworten geformte Ratschläge, die alle miteinander wahr sind. "You either die a hero or live long enough to see yourself become the villain". Dass diese Weisheit aus dem Mittelstück von Christopher Nolens Batman-Trilogie verdammt wahr ist, beweisen so viele Bands meiner Jugend mit jedem neuen Album aufs Neue. Hört Ihr das, Matthew Bellamy und Brandon Flowers? Und Beck und Juliette Lewis sind inzwischen Scientologen, verdammte Scheiße! Brian Fallon leugnet die Evolutionstheorie! Chris Martin war mal ein sympathischer Loser im Regen am Strand, und jetzt ist er dieser durchtrainierte Veganer- und Fair-Trade-Nervsack, der Songs mit Rihanna macht und ein Kind namens Apple hat. Chris Martin! Sicher, wir alle verändern uns. Wie gefährlich es ist, wenn man sich nicht verändert, zeigen Fred Durst oder Jonathan Davis, diese alten anachronistischen Millennium-Spastis. Limp Bizkit jetzt zu beobachten, ist, als würde man peinliche alte Fotos ansehen, bei denen man dann sowas sagt wie: "Scheiße, so sahen wir mal aus? Warum ist meine Zunge ständig draußen? Gott, und diese Klamotten! Zeig das bloß niemanden!"

Wir alle müssen uns verändern – doch aber nicht zwingend zum Schlechten! Ja, Tim Burton und Johnny Depp, ich gucke auch in Eure Richtung! Ach, all diese Bands waren mal gut. Ich habe zu diesen Songs getanzt, geschwitzt und gevögelt, habe mein Taschengeld für Konzerte und CDs ausgeben. Ihr seid scheiße geworden, ihr seid alle scheiße geworden. Selbst der Punkt, an dem man nach ein paar Fehltritten loyal blieb, ist vor Jahren überschritten worden. Und Dave Grohl? Naja, er bleibt Dave Grohl, aber geil ist das auch nicht, was die jetzt so machen. Vielleicht wären die selben Songs damals gut gewesen, vielleicht seid Ihr einfach Produkte Eurer Zeit, so wie ich, der es damals mochte. Aber vielleicht hat das Zitat auch recht und Ihr seid einfach satt, scheiße und eingebildet geworden. Und man nennt sein Kind nicht Apple, Du Idiot. Und Gwyneth Paltrow ging auch nicht klar! Naja, "Große Erwartungen" war ganz gut. Oder war nur der Soundtrack und das Set gut? Ach, ich relativiere schon wieder aus Loyalität und Nostalgie! Wäre Chris Martin vor "Viva la Vida" (eigentlich doch eher vor "X&Y") an einer Überdosis gestorben, er wäre für immer eine Legende und ein Patch an den schmuddeligen Rucksäcken 15-jähriger Mädchen in ihrer Rebellionsphase. Oh, es kommt gerade eine Meldung aus der Regie: Niemand hat mehr Rucksäcke mit Patches. Dann eben ein verdammtes Hintergrundbild auf dem Smartphone.

Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach so: gute Ratschläge. Nachdem ich "The Crow" gesehen hatte, bedachte ich jahrelang jeden traurigen Menschen in meiner Umgebung mit einem "Es kann nicht immer regnen" und auch "Am dunkelsten ist die Nacht vor der Dämmerung" ist fester Bestandteil meines Repertoires. Und doch meine ich, dass die besseren Ratschläge eben nicht in Catchphrases verpackt sein sollten, weil sie dann so bezugslos sind – zumindest meistens.

So sehr ich mich auch anstrenge, wenn es um die großen Ratschläge, die mir in meinem Leben gegeben wurden, geht, fällt mir nicht besonders viel ein. Vor vielen Jahren, ich war damals vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre, stand ich einmal neben meinem Vater auf unserem alten Balkon und wir sahen durch den Nebel eines miesen Tages einem Mädchen aus meiner Schulklasse hinterher, mit dem ich zuvor die Hausaufgaben für den nächsten Tag erledigt hatte. Das war keine Metapher. Ich glaube, sie hieß Jeanette. Mein Vater sah nicht zu mir rüber, aber er sagte mit fester Stimme: "Weißt du, solange du jung bist, musst du so viele Weiber wie möglich vögeln." Das war keine Metapher. Ich weiß noch, wie ich mich geschämt habe, als ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte. Alles, was aus meinem Mund gekommen wäre, schien mir deplatziert, also nickte ich einfach still und blickte weiter auf die Straße zwischen den weißen Reihenhäusern, während der dichte Nebel langsam das Licht des Tages verschluckte.

