Farben eines anderen Himmels: Reisebericht

"Zander, Aufwachen!"
Ich höre die Worte, kann sie aber nicht zu etwas Sinnvollem zusammensetzen. Aus der Ferne dringen sie in die Dunkelheit.
"Dein Wecker, Zander, mach' ihn aus, los jetzt." Eine Hand tätschelt meine Schulter. 
Ihre Stimme hätte ich problemlos in meine Träume und den Schlaf mit einbauen können, aber bei Berührungen geht das nicht. Wecker, ich hatte gar keinen gehört. Und "Zander", so nennt mich nur noch ein entfernter Onkel, ansonsten war dieser Spitzname eigentlich ausgestorben, einfach von der Zeit davongewischt. Als ich zu sprechen begann, fiel es mir schwer, meinen Namen zu sagen - das "X" in "Alexander" war nicht leicht - und so sagte ich einfach "Zander" oder vielmehr "Zanner", bis ich es dann besser wusste. Das hat sie irgendwann aufgeschnappt. Vermutlich, als meine Mutter ihr irgendwann - ungefragt - mein Babyalbum gezeigt hatte. Bei dem Wort sehe ich den kleinen, roten und glatzköpfigen Zander freudestrahlend seine Beine und seinen kleinen Pimmel in die Höhe recken.
"Wach jetzt auf. Wir wollen in einer Dreiviertelstunde los. Die Fähre wartet nicht auf uns. Deine Sachen liegen auf'm Stuhl." Die Stimme wird leiser und ich höre eine Tür. Langsam dämmert mir, wo ich bin, wer mit mir spricht und, was heute für ein Tag ist. Ich kehre in mein Utopia zurück - also öffne ich auch meine Augen.


Tag 1:

Die Uhrzeit sieht völlig unrealistisch aus, 5:30 Uhr. Ich erinnere mich partout nicht mehr daran, wann ich zum letzten Mal so früh wach war. Süßes Studentenleben. Langsam, schwerfällig und mühsam, als wäre ich angeschossen worden, schleppe ich mich ins Badezimmer. Mein Gesicht sieht aufgequollen und verlebt aus, als ich mir die Zähne putze. Das kalte Wasser wird schon seine Wirkung tun.
  
Die Sonne geht gerade über der Förde auf, und ich kaue auf einem Stück Brot rum. Ich wünschte sie würde über dem Meer untergehen, dann könnte ich das öfter sehen. Wenn die Sonne im Meer versinkt, sieht man doch für den Bruchteil einer Sekunde den Grünen Blitz -  und dann irrt man niemals wieder in Fragen des Herzens. Zumindest hat Jules Verne das gesagt. Nicht auf leeren Magen rauchen! Vielleicht eines der letzten Prinzipien.
"Fotografierst Du Dich da gerade selbst? Such' Dir lieber die Bücher raus, die Du mitnehmen willst", sagt ihre Stimme hinter mir, und ich erschrecke mich ein bisschen, weil ich mich so ertappt fühle.
"Ja, ich mach' ein süßes Reiseantritts-Selfie. Sowas tun hippe Kids! Scheiße, welche Bücher nehme ich denn mit? Und vor allem: wie viele? Wenn das Wetter scheiße werden sollte, les' ich bestimmt mehr als sonst, aber wenn es gut wird, sitzen wir ja auch viel draußen, ne? Da lesen wir dann ja auch." Halb sage ich die Worte zu mir selbst.
"Die hippen Kids haben dabei aber bestimmt keine Kippen im Mund", entgegnet sie trotzdem, bevor sie damit weitermacht, die restlichen Sachen einzupacken. 
"Pah, Rauchen ist noch immer cool", rufe ich ihr hinterher.
Ich bin nicht wirklich eine große Hilfe bei Reiseplanungen und sämtlichen damit zusammenhängenden praktischen Dingen. Während so ziemlich alles für mich geregelt wird, halte ich mich mit irgendwelchen Kleinigkeiten auf, stehe im Weg und bin lediglich gut darin, andere Leute für bestimmte Reiseziele zu begeistern. So ähnlich war das schon früher, wenn meine Eltern hektisch in der Wohnung umhergeschwirrt sind, während ich fast schwerelos durch die Räume trieb, wie der aufgehende Mond im Zeitraffer. Die Minuten eilen unablässig davon, und ich stehe vor dem Bücherregal im Schlafzimmer und versuche herauszufinden, worauf ich Lust habe bzw. worauf ich Lust haben werde. Ich entscheide mich - widerwillig - für "Der dreizehnte Monat" von David Mitchell und "Wir Ertrunkenen" von Carsten Jensen. Zwei Bücher sollten mehr als genug sein, für immerhin nur sieben Tage. Als ich schon auf dem Rückweg zu meinem Rucksack bin, greife ich noch schnell zu Jules Vernes "Der Grüne Blitz". Sicher ist sicher. 
"Hast Du Deine Pillen eingepackt? Deine Kopfhörer, die Kamera? Bücher hast Du Dir rausgesucht, ja? Dein Handy, die Buchungsbestätigung vom Schiff? Warst Du nochmal auf dem Klo? Hast Du die CD für die Fahrt eingesteckt?" Sie fragt, weil sie mich kennt.
"Ja, eigentlich müsste ich alles haben. Und wir sind ja auch nur 'ne Woche weg", antworte ich und versuche dabei nicht wie ein Versager zu klingen, was mir jedoch nur halb gelingt.
"Das Navi! Hast Du das Navi?"
"Ja, aber selbst wenn nicht, es geht doch immer nur geradeaus. Dänemark ist eine einzige beschissene Autobahn mit Feldern am Rand."

Die Straße vor dem Haus ist verlassen und ruhig, wenngleich der Sommer sie bereits um diese Zeit in das Licht das Tages hüllt. So war es nur einmal, als während des letzten oder vorletzten Winters so viel Schnee lag, dass erst die Schule und die Uni und dann sogar die Busse ausfielen. Vergeblich stand ich damals an der Straße und wartete. Eine tote Ruhe lag über allem, auch wenn es so weiß war.
Die vorausichtliche Ankunftszeit in Hirtshals, dem nördlichen Hafen Dänemarks, liegt vier Stunden entfernt. Ich bin so verfickt müde. Die Stadt liegt hinter uns, die Sonne steigt höher und höher und ich muss immer mehr gegen den Drang einzuschlafen ankämpfen. Zum Glück fahre ich kein Auto. Ich wäre schon mindestens zweiundvierzigmal gestorben. Ich muss jedoch aus Anstand und Sicherheitsgründen wach bleiben. Wie ätzend ist es schließlich, wenn der Beifahrer schläft? Ich müsste sie unterhalten, animieren oder zumindest reden. Doch ich penne immer wieder ein - und wache panisch auf, sobald ich angesprochen werde. Auch die Sonnenbrille kann meine Fassade nicht aufrechterhalten. Dänemark, der Blinddarm Schleswig-Holsteins, ist aber auch so verfickt langweilig! Wieder und wieder sackt mein Kopf nach vorn und ich verschlafe Ortschaft um Ortschaft. Die Autobahn zieht sich durch endlose Gewerbegebiete, Felder und Städte, die ich nur durch ihre Fußballvereine kenne. Auch mein schlechtes Gewissen kann mich nicht wach halten. Irgendwann vibriert mein Telefon in meiner Hosentasche.
Als ich danach greife, sage ich ein wenig zu laut "Oh, mein Handy klingelt", nur um nicht den Eindruck zu erwecken, ich hätte geschlafen.
"Na, wo seid Ihr?", brüllt meine Mutter in die Freisprechanlage. Man hört das Schweigen der Anderen im Auto. 
"Über die Grenze, irgendwo in der Pampa, 'Aaverse' oder so, keine Ahnung, und Ihr?"
Daraufhin reden meine Eltern und Großeltern durcheinander. Ich hasse Freisprechanlagen. Im Zeitalter von Google-Glass brüllen die Leute noch immer in ihre Autos - gegen den Lärm maroder Autobahnen. Klarverständliche Hologramme, wo seid ihr? Überhaupt all die coolen Dinge aus Star Wars wurden einfach nicht erfunden. Ich würde Instagram und Twitter, Tablets, E-Book-Reader und 3D-Filme sofort gegen ein Lichtschwert eintauschen. E-Book-Reader würde ich sogar ohne Gegenleistung opfern. 
Wir verabreden einen Rastplatz, an dem wir uns treffen können. Das andere Autos ist wohl ein paar Ausfahrten vor uns. Wann die wohl aufgestanden sind?
Alle fallen sich in die Arme, als hätten wir uns seit Jahrzehnten nicht gesehen. 
"Na Großer, Du siehst noch so verschlafen aus", sagt mein Großvater und haut mir auf die Schulter. "Du musst doch fit sein und Sophie unterhalten! So gehört sich das als anständiger Beifahrer."
Die Stimmung im anderen Auto war offenbar bestens. Innerhalb weniger Sekunden hat meine Familie gekochte Eier, geschnittene Karotten, ein paar geschmierte Stullen und eine prall gefüllte Tupperdose mit gebratenen Klopsen auf der Rastplatzbank verteilt.
"Alexander, willst Du Wurst?", fragt meine Großmutter, beinahe etwas besorgt und kramt sofort in ihrem Beutel nach weiteren Dingen, die bei einem Frühstück ihrer Meinung nach nicht fehlen sollten.
Mir dreht sich fast der Magen um und ich winke dankend ab.
"Aber Rauchen, Rauchen geht, ne, A-Gee?", brüllt mein Vater, als er sieht, dass ich in meiner Hosentasche nach meiner Kippenschachtel suche. Er nimmt meinen Kopf in den Schwitzkasten. Ich wehre mich nicht.
Ich habe nie verstanden, warum er mich manchmal so nennt. "A-Gee", "A.G.", "Eyji" - ich weiß nicht einmal, wie ich das schreiben soll. Früher hat er mich ab und zu mal "DJ" genannt. Das macht zwar auch keinen Sinn, aber vielleicht hat er ja das davon abgeleitet. Und warum er immer so verdammt laut sein muss! Auch die Anderen schreien sich pausenlos an, reden durcheinander und unterbrechen sich, obwohl sie so dicht beieinander sitzen. Das ist so üblich bei uns. Nur ich bin irgendwie leise, wenn auch nicht wirklich ruhiger. Früher, als ich noch Zuhause gewohnt habe, ist mir das nie so aufgefallen. Vielleicht war ich damals ja auch so. Allein alle wieder so um mich herum zu haben, degradiert mich ein paar Jahre zurück, im Guten wie im Schlechten.

