Sonntag, 30. August 2015

Der Sommer in Deutschland

Es ist eine schwierige Zeit. Nicht nur für mich, für alle. Diesen Sommer, so scheint es, ist die Welt ein ordentliches Stück schlechter geworden. Inzwischen bekommen schon Selbstverständlichkeiten Applaus und werden als "mutig" tituliert, weil die Dummen, vielleicht auch nur gefühlt, durch das Verhalten im Internet, immer zahlreicher beziehungsweise immer präsenter werden. Menschen, die nichts falsch gemacht haben, außer, dass sie auf der falschen Seite einer Grenze geboren worden sind, werden diffamiert, angefeindet und attackiert – und das von Menschen, die nichts richtig gemacht haben, außer, dass sie auf der vermeintlich richtigen Seite der Grenze geboren worden sind. 

Die Menschen glauben den etablierten Medien und Journalisten nicht mehr, sie sind skeptisch und misstrauisch, aber was in irgendeinem Podcast oder Blog gesagt wird, scheint wiederum ihr uneingeschränktes Vertrauen zu verdienen – und zwar kompromisslos. Bei all der freundschaftlichen Polemik, ein gesundes Misstrauen gegenüber allem und jedem ist sicherlich nie unangebracht. Jeder verfolgt Interessen. Cui bono über alles. Eine pauschale Dämonisierung ist jedoch das genaue Gegenteil gesunder Skepsis. Außerdem: Wenn es tatsächlich eine New World Order gibt, die so mächtig und verborgen ist, wie konnte sie es dann zulassen, von Euch Spasten entdeckt zu werden? Warum sind es immer Idioten? Bestimmt, weil ich schon so motherfucking brainwashed bin, dass ich gar nicht anders kann, als so zu denken. Das alles ist nicht neu. Der Werdegang der legendären (und doch erwiesenermaßen gefälschten) "Protokolle der Weisen von Zion" sei erwähnt. Jahrzehntelang gab es Kreise, die alle Berichte und Beweise für die Fälschung dieses vermeintlichen Zeugnisses einer jüdischen Weltverschwörung als Manöver einer politisch-motivierten und fremdgesteuerten Systempresse, wenn man so will, bezeichneten und daraufhin ignorierten. Ein Totschlagargument: Wer nicht für mich ist, wird automatisch zum Teil dessen, was ich bekämpfe. So ist die Welt einfach. Die Presse sagt, dass unsere Forderung von Vorurteilen und irrationalen Überfremdungsängsten getrieben seien, wir haben jedoch nicht das Gefühl, dass wir falsch liegen oder Idioten sind, also lügt die Presse. 

Als es um unserer aller Daten und um ein mögliches Asyl für einen Whistleblower ging, der unser Vertrauen in die Mächtigen wirklich erschütterte, hielt sich die Rage in Grenzen. Doch jetzt, wo es um die Aufnahme von Menschen geht, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, sich unfassbaren Gräuel und Gefahren aussetzen, um hier leben zu können, wird zu Fackeln, Mistgabeln und Dialekt gegriffen. Und auf einmal verstehen sich alle: die wütenden Hooligans, die rechten Parteien, die Verschwörungsidioten, die Stammtische und diejenigen, die bisher undercover mit ihrer Dummheit in geräumigen Haushalten gelebt haben. 

Woher kommt diese fehlende Demut gegenüber allem und woher dieses besoffene Gefühl, selbst für den Wohlstand und die Freiheiten in unseren Breitengraden verantwortlich zu sein und deswegen auch einfach mal entscheiden zu dürfen, wer rein darf und wer nicht, welche Religion hier praktiziert wird und welche Ehen und Tiere heilig sind? Denn wenn es um irgendwelche gequälten Hunde in der Ukraine oder Rumänien geht, dann wollen die Assis nicht nur Facebook-Milizen bilden, den dortigen Verantwortlichen den Krieg erklären, sondern auch jedes Tier retten und Heim ins Reich holen, aber bei Menschen hört eben der Spaß auf. Wie wohl das Dritte Reich mit Facebook und Twitter ausgesehen hätte? 

