Donnerstag, 9. April 2015

Der Garten

Monate sind vergangen. Unter dem Schnee haben sich die gefallenen Blätter des letzten Herbsts zu einer braunen Schlammschicht an den Stämmen der Bäume im Garten geformt. Doch jetzt, wo es wärmer wird und die Sonnenstrahlen wieder ausreichen, um die Solarlichterkette auf meinem Balkon aufzuladen, kommt alles zum Vorschein - und lässt die erhöhten Aufwendungen für die Gärtnerei im Rahmen der diesjährigen Nebenkostenabrechnung nur noch absurder erscheinen. Als wir vor ein paar Jahren - ich glaube, mittlerweile sind es fast sieben - hier eingezogen sind, war der Innenhof noch gepflegt und umsorgt. Einmal im Monat kam eine Firma, die den Rasen vertikutierte und mähte, die den Wilden Wein an der Fassade zurechtstutzte und im Herbst die Blätter zusammenfegte und mitnahm. 

Die fette Frau, die in der Wohnung über uns lebte, kümmerte sich um das kleine Beet ganz am Ende des Gartens; sie säte dort Osterglocken und Krokusse, Tulpen und später Sonnenblumen aus - und streckte dabei der Fensterfront des Hauses ihren riesigen Arsch entgegen. Wenn man das Fenster im Sommer geöffnet hatte, konnte man sie immer schon hören, wenn sie sich auf den Weg zu ihrem Beet machte: Langsam und schwer schallte das Geräusch ihrer nackten Füße, die bei jedem Schritt ihrer Flip-Flops schnappten, durch den Innenhof. Manchmal stellten sie, ihre fetter cholerischer Mann mit dem Marine-Bürstenhaarschnitt und ihre fette Tochter, die im übrigen aussah, wie ein jüngerer Klon von ihr selbst, auch einen kleinen Tisch und Liegestühle unter dem Walnussbaum auf und grillten. Gefühlt trugen alle dabei Leggings. Das war gut, denn dann waren sie wenigstens nicht oben und hörten endlos laut irgendeine Scheißmusik oder übten Bauchtanz (zumindest glaube ich, dass sie das taten). Erst zog ihre Tochter aus, dann hörte man sie nachts streiten; sich beschimpfen und anschreien. Dann zog auch sie aus und die Musik wurde wieder lauter: Culcha Candela, Andrea Berg, Seed, unerträglich. Irgendwann lag ich abends wach im Bett und hörte, wie der Marine-Bürstenkopf ungefähr zwei Meter über mir eine Frau vögelte, die so furchtbar unauthentisch stöhnte, dass es sich nur um eine Nutte oder um eine dieser alleinstehenden Frauen, die mit Ende vierzig zu viel Make-up und enge Jeans mit 90'er-Waschungen und Nieten tragen, mit ihren "Mädels" einen Saufurlaub nach Mallorca unternehmen und so verzweifelt versuchen, sich wie zwanzigjährige Schlampen aufzuführen, dass man gar nicht mehr weiß, ob man sie verurteilen oder bemitleiden soll. Dann zog auch er aus. Das kleine Beet ist verwildert und hält die alten Grenzen, die man ihm mit kleinen Steinen gesetzt hatte, nicht mehr ein. Auch der Übergang zur Hecke ist inzwischen fließend. Und doch blühen in jedem Frühjahr die Frühlingsblumen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich es so nicht sogar lieber mag. 

In der Mitte des Gartens steht eine große steinerne Vase, in die die Hausmeisterin früher immer irgendeine Blume (vielleicht waren es Narzissen, keine Ahnung) gesetzt hat. Schon als wir einzogen, war die Hausmeisterin über siebzig. Irgendwann hörte ich abends ein fiependes Geräusch im Hausflur. Wenn man ein wenig paranoid ist und in einem Haus voller alter Leute wohnt, verlässt einen die Angst, dass das ganze Haus irgendwann niedergebrannt wird, weil irgendwer, irgendetwas im Ofen vergessen hat, nie so ganz. Schon öfters musste ich den alten Damen dabei behilflich sein, die Rauchmelder wieder abzustellen, nachdem sie ihre Frühstückseier schwarz gebraten oder eine rosa Plastikbackform für Cupcakes mitgebacken hatten, während ihre zugemölten Wohnungen mit beißend scharfem Rauch gefüllt waren. Doch das Geräusch war anders an dem Abend. In der Etage der Hausmeisterin angekommen, hörte ich, dass es sich vielmehr um das Besetztzeichen eines Telefons auf Lautsprecher handelte. Die Tür war nur angelehnt. Sie hatte die Notfalltaste ihres Telefons betätigt und rang nach Luft. Der Krankenwagen war bereits unterwegs. "Es ist nicht schön, wenn man so allein ist", hatte sie gesagt, als ich mich zu ihr ans Bett setzte und sie beruhigte. Sie hatte keine Ahnung, wer ich war. Jetzt ist sie weg, tot, und die Steinvase steht leer, aber noch immer an ihrem Platz. Früher, als ihr Mann noch lebte, Jahrzehnte, bevor ich nach Kiel kam, pflanzte er den Wilden Wein, der noch heute die Häuserwand im Hof hochrankt.

Die mürrische Frau, die in der Wohnung unter uns lebt und den Winter immer in ihrem Haus in Spanien zubringt, beobachtet noch immer jeden Tag die Stelle am Fuße des Weins, an der sie Narzissen und Rosen gepflanzt hat, mit ihrem Fernglas. Oft stehe ich auf dem Balkon darüber und rauche. Sie bemerkt mich nie. Sie scheint nicht einmal den Zigarettenqualm zu riechen. Ich bekomme immer mit, wenn sie das Fenster öffnet. Der Geruch alter Leute, der Gestank von Krankheit und der Muff alter Briefe und Bücher, dicker staubiger Teppiche und aus der Mode gekommener Möbel sind viel zu prägnant, um sie nicht wahrzunehmen. Es riecht nach dem abgelegenen Zimmertrakt der Geriatrie im Krankenhaus und nach dem Wohnzimmer meiner Urgroßmutter in den Jahren, bevor sie starb.

All die Menschen sind verschwunden, während ihre Spuren noch immer verblassen. Der Rasen ist inzwischen eher eine Wiese; so viele Töne von Grün, vieles verwachsen und nichts auf einheitlicher Länge. Wer sich gegen die Zeit stellt, wird von ihr überrannt, soviel ist sicher. Nach sieben Jahren lebe ich nun nicht mehr in einer WG. Naja, die WG lebt vielmehr nicht länger in meiner Wohnung, ich bin schon noch hier. Natürlich wohne ich auch nicht allein; ich würde sonst nach wenigen Tagen verwahrlosen, verrückt werden oder verhungern - oder alles auf einmal. Nein, aber von nun an steht nur noch ein Name auf dem Türschild - und das fühlt sich irgendwie komisch an.       

Wie gesagt, ich bin nicht gut darin, meine Versprechen einzuhalten. Das nicht gerade eine Tugend. Aber ich arbeite an mir. It ain't over 'til it's over,

A.