Der beste Ratschlag, den ich je bekommen habe – ich weiß nicht mehr genau, ob von meiner Mutter oder meiner Großmutter – ist jedoch: Beginne niemals einen Brief mit "Ich". Dieser Satz ist wie ein Geschenk, dass man erst auspackt, wenn man alt genug dafür ist, denn in ihm steckt weit mehr als eine aus der Zeit gefallene Faustregel für das gute Benehmen während der Nachmittagskorrespondenz der Urgroßeltern-Generation am Café-Tisch. Einen Brief nicht mit "Ich" zu beginnen, ist ein Bekenntnis dazu, immer auf den Anderen zuzugehen, es bedeutet, sich selbst nicht immer für wichtiger zu halten als den Rest der Welt, es bedeutet, höflich und respektvoll zu sein und ein wenig Abstand von den eigenen Gedanken zu gewinnen oder einfach mal die Perspektive zu wechseln, es bedeutet, ein Gespür dafür zu entwickeln, was, wann nervig ist und es bedeutet, Geduld zu haben und nicht dem erstbesten Impuls nachzujagen, es bedeutet, zuzuhören und mitfühlend zu sein, denn der Anfang eines Briefes hat so Platz, eine Frage nach dem Befinden des Gegenüber zu werden, es bedeutet schlicht, kein egozentrisches Arschloch zu sein – und das ist ein guter Rat.

Mir gelingt es nicht immer, aber ich versuche ihn zu beherzigen – und das sollten viel mehr Leute tun.

A.  

Sonntag, 30. August 2015

Der Sommer in Deutschland

Es ist eine schwierige Zeit. Nicht nur für mich, für alle. Diesen Sommer, so scheint es, ist die Welt ein ordentliches Stück schlechter geworden. Inzwischen bekommen schon Selbstverständlichkeiten Applaus und werden als "mutig" tituliert, weil die Dummen, vielleicht auch nur gefühlt, durch das Verhalten im Internet, immer zahlreicher beziehungsweise immer präsenter werden. Menschen, die nichts falsch gemacht haben, außer, dass sie auf der falschen Seite einer Grenze geboren worden sind, werden diffamiert, angefeindet und attackiert – und das von Menschen, die nichts richtig gemacht haben, außer, dass sie auf der vermeintlich richtigen Seite der Grenze geboren worden sind. 

Die Menschen glauben den etablierten Medien und Journalisten nicht mehr, sie sind skeptisch und misstrauisch, aber was in irgendeinem Podcast oder Blog gesagt wird, scheint wiederum ihr uneingeschränktes Vertrauen zu verdienen – und zwar kompromisslos. Bei all der freundschaftlichen Polemik, ein gesundes Misstrauen gegenüber allem und jedem ist sicherlich nie unangebracht. Jeder verfolgt Interessen. Cui bono über alles. Eine pauschale Dämonisierung ist jedoch das genaue Gegenteil gesunder Skepsis. Außerdem: Wenn es tatsächlich eine New World Order gibt, die so mächtig und verborgen ist, wie konnte sie es dann zulassen, von Euch Spasten entdeckt zu werden? Warum sind es immer Idioten? Bestimmt, weil ich schon so motherfucking brainwashed bin, dass ich gar nicht anders kann, als so zu denken. Das alles ist nicht neu. Der Werdegang der legendären (und doch erwiesenermaßen gefälschten) "Protokolle der Weisen von Zion" sei erwähnt. Jahrzehntelang gab es Kreise, die alle Berichte und Beweise für die Fälschung dieses vermeintlichen Zeugnisses einer jüdischen Weltverschwörung als Manöver einer politisch-motivierten und fremdgesteuerten Systempresse, wenn man so will, bezeichneten und daraufhin ignorierten. Ein Totschlagargument: Wer nicht für mich ist, wird automatisch zum Teil dessen, was ich bekämpfe. So ist die Welt einfach. Die Presse sagt, dass unsere Forderung von Vorurteilen und irrationalen Überfremdungsängsten getrieben seien, wir haben jedoch nicht das Gefühl, dass wir falsch liegen oder Idioten sind, also lügt die Presse. 

