Freitag, 24. Juli 2015

Eine andere Art von Grün

Es ist schon wieder so viel Zeit vergangen, man meint fast, der Sommer sei bereits auf dem Rückweg und die Störche fliegen in den Süden. Ich habe mich noch gar nicht ganz an die Blätter an den Bäumen gewöhnt, da fallen sie wieder. Also bald. Ich bin ein Mann des halb leeren Glasses. Veränderungen sind scheiße. Spotify hat einen neuen Grünton für sein Docksymbol (Docksymbol, mitbekommen? Ich habe ein Macbook) ausgewählt. Jetzt denke ich immer, ich sehe schräg auf den Monitor. Mittlerweile sind es schon fast drei Jahre, seit ich über das Kuckucksnest geflogen bin. Scheiße, wie lange gibt es eigentlich schon diesen/dieses Blog? Zwei Jahre, drei Jahre? Vermutlich so lange, dass diejenigen, die am Anfang mitgelesen haben, sich mittlerweile und vermutlich auch aufgrund meiner vielen Pausen nicht einmal mehr daran erinnern. Aber das ist ja auch egal. Wo war ich? Kuckucksnest, genau. Ich nerve mich. Meine nervösen Hände nerven mich. Die verordneten Entspannungsübungen nerven mich: Siebenunddreißig Minuten mit geschlossenen Augen in Körperregionen atmen. Nicht gerade das, was ich mir unter Entspannung vorstelle, aber danach schlafe ich tatsächlich besser. Und wenn ich so etwas richtig beurteilen könnte, müsste ich so einen Quatsch schließlich auch nicht machen. Mit den Tabletten komme ich klar, aber siebenunddreißig Minuten Meeresrauschen und Achtsamkeitsscheiße machen mich nervös. Doch ehe ich noch andere Pillen nehmen muss (die mich dann, Zitat, "ein wenig dumpf oder abgedämpft" werden lassen) oder mit bioenergetischem Yoga anfange, zwinge ich mich lieber zu siebenunddreißig Minuten mit geschlossenen Augen und dem Gelaber einer Tussi, die mir erzählt, dass ich mich bei Luft holen als Ganzes wahrnehmen solle.  

Ich will mich gar nicht so sehr beklagen, eigentlich bin ich ganz cool im Moment und schaffe auch das Meiste von dem, was ich mir vornehme. Das ist alles eine Frage der Ansprüche, wie alles im Leben, liebe Kinder. Und auch in Problem- und Stresssituationen bin ich einigermaßen lässig. Letzte Woche war ich bei einem Konzert in Berlin. Über dreißig Grad und zweiundzwanzigtausend Menschen. Ich war noch nie bei einem Konzert, das so viele Leute angezogen hat. Nach ungefähr fünf Stunden Gewarte, mindestens fünfhundert mitbekommenen idiotischen Unterhaltungen fremder Menschen, unzähligen ekelhaften Berührungen mit durchgeschwitzten und/oder betrunkenen und riechenden Leuten und zwei Bechern stillem Wasser im Wert von ungefähr zehn Euro, regnete es plötzlich Plastikbecher und Bier auf mich. Vielleicht bin ich nicht mehr Rock'nRoll, aber das war widerlich. Einer dieser mobilen Getränkeverkäufer hatte das Gleichgewicht verloren und mich mit den zurückgebrachten Pfandbechern und den Resten aus seinem Biertank bedeckt. Ich war ruhig, habe es zur Kenntnis genommen, bin aufgestanden und habe ihm gesagt, wie überhaupt nicht cool das war, überhaupt nicht cool. Er entschuldigte sich, bot mir ein Bier an und als er dann von einem berlinernden dicken Security-Mann, der das Ganze mitbekommen hatte, zusammengestaucht wurde, tat er mir schon wieder leid. "Ick hab dir schon hundertmal jesacht, dass de hier nich verkaufen darfst und das weeßte auch. Dit is hier'n Fluchtweg, keen Ausschank!". Er wurde dann gezwungen, sich erneut bei mir zu entschuldigen. Befremdlich und unangenehm, aber entspannt. Danach habe ich jedoch so gestunken, dass ich mich umziehen musste, mitten im Publikum – und es war noch hell! Ich gehe selbst in die Kabine, wenn ich allein auf der Herrentoilette bin. Zum Glück kostete ein Shirt beim Merchandise-Stand nur süße dreißig Euro. Und nichts davon hat mich wirklich aus der Fassung gebracht. Das ist ein Fortschritt.

Der nächste Fortschritt wird, meine alten Hobbys wieder aufzunehmen; zum Beispiel das Bloggen.

A.