Ich bin fast erleichtert, als wir wieder im Auto sitzen und Ruhe herrscht. Nach ein paar Minuten ist alles wieder beim Alten. Das Autoradio trägt weit mehr zur Unterhaltung bei als ich. Aber ich habe immerhin die CD gebrannt, also kann man mir wenigstens ein wenig auf die Schulter klopfen. Vorsichtig singen The Staves "I want to see the colours of another sky". Ich höre die Zeile, während meine Augen schon wieder geschlossen sind, aber ich versuche, sie mir zu merken - vielleicht kann man die mal irgendwo verwenden, denke ich. Dänemark sieht überall gleich aus! Ab und an, wenn ich wach bin, sehe ich in die Fenster der anderen Autos und versuche irgendetwas aus den Gesichtsausdrücken der Menschen abzulesen. Manchmal sehen die Menschen zurück.

Als wir die Autobahnabfahrt nehmen, sieht man schon unser Schiff im Hafen liegen, den marineblauen Rumpf und die weißen Türme aus Metall. Ich wünschte, es würde eine Landverbindung geben, eine Brücke oder wenigstens einen beschissenen Tunnel. Genau genommen gibt es ja eine Landverbindung, aber so einen verfluchten Umweg würde niemand fahren. Schiffe waren schon immer scheiße. Ich traue dem Meer nicht, obwohl ich es mag. "Liebe" hätte ich bescheuert geklungen, trifft jedoch eher zu. Meine letzte Überfahrt, vor zwei Jahren, ging zwar problemlos über die Bühne, aber seitdem hat sich auch Vieles (großgeschrieben) verändert. Und mit "vieles" meine ich eigentlich nur mich, meine Gesundheit, meinen geistigen Zustand. Meine Gedanken sind mir unangenehm, weswegen ich lieber meinen Mund halte.

Die Fähre ist unglaublich überfüllt. Überall laufen schreiende blonde Kinder und dickliche Touristen in Jogginghosen und ärmellosen Shirts. Es riecht nach süßlicher Pizza, Schweiß und fremden Wohnzimmern. Ich weiß gar nicht, wo ich hinsehen soll. Tausend Stimmen schießen auf mich ein, immer wieder rempel ich ausversehen jemanden an. Als wir nicht auf Anhieb einen Sitzplatz finden, tue ich so, als würde ich ebenfalls nach einem Platz suchen, gehe aber in Wahrheit auf das Außendeck, um eine zu rauchen und bisschen ins Leere zu gucken. Früher wurde mir zwar auch auf dem Wasser schlecht, aber zumindest freute ich mich auf die Einarmigen Banditen. Heutzutage ist Glücksspiel auf den Schiffen bestimmt nicht mehr für Kinder erlaubt. Und ich halte mich am besten davon fern. Außerdem habe ich auch kein Skandinavien-Geld.
 
Als ich das Dröhnen der Schiffsschraube im Boden spüre, werfe ich schnell eine Vomax ein. Sicher, die neuen Schiffe schaukeln gar nicht mehr so sehr, aber ich will mein Glück auch nicht auf die Probe stellen. Früher waren überall kleine Halterungen mit Kotztüten angebracht, die sind auch verschwunden. Meine Hände zittern nur ein bisschen. Ich hatte Schlimmeres erwartet, aber cool ist trotzdem nichts. Jetzt schon fühle ich mich, als sei ich seit Tagen unterwegs. Kyla La Grange singt "Raise the Dead" in meine Ohren. Sie ist nicht mehr die, die sie war, und auch ihre Songs klingen nicht mehr wie früher, aber ich mag sie trotzdem. Ich werde ruhiger und ein kaltes Gefühl von Müdigkeit breitet sich in meinem Bauch aus. Das Schöne an den Reisetabletten ist, dass eine ihrer Nebenwirkungen Müdigkeit ist. Zumindest ist das bei mir so. Ich habe keine Ahnung, ob sie tatsächlich gegen Reiseübelkeit wirken, denn dann schlafe ich immer schon. Neben mir steht ein Mann mit Sonnenbrille und blickt, fast eine Spur wehmütig, wenn man seinen Mundwinkeln Glauben schenken kann, auf das kleine Stück Dänemark, das mehr und mehr im Blau der See verschwindet. Er raucht ein stinkendes Cigarillo. Als er zu mir sieht, blicke ich schnell woanders hin. Ich sehe in die andere Richtung, auch wenn ich weiß, dass es noch Stunden dauert, bis die steinige Küste, die Klippen und die Umrisse Kristiansands am Horizont erscheinen werden. Früher, im Sommer, vor allem aber im Winter, dauerten die Fahrten noch viel länger und die See war launisch und wild. Den Großteil der Fahrt hatte ich dann immer mit Kotzen und Pizza essen verbracht, immer abwechselnd und den Einarmigen Banditen. Das ist nicht mehr zu vergleichen mit heute. Das hinge mit den Stabilisatoren bei den neuen Schiffen zusammen, erklärte mir irgendjemand. Ich nickte, als wüsste ich, was damit gemeint sei.
In der Zwischenzeit hatten die anderen Sitzgelegenheiten aufgetan. Ich lächele nur, nehme aber meine Kopfhörer nicht ab und versinke in einem tiefen Schlaf, der nicht einmal durch den Lärm, die kalte Luft aus der Klimaanlage des Schiffes oder die unbequeme Sitzbank gestört wird.

Ihre Knie bewegen sich unter meinem Hinterkopf. Ich kann mich nicht daran erinnern, mich in Sopies Schoß gelegt zu haben.
"Bleib' jetzt mal wach. Es kann nicht mehr lang dauern, bis wir einlaufen", sagt sie, und man hört ihrer Stimme nicht einmal eine Beschwerde darüber, dass ich mit offenem Mund auf ihren Beinen liege und sie sich nicht bewegen kann, an. Benehmen sich Erwachsene so?
Ich fühle mich wie nach tausend Jahren Schlaf. Die Passagiere packen eilig ihre Sachen zusammen, Körbe von Schnaps und Zigarettenstangen werden umhergeschoben. Zwar ist Alkohol auf der Fähre noch immer teurer - im Vergleich zu den heimischen Läden wimmelt es hier für die Norweger und Schweden und Dänen und  nur so von Schnäppchen. Die ganze Hektik nützt niemandem etwas, denn am Ende stehen sowieso alle Schlange vor der engen Treppe hinunter zu den Parkdecks. Fickt Euch alle!
"Wir treffen uns, wenn wir durch'n Zoll sind, ne? Da gibt es so Einbuchtungen, wo man parken kann.

