Donnerstag, 1. Januar 2015

MMXV

Noch immer dröhnen ein paar Böller in der Ferne, und ab und an steigen sogar vereinzelte Raketen in den nebligen Nachthimmel auf. Eigentlich wollte ich, das hatte ich mir gestern Abend noch vorgenommen, gleich nach dem Aufstehen zum Auto gehen, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist. Vorsätze sind nichts für mich. Ich habe die Wohnung nicht verlassen. Wenn Rauchen-Gehen nicht zählt. Ab und zu habe ich mich auf den Balkon gestellt und mein Gesicht ein bisschen in den Wind gehalten. Wenn das Auto zerstört wurde, kaufen wir wenigstens ein Neues - und die Versicherung zahlt irgendetwas dazu. Seit sieben Jahren lebe ich in Kiel, zum ersten Mal habe ich Silvester hier verbracht. Flammkuchen, Sex und die Neujahrsansprache der Kanzlerin. #yolo. Das ist wohl die endgültige Aufgabe, irgendetwas Spektakuläres zum Jahreswechsel zu machen. Ich habe alles einmal durchprobiert: kleine Partys, große Partys, keine Partys, romantische Abende mit gutem Essen und alten Filmen. Nichts davon ist an die Stelle des Gefühls getreten, was Silvester früher ausgemacht hat, als Feuerwerkskörper und öliges Fondue noch Begeisterungsstürme in mir auslösten. Ich fand es so großartig, Dinge anzuzünden und in die Luft zu jagen. Und ich durfte lange aufbleiben und all die verrückten Dinge im Fernsehen sehen! Schlüpfrige Witze, die ich nicht verstand, und leicht bekleidete Tänzerinnen des Fernsehballetts. Manchmal, wenn unser Nachbar betrunken und gütig genug war oder ich einfach nur genügend genervt hatte, ließ er mich um zwölf Uhr mit seiner Pistole Leuchtmunition in den Himmel zwischen den Wohnblöcken feuern. Der Rückstoß machte mir zwar ein wenig Angst, aber der Respekt und die Vorsicht hatten auch einen gewissen Zauber, wenn die Signalrakete, langsam glühend, zu Boden sank, viel behäbiger und ruhiger als all das Geflimmer und Geflacker um sie herum.

Mittlerweile kaufe ich nicht einmal mehr Wunderkerzen. Irgendwann hat der ganze Scheiß angefangen mich zu nerven und ich hatte keine Lust mehr, mein weniges Geld für Kram auszugeben, der sich nach so kurzer Zeit in nichts als Glühen und Rauch auflöst. Da kaufe ich mir doch lieber Zigaretten. Mit der Zeit wurden Mädchen und andere Dinge weit reizvoller als das dämliche Fernsehprogramm und Fondue. Irgendwann trat außerdem der Alkohol an die Stelle von Feuerwerkskörpern, aber seit dieser auch aus meinem Leben verschwand, ist Silvester endgültig beschissen. Natürlich nicht nur wegen des Alkohols oder der Böller, sondern einfach so: Silvester ist scheiße!

Wenn nur noch der Anlass übrig bleibt, wird es immer irgendwie traurig. Das ist wie mit Geburtstagen oder Abschlüssen, Jubiläen und allem: Wenn die Begeisterung über Erreichtes, Geschenke, Zeugnisse oder was auch immer langsam verfliegt, dann bleibt nichts als die Gewissheit, dass die Zeit vergangen und verloren ist und unweigerlich, unaufhaltsam und unbeirrt voranschreitet, ohne dass wir irgendetwas dagegen tun könnten. Man muss allem etwas Positives abgewinnen! Zwinkernder Smiley. Das war nun also 2014? Trotz jeder Menge wichtiger Ereignisse verging das Jahr erneut wie ein Wimpernschlag - und es war so gut wie jedes andere. Noch fünf Jahre und wir können endlich von den 20'er-Jahren sprechen. Ich hasse diese namenlosen Jahrzehnte, mit denen wir uns seit den grässlichen Neunzigern rumärgern. Millenium am Arsch.

Frohes neues Jahr, von ganzem Herzen,

A.

P.S. Ja, ich bin scheiße, wenn es darum geht, Vorsätze einzuhalten - sei es nun zum neuen Jahr oder zu irgendeinem anderen der 364 übrigen Tage -, aber ich schwöre (bei den alten Göttern und den neuen), ich werde wieder mehr schreiben.