Als es um unserer aller Daten und um ein mögliches Asyl für einen Whistleblower ging, der unser Vertrauen in die Mächtigen wirklich erschütterte, hielt sich die Rage in Grenzen. Doch jetzt, wo es um die Aufnahme von Menschen geht, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, sich unfassbaren Gräuel und Gefahren aussetzen, um hier leben zu können, wird zu Fackeln, Mistgabeln und Dialekt gegriffen. Und auf einmal verstehen sich alle: die wütenden Hooligans, die rechten Parteien, die Verschwörungsidioten, die Stammtische und diejenigen, die bisher undercover mit ihrer Dummheit in geräumigen Haushalten gelebt haben. 

Woher kommt diese fehlende Demut gegenüber allem und woher dieses besoffene Gefühl, selbst für den Wohlstand und die Freiheiten in unseren Breitengraden verantwortlich zu sein und deswegen auch einfach mal entscheiden zu dürfen, wer rein darf und wer nicht, welche Religion hier praktiziert wird und welche Ehen und Tiere heilig sind? Denn wenn es um irgendwelche gequälten Hunde in der Ukraine oder Rumänien geht, dann wollen die Assis nicht nur Facebook-Milizen bilden, den dortigen Verantwortlichen den Krieg erklären, sondern auch jedes Tier retten und Heim ins Reich holen, aber bei Menschen hört eben der Spaß auf. Wie wohl das Dritte Reich mit Facebook und Twitter ausgesehen hätte? 

Mit dieser Demut meine ich nicht, dass man genügsam zusehen soll, wie sich das zwanzigste Jahrhundert wiederholt oder alles immer ein bisschen beschissener wird, nein. Es gibt sicherlich jeden Tag mehr als genug Gründe, sich aufzuregen und wütend auf irgendwen oder irgendetwas zu sein. Über Menschen, die es dort hinzieht, wo sie Verfolgung, Not, Hunger oder Unterdrückung entfliehen und wo sie glauben, ein besseres Leben erwarten zu können, sollte sich jedoch niemand beklagen, denn das ist im Verlauf der Geschichte tausendfach vorgekommen und wird immer und wieder geschehen. Das ist der Lauf der Dinge. Es wird nie überall gut sein, daran arbeiten wir ja stetig. 

Ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, eine solche Reise anzutreten, selbst wenn ich nicht wüsste, was mich hier von so vielen erwartet. Irgendwer hat mal gesagt, dass die Industrielle Revolution unser persönlicher Anfang vom Ende war. Da ist viel Wahres dran.

A.        

Montag, 10. August 2015

Morgens

Ships in the rain, I'll see you again, Ships in the rain, I'll see you again,

ich wache auf und bin geschafft. Gestern Nacht habe ich in einer Unterwasserdiktatur rebelliert. Am Ende des Traums, als das Gute gesiegt und der riesige Kubus, in dem die Menschen mitten in einem See gelebt hatten, aufgetaucht war, sagten mir die gestürzten Anführer noch, dass ich mich nicht zu freuen brauchte, denn jede Revolution würde ihre Kinder am Ende fressen. Kurz aufgewacht, pinkeln gegangen, dann konnte ich fliegen und die Menschen haben in Bäumen gelebt wie die Ewoks. Heute Nacht war es wieder die alte Sporthalle: Ich und ein paar Schulfreunde, die ich tatsächlich seit Jahren nicht gesehen habe – einer von ihnen ist inzwischen sogar schon tot (Liebeskummer und ein fahrender Zug) – zogen uns in dem kleinen Séparrée der Jungenumkleide, das damals, in der Wirklichkeit, einen immensen sozialen Aufstieg bedeute, für den Unterricht um. Ein Mädchen war auch dabei, was uns jedoch nicht irritierte. Danach spielten wir Fußball, in Dreier-Teams, mit umgekippten Sitzbänken als Tore, wie wir es tatsächlich oft taten. Als der Unterricht vorbei war, brauchte ich ewig, um mich umzuziehen und war am Ende der Letzte in der Kabine. 

Aufgewacht, Kopfschmerzen und die verfickten Cornflakes sind alle.

Guten Morgen, Nimmerland,

A.       