Die Luft auf dem Autodeck ist miserabel, weil es immer Idioten gibt, die den Motor bereits laufen lassen, sobald das Schiff zum Stehen kommt, was nun wirklich gar nichts bringt, außer dass man andere Idioten dazu motiviert, dasselbe zu tun. Die Anspannung vor dem Zoll vergeht nie. Wie die Grundschuld vor den Bullen. Ein Relikt aus der Zeit, als meine Eltern immer zu viel Schnaps mit über die Grenze schmuggelten. Wurzelpeter in Cola-Flaschen. Es ist noch immer irgendwie faszinierend, dass das Land auf der einen Seite, der nur wenige Seemeilen breiten Wasserstraße, so flach und schmucklos in Dänemark endet und anschließend hier so gewaltig aus dem Meer herauswächst, mit all den Felsen und Bergen, als würde eine ganz andere Welt beginnen, die der alten in keinster Weise gleicht. Jetzt, zur Hauptsaison brechen die Autos nur so aus dem Schiffsrumpf heraus und man fragt sich, wie all diese Menschen im Innern bloß Platz finden konnten. Die Zollbeamten wirken wenig engagiert und auch für meinen gezückten Personalausweis, den ich brav wie ein Schulmädchen an die Fensterscheibe der Beifahrerseite drücke, scheint es nur wenig Interesse zu geben.

Das letzte Ende der Reise ist immer das schönste. Man weiß, dass man den größten Teil des Weges geschafft hat, und da sich das Panorama hinter den Autoscheiben so grundlegend verändert hat, fällt einem nicht einmal auf, dass die Zeit verrinnt - doch das tut sie natürlich unentwegt und immer. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne glänzt zwischen den Spitzen der Tannen und spiegelt sich in den Seen, die die Straße durch die Berge säumen. Ein paar vertraute Tunnel, bekannte Ortsnamen. Ich würde den Weg, glaube ich, auch ohne Navigationsgerät finden. Als wir durch Mandal fahren, muss ich unweigerlich an die Worte eines Norwegers denken, der mir mal erzählt hat, dass hier, in den Wäldern um die Stadt, vor ein paar Jahren ein von einem Wolf gerissen wurde. Ich kann die Geschichte nicht vergessen, und immer, wenn ich nun von Mandal höre, denke ich an Wölfe.
Als sich die Berge wieder ein wenig lichten, weiß ich, dass wir am Ziel sind. Von der Anhöhe sieht alles unverändert aus. Der Fahrwind lässt unsere Haare tanzen. Längst musste ich meinen Pullover ausziehen. Es wirkt fast, als sei es hier wesentlich wärmer als Kiel, schon seit Ewigkeiten. Ein paar Schafe grasen und der unaufgeräumte Hof an der Ecke sieht aus wie in den letzten zwanzig Jahren. Alte Autowracks bewegen sich um keinen Zentimeter. Die Sonne lässt alles ruhig und warm aussehen, und sie lässt das Meer glänzen. Je näher wir gekommen, desto mehr steigt auch ein leichtes Gefühl von Euphorie in mir hoch, glatt so wie früher, als ich es kaum erwarten konnte, mein Fahrrad vom Heck des Wagens zu schnallen und den alten Schotterweg zum Wasser hinunter zu rasen. 
"Alexander!", die Stimme der Vermieterin klingt unverändert. Obwohl sie mich vor zwei Jahren zum letzten Mal gesehen hat, formt sie mit den Händen den breitschultrigen Körper eines Mannes und deutet dabei auf mich, glatt so, als wäre ich ein Kleinkind bei unserem letzten Treffen gewesen. Sophie wird mit den Worten "Ah, die Schöne und Liebe" begrüßt. Ich schätze, ihr fiel einfach der Name nicht ein. Sie sind schon wieder Großeltern geworden. Dagegen dreht sich meine Erde langsam.
Um bei der Begrüßung nicht zu viel sagen zu müssen, esse ich so viele Waffeln mit Marmelade wie möglich. Meine Eltern sprechen mit den Norwegern immer, als würden sie mit Kindern reden. Ich hasse das. Würden alle Touristen das tun, wäre es den beiden, inzwischen ein wenig in die Jahre gekommenen Eheleuten, deren Ferienhäuser wir seit inzwischen fast zwanzig Jahren mieten, unmöglich gewesen, so gut Deutsch zu lernen. Nach all den Jahren kann ich mich auf Norwegisch gerade einmal für ein Essen bedanken, sagen, dass ich satt sei oder, dass ich Dich ficken möchte. Dafür, dass ich immer mal wieder rumlabere, dass ich irgendwann gerne Deutschland verlassen und nach Norwegen fliehen möchte, ist das ziemlich erbärmlich. Ich hasse mich selbst für Träume, die nur hohle Phrasen sind. Bla.
Dadurch, dass es hier so lang hell ist, bekomme ich nie mit, wann der Abend in die Nacht über geht. Als ich aufstehe, um mich ins Bett zu verabschieden, weist mich mein Vater - diskret, wie er ist - darauf hin, dass man in einem Holzhaus alles hören würde. "Also nicht zu laut vögeln, ne?" Sofort stößt meine Mutter ihn an, lacht aber ebenfalls. Nur meine Großeltern tun so, als hätten sie die Bemerkung nicht gehört. Sophie verdreht die Augen und wünscht allen eine Gute Nacht.

Der Tag steckt mir in den Knochen und ich bin froh, dass ich alles ganz gut, vor allem aber ohne besondere Vorkommnisse, überstanden habe. Im Dämmerlicht lassen sich noch immer die Umrisse der Berge am Horizont erahnen. Erleuchtet, wie schwache Sterne am Himmel, kann man auch die Häuser und Hütten erkennen, die sich in den jetzt dunkelgrünen Hügeln verstecken. Es ist so verfickt still hier draußen, dass es fast in den Ohren dröhnt, aber ich kann schlafen.


Tag 2:

Mein eigenes Gebrabbel weckt mich. Der Traum verschwindet vor meinen geöffneten Augen innerhalb weniger Sekunden. Irgendetwas mit einem riesigen Feuer in einem Hochhaus. Ich weiß nicht mehr, ob ich es gelegt hatte oder löschen wollte. Noch immer steht mir Schweiß auf der Stirn. Ich wühle auf dem Nachttisch nach meiner Uhr: Es ist gerade einmal kurz nach sechs. Sophie schläft tief und selig. Sie scheint irgendwie nie schlecht zu träumen. Fast bin ich neidisch darauf: Sie legt sich abends hin, schläft sofort ein und wacht nach acht Stunden heiligem Frieden einfach wieder auf, ohne irgendeine Erinnerung an das, was sie geträumt hat. Manchmal würde ich ihr diese Gabe gern für einige Zeit wegnehmen. Die Sonne muss schon seit Stunden auf das Dach des Holzhauses scheinen; die Luft steht und eigentlich ist es zu warm für Kleidung. Die ersten Schritte zeigen, ob ich mir heute trauen kann oder nicht. Vorsichtig versuche ich mich über die Dielen zu bewegen, die Treppe herunter, Stufe für Stufe zum Klo. Natürlich schaffe ich das nicht geräuschlos. Irgendwer im Haus liegt garantiert gerade wach und hört meine Schritte. Vorsichtig suche ich den Raum nach Spinnen ab, bevor ich mich auf die Klobrille setze. Ich hätte mir etwas an die Füße ziehen sollen. Wer weiß, ob mein Großvater noch im Stehen pinkelt wie früher. Er ist über siebzig, da gehen dann bestimmt ein paar Tropfen daneben. Als ich wieder oben im Zimmer bin, wacht Sophie kurz auf.
"Schlaf' weiter, es ist noch früh", sage ich leise.
"Warum bist Du auf?"
Ich sage ihr, dass ich schlecht geträumt habe, aber noch ehe ich erwähnten könnte, wovon, schläft sie schon wieder.
Normalerweise würde ich jetzt mein Handy mit ins Bett nehmen und ein paar Nachrichten lesen, ehe ich wieder einschlafe. Gewohnheiten sind so mächtig - der W-Lan-Empfang hier ist es jedoch nicht.

