Mittwoch, 9. September 2015

Ratschläge

Ich habe vor kurzem einen Artikel über die TV-Debatte der potenziellen republikanischen Präsidentschaftskandidaten gelesen, in dem von einem Ratschlag berichtet wurde, den Jeb Bush im Vorfeld in Bezug auf eine mögliche Konfrontation mit Donald Trump erhalten haben soll: "Ringe nie mit einem Schwein. Du wirst schmutzig und außerdem gefällt es dem Schwein." Das ist ein guter, ein wichtiger Rat. Ich habe immer große Probleme damit, nicht in den Gegenwind zu pinkeln, aber ich stehe auch nicht in der Öffentlichkeit.

Es gibt so viele zu guten Sprichworten geformte Ratschläge, die alle miteinander wahr sind. "You either die a hero or live long enough to see yourself become the villain". Dass diese Weisheit aus dem Mittelstück von Christopher Nolens Batman-Trilogie verdammt wahr ist, beweisen so viele Bands meiner Jugend mit jedem neuen Album aufs Neue. Hört Ihr das, Matthew Bellamy und Brandon Flowers? Und Beck und Juliette Lewis sind inzwischen Scientologen, verdammte Scheiße! Brian Fallon leugnet die Evolutionstheorie! Chris Martin war mal ein sympathischer Loser im Regen am Strand, und jetzt ist er dieser durchtrainierte Veganer- und Fair-Trade-Nervsack, der Songs mit Rihanna macht und ein Kind namens Apple hat. Chris Martin! Sicher, wir alle verändern uns. Wie gefährlich es ist, wenn man sich nicht verändert, zeigen Fred Durst oder Jonathan Davis, diese alten anachronistischen Millennium-Spastis. Limp Bizkit jetzt zu beobachten, ist, als würde man peinliche alte Fotos ansehen, bei denen man dann sowas sagt wie: "Scheiße, so sahen wir mal aus? Warum ist meine Zunge ständig draußen? Gott, und diese Klamotten! Zeig das bloß niemanden!"

Wir alle müssen uns verändern – doch aber nicht zwingend zum Schlechten! Ja, Tim Burton und Johnny Depp, ich gucke auch in Eure Richtung! Ach, all diese Bands waren mal gut. Ich habe zu diesen Songs getanzt, geschwitzt und gevögelt, habe mein Taschengeld für Konzerte und CDs ausgeben. Ihr seid scheiße geworden, ihr seid alle scheiße geworden. Selbst der Punkt, an dem man nach ein paar Fehltritten loyal blieb, ist vor Jahren überschritten worden. Und Dave Grohl? Naja, er bleibt Dave Grohl, aber geil ist das auch nicht, was die jetzt so machen. Vielleicht wären die selben Songs damals gut gewesen, vielleicht seid Ihr einfach Produkte Eurer Zeit, so wie ich, der es damals mochte. Aber vielleicht hat das Zitat auch recht und Ihr seid einfach satt, scheiße und eingebildet geworden. Und man nennt sein Kind nicht Apple, Du Idiot. Und Gwyneth Paltrow ging auch nicht klar! Naja, "Große Erwartungen" war ganz gut. Oder war nur der Soundtrack und das Set gut? Ach, ich relativiere schon wieder aus Loyalität und Nostalgie! Wäre Chris Martin vor "Viva la Vida" (eigentlich doch eher vor "X&Y") an einer Überdosis gestorben, er wäre für immer eine Legende und ein Patch an den schmuddeligen Rucksäcken 15-jähriger Mädchen in ihrer Rebellionsphase. Oh, es kommt gerade eine Meldung aus der Regie: Niemand hat mehr Rucksäcke mit Patches. Dann eben ein verdammtes Hintergrundbild auf dem Smartphone.

Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach so: gute Ratschläge. Nachdem ich "The Crow" gesehen hatte, bedachte ich jahrelang jeden traurigen Menschen in meiner Umgebung mit einem "Es kann nicht immer regnen" und auch "Am dunkelsten ist die Nacht vor der Dämmerung" ist fester Bestandteil meines Repertoires. Und doch meine ich, dass die besseren Ratschläge eben nicht in Catchphrases verpackt sein sollten, weil sie dann so bezugslos sind – zumindest meistens.

So sehr ich mich auch anstrenge, wenn es um die großen Ratschläge, die mir in meinem Leben gegeben wurden, geht, fällt mir nicht besonders viel ein. Vor vielen Jahren, ich war damals vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre, stand ich einmal neben meinem Vater auf unserem alten Balkon und wir sahen durch den Nebel eines miesen Tages einem Mädchen aus meiner Schulklasse hinterher, mit dem ich zuvor die Hausaufgaben für den nächsten Tag erledigt hatte. Das war keine Metapher. Ich glaube, sie hieß Jeanette. Mein Vater sah nicht zu mir rüber, aber er sagte mit fester Stimme: "Weißt du, solange du jung bist, musst du so viele Weiber wie möglich vögeln." Das war keine Metapher. Ich weiß noch, wie ich mich geschämt habe, als ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte. Alles, was aus meinem Mund gekommen wäre, schien mir deplatziert, also nickte ich einfach still und blickte weiter auf die Straße zwischen den weißen Reihenhäusern, während der dichte Nebel langsam das Licht des Tages verschluckte.

Der beste Ratschlag, den ich je bekommen habe – ich weiß nicht mehr genau, ob von meiner Mutter oder meiner Großmutter – ist jedoch: Beginne niemals einen Brief mit "Ich". Dieser Satz ist wie ein Geschenk, dass man erst auspackt, wenn man alt genug dafür ist, denn in ihm steckt weit mehr als eine aus der Zeit gefallene Faustregel für das gute Benehmen während der Nachmittagskorrespondenz der Urgroßeltern-Generation am Café-Tisch. Einen Brief nicht mit "Ich" zu beginnen, ist ein Bekenntnis dazu, immer auf den Anderen zuzugehen, es bedeutet, sich selbst nicht immer für wichtiger zu halten als den Rest der Welt, es bedeutet, höflich und respektvoll zu sein und ein wenig Abstand von den eigenen Gedanken zu gewinnen oder einfach mal die Perspektive zu wechseln, es bedeutet, ein Gespür dafür zu entwickeln, was, wann nervig ist und es bedeutet, Geduld zu haben und nicht dem erstbesten Impuls nachzujagen, es bedeutet, zuzuhören und mitfühlend zu sein, denn der Anfang eines Briefes hat so Platz, eine Frage nach dem Befinden des Gegenüber zu werden, es bedeutet schlicht, kein egozentrisches Arschloch zu sein – und das ist ein guter Rat.

Mir gelingt es nicht immer, aber ich versuche ihn zu beherzigen – und das sollten viel mehr Leute tun.

A.  

1 Kommentar:

  1. Ja, und es liesse sich noch soviel dazu schreiben. Ein guter Text, der mich anspricht, mir gefällt, in dem ich mich wiederfinde. Mehr davon.

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