Mittwoch, 5. August 2015

Schiffe im Regen

Okay, ich bin vielleicht oft ein wenig zu enthusiastisch und ich übertreibe auch leicht, gerade, wenn es um Sachen geht, die ich neu entdeckt habe, aber gestern Nacht hat der Shufflemodus auf Spotify dieses Lied ausgespuckt und ich kann nicht damit aufhören, es ununterbrochen auf Repeat laufen zu lassen. Diesen Song möchte ich meinen hypothetischen Kindern vor dem Schlafen vorsingen. Ich möchte, dass dieser Song auf meiner Beerdigung in hundert Jahren gespielt wird! Es mag etwas morbide sein, Kinder (selbst wenn es noch fiktive sind) mit einem Lied über einen Ertrinkenden zum Einschlafen zu bringen, aber irgendwie hat auch dies seine Magie und irgendwie hat auch der Schlaf etwas von einer dunklen, alles verschlingenden See, genau wie der Tod. Ein großartiges Lied!

Ships in the rain, I'll see you again.

A.



Lanterns on the Lake - Ships in the Rain (The Amazing Sessions) from Amazing Radio on Vimeo.

Freitag, 24. Juli 2015

Eine andere Art von Grün

Es ist schon wieder so viel Zeit vergangen, man meint fast, der Sommer sei bereits auf dem Rückweg und die Störche fliegen in den Süden. Ich habe mich noch gar nicht ganz an die Blätter an den Bäumen gewöhnt, da fallen sie wieder. Also bald. Ich bin ein Mann des halb leeren Glasses. Veränderungen sind scheiße. Spotify hat einen neuen Grünton für sein Docksymbol (Docksymbol, mitbekommen? Ich habe ein Macbook) ausgewählt. Jetzt denke ich immer, ich sehe schräg auf den Monitor. Mittlerweile sind es schon fast drei Jahre, seit ich über das Kuckucksnest geflogen bin. Scheiße, wie lange gibt es eigentlich schon diesen/dieses Blog? Zwei Jahre, drei Jahre? Vermutlich so lange, dass diejenigen, die am Anfang mitgelesen haben, sich mittlerweile und vermutlich auch aufgrund meiner vielen Pausen nicht einmal mehr daran erinnern. Aber das ist ja auch egal. Wo war ich? Kuckucksnest, genau. Ich nerve mich. Meine nervösen Hände nerven mich. Die verordneten Entspannungsübungen nerven mich: Siebenunddreißig Minuten mit geschlossenen Augen in Körperregionen atmen. Nicht gerade das, was ich mir unter Entspannung vorstelle, aber danach schlafe ich tatsächlich besser. Und wenn ich so etwas richtig beurteilen könnte, müsste ich so einen Quatsch schließlich auch nicht machen. Mit den Tabletten komme ich klar, aber siebenunddreißig Minuten Meeresrauschen und Achtsamkeitsscheiße machen mich nervös. Doch ehe ich noch andere Pillen nehmen muss (die mich dann, Zitat, "ein wenig dumpf oder abgedämpft" werden lassen) oder mit bioenergetischem Yoga anfange, zwinge ich mich lieber zu siebenunddreißig Minuten mit geschlossenen Augen und dem Gelaber einer Tussi, die mir erzählt, dass ich mich bei Luft holen als Ganzes wahrnehmen solle.  