"Was wollen wir heute machen? Zum Leuchtturm, an den Strand oder auf den Berg steigen", sagt Sophies Stimme.
Ich habe weder mitbekommen, dass ich wieder eingeschlafen noch, dass ich wach bin. "Heute ist der erste richtige Tag, warum machen wir nicht gleich alles", antworte ich genervt. "Ich fahr' nicht an den Strand, ich bin doch kein Assi", schiebe ich noch hinter her.
"Grummel", sagt sie und pikt mit dem Zeigefinger in meine Seite.

Mein Vater ist längst schon auf See - und die anderen sind bereits in ihre Kriminalromane und Kreuzworträtsel vertieft. Ich esse wortlos mein Rührei und füge mich in mein Schicksal.
      
Ich bin zu warm angezogen, das merke ich nach wenigen Metern. Sophie fordert mich auf, doch meinen Pullover auszuziehen, aber ich entgegne ihr nur, was ich immer sage: "Wenn man sich für ein Outfit entscheidet, muss man es auch durchziehen." Ich bin manchmal echt ein Trottel. Der Staub des Weges legt sich mit jedem Schritt auf meine neuen Turnschuhe. Durch das gute Wetter sieht all das hier eher wie eine Erinnerung aus. Ich erzähle die Geschichten, die ich immer an den gleichen Stellen des Weges erzähle: "All das war früher mal ein Militärflughafen hier", "Weißt Du, ursprünglich begann hier vorne schon der Wald. Das wurde alles gerodet, wegen staatlicher Subventionen. Das Land wollte, dass die Landschaft der Halbinsel wieder ursprünglicher wird, also ohne Wälder, nur wiese, Steine und Weite", "Früher, sind wir hier zu viert auf einem Motorrad langgefahren, die Jungs und ich. Ich bin mit meiner nackten Wade gegen den heißen Auspuff gekommen", "Ungefähr hier war früher ein Bombenkrater aus dem Zweiten Weltkrieg. Und daneben stand damals noch ein Schild mit der Aufschrift 'Bombekrater'".

Der Weg zum Leuchtturm hat sich verändert. Statt über eine Weide zu laufen, und sich den Weg mit den Schafen zu teilen, gibt es jetzt einen relativ sauber angelegten Pfad. Erst, als wir endlich in den Wald kommen, zeigen mir die kryptischen Markierungen, dass ich hier schon einmal war, wenngleich ich noch immer nicht verstehe, was diese Symbole zu bedeuten haben. Ich kann darin keinen Leuchtturm erkennen.

"Erinnerst Du Dich an das letzte Mal, da mussten wir doch sogar über einen Zaun klettern, um irgendwie zum Leuchtturm zu kommen", sagt Sophie.
Ja, ich erinnere mich immer an alles. Wir lächeln uns an. Sophie wühlt in dem Rucksack auf meinem Rücken nach etwas zu trinken, und reicht mir anschließend die kalte Wasserflasche. Wie oft ich wohl schon durch diesen Wald gelaufen bin? Sicher, der Weg hat sich immer wieder geändert, aber der Wald bleibt doch gleich. Auch, wenn inzwischen das 21. Jahrhundert mit seinen eiskalten Stahlschuhen selbst die südnorwegische Pampa zertritt, denn es gibt hier jetzt sogar Hinweisschilder mit QR-Codes.

Die Bäume lichten sich ein Stück und vorbei an ein paar Himbeersträuchern gelangt man zur Wetterstation, die auf einer kleinen, steinernen Landzunge gelegen ist. Wo vor ein paar Jahren noch nach Kies und Kriegsresten gegraben wurde, ist nur noch ein kleiner rostfarbener Tümpel geblieben. Irgendwo hier in der Nähe waren auch die Reste eines alten deutschen Bunkers, in dem wir vor Jahren herumgeturnt sind.

Das letzte Stück des Weges ist immer am Schönsten. Für einen kurzen Moment spürt man nicht einmal mehr die Hitze, man verschwimmt mit dem Bild, das man von diesem Ort hatte. Die Sonnenstrahlen fallen durch die Baumreihen und es riecht Erde und Kindheit. Ich bin oft so lange angespannt, dass ich gar nicht mehr mitbekomme, dass ich es bin. Erst, wenn es dann für einen Moment nachlässt, weiß ich wieder, wie es sich anfühlen könnte. Zu unserer Linken erstreckt sich, gleich hinter der Kante des Waldes, ein großes Feld. Vor ein paar Jahren, vor einer halben Ewigkeit, lag ein anderer Alexander mit einem anderen Mädchen für Stunden in eben diesem Feld. Die Fotos von damals habe ich gelöscht und das andere Mädchen erinnert sich bestimmt nur schemenhaft - also ist es nie passiert, denn was unterscheidet schon die Erinnerungen eines Einzelnen von einer Lüge? Gesprächsfetzen von damals schallen durch meinen Kopf und alte Bilder flammen auf. Ich glaube, ich hab sie sogar auf dem Feld gevögelt. Ich verscheuche die Gedanken mit einer Zigarette, ehe ich mich an zu vieles erinnere. Wenn ich mich ein bisschen anstrenge, kann ich sogar ihre Stimme hören, wie sie meinen Namen sagt. 

"Scheiße ist das heiß, ne?", sagt Sophie, lüftet ihr Top ein wenig und holt mich zurück in die sichere Gegenwart des Jahres zweitausendvierzehn nach Christi Geburt. Je weiter wir aus dem Wald hinaus gehen, desto mehr brennt die Sonne auf uns herunter.
"Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal in die Scheiß-Arktis fahren, jetzt wo hier auch Sommer ist - und es QR-Codes gibt", sage ich und bekomme dafür ein Lächeln.

Der alte Leuchtturm scheint - bis auf die Tatsache, dass man nun Tickets kaufen soll, um ihn zu besteigen - kaum verändert. Ein paar Touristen stehen auch hier oben, in der Sonne und im Wind. Sophie legt sich auf eine kleine Bank und zieht ihr Shirt so hoch, dass sie hofft, die Sonne würde ihren Bauch bräunen. Urlaubsbräune ist eine Währung, gerade, wenn ihre Freundinnen sich unter Norwegen verschneite Berge und Bären vorstellen. Ich reiße mir den Pullover herunter und krempele auch die Ärmel meines Shirts hoch. Schweiß steht auf meiner Stirn. Am Horizont sieht man einen Frachter langsam durch das glänzende Meer ziehen. Leuchttürme verlieren nie ihre Faszination für mich. Gab es nicht mal irgendeine Maggi-Werbung oder so, in der man einen einsamen Leuchtturm zeigte, gegen dessen Mauern die stürmische See schlug? Der Leuchtturmwärter kam durchnässt vom Regen und der Gischt hinein und machte sich erst einmal eine wärmende Suppe von Maggi oder Knorr oder was auch immer. Das war gemütlich. Vielleicht spielt mir die Fanrasie da jedoch auch einen Streich. 

Der Rückweg vergeht so schnell, dass wir kaum verstehen können, wie wir so lang für die Strecke zum Leuchtturm brauchen konnten. Es wird immer heißer. In all den Jahren kann ich mich an keinen Tag erinnern, an dem es hier so warm war. Zurück beim Haus sitzt mein Großvater mit freiem Oberkörper auf der Terrasse. Sein Körper glänzt vor Schweiß in der Sonne. Obwohl er inzwischen über siebzig ist, hat er noch immer eine gewaltige Erscheinung. Er ist ein Riese, und trotz seines Bauches, lässt er erahnen, in welcher Form er einst war. Er hatte einen riesigen Berg angeschwemmtes Strandholz unten am Wasser gesammelt und den ganzen Weg zum Haus geschleppt. Aufgetürmt zu einem Stapel warten die verwitterten alten Balken nun darauf, von meinem Vater begutachtet und anschließend, in Deutschland, dann für was auch immer verbaut zu werden.
"Na Großer, was sagt der Leuchtturm?", fragt mein Opa, als wir die Terrasse betreten. Sophie geht sofort ins Haus, um sich umzuziehen und Getränke zu holen.
"Ach, alles wie immer, aber es ist so unendlich heiß", sage ich.
"Wem sagst Du das? Siehst Du den Stapel. Das war ganz schön anstrengend. Ich glaub' ja Omi und ich werden dieses Jahr nicht zum Leuchtturm - zumindest nicht, wenn es so heiß ist." Wenn meine Großeltern solche Sachen sagen, schwingt immer so etwas Endliches mit. Schon vor zehn Jahren, als wir hier waren, sagten sie am Ende, dass sie nie wieder mitkommen würden und dass es das letzte Mal war. Damals war das ein Bluff, aber Jahr um Jahr wird ihr Blick melancholischer (Gott, ich hasse das Wort), wenn sie Sachen wie diese sagen. Sicher, inzwischen sind viele ihrer Freunde gestorben - das prägt einen vermutlich. Nur wenige Dinge machen mich trauriger, als mir vorzustellen, dass einer von ihnen stirbt. Ich bin bei ihnen aufgewachsen. Wenn man sich nah ist, überraschen einen Spuren des Alters irgendwann. Veränderungen werden erst mit Abstand deutlich. Deswegen erschrickt man auch bei alten Fotos manchmal.
"Geh' aus der Sonne, du verbrennst Dich noch", sage ich und nehme einen großen Schluck kalte Cola.