Mit dieser Demut meine ich nicht, dass man genügsam zusehen soll, wie sich das zwanzigste Jahrhundert wiederholt oder alles immer ein bisschen beschissener wird, nein. Es gibt sicherlich jeden Tag mehr als genug Gründe, sich aufzuregen und wütend auf irgendwen oder irgendetwas zu sein. Über Menschen, die es dort hinzieht, wo sie Verfolgung, Not, Hunger oder Unterdrückung entfliehen und wo sie glauben, ein besseres Leben erwarten zu können, sollte sich jedoch niemand beklagen, denn das ist im Verlauf der Geschichte tausendfach vorgekommen und wird immer und wieder geschehen. Das ist der Lauf der Dinge. Es wird nie überall gut sein, daran arbeiten wir ja stetig. 

Ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, eine solche Reise anzutreten, selbst wenn ich nicht wüsste, was mich hier von so vielen erwartet. Irgendwer hat mal gesagt, dass die Industrielle Revolution unser persönlicher Anfang vom Ende war. Da ist viel Wahres dran.

A.        

Montag, 10. August 2015

Morgens

Ships in the rain, I'll see you again, Ships in the rain, I'll see you again,

ich wache auf und bin geschafft. Gestern Nacht habe ich in einer Unterwasserdiktatur rebelliert. Am Ende des Traums, als das Gute gesiegt und der riesige Kubus, in dem die Menschen mitten in einem See gelebt hatten, aufgetaucht war, sagten mir die gestürzten Anführer noch, dass ich mich nicht zu freuen brauchte, denn jede Revolution würde ihre Kinder am Ende fressen. Kurz aufgewacht, pinkeln gegangen, dann konnte ich fliegen und die Menschen haben in Bäumen gelebt wie die Ewoks. Heute Nacht war es wieder die alte Sporthalle: Ich und ein paar Schulfreunde, die ich tatsächlich seit Jahren nicht gesehen habe – einer von ihnen ist inzwischen sogar schon tot (Liebeskummer und ein fahrender Zug) – zogen uns in dem kleinen Séparrée der Jungenumkleide, das damals, in der Wirklichkeit, einen immensen sozialen Aufstieg bedeute, für den Unterricht um. Ein Mädchen war auch dabei, was uns jedoch nicht irritierte. Danach spielten wir Fußball, in Dreier-Teams, mit umgekippten Sitzbänken als Tore, wie wir es tatsächlich oft taten. Als der Unterricht vorbei war, brauchte ich ewig, um mich umzuziehen und war am Ende der Letzte in der Kabine. 

Aufgewacht, Kopfschmerzen und die verfickten Cornflakes sind alle.

Guten Morgen, Nimmerland,

A.       






Mittwoch, 5. August 2015

Schiffe im Regen

Okay, ich bin vielleicht oft ein wenig zu enthusiastisch und ich übertreibe auch leicht, gerade, wenn es um Sachen geht, die ich neu entdeckt habe, aber gestern Nacht hat der Shufflemodus auf Spotify dieses Lied ausgespuckt und ich kann nicht damit aufhören, es ununterbrochen auf Repeat laufen zu lassen. Diesen Song möchte ich meinen hypothetischen Kindern vor dem Schlafen vorsingen. Ich möchte, dass dieser Song auf meiner Beerdigung in hundert Jahren gespielt wird! Es mag etwas morbide sein, Kinder (selbst wenn es noch fiktive sind) mit einem Lied über einen Ertrinkenden zum Einschlafen zu bringen, aber irgendwie hat auch dies seine Magie und irgendwie hat auch der Schlaf etwas von einer dunklen, alles verschlingenden See, genau wie der Tod. Ein großartiges Lied!

Ships in the rain, I'll see you again.

A.



Lanterns on the Lake - Ships in the Rain (The Amazing Sessions) from Amazing Radio on Vimeo.