Ich will mich gar nicht so sehr beklagen, eigentlich bin ich ganz cool im Moment und schaffe auch das Meiste von dem, was ich mir vornehme. Das ist alles eine Frage der Ansprüche, wie alles im Leben, liebe Kinder. Und auch in Problem- und Stresssituationen bin ich einigermaßen lässig. Letzte Woche war ich bei einem Konzert in Berlin. Über dreißig Grad und zweiundzwanzigtausend Menschen. Ich war noch nie bei einem Konzert, das so viele Leute angezogen hat. Nach ungefähr fünf Stunden Gewarte, mindestens fünfhundert mitbekommenen idiotischen Unterhaltungen fremder Menschen, unzähligen ekelhaften Berührungen mit durchgeschwitzten und/oder betrunkenen und riechenden Leuten und zwei Bechern stillem Wasser im Wert von ungefähr zehn Euro, regnete es plötzlich Plastikbecher und Bier auf mich. Vielleicht bin ich nicht mehr Rock'nRoll, aber das war widerlich. Einer dieser mobilen Getränkeverkäufer hatte das Gleichgewicht verloren und mich mit den zurückgebrachten Pfandbechern und den Resten aus seinem Biertank bedeckt. Ich war ruhig, habe es zur Kenntnis genommen, bin aufgestanden und habe ihm gesagt, wie überhaupt nicht cool das war, überhaupt nicht cool. Er entschuldigte sich, bot mir ein Bier an und als er dann von einem berlinernden dicken Security-Mann, der das Ganze mitbekommen hatte, zusammengestaucht wurde, tat er mir schon wieder leid. "Ick hab dir schon hundertmal jesacht, dass de hier nich verkaufen darfst und das weeßte auch. Dit is hier'n Fluchtweg, keen Ausschank!". Er wurde dann gezwungen, sich erneut bei mir zu entschuldigen. Befremdlich und unangenehm, aber entspannt. Danach habe ich jedoch so gestunken, dass ich mich umziehen musste, mitten im Publikum – und es war noch hell! Ich gehe selbst in die Kabine, wenn ich allein auf der Herrentoilette bin. Zum Glück kostete ein Shirt beim Merchandise-Stand nur süße dreißig Euro. Und nichts davon hat mich wirklich aus der Fassung gebracht. Das ist ein Fortschritt.

Der nächste Fortschritt wird, meine alten Hobbys wieder aufzunehmen; zum Beispiel das Bloggen.

A. 

Donnerstag, 9. April 2015

Der Garten

Monate sind vergangen. Unter dem Schnee haben sich die gefallenen Blätter des letzten Herbsts zu einer braunen Schlammschicht an den Stämmen der Bäume im Garten geformt. Doch jetzt, wo es wärmer wird und die Sonnenstrahlen wieder ausreichen, um die Solarlichterkette auf meinem Balkon aufzuladen, kommt alles zum Vorschein - und lässt die erhöhten Aufwendungen für die Gärtnerei im Rahmen der diesjährigen Nebenkostenabrechnung nur noch absurder erscheinen. Als wir vor ein paar Jahren - ich glaube, mittlerweile sind es fast sieben - hier eingezogen sind, war der Innenhof noch gepflegt und umsorgt. Einmal im Monat kam eine Firma, die den Rasen vertikutierte und mähte, die den Wilden Wein an der Fassade zurechtstutzte und im Herbst die Blätter zusammenfegte und mitnahm. 

Die fette Frau, die in der Wohnung über uns lebte, kümmerte sich um das kleine Beet ganz am Ende des Gartens; sie säte dort Osterglocken und Krokusse, Tulpen und später Sonnenblumen aus - und streckte dabei der Fensterfront des Hauses ihren riesigen Arsch entgegen. Wenn man das Fenster im Sommer geöffnet hatte, konnte man sie immer schon hören, wenn sie sich auf den Weg zu ihrem Beet machte: Langsam und schwer schallte das Geräusch ihrer nackten Füße, die bei jedem Schritt ihrer Flip-Flops schnappten, durch den Innenhof. Manchmal stellten sie, ihre fetter cholerischer Mann mit dem Marine-Bürstenhaarschnitt und ihre fette Tochter, die im übrigen aussah, wie ein jüngerer Klon von ihr selbst, auch einen kleinen Tisch und Liegestühle unter dem Walnussbaum auf und grillten. Gefühlt trugen alle dabei Leggings. Das war gut, denn dann waren sie wenigstens nicht oben und hörten endlos laut irgendeine Scheißmusik oder übten Bauchtanz (zumindest glaube ich, dass sie das taten). Erst zog ihre Tochter aus, dann hörte man sie nachts streiten; sich beschimpfen und anschreien. Dann zog auch sie aus und die Musik wurde wieder lauter: Culcha Candela, Andrea Berg, Seed, unerträglich. Irgendwann lag ich abends wach im Bett und hörte, wie der Marine-Bürstenkopf ungefähr zwei Meter über mir eine Frau vögelte, die so furchtbar unauthentisch stöhnte, dass es sich nur um eine Nutte oder um eine dieser alleinstehenden Frauen, die mit Ende vierzig zu viel Make-up und enge Jeans mit 90'er-Waschungen und Nieten tragen, mit ihren "Mädels" einen Saufurlaub nach Mallorca unternehmen und so verzweifelt versuchen, sich wie zwanzigjährige Schlampen aufzuführen, dass man gar nicht mehr weiß, ob man sie verurteilen oder bemitleiden soll. Dann zog auch er aus. Das kleine Beet ist verwildert und hält die alten Grenzen, die man ihm mit kleinen Steinen gesetzt hatte, nicht mehr ein. Auch der Übergang zur Hecke ist inzwischen fließend. Und doch blühen in jedem Frühjahr die Frühlingsblumen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich es so nicht sogar lieber mag. 