Mein Vater kommt mit wenig Fisch heim. Es ist ein notgedrungenes Ritual, dass die ganze Familie sich vor seinem Kofferraum versammelt und den von der Wärme stinkenden Fisch gebührend bewundert. Dieses Mindestmaß an Aufmerksamkeit ist wichtig, damit die Stimmung nicht kippt. Das Meer sei zu warm, sagt er, deswegen würde man kaum etwas fangen. Die Fische, die er ins Boot gezogen habe, seien meistens zu klein gewesen, also habe er sie wieder ins Wasser geworfen. Die, die er mitgebracht hat, sind eigentlich auch zu klein, aber ich sage nichts. Meine Bemerkung, dass vielleicht auch hier allmählich alles überfischt wäre, übergeht er einfach und kneift seine Augen. Sein T-Shirt liegt durchgeschwitzt und zusammengeknüllt neben dem Bottich mit Fisch. Buschig und blond stehen seine Augenbrauen ab. Die Sonne bleicht ihn aus, weil er so viel draußen arbeitet.
"Erinnerst Du Dich noch an Nicklas aus Sachsen? Mit dem hast Du als Kind hier gespielt, 2000 oder so. Der kommt nachher mal lang, er will Dich nämlich unbedingt wieder sehen, bevor er und seine Verlobte morgen abreisen", berichtet mein Vater.
"Es ist so ätzend, dass immer alle angeschissen kommen müssen! Das man hier nie seine Ruhe haben kann", sagt meine Mutter, noch bevor ich irgendwie reagieren kann. "Und morgen sitzen dann seine dämlichen Eltern bei uns und wollen grillen." Nein, besonders gesellig ist meine Mutter wirklich nicht. War sie nie, aber mit den Jahren gibt sie sich auch keine Mühe mehr, so zu tun, als wäre sie es.
Sophie sieht mich an und zieht die Augenbrauen hoch, als wollte sie sagen: Tja, daher hast Du das also. Tatsächlich überbieten ich und meine Mutter uns gern in zornigen Anfeindungen irgendwelcher aufdringlichen Idioten - und große Feiern sind auch nicht unser Ding. Aber manchmal erschreckt sie mich mit ihrem Zorn, weil er so plötzlich und unvermittelt kommt. Von einem Moment auf den anderen wird sie scharfzüngig und bösartig.
"Mutti hat recht. Nur weil man sich vor vierzehn Jahren einmal über den Weg gelaufen ist, muss man sich hier doch nicht verbrüdern. Das sind verfickte Fremde. Hast Du die eingeladen?", frage ich höhnisch.
"Was seid Ihr bloß alle für negative Menschen. Er will doch bloß kurz vorbeischauen", versucht mein Vater zu beschwichtigen, aber weiß, dass er auf verlorenem Posten kämpft.
"Das kommt davon, dass Du immer jeden vollquatschen und angrinsen musst", sage ich in seine Richtung.


Danach versinke ich in den Worten David Mitchells. "Der Wolkenatlas" scheint also doch kein One-Hit-Wonder gewesen zu sein. Ich mag Coming-Of-Romane, auch wenn sie sich oft gleich anfühlen, aber ich bin auch ein wenig hängengeblieben.

"Alex, Alex", ruft meine Mutter nach oben, "Alex, Du kriegst Besuch." Sie grinst mich höhnisch an, als sie mir auf der Treppe entgegenkommt, mit einem Buch unter ihrem Arm. "Ich tue mir das nicht an. Viel Spaß. Übrigens solltest Du beim nächsten Mal Sonnencreme nehmen, Du bist glühend rot."


Dieser grässliche Akzent. Vogtland, Erzgebirge, Sachsen, furchtbar. 

Aktuelle Hitlist beschissener Akzente:
1. Österreichisch (wenn es von Frauen gesprochen wird, geht es einigermaßen)
2. Sächsisch
3. Hessisch
4. Bayrisch
5. Berlinerisch


"Na, Alexander, kennst mich noch?" Und es klingt, als wäre seine Zunge gerollt und seine Lippen aus Hartgummi. Jedes Wort klingt nach einem "O", als würden die pausenlos über irgendetwas staunen. Er gibt mir die Hand, sieht zu seinem Mädchen und sagt: "Hier, der Alexander hat uns damals alle Bunker in der Gegend gezeigt."
Seine Verlobte lächelt und scheint das tatsächlich ernst zu meinen.
Natürlich erinnere ich mich an ihn. Er war ein Spacko, hatte noch zwei Freunde mit - und ich war allein in dem Jahr, drei Wochen lang. Er und seine Freunde stellten mich norwegischen Bekannten von ihnen vor. Eine Familie aus den Bergen mit einer wunderschönen, weiß-blonden Tochter, in die ich bestimmt zwei Wochen unsterblich gewesen bin, damals vor vierzehn Jahren. Ich biete den beiden nicht an, sich zu setzen.
Nicklas trägt leuchtend grüne Victory-Schuhe, von denen sich mein Blick nur schwer lösen kann. Ein angedeuteter, blond gefärbter Iro zieht sich durch seine Haare. Oh Gott, Sachsen. Wenn die beiden sich untereinander unterhalten ist es, als würden sie eine andere Sprache sprechen. Im Prinzip tun sie es ja auch. Ohne die den Rest meiner Familie, wäre das Gespräch bereits jetzt ins Stocken geraten. Man fragt nach Berufen, Beziehungen und Anzahl der Aufenthalte hier.

Es ist dämlich, aber die ganzen Stammurlauber (zumindest die deutschen) scheinen eine interne Hierarchie zu haben: Oben ist, wer öfter und länger hier war. Alle bilden sich ein, das beste und besonderste Verhältnis zu den Vermietern zu haben - und am Ende kritzeln sie bescheuerte Gedichte mit zwei norwegischen Vokabeln (vorzugsweise "Danke"-"Takk" oder "Grüße"-"Hilsen") in die Gästebücher der Ferienhäuser. Der Matthis fing' 'nen dicken Dorsch, der Wind war manchmal ziemlich forsch. Ich hatte irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich hier war, aber über zwanzig Male bin ich mit Sicherheit hier gewesen. Pah, ich erinnere mich noch an Zeiten, als hier nur ein Ferienhaus stand, ihr verdammten Greenhornes. Am Ende ist jeder Ort der Welt ein Campingplatz mit beschissenen Gartenzwergen.

Mein Vater und Nicklas unterhalten sich über die Fische, die besten Fangplätze (sagt man vielleicht eher "Fanggründe"? Nee, das klingt so indianermäßig) und anderen Kram. Nicklas gibt sich dabei als unsympathischer Profi und belehrt uns immer wieder, aber vielleicht kommt mir das auch durch den Akzent so vor. Könnte ja auch so ein regionales Sprach-Mentalitäts-Ding sein - so wie die Berliner Schnauze, wo auf die Mentalität geschoben wird, dass man unhöflich und respektlos ist. Nicklas' Verlobte (ich hatte ihren Namen nicht verstanden, wollte aber auch nicht nachfragen) starrt interessiert und mischt sich immer wieder in die Unterhaltungen ein. Offenbar findet sie Angeln auch so spitze. Das sieht man. Ihr Körper geht in Ordnung, aber ihr Gesicht ist kacke. Ich wette, sie hatte schon viele richtig gute "Kumpels" in ihrer Jugend, weil sie mit "Tussis" nie etwas anfangen konnte. Ich höre es fast aus ihrem Mund, wenn ich mich darauf konzentriere. Überhaupt sind die beiden garantiert in irgendeinem bescheuerten Verein, Zuhause in der Pampa, Freiwillige Feuerwehr in Fickenhagen, THW oder so ein Blödsinn. Ich zünde mir noch eine Zigarette an und lasse mich in den Hintergrund fallen. Die halten mich garantiert auch für einen Idioten. Seht mich an, ich bin fast achtundzwanzig, verdiene keinen Pfennig, aber studiere Philosophie und habe einen Seitenscheitel, schon im Herbst trage ich gerne Schals, benutze Worte wie "partout", schreibe traurige Songs auf meiner teuren Gitarre und ich fühle mich allen überlegen - und trotzdem zittern meine Hände. Ich würde mich auch nicht mögen. Aber vielleicht sind sie nicht so. Vielleicht freuen sie sich einfach, einen Jugendfreund (-bekannten, -fremden) wiederzusehen und interessieren sich ernsthaft für meine ganze Scheiße.
"Naja, wir werden dann mal wieder. Hoffentlich sieht man sich beim nächsten Mal eher wieder, was, Alexander?", sagt Nicklas und lacht doof.
"Genau, bis in vierzehn Jahren", antworte ich, während ich seine Hand drücke und schief lächele. "Gute Heimreise".
Dann steigen beide auf ihre Fahrräder und verschwinden im Sonnenutergang.
"Ich dachte, die gehen nie", hört man die Stimme meiner Mutter aus dem Haus.

Nachts, nachdem ich noch Ewigkeiten gelesen hatte, liege ich wach auf dem Rücken. Alles brennt und die Luft bewegt sich nicht. Es ist so still. Nur Sophies Atmen ist zu hören. Zu dieser Jahreszeit wird die Nacht nie ganz schwarz und so lassen sich auch um diese Zeit noch die Maserungen in der hölzernen Decke erkennen.

Tag 3 & 4 & 5:
"Und Du willst wirklich nicht mitkommen?"
"Nein, wirklich nicht. Ich freue mich, wenn ich meine Ruhe habe. Ich werd' mich einfach auf die Terrasse legen und lesen, bis Ihr wiederkommt. Ich bin doch wegen der Einöde hier, nicht wegen der Städte. Außerdem könnt Ihr, wenn ich nicht mitkomme, mit einem Auto fahren. Sophie will doch auch mit", sage ich mit einem Lächeln - und das ist mein Ernst. Ich war tausende Male dort (einmal sogar nachts) und in nur einer Woche möchte ich doch auf mein Höchstmaß an Abgeschiedenheit kommen. "Macht ein paar Fotos, das reicht mir", rufe ich meiner Familie hinterher, kurz bevor die Autotüren zu knallen. Und dann bin ich allein.

So viele Möglichkeiten. Ich überlege, nach oben zu gehen und meine Gitarre zu holen, aber ich bin zu faul für die Stufen. Ich könnte auch spazieren gehen, versuchen, das W-Lan zum Laufen zu bringen oder irgendetwas schreiben, mir einen runterholen oder fernsehen. Ich entscheide mich dafür, mir eine Decke auf die Wiese zu legen und zu lesen. Von Zeit zu Zeit kreischt eine Möwe über mir oder ein Auto fährt auf der entfernten Straße, ansonsten ist es so still wie in der Nacht. Trotzdem setze ich meine Kopfhörer auf und schalte so lange, bis endlich ein Song von "The National" kommt. "It's a terrible love and I'm walking with spiders", singt Matt Berninger und seine tiefe Stimme mischt sich mit dem Bass. Der Rasen sieht verbrannt aus. Seit meine Eltern ein Haus haben, machen sie sich immer über die Qualität anderer Rasen lustig. Vorher hätten sie das sicher versnobt gefunden. Mit voranschreitender Seitenzahl wird "Der dreizehnte Monat" ein wenig besser. Könnte ich hier leben? Ich meine, mag ich das Leben in der Stadt eigentlich?

Pro-Contra-Liste "Das Leben in der Stadt"
- Landschaft und Natur ist schwindend gering vertreten (und Parks sind scheiße)
+ Geschäfte (Kleidung, Buchläden, Zigaretten, Technikkram) sind vorhanden
- Viele Menschen um mich herum (zählt mindestens vierfach)
+ Öffentliche Verkehrsmittel sind vorhanden
- Öffentliche Verkehrsmittel sind eklig
+ Bars und Restaurants sind vorhanden (nur für den Fall)
- Hektik überall
+ Das Land provoziert manchmal mit seiner ruhigen Ausgeglichenheit
+ Ich brauche kein Auto
+ Anonymität
- Teure Mieten
- Kinder sollten lieber auf dem Land aufwachsen (nur für den Fall)
+ Ich hätte es scheiße gefunden, auf dem Land aufzuwachsen
+ Ich verfüge über keinerlei technische oder praktische Fähigkeiten und stehe nicht auf Tiere (zumindest nicht vom Nahen), bin also in der Stadt in relativer Sicherheit

Es ist wohl noch nicht an der Zeit.

Nach ein paar Seiten werden meine Augen schon wieder schwer, und es setzt das ein, was nur in Norwegen und im Sommer so richtig gelingt: Es ist nicht mehr wichtig, den wievielten Tag ich hier bin oder wann ich wieder fahren muss, meine Armbanduhr habe ich auf dem Nachttisch liegen lassen und Deutschland und alles außerhalb dieser kleinen Halbinsel existiert nicht mehr wirklich  - und ist nicht mehr als eine Erinnerung. Tage und Nächte verschwimmen zu einem zeitlosen Brei. Ich esse, wenn ich hungrig bin, und ich schlafe, wenn ich müde bin. Nichts ist wichtig und ich bin glücklich, lasse einfach alles an mir vorbeiziehen, und so werden aus Minuten ganze Tage, über die man keine Worte verlieren muss, weil sie schön sind.





Wenn ich abends dann die Augen schließe, ist alles gut und ich schlafe.

Tag 6 & 7:

Doch die guten wie die schlechten Dinge enden, weil alles endet und vergeht, und das unweigerlich. Meistens - und das ist keine Eigenschaft, auf die ich besonders stolz bin - betrauere ich das Enden der Dinge schon, bevor es letztlich so weit ist. Das macht Abschiede nicht leichter. Nostalgische Prophetie oder prophetische Nostalgie, was auch immer, es ist traurig. Sehe ich die Sonne an, dann seh' ich ihren Untergang. Karnevals-Tusch. Ich war auch auf meinem Abschluss-Ball traurig - zumindest, bis ich besoffen war und nichts mehr gefühlt habe.

Als ich meine Großmutter frage am Morgen des letzten Tages in Norwegen frage, wie es ihr geht, antwortet sie, dass sie versuchen würde, alles anzusehen und in sich aufzusaugen, um die Dinge so zu behalten, wie sie waren. Ich könnte ihr sagen, dass ich genau weiß, was sie meint und dass ich es ebenso mache, aber alles, was ich antworte, ist: "Oh, so philosophisch heute Morgen?"

Ich erinnere mich noch daran, dass ich vor ein paar Jahren (eigentlich sind es schon mehr als ein paar Jahre, aber wenn man Momente nicht loslässt, vergeht die Zeit etwas langsamer) auf den Treppenstufen des Hauses meiner damaligen großen Liebe saß und darauf wartete, dass ein Kumpel mit seinem Motorrad kommen würde, um mich mit zur Schule zu nehmen. Ich hatte sie auf die Stirn geküsst und ihre Augen waren kalt. Sie liebte mich nicht mehr und der Abschied lag längst unausgesprochen in der Luft und schwebte wie dunkle Wolken, über allem was wir taten und sagten. Als ich auf der Treppe noch eine rauchte und dem Morgenhimmel über dem weiten Rapsfeld neben ihrem Haus dabei zusah, wie er allmählich heller wurde und aufklarte, musste ich plötzlich daran denken, dass ich all das hier bald sehr wahrscheinlich nicht mehr sehen würde, und dass mir dann letztlich nichts als Erinnerungen an das Feld, die Treppenstufen, das Haus und an sie bleiben würden. Für einen Moment fühlte es sich dann so an, als würde ich bereits auf Erinnerungen blicken, statt auf das hölzerne Treppengeländer und den kleinen gepflasterten Weg, der ums Haus herum führt. Die Wiese, auf der wir an einem Nachmittag mal in der Sonne eingeschlafen waren, die grau verputzte Fassade des Hauses und ihr Fenster, durch das ich niemals wieder sehen werde, all das wird verblassen und in der Vergangenheit verschwinden, dessen war ich mir bewusst, als ich an diesem Morgen auf den Treppenstufen des Hauses saß. Und ich hatte recht: Ich kehrte niemals wieder zurück.