In der Mitte des Gartens steht eine große steinerne Vase, in die die Hausmeisterin früher immer irgendeine Blume (vielleicht waren es Narzissen, keine Ahnung) gesetzt hat. Schon als wir einzogen, war die Hausmeisterin über siebzig. Irgendwann hörte ich abends ein fiependes Geräusch im Hausflur. Wenn man ein wenig paranoid ist und in einem Haus voller alter Leute wohnt, verlässt einen die Angst, dass das ganze Haus irgendwann niedergebrannt wird, weil irgendwer, irgendetwas im Ofen vergessen hat, nie so ganz. Schon öfters musste ich den alten Damen dabei behilflich sein, die Rauchmelder wieder abzustellen, nachdem sie ihre Frühstückseier schwarz gebraten oder eine rosa Plastikbackform für Cupcakes mitgebacken hatten, während ihre zugemölten Wohnungen mit beißend scharfem Rauch gefüllt waren. Doch das Geräusch war anders an dem Abend. In der Etage der Hausmeisterin angekommen, hörte ich, dass es sich vielmehr um das Besetztzeichen eines Telefons auf Lautsprecher handelte. Die Tür war nur angelehnt. Sie hatte die Notfalltaste ihres Telefons betätigt und rang nach Luft. Der Krankenwagen war bereits unterwegs. "Es ist nicht schön, wenn man so allein ist", hatte sie gesagt, als ich mich zu ihr ans Bett setzte und sie beruhigte. Sie hatte keine Ahnung, wer ich war. Jetzt ist sie weg, tot, und die Steinvase steht leer, aber noch immer an ihrem Platz. Früher, als ihr Mann noch lebte, Jahrzehnte, bevor ich nach Kiel kam, pflanzte er den Wilden Wein, der noch heute die Häuserwand im Hof hochrankt.

Die mürrische Frau, die in der Wohnung unter uns lebt und den Winter immer in ihrem Haus in Spanien zubringt, beobachtet noch immer jeden Tag die Stelle am Fuße des Weins, an der sie Narzissen und Rosen gepflanzt hat, mit ihrem Fernglas. Oft stehe ich auf dem Balkon darüber und rauche. Sie bemerkt mich nie. Sie scheint nicht einmal den Zigarettenqualm zu riechen. Ich bekomme immer mit, wenn sie das Fenster öffnet. Der Geruch alter Leute, der Gestank von Krankheit und der Muff alter Briefe und Bücher, dicker staubiger Teppiche und aus der Mode gekommener Möbel sind viel zu prägnant, um sie nicht wahrzunehmen. Es riecht nach dem abgelegenen Zimmertrakt der Geriatrie im Krankenhaus und nach dem Wohnzimmer meiner Urgroßmutter in den Jahren, bevor sie starb.

All die Menschen sind verschwunden, während ihre Spuren noch immer verblassen. Der Rasen ist inzwischen eher eine Wiese; so viele Töne von Grün, vieles verwachsen und nichts auf einheitlicher Länge. Wer sich gegen die Zeit stellt, wird von ihr überrannt, soviel ist sicher. Nach sieben Jahren lebe ich nun nicht mehr in einer WG. Naja, die WG lebt vielmehr nicht länger in meiner Wohnung, ich bin schon noch hier. Natürlich wohne ich auch nicht allein; ich würde sonst nach wenigen Tagen verwahrlosen, verrückt werden oder verhungern - oder alles auf einmal. Nein, aber von nun an steht nur noch ein Name auf dem Türschild - und das fühlt sich irgendwie komisch an.       

Wie gesagt, ich bin nicht gut darin, meine Versprechen einzuhalten. Das nicht gerade eine Tugend. Aber ich arbeite an mir. It ain't over 'til it's over,

A. 