Es ist der letzte Tag und am Horizont gewinnt das richtige Leben langsam wieder an Kontur. Zu Hause lässt sich nichts so leicht ausblenden wie hier, das weiß ich. Obwohl die Wetterapp meiner Mutter seit Tagen anderes behauptet, bleibt es sonnig und heiß. Rot ist zu braun geworden, und auch, wenn ich mich morgens im Bett umher wälze, weil ich früher als Sophie wach bin, brennt es nicht mehr. Meine Träume sind aber noch immer schlecht. Egal, wie ruhig die Welt um mich herum ist, Sex und Gewalt, Feuer und Krieg, wenn ich schlafe.

"Lass uns an den Strand", hatte ich gesagt, gleich, nachdem ihre Augen offen waren, "Wer weiß, wann so etwas das nächste Mal sage, als nutze lieber die Gunst der Stunde."
Sie lächelte und erklärte sich sofort einverstanden. So etwas ist zerbrechlich, deswegen kommentierte sie meinen Sinneswandel vermutlich nicht weiter.
Als mein Großvater anbietet, mir seine Badehose zu leihen, nehme ich das Angebot sogar dankend an, in meiner Euphorie - selbst, als ich sehe, dass es sich offenbar um eine eng-anliegende, schwarze Hot-Pants handelt. Das ist nicht hübsch, nein, das sieht sogar ziemlich behindert aus, aber es wird seinen Zweck erfüllen.
  
Der Strand ist, als hätte ich ihn mir ausgedacht: Nur vereinzelt sind in der Ferne ein paar Menschen in Form kleiner Schatten zu erkennen, das Wasser ist klar und warm, während alles andere vom Licht der Sonne beinahe seiner Farben beraubt wird. Die Luft riecht nach Sommer und ich komme mir ein wenig vor wie ein anderer Mensch oder eher: wie im Leben eines Anderen.

Zu schwimmen ist ein schönes Gefühl, und man verlernt es wohl tatsächlich nicht. Nach den ersten Zügen kann ich nicht mehr verstehen, was mich fast zehn Jahre davon abgehalten hat. Zum letzten Mal bin ich, glaube ich, auf Rügen geschwommen, bei so einem Jugendfestival. Es war ein unglaublich heißer Sommer, wir wurden damals auf einem Campingplatz auf dem Festivalgelände untergebracht (von wegen Catering und Hotelzimmer, Ihr Wichser!), mussten in den Wald kacken und hatten jeden Abend einen Gig. Ich kann das Wort nicht ausstehen, aber hätte ich "Auftritt" geschrieben, würde das klingen, als hätte ich damals auf der Bühne immer irgendetwas aufgeführt. Naja, "Gig" ist immernoch besser als "Mucke". "Wir hatten jeden Abend 'ne Mucke, weißt Du?" Wie auch immer, es war jedenfalls furchtbar heiß und wir ernährten uns von warmem Dosenfisch, teuren Würstchen und Alkohol, was einen irgendwann, verkatert und der prallen Mittagssonne ausgesetzt, an den Strand trieb. Die Königin der Hölle (dramatische Jugendliebe) und ihre heiße Freundin, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere, schliefen mit mir in einem Zelt (nein, ich habe in diesen Nächte keine von beiden gevögelt, wenngleich ich gern diesen Eindruck erweckte) und begleiteten mich und die anderen Jungs aus der Band ans Wasser. Der Strand war voller Teenager und Trotteln wie uns, was mich immens verunsicherte. Was ist "immens" eigentlich für ein komisches Wort? Ich war immer ein wenig schüchtern bei so etwas, wollte mir aber natürlich nichts anmerken lassen. Irgendwann überwand ich mich, riss mir das schwitzige T-Shirt vom Körper und folgte den beiden heißen Mädchen und meinen Freunden ins Wasser. Wir lachten, schrien und schubsten uns gegenseitig in die Wellen, und für einen Moment waren wir nicht die eingebildeten Großmäuler, die sich über alles und jeden lustig machten, sich auf jeder Bandprobe beleidigten und kaum einen Satz ohne Schimpfwort hervorbrachten, sondern wir waren glückliche und übermütige Kinder, die, befreit von allen Sorgen und Problemen, in den Wellen und dem gleißenden Licht des Sommers vergaßen, dass sie eine Vergangenheit und eine Zukunft hatten.



Aber es war auch nicht immer gut im Wasser. Ich erinnere mich daran, wie mir mein richtiger Vater (also nicht der Vater, den ich immer "Vater" nenne) und seine neue Frau, das Schwimmen beibringen wollten. Wie das Schleifenbinden und Fahrradfahren hat nämlich auch das ein wenig länger gedauert bei mir. Diese Menschen waren nicht besonders geduldig, nein. Und das Wasser unterhalb der Steilküste wimmelte nur so vor Quallen und war noch dazu düster und grünlich trübe. Ständig meinte ich, irgendetwas Fremdes, einen Fisch, einen Stein oder einer Alge, unter der undurchsichtigen Wasseroberfläche zu berühren - und das gefiel mir nicht, es machte mir Angst. Die Frau sagte, dass die anderen Kinder über mich lachen würden, wenn ich mich weiterhin so anstellte. Eine schmutzige Welle nach der anderen klatschte in mein Gesicht, bis ich irgendwann kaum noch stehen konnte. Das salzige Wasser brannte in den Augen. Sie hoben mich an, ihre Hände unter meinem Bauch, so, dass ich ungelenk auf dem Wasser lag. Ich flehte, dass sie nicht loslassen mögen, schließlich berührten meine Füße nun nicht einmal mehr den steinigen Boden. Ich höre ihre Stimmen, wie sie unruhiger werden und den Ehrgeiz verlieren. Und ihren Glauben an mich. Dann ließen die Hände los und ich versank, wieder und wieder, und ich schluckte dieses schmutzige Wasser. "Dann paddele wenigstens, paddele wie ein Hund", riefen sie, aber ihre Worte blieben an der Luft, während ich wieder untertauchte. Das Wasser verbarg meine Tränen nicht und immer wieder musste ich nach salzigem Meerwasser aufstoßen. Der erhoffte Erfolg wollte sich einfach nicht einstellen und irgendwann gaben sie auf - und ließen mich wie einen geschlagenen Feldherren an den Strand zurückkehren, ohne, dass sie mit mir sprachen, ohne ein Wort des Trostes, schließlich sollte ich mich wie der Versager fühlen, der ich war. Sie versuchten nie wieder, es mir beizubringen. Irgendwann, rechtzeitig vor dem Schwimmunterricht in der Schule, konnte ich es dann einfach, als wäre nie etwas dabei gewesen.

"Memories are sinkin' ships that never would be saved" haben The Gaslight Anthem einst gesungen, aber ich bin sicher, sie würden sich zu gern daran erinnern, was ihre Songs einst gut gemacht hat, jetzt, wo alles, was sie rausbringen, ziemlicher Mist ist. Ich lege meinen Kopf seitlich auf die Decke, die einzige Barriere zwischen mir und dem Strandboden. Dröhnend und schnell meine ich mein Herz rasen zu hören, unaufhörlich hämmernd wie eine Bassdrum. Das überrascht mich, denn eigentlich fühle ich mich ruhig und sicher, doch ein Herzschlag lügt nicht. Vielleicht verliere ich allmählich völlig den Sinn für so etwas. Vielleicht kann ich bald nichts mehr unterscheiden. Als ich meinen Kopf hebe, sehe ich eine Joggerin durch den Sand rennen, nur ein paar Meter entfernt. Es waren ihre Schritte, die ich gehört hatte. Ich muss an einen Satz aus dem Roman denken, der neben meinem Kopf liegt: Auf Seite 155 schreibt David Mitchell "Die Erde ist eine Tür, wenn du dein Ohr daran hältst."

"Was überlegst Du?", fragt Sophie und sieht von ihrem Buch auf.
"Ach, nichts, ich starre nur umher", antworte ich. "Ich werd' noch kurz 'ne Runde ins Wasser gehen. Wer weiß, wann ich das wieder tun werde."
"Wir wohnen am Meer, weißt Du? Wenn Du wolltest, könntest Du jeden Tag an den Strand", höre ich ihre Stimme hinter mir. Aber Zuhause ist nicht wie hier! Zuhause ist ganz und gar nicht wie das hier.