Donnerstag, 1. Januar 2015

MMXV

Noch immer dröhnen ein paar Böller in der Ferne, und ab und an steigen sogar vereinzelte Raketen in den nebligen Nachthimmel auf. Eigentlich wollte ich, das hatte ich mir gestern Abend noch vorgenommen, gleich nach dem Aufstehen zum Auto gehen, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist. Vorsätze sind nichts für mich. Ich habe die Wohnung nicht verlassen. Wenn Rauchen-Gehen nicht zählt. Ab und zu habe ich mich auf den Balkon gestellt und mein Gesicht ein bisschen in den Wind gehalten. Wenn das Auto zerstört wurde, kaufen wir wenigstens ein Neues - und die Versicherung zahlt irgendetwas dazu. Seit sieben Jahren lebe ich in Kiel, zum ersten Mal habe ich Silvester hier verbracht. Flammkuchen, Sex und die Neujahrsansprache der Kanzlerin. #yolo. Das ist wohl die endgültige Aufgabe, irgendetwas Spektakuläres zum Jahreswechsel zu machen. Ich habe alles einmal durchprobiert: kleine Partys, große Partys, keine Partys, romantische Abende mit gutem Essen und alten Filmen. Nichts davon ist an die Stelle des Gefühls getreten, was Silvester früher ausgemacht hat, als Feuerwerkskörper und öliges Fondue noch Begeisterungsstürme in mir auslösten. Ich fand es so großartig, Dinge anzuzünden und in die Luft zu jagen. Und ich durfte lange aufbleiben und all die verrückten Dinge im Fernsehen sehen! Schlüpfrige Witze, die ich nicht verstand, und leicht bekleidete Tänzerinnen des Fernsehballetts. Manchmal, wenn unser Nachbar betrunken und gütig genug war oder ich einfach nur genügend genervt hatte, ließ er mich um zwölf Uhr mit seiner Pistole Leuchtmunition in den Himmel zwischen den Wohnblöcken feuern. Der Rückstoß machte mir zwar ein wenig Angst, aber der Respekt und die Vorsicht hatten auch einen gewissen Zauber, wenn die Signalrakete, langsam glühend, zu Boden sank, viel behäbiger und ruhiger als all das Geflimmer und Geflacker um sie herum.

Mittlerweile kaufe ich nicht einmal mehr Wunderkerzen. Irgendwann hat der ganze Scheiß angefangen mich zu nerven und ich hatte keine Lust mehr, mein weniges Geld für Kram auszugeben, der sich nach so kurzer Zeit in nichts als Glühen und Rauch auflöst. Da kaufe ich mir doch lieber Zigaretten. Mit der Zeit wurden Mädchen und andere Dinge weit reizvoller als das dämliche Fernsehprogramm und Fondue. Irgendwann trat außerdem der Alkohol an die Stelle von Feuerwerkskörpern, aber seit dieser auch aus meinem Leben verschwand, ist Silvester endgültig beschissen. Natürlich nicht nur wegen des Alkohols oder der Böller, sondern einfach so: Silvester ist scheiße!

Wenn nur noch der Anlass übrig bleibt, wird es immer irgendwie traurig. Das ist wie mit Geburtstagen oder Abschlüssen, Jubiläen und allem: Wenn die Begeisterung über Erreichtes, Geschenke, Zeugnisse oder was auch immer langsam verfliegt, dann bleibt nichts als die Gewissheit, dass die Zeit vergangen und verloren ist und unweigerlich, unaufhaltsam und unbeirrt voranschreitet, ohne dass wir irgendetwas dagegen tun könnten. Man muss allem etwas Positives abgewinnen! Zwinkernder Smiley. Das war nun also 2014? Trotz jeder Menge wichtiger Ereignisse verging das Jahr erneut wie ein Wimpernschlag - und es war so gut wie jedes andere. Noch fünf Jahre und wir können endlich von den 20'er-Jahren sprechen. Ich hasse diese namenlosen Jahrzehnte, mit denen wir uns seit den grässlichen Neunzigern rumärgern. Millenium am Arsch.

Frohes neues Jahr, von ganzem Herzen,

A.

P.S. Ja, ich bin scheiße, wenn es darum geht, Vorsätze einzuhalten - sei es nun zum neuen Jahr oder zu irgendeinem anderen der 364 übrigen Tage -, aber ich schwöre (bei den alten Göttern und den neuen), ich werde wieder mehr schreiben.