Nach dem Essen überrede ich meine Großeltern dazu, noch einmal mit Sophie und mir raus zum Leuchtturm zu fahren, für ein paar letzte Eindrücke - und, um meinem Vater ein wenig beim Packen der Sachen aus dem Weg zu gehen. Zwar fahre ich nicht in seinem Auto mit zurück nach Deutschland, doch nervig ist das trotzdem. Er ist so laut und anstrengend. Ich kann mir überhaupt nicht mehr vorstellen, wie ich damit umgehen konnte, als ich noch bei meinen Eltern gelebt habe. Nach etwas Zögern hatten meine Großeltern letztlich zugestimmt - natürlich nicht, ohne zu betonen, dass sie eigentlich meinem Vater beim Packen helfen müssten. Er hatte aber sofort reagiert und gemeint, dass sie ihm dabei eher im Weg stehen würden. Er ist so pragmatisch, alles ist für ihn eine Baustelle.

Bevor wir in den Wagen steigen, überlege ich kurz, ob ich mir einen Leuchtturm tätowieren lasse, aber die vielen Nächte, in denen ich, um auszunüchtern DMAX geguckt habe, lehrten mich, dass Tattoos immer mit den Linien des Körpers verlaufen müssen, um nicht beschissen auszusehen. Und mir fällt unter der Prämisse nur eine passende Stelle für einen Leuchtturm ein. Ja, eine alte Weisheit besagt: Lass keinen Tag ohne dämliche Schwanzanspielung vorbeiziehen! Außerdem sind Leuchttürme (genau wie Anker und Würfel und Spielkarten) verdächtig nahe (zu nahe) an der 50's-Rockabilly-St.-Pauli-Arschloch-Ecke. Und solche Statements sind mir im Nachhinein bestimmt peinlich.

Ich glaube, ich bin noch nie mit dem Auto her gefahren. Schon im Wagen schwelgten meine Großeltern in Erinnerungen an Ausflüge vergangener Jahre. Der kleine Parkplatz liegt ruhig im Abendlicht. Ein paar Wohnmobile (auch eines mit deutschem Kennzeichen) stehen hier und warten auf die Nacht. Meine Hände sind ruhig und mein Atem geht langsam und stätig, langsam und geordnet. Ich lege den Arm um meine Großmutter.

Von hier oben lässt sich fast die ganze Halbinsel überblicken, und, obwohl meine Großmutter das weiß und natürlich auch schon tausende Male hier gestanden hat, fragt sie mich, ob man von hier unser Haus sehen könne und in welcher Richtung es wohl liege, als würde sie die Aufmerksamkeit eines kleinen Jungen testen. Das Schöne an ihr ist, dass man ihr immer ansehen kann, wenn sie glücklich ist. Nicht, dass sie sonst besonders mürrisch wäre, aber sie wirkt dann noch ein wenig herzlicher. Ich muss an ihre Worte denken. Sie soll sich schöne Dinge einprägen, sollte ihr Bluff kein Bluff sein, sollte sie tatsächlich nicht wieder hier her zurückkehren. Still und ein wenig in sich gekehrt stapft mein Großvater den Rest der kleinen Anhöhe zum Leuchtturm hinauf. Werde ich mein ganzes Leben lang immer wieder hier oben stehen und auf das Land und das Meer sehen? So oft habe ich diesen Ort zu einem glorreichen Platz in meinem Kopf stilisiert, dass ich mir selbst nicht glaube, wenn ich mich frage, ob ich vielleicht auch nie wieder zurückkehre. Nicht, weil ich sterben könnte oder so, aber es wäre irgendwie undenkbar, dass sich das verläuft, dass mich das Geld abschrecken oder ich lieber woanders hin wollen könnte. Wenn ich nicht schlafen kann, dann denke ich an all das hier, an diesen Ort, weil ich mir kaum etwas Friedlicheres vorstellen kann.

Ohne das genau zu erörtern, stehen wir irgendwann alle auf und machen uns auf den Rückweg. Ein letztes Mal drehe ich mich zurück zum Leuchtturm, ruhig und kalkuliert, weil ich weiß, dass ich mir ein Stück von ihm mitnehme, um es hervorzuholen, wann immer das notwendig sein mag.

Auf dem Rückweg reden wir kaum. Die untergehende Sonne taucht die weite Landschaft in Postkarten-Gold. Die kleinen Holzhäuser und all die aus Steinen aufgetürmten Mauern fliegen an den Fenstern des Wagens vorbei, auch die kleine Kirche und der Kinderkarten am Eingang des Dorfes, der kleine Laden, der schon seit fünfzehn Jahren geschlossen hat, hinter dessen Fensterscheibe man jedoch noch immer Warenregale und Kasse erkennen kann, als sei die alte Besitzerin ganz plötzlich verschwunden und hätte am nächsten Morgen einfach nicht mehr wie sonst den Laden geöffnet, alles zieht vorbei, bis wir wieder vor der Terrasse des kleinen Hauses stehen, in dem wir die letzte Woche verbracht haben. Nie habe ich hier so ein Wetter erlebt. Als ich noch jünger war, habe ich mich am Ende des Urlaubs immer ein wenig auf Zuhause gefreut, weil ich mich dort all den Plänen und Ideen widmen konnte, die ich in der Zeit hier gefasst hatte. Aber damals war ich auch immer drei Wochen hier, ein ganzes Leben für ein Kind.

Wie bestellt geht die Sonne ein letztes Mal so rührend unter, dass man es kaum ernst nehmen kann. Meine Großmutter unterbricht die Unterhaltung und weist alle darauf hin, was sie verpassen, wenn sie nicht in die Sonne sehen. Ein letztes Mal werden Kameras und Handys gezückt, um festzuhalten, was auf keinem Foto so aussieht, wie es wirklich war. Und dann gehen wir schlafen, weil alles endet und vergeht, die schlechten wie die guten Dinge.

Das frühe Aufstehen wird mir niemals liegen. Und es wird auch nicht wirklich besser, wenn das ganze verfickte Haus voller Menschen ist. Es ist noch nicht einmal fünf Uhr und ich würde mich am liebsten in eine Wolke aus Nebel hüllen. Wie verfickt nochmal kann bloß jemand jeden Tag so früh aufstehen? Um diese Zeit funktioniert nichts bei mir: Ich kann weder essen noch aufs Klo gehen. Ich bin ein beschissen unnützer Zombie, dessen sarkastische Kommentare eher dazu beitragen, die ohnehin schon angespannte Stimmung noch zu verschlechtern.

Die Rückfahrt vergeht wie im Flug. Ich schlafe zwar nicht ein, aber ich rede auch nicht besonders viel. Immer, nachdem "Slow Show" am Ende ist, schalte ich zurück, um den Song erneut zu hören. Den melancholischen B-Teil summe ich dann mit. Sophie sagt nichts, aber das muss ihr unwahrscheinlich auf den Sack gehen. Wir fahren durch Mandal. "Die Wölfe von Mandal", so sollte ein Roman heißen. In Kristiansand, kurz bevor wir in das Fährterminal einchecken, um nach Dänemark überzusetzen, wird der Morgenhimmel von Blitzen erhellt, und es beginnt für ein paar Minuten zum Abschied zu regnen. Ich bleibe beim Ablegen an Deck und warte so lange, bis das Land schemenhaft wie ein dunkler Brei auf dem grünen Meer wird.


Das Letzte, was man sieht, bevor das Schiff endgültig den Fjord und die zerklüfteten Schären der norwegischen Küste verlässt und in das offene Meer vordringt, ist eine kleine felsige Insel mit einem Leuchtturm und einer Hütte, die von Weitem aussieht, als böte sie gerade einmal Platz für einen Raum, in dessen Ecke ein Topf mit Suppe auf dem Herd köchelt. Wenn ich heute Abend im Bett liege, wird mir all das hier überhaupt nicht so vorkommen, als sei es heute passiert. Es wird sich unwirklich und alt anfühlen, wie Erinnerungen von gestern oder vorgestern. Eine ganze Zeit stehe ich einfach reglos an der Reling und starre den Felsen mit dem Leuchtturm an. Hier endet die Welt.

Und hier endet auch mein Reisebericht